Tiefenkontakt

fühlend verstehen wollen

Über das „Recht haben“

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In GFK-Seminaren wird gerne der Satz zitiert: „Willst du Recht haben oder glücklich sein.“ Ich habe den Satz nie ganz verstanden, weil ich zu viele Leute kenne, die es glücklich macht, wenn sie Recht haben. Was ist damit gemeint?

Es bedeutet, dass das Glück (=die Verbindung) für den Gewinner dann aufhört, wenn der, der unrecht hat, sich innerlich zurückzieht. Was besonders dann passiert, wenn es nicht um die Sache, sondern um „wessen Meinung zählt hier eigentlich mehr“ geht. Dann verliert der Gewinner die Verbindung und der Verlierer verliert die Wertschätzung (auch sich selbst gegenüber, sonst wäre es ja nicht so entscheidend gewesen, Recht zu haben). Unrecht zu haben ist meistens mit Scham und Rückzug verbunden und deshalb (im Sinne der GFK) dem Glück (=Verbindung) nicht zuträglich.

Nichts desto trotz kenne ich eine Form von „Recht haben“, die ich für sehr sinnvoll halte. Zum Beispiel das Recht auf das alle Befreiungsbewegungen pochen. Egal, ob es um Frauenrechte oder Kampf gegen Rassismus und Klassenunterdrückung geht, in diesen Bewegungen war/ist es wichtig, ein Unrechtsempfinden bei den Betroffenen zu kultivieren. Über das Unrechtsempfinden („Das ist falsch!“) wird gezielt Wut geschürt, um den Mut zu finden, gegen Jahrtausende alte Traditionen von Herrschaft aufzubegehren und eine gesellschaftliche Veränderung zu erreichen. Die Frage: „Was ist (ge-)recht?“ war geschichtlich und gesellschaftlich ein entscheidender Entwicklungsschritt, weil seither nicht mehr der gewinnt, der am meisten Macht hat (und damit der Stärkste ist), sondern der, der Recht hat. Damit haben alle sozial Schwachen ein Mittel in der Hand, öffentlich für sich einzutreten. (Sollte trotzdem der Stärkere gewinnen, dann ist dem Verlierer zumindest die öffentlich Empörung über dieses Unrecht sicher).

GFK geht einen Schritt weiter und damit über das Recht hinaus. Sie fragt nach den Bedürfnissen aller (unabhängig der rechtlichen Lage). Dass sie aber über das Recht hinausgeht, heißt nicht, dass man auf die Entwicklung, für das eigene Recht einzustehen, verzichten kann. Habe ich dieses „innere“ Recht nicht, werde ich im Namen des Mitgefühls mit meinen Bedürfnissen zurückstehen. Das kann vorüber gehend sehr erfüllend sein, täuscht aber nur über ein vorhandenes Ungleichgewicht hinweg (deine Bedürfnisse sind wichtiger als meine). Es bleibt die Notwendigkeit, für mich einzustehen. Kann ich das nicht, dann stellt es eine Entwicklungsaufgabe da, das eigene Recht zu erkämpft. Mich dabei für die Bedürfnisse anderer zu interessieren, kann bremsend wirken, (Rosenberg bezeichnet diese Phase als Rebellionsphase). Bevor ich die Bedürfnisse aller im Blick haben kann, muss ich zu meinen stehen.

Wohingegen Menschen, die daran glauben, dass nur die Bedürfnisse der Starken, Mächtigen und im Zweifel ihre eigenen zählen, es entweder für vertane Zeit halten, sich ihre Bedürfnisse überhaupt bewusst zu machen (dann tauchen sie in der GFK-Szene gar nicht erst auf) oder die GFK als Mittel sehen, andere für sich einzunehmen (Manipulation). Auch hier bleibt der GFK-Prozess einseitig. Diesmal sind die eigenen Bedürfnisse wichtiger als die der anderen.

Um die GFK in ihrer vollen Schönheit und Menschlichkeit leben zu können, müssen wir unsere eigene Entwicklung vollständig gehen. Eine Überbetonung der eigenen Bedürfnisse (Selbstausdruck) ist genauso hinderlich wie eine Überbetonung der anderen Bedürfnisse (Empathie), da GFK nur GFK ist, wenn (im Namen der Verbindung) die Bedürfnisse aller zählen.

Autor: Regine

GFK-Trainerin und vieles mehr.

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