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Aggression – Ist unsere Definition Teil des Problems?

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In den gängigen Nachschlagewerken (Duden, Wikipedia) wird Aggression als aggressiver Akt gegen jemanden definiert. Wenn man genau hinschaut, dann besteht ein aggressiver Akt aus zwei Komponenten: einem Gefühl wie z.B. Wut und einer konkreten Handlung wie Schlagen oder Truppen an der Landesgrenze stationieren. Diese Verbindung aus Gefühl und Handlung ist meines Erachtens Teil des Problems, welches wir mit eskalierenden Konflikten haben. Wie Marshall Rosenberg sehr fein beobachtet hat, erhöhen Urteile und Bewertungen die Aggressionsbereitschaft der bewerteten Person. Fühlen sich Menschen verurteilt und damit angegriffen, reicht ein Wort und das Pulverfass explodiert. Und dieses eine Wort kann „aggressiv“ sein. Dass die Mehrzahl der Menschheit die Bewertung teilt, ändert nichts am Effekt der Bewertung. Hier ein internationales Beispiel:

Im Kalten Krieg haben die USA gezielt aufgerüstet, in der Absicht ihre Bevölkerung vor der UdSSR zu schützen. Die UdSSR beurteilte das amerikanische Verhalten in der einheimischen Presse als aggressiv und kurbelte die eigne Rüstungsindustrie an, ebenfalls in der Absicht sich und ihre Bevölkerung zu schützen. (Der Beginn der Geschichte ist hier zufällig gewählt. Ich bin sicher, dass beide der Ansicht sind, der andere habe angefangen). Das Verhalten der UdSSR bestätigte in den USA das Bild des Russen als Aggressor und rechtfertigte damit weitere Rüstungsaufträge, was in der UDSSR genau die gleichen Bewertungen (aggressiv) und Handlungen (Waffenproduktion) zur Folge hatte. Man beachte, dass die Bewertung „aggressiv“ nur für das Verhalten des anderen genutzt wird. Das eigene Verhalten gilt als beschützend. Doch tatsächlich lässt sich beschützendes und aggressives Verhalten kaum unterscheiden. Ein bewaffneter Soldat wirkt auf die, die vor ihm stehen, aggressiv und auf die, die hinter ihm stehen, beschützend. Worte wie „Aggression“ und „Aggressor“ drücken damit die Perspektive einer Person aus, die sich bedroht fühlt. Doch diese Perspektive tarnt sich als Tatsache, was man erst bemerkt, wenn man sich in die Lage der anderen Partei versetzt. Das Verhalten anderer zu brandmarken und zu bewerten, ist deshalb so attraktiv und beliebt, weil es von den eigenen Gefühlen ablenkt. Die eigene Angst und Betroffenheit auszudrücken, macht verletzlich. Und das allgemeine Verständnis ist, wenn ich mich verletzlich mache, dann werde ich angegriffen. Nur meine Stärke hält den anderen davon ab, seine Drohungen in die Tat umzusetzen. Doch es ist ein Irrglaube, dass Drohgebärden vor Gewalt schützen. Sie heizen den Konflikt an. Da finde ich es fast schon beruhigend, dass den meisten Menschen so selten eine schlagfertige Antwort einfällt. Sitzt der Gegenangriff, ist die Eskalation kaum noch zu vermeiden.

Die GFK schlägt folgendes vor: Will man sich konstruktiv mit jemandem über sein Verhalten unterhalten, ist es wichtig die Bewertung (aggressiv) von der Tat (Waffenproduktion) zu trennen. Und wenn wir weiterforschen, dann trifft „aggressiv“ die eigentliche Motivation immer noch nicht. Sondern dahinter stehen wahrscheinlich Angst und der Wunsch nach Schutz. Die GFK unterscheidet diese Begriffe deshalb so genau, um zum einen Provokationen zu vermeiden und zum anderen Verbindung zwischen den Konfliktparteien zu schaffen. Beide haben Angst und beide wollen sich schützen.

Die Wirkung von Bewertungen bzw. wertfreien Beschreibungen kann man besonders gut an sich selbst erforschen. Sagt jemand zu uns: „Mensch, was bist denn du so aggressiv!“ dann spüren wir deutlich, dass wir bewertet werden. Sagen wir das zu jemand anderem, dann ist uns das in der Regel nicht gleich bewusst. Zum Glück lassen die meisten Menschen einen sofort wissen, wenn sie sich bewertet fühlen. Sie widersprechen. Um dies als wertvolles Feedback annehmen zu können, hilft es den Automatismus und die Bewertungen überhaupt erst zu erkennen.

Die Erfolge dieser Differenzierung zeigt die GFK sowohl bei internationalen als auch bei persönlichen Streitschlichtungen. Und was würde Marshall Rosenberg zu den Anschlägen in Paris sagen?

Vielleicht: „Ich bin bestürzt und es schmerzt zu sehen, wenn Menschen wie du und ich durch einen Sprengsatz sterben müssen. Ich wünsche mir von tiefsten Herzen, dass wir weltweit die Kraft entwickeln, Respekt für jedes (menschliche) Leben zu empfinden. Und dass wir Wege finden, die Konflikte unserer Erde gewaltfrei zu lösen.“

P.S Mich (Regine) bestürzt es, wie leicht es mir fiel, am Beispiel des Kalten Krieges deutlich zu machen, dass beide Parteien die gleichen Absichten (Selbstschutz) hatten. Auf die Schnelle ist mir das mit dem Islamischen Staat (IS) und Westeuropa nicht gelungen. Ich vermute, dass es an der zeitlichen Distanz liegt. Jedes Feindbild, das wir haben, stellt eine echte Herausforderung an unsere Bereitschaft dar, den Menschen im anders Denkenden zu sehen und zu glauben, dass die „aggressive“ Tat die beste Strategie war, die ihm einfiel, um seine Bedürfnisse zu erfüllen. Hätte er eine andere gesehen, hätte er eine andere gewählt. Also, was versucht uns der IS zu sagen, wenn er Hinrichtungen im Internet veröffentlicht, Weltkulturerbe sprengt und Menschen in Paris in die Luft jagt? Ich könnte mir vorstellen, dass ISler sich von der westlichen Kultur bedroht fühlt. Und dass sie keine anderen Mittel sehen die eigene Kultur zu verteidigen.

Autor: Regine

GFK-Trainerin und vieles mehr.

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