Tiefenkontakt

fühlend verstehen wollen

Empathie – aktiv oder passiv?

2 Kommentare

Eine meiner ersten und wichtigsten Erkenntnisse zu meinem Wunsch nach Mitgefühl war folgende: Wenn ich will, dass jemand wirklich empathisch mit mir ist, dann muss ich mich zeigen. Tue ich das nicht, bleibt mein Wunsch unerfüllt. Dies erfordert, dass ich aktiv werde. Diese Aktivität steht im Widerspruch zu der Bezeichnung „Empathie bekommen“.

„Empathie bekommen“ suggeriert eine Passivität, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Es ist eher mit Hingabe zu vergleichen. Auch hier tendieren die meisten Menschen dazu, diese Haltung als passiv zu deklarieren, aber schon das Wort sagt das Gegenteil. Ich gebe mich hin. D.h. ich bin aktiv, sonst gibt es keine Hingabe. Mit dem „Empathie bekommen“ ist es das Gleiche. Die Frage: „Möchtest du Empathie bekommen?“ wäre genauer formuliert mit: „Bist du bereit, dich der Empathie hinzugeben?“ Sofort wird spürbar, was es hier braucht. Nämlich eine gehörige Portion Mut, sich zu öffnen und sich mit seinen Schmerzen, Problemen und Urteilen zu zeigen. Das tut man nur, wenn man das Setting als geschützten Raum erlebt und den beteiligten Menschen vertraut. Und beides kann z.B. in einem GFK-Kurs durch die Vereinbarung entstehen, mit dem Herzen und nicht mit dem Kopf zuzuhören.

Es wird ebenfalls durch den Grundsatz der GFK leichter, der da heißt: Man diskutiert nicht über die Berechtigung von Gefühlen! Jeder weiß selbst am besten, was er fühlt und was er braucht. Leider ist das in der GFK-fremden Welt selten so. Da hört man Sätze wie: „Wie, du bist traurig? Du hast doch überhaupt keinen Grund traurig zu sein, also wenn du ärgerlich wärst, das könnte ich verstehen….“ Es herrscht die weit verbreitete Vorstellung, dass nur, wer das gleiche fühlt, einen versteht und ein Freund ist. Oder dass es so etwas wie richtige oder falsche Gefühle gebe. Doch wir Menschen fühlen alle unterschiedlich und zum Glück können wir die Gefühle unserer Mitmenschen unabhängig von unseren eigenen wahrnehmen. Mir kann es sehr gut gehe, und ich kann trotzdem deine Traurigkeit spüren. Deswegen muss es mir nicht schlecht gehen. Ich bin froh und du bist traurig, und ich sitze hier bei dir und spüre deine Traurigkeit. (Klingt einfach, ist es nicht).

Diese Form des Mitfühlens wird leichter, wenn man sich bewusst macht, dass Mitfühlen nicht das Gleiche ist wie Verstehen. Ich brauche nicht zu verstehen, warum du traurig bist, um zu spüren, dass du traurig bist. Um das wahrzunehmen, reicht es, wenn ich meine Gefühle beiseite stelle und mich deinen öffne.

Mitfühlen heißt auch nicht, dass ich alles gutheiße, was du denkst oder tust. Ich fühle, dass du traurig bist, weil dir die Verbindung (zu einem bestimmten Menschen) so wichtig ist, und lasse meine Gedanken, dass ich zwischen euch noch nie Verbindung wahrnehmen konnte, beiseite. Sprich, ich diskutiere mit dir auch nicht, ob dein Bedürfnis nach Verbindung gerechtfertigt ist. Mit dem Herzen zuhören heißt, meine Meinung außen vor lassen.

Es gibt nur eine Person, die sagen kann, was du fühlst und was du brauchst… und das bist du! Und die Kunst für dich besteht darin zu lernen, dich beim „Empathie bekommen“ darin, dir selbst zu trauen und dich nicht zu rechtfertigen. Es reicht zu sagen: „Nein, das passt nicht“ und dann zu deiner Wahrnehmung zurückzukehren. Das ist dein aktiver Teil beim „Empathie bekommen“. Du hörst etwas und überprüfst es mit deinem Gefühl. Wenn es stimmt, nimmst du es an, wenn nicht, dann lässt du es gehen.

Diskussionen um die Berechtigung unserer eigenen Wahrnehmung ermüden unheimlich und führen zu nichts. Und es braucht Übung, diesen weitverbreiteten Impuls zu lassen.

Für echtes Mitgefühl braucht man nicht zwingend die GFK (auch wenn Empathie für mich dadurch viel angenehmer wird). Alles, was es dafür braucht, sind zwei Menschen, die sich als Menschen begegnen. Einer, der sich zeigt, und der andere, der zuhört und bereit ist mitzufühlen, ohne darin zu versinken, Lösungsvorschläge anzubieten oder eigenes beizumischen. Einfach da sein. Das ist alles. Und das ist verdammt viel!

Autor: Regine

GFK-Trainerin und vieles mehr.

2 Kommentare zu “Empathie – aktiv oder passiv?

  1. Huhu! 🙂
    Das hast Du sehr schön und treffend beschrieben. Das hat mich nochmal unterstützt, den Aspekt Mitgefühl besser zu verstehen.
    Einen Blickwinkel würde ich gerne ergänzen bei Deinem Artikel: die Kunst, auch Empathie für sich selbst zu entwickeln und zu geben. Oder greife ich da vor?
    Unter anderem hat Dein GfK Seminar bei mir dazu beigetragen, mein „Vokabular“ zu erweitern, um Empfindungen überhaupt in Worte fassen zu können. Die Vielfalt von Wörtern und feinen Nuancen ist erstaunlich und sehr bereichernd!
    Alles Liebe, C.

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  2. Ja, das mit der Selbstempathie ist nochmal ein guter Hinweis, den ich bei Gelegenheit gerne aufgreife. Freut mich auch, wenn du in dem Kurs deinen Gefühle-Wortschatz erweitern konntest. Das ging mit auch so. Mittlerweile sind mit das zu wenige Worte.

    Für alle anderen, wir sprechen von der Gefühle- / Bedürfnis-Liste der GFK . Falls es dich interessiert, die findest du zum Downloaden hier–> http://tiefenkontakt.de/kommunikation/videos/

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