Tiefenkontakt

fühlend verstehen wollen

Wut in unserer Gesellschaft

4 Kommentare

Der Ausdruck von Wut ist in unserer Gesellschaft nicht gerne gesehen. Doch trotz ihres schlechten Rufes erfüllt sie eine lebenswichtige Aufgabe.

Mit Hilfe von Wut entwickeln wir die Kraft, unangenehme Konflikte und dringend benötigte Veränderungen anzugehen. Fehlt es an Klärungswut, dann schwelen Konflikte im Untergrund und untragbare Situationen bleiben bestehen.

Außerdem ist Aggression notwendig, um unsere Umwelt so zu gestalten, dass wir gut darin leben können. Siehst du die Aggressivität in Erde pflügen und Jagen (Nahrungsbeschaffung), im Zerkleinern von Lebensmitteln (Nahrungsaufnahme), in dem Satz: „Ich will diesen Mann oder keinen!“ (Partnerwahl) oder „Ich will dich!“ (sexuelle Liebe) oder „Ich will diesen Job!“ (Selbstbehauptung)? Für all das brauchen wir eine positive Grundaggression im Sinne von: „Ich will das!“ Und damit wir etwas damit anfangen können, muss es sich zuerst ändern. Das Tier kann nicht leben, wenn ich es essen will. Der Mann muss ja zu mir sagen, sonst können wir keine Beziehung führen. Du musst dich öffnen, damit ich dich nehmen kann. Die Firma muss sich für mich und gegen andere Bewerber entscheiden. Es ist eine pazifistische Illusion, dass ich leben könnte, ohne irgendetwas zu verändern. Und dazu braucht es Aggression.

Eine weitere Funktion der Aggression ist es, Kräfte für die Selbstverteidigung zu mobilisieren. Wir sind im Notfall bereit, um unser Leben, die Familie oder den Staat zu kämpfen. Oder wir verteidigen verbal Dinge, die uns wichtig sind, wie Werte, Möglichkeiten oder Ansichten.

Warum reglementiert dann unsere Gesellschaft den Ausdruck von Wut?

Frei ausgedrückte Wut führt oft zu Gewalt. Grenzen wir den Wutausdruck ein, dann wird der öffentliche Raum sicherer. Nach der deutschen Verfassung ist es nur der Polizei und der Bundeswehr erlaubt, Gewalt gegen Menschen einzusetzen und dies unterliegt Regeln. Die Folge ist, dass es in deutschen Großstädten möglich ist, nachts alleine unterwegs zu sein, was in Drittweltländer undenkbar ist.

Das von unserer Gesellschaft festgelegte Gewaltmonopol des Staates hat zur Folge, dass besonders aggressive Gefühle in jedem einzelnen eingedämmt werden müssen. Dies schlägt sich in der Kindererziehung nieder. Kleinkinder (und oft auch ausländische Mitbürger) müssen lernen, ihre Wut zu hemmen, statt sie auszuagieren. Wem dies nicht gelingt, der bekommt gesellschaftliche Probleme.

Um Verhalten zu reglementieren, nutzen wir Menschen ein anderes Gefühle: die Scham. Schämt sich einer, lernt der Betroffene sehr schnell das dazugehörige Verhalten zu vermeiden. Und so ist es hierzulande nicht unüblich, sich nach einem heftig Gefühlsausbruch genauso heftig zu schämen. Wer sich schämt, verurteilt sich selbst. Man stellt sich als Ganzes in Frage und unterliegt dem Eindruck, die Berechtigung verloren zu haben, dazuzugehören und liebenswert zu sein. (Bedürfnisse, die uns die menschliche Gemeinschaft erfüllt).

Die größere Sicherheit im öffentlichen Raum bezahlen wir somit mit Schamgefühlen und einer geringeren Lebendigkeit und Spontanität (d.h. heftige Gefühle werden nicht spontan ausgedrückt).

In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns und müssen eine Strategie finden, die uns ein Maximum an Sicherheit und Lebendigkeit bietet. Keine leichte Aufgabe! Mit Gewaltfreier Kommunikation gelingt mir das in Teilen. Sie hilft mir meinen Ärger und meine Wünsche so ehrlich wie möglich auszudrücken, und gleichzeitig bedeutet GFK-Sprechen für mich, meine ersten Impulse einzudämmen. Es bleibt also ein Spagat konstruktiv mit Aggressivität umzugehen.

Mehr über den Umgang der GFK damit findest du hier (im nächsten Beitrag).

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Autor: Regine

Seit 2011 biete ich Kurse in Gewaltfreier Kommunikation in Hamburg an. Meinen Traum, von der GFK leben zu können, habe ich mittlerweile losgelassen und freu mich an der nebenberuflichen Tätigkeit. Der Stress, den Unterhalt zu verdienen, ist weg und die Begeisterung für die GFK und diese schöne Arbeit ist wieder da. Was mich an dieser Kommunikationstechnik so begeistert, ist, dass sie einem neue Erkenntnisse über sich selbst schenkt und eine echte Hilfe ist, die „merkwürdigen“ Dinge, die andere sagen und tun, auf einer tieferen Ebene zu verstehen. Mein absolutes Steckenpferd ist das Rollenspiel von aktuellen Konflikten. Ich kenne nichts, was näher an einem echten Gespräch heranreicht und auch nichts, was so eine Wirkung entwickelt, obwohl nur eine Konfliktpartei anwesend ist. Erstaunlich oft lösen sich nach dem Rollenspiel Konfliktsituation von alleine auf. Und immer bietet es die Gelegenheit, einen Konfliktverlauf zu erleben, den man so nicht hat vorstellen können. Neben dem Forschen nach Bedürfnissen, versuche ich die Gefühle und Urteil auszuloten. Für mich ist nichts ist so wichtig, wie den Mensch als Ganzes anzuerkennen, mit allen Kanten, unerlaubten Gedanken, Gefühlen und Veränderungswünschen.

4 Kommentare zu “Wut in unserer Gesellschaft

  1. Eine leidenschaftliche Rede für die Wur! 🙂
    Als eher pazifistischem Menschenn würde ich mir noch einen Aspekt wünschen: das Recht meines Gegenübers, nicht verletzt zu werden vs. Überanpassung in der anerzogenen Wutdämmung. Mal sehen, vielleicht greifst Du das ja in dem Folgeartikel auf…
    Liebe Grüße, C.

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    • Tatsächlich wollte ich nicht drauf eingehen, deshalb ist es gut, dass du nachfragst. Den Aspekt der körperlichen Unversehrtheit (nicht verletzt zu werden) steckt meines Achtens im gesellschaftichen und indiviuellen Wunsch nach Sicherheit mit drin. Und bei uns sind ja auch Dinge wie Rufmord strafbar (da bin ich voll einverstanden mit unserem Recht).
      Bei dem Wunsch andere nicht zu verletzen und deshalb seine Wut nicht zu äußern, bin ich hin und her gerissen. Bei Menschen, die das als Argumentation nehmen, geht es ja meistens nicht darum, dass sie jemand richtig zur Sau machen, sondern, dass sie ihren Ärger überhaupt zeigen.
      In meinen Workshops habe da ich die Erfahrung gemacht, dass an die ,die am meisten Angst haben, den anderen zu verletzen, immer wieder der Wunsch gerichtet wurde, doch ihre Wut mehr zu zeigen (emotional, nicht in Form von Verurteilungen). Es scheint sowas zu sein, wie spürbar werden. Ich kenne mehrere Beispiele (eines habe ich selbst erlebt), wo jemand nach vielen (wutlosen) Klärungsversuchen schließlich ausflippte und den anderen anschrieh und der dann meint: „Na, sag das doch!“

      Und nur damit keine Missverständnisse entstehen, ich schlag niemandem vor, ungefiltert seine Wut und all das, was ihm als erstes einfällt rauszuhauen.

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      • Danke für Deine Antwort! 🙂
        Ich kenne Dich ja und glaube es Dir sofort, nein, ich weiß, dass Du niemanden zum ungefilterten Ausleben der Wut animieren würdest! – Ein Thema von mir ist „Gleichgewicht“, daraus rührte wohl der Wunsch von mir, mehr von Dir zu dem Thema zu hören. Mein Gleichgewicht dazu ist wieder hergestellt, merci. 😉 Auch für den Denkanstoß.
        P.S.: Übrigens durfte ich früher mal in einer Therapiestunde ein Loblied auf die Wut schreiben. 🙂

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  2. Pingback: Gewaltfreie Missverständnisse – Teil 1 | Tiefenkontakt - Körper, Geist und Kommunikation

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