Tiefenkontakt

fühlend verstehen wollen

Veränderung leicht gemacht

Gewaltfreie Missverständnisse – Teil 1

2 Kommentare

„Für meine Bedürfnisse einstehen“ und echtes Mitgefühl widerspricht sich nicht. Es ist sogar der Königsweg, den Marshall Rosenberg mit der Gewaltfreien Kommunikation vorschlägt. Doch die Balance zwischen den beiden Strängen zu halten, will gelernt sein. Z.B. gibt es Menschen, die die GFK lerne und anwenden aus dem Wunsch heraus andere nicht zu verletzen. Nehmen wir an, Anna wäre so ein Mensch. Doch Anna zeigt ihre Wut selten und schreit andere Menschen so gut wie nie an. Es besteht also keine Gefahr, dass sie zu einer übermäßigen Anwendung von Wut tendiert. Im Gegenteil, sie braucht die Aggression, um für ihre Mitmenschen als Mensch mit eigenen Bedürfnissen wahrgenommen zu werden.

Da passiert Folgendes: Eines schönen Tages nimmt Annas Tochter Tina ungefragt die Seidenbluse ihrer Mutter, die diese am Tag darauf mit einem dicken Fettflecken in der Wäsche wiederfindet. Anna ist richtig wütend. Sie beruhigt sich etwas mit dem GFK-Selbstklärungsprozess und spricht dann mit ihrer Tochter.

Beachte! Viele Menschen glauben, Gewaltfreiheit würde bedeuten, nie Wut zeigen zu dürfen. Das stimmt nicht! Die GFK sagt, dass hinter der Wut auch noch andere Gefühle stehen und dass ungefilterte Wut das, was man sagen will, nur einseitig und ungenau rüber bringt (weswegen wir oft bereuen, was wir in unserer Wut sagen). Wut kann aber trotzdem sehr sinnvoll sein! Z.B. um wahrgenommen zu werden oder für Klarheit zu sorgen.

Für Anna besteht die Gefahr, dass ihr, wenn sie ihre Wut komplett auflöst, der Impuls fehlt, die Situation wirklich verändern zu wollen. So geht sie mitfühlend auf ihre Tochter ein und erfährt dabei auch Dinge, die sie vorher nicht wusste, wie z.B., dass Tina Angst hatte zu fragen und wie der Fleck auf die Bluse gekommen war. Doch während Anna sich in ihre Tochter einfühlt, vergisst sie ihre Sicht der Dinge. Die Tochter erfährt nie, dass Anna nicht nur wütend, sondern auch verletzt ist, weil sie sich Rücksicht wünscht und außerdem gerne das Vertrauen hätte, dass ihre Sachen sorgsam behandelt werden.

Wenn man regelmäßig Bedürfnisse übersieht und nicht beachtet, wirkt sich das negativ auf die Beziehung aus. Egal, ob es sich um die eigenen Bedürfnisse oder die anderer handelt. Bewusst oder unbewusst lassen wir den anderen dafür bezahlen. Die GFK erinnert uns daran die Bedürfnisse beider zu berücksichtigen. Die Beziehung zwischen Anna und ihrer Tochter wird das vollständige Fehlen von Annas Sicht und ihre unausgesprochenen Wünsche einmal verkraften. Passiert das regelmäßig, wird es zum Problem. Zudem ist die Einseitigkeit nicht der reine Vorteil für Annas Tochter. Diese spürt den unausgesprochenen Wunsch, nimmt ihn aber als Manipulationsversuch war: „Schau, so gehe ich auf dich ein und jetzt schau dir dein eigenes Verhalten an! Du fragst gar nicht, wie es mir geht!“ Das führt früher oder später zu GFK-Verdruss bei Kindern und Partnern. Auch Anna wird zusehends ungehaltener Menschen gegenüber, die nicht von sich aus auf ihre Bedürfnisse eingehen. Doch was fehlt, ist, dass sie ehrlich sagt, worum es ihr geht. Das ist für alle wichtig und auch nicht verletzend, sondern sorgt für Klarheit in der Beziehung.

Lese mehr dazu im nächsten Blog.

Autor: Regine

GFK-Trainerin und vieles mehr.

2 Kommentare zu “Gewaltfreie Missverständnisse – Teil 1

  1. Sehr schöne Verdeutlichung! 🙂 Danke.
    Mir fällt spontan ein Gedicht von William Blake, wohl einem Seelenbruder, ein:
    I was angry with my friend, I told my wrath, my wrath did end. I was angry with my foe, I told it not, my wrath did grow…
    Am Ende wächst aus dem nicht mitgeteilten Zorn eine giftige Frucht, die tötet.
    Ah, ich werd gleich mal meine alten Studienunterlagen durchwühlen und das Gedicht raussuchen!
    Liebe Grüße, C.

    Gefällt 1 Person

  2. Schönes Gedicht, lass es mich wissen, wenn du es gefunden hast.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s