Tiefenkontakt

fühlend verstehen wollen

Die Tücken des lebenslangen Lernens und wie du dir deine Motivation bewahrst.

Ein Kommentar

Eine befreundete Kindertherapeutin erklärte mir neulich, dass Kinder, die auf Grund mangelnder Förderung körperlich in ihrer Entwicklung zurück seien, sich massiv darüber ärgern, wenn eine Bewegung nicht so klappt, wie sie gemäß ihres Alters klappen sollte. Das kenne ich! Nicht dass ich sieben Monate alt wäre und noch nicht krabbeln könnte. Aber ich bin 42 Jahre und beruflich nicht da, wo ich gerne wäre. Ich bin Quereinsteigerin. Mir hilft das Beispiel mit dem Kleinkind. Auch ich kenne die Wut, wenn es nicht so klappt, wie ich mir das vorstelle. Als Erwachsene nenne ich das nicht Wut, sondern objektive Unzufriedenheit mit meiner beruflichen Situation. Spielt da vielleicht meine innere Uhr rein? Diese wirkt auf unsere Gefühle und lässt uns unzufrieden oder stolz mit dem Erreichten sein. Sie kommentiert Lebensabschnitte, mit 1 Jahr Laufen „Yes! Bin ich nicht großartig?“, mit 20 Jahren Autofahren, „wurde aber auch Zeit“, und mit 40 Jahren? Da erwartet die biologische Uhr, dass wir unser berufliches Wissen bereits bewiesen und verfeinert haben. Fange ich beruflich komplett neu an, sagt die biologische Uhr: „Du hast überhaupt nichts erreicht!“

Bei dem heutigen Tempo der Entwicklung von Wissen und Technologien ist lebenslanges Lernen notwendig, wenn wir nicht den Anschluss an das gesellschaftliche Wissen verpassen wollen. Doch das oben beschriebene Phänomen verdirbt uns die Motivation. Dazu kommt, dass wir denken, lernen müsse leicht gehen. Das war es jedenfalls in der Erinnerung an unsere Schul- und Ausbildungszeit. Doch diese Erinnerung ist durch die vielen Jahre dazwischen verzerrt. Heute ist Autofahren leicht, war es wirklich leicht zu lernen? Jeder, der einen Jugendlichen dabei beobachtet, wie er etwas zu lernen versucht, was ihn nicht interessiert, kann sehen, dass es nicht leicht ist. Genau genommen ist es eine Qual. Der Jugendliche hat vielleicht eine Mutter, die ihn zum Dranbleiben motiviert und ihn in den Hintern tritt, falls ersteres nicht funktioniert. Das ist aber auch der einzige Vorteil. Das einzige, was Lernen wirklich leichter macht, ist Motivation. Doch auch mit Motivation ist Lernen immer wieder anstrengend. Es ist wie Sport. Wer käme auf die Idee, seine Fitness verbessern zu wollen, ohne sich anstrengen zu müssen?

 

Die Aussage: „Ich bin zu alt, um das noch zu lernen!“ besagt nichts über das Alter. Es macht nur deutlich, dass die Person die Sache zu schwer und den Aufwand zu groß findet. So jemand übersieht leicht, dass das Erlernen auch in jungen Jahren Zeit braucht. Und genau das könnte der Grund sein, warum sie damit noch nicht angefangen haben.

 

Nichtsdestotrotz scheint es beim Lernen einen „richtigen“ Zeitpunkt zu geben. Verpasst man diesen Zeitpunkt, ist der Anfängerstatus schambesetzt. Die wachsende Kompetenz erlebt man als „später“ Anfänger nicht als Kompetenzerweiterung, sondern als permanentes Unvermögen. Lernt ein Kind Klavier und präsentiert sein Können, dann bekommt es Beifall. Präsentiert ein erwachsener Mann die gleiche Leistung, dann ist das allen Beteiligten eher peinlich. Warum? Weil wir von einem Kind erwarten, dass es spielt wie ein Anfänger, vom einem Erwachsenen hingegen erwarten wir Können. Die Frage ist also, wie schaffe ich es, die altersbedingte und gesellschaftliche Erwartung soweit auszuschalten, dass ich mir meine Motivation bewahre, um über den Anfängerstatus hinauszukommen?

 

Tipp: Vergleiche dich nie mit Menschen in deinem Alter! Berechne lieber das richtige Vergleichsalter. Frage dich, wann beginnt man normalerweise mit dieser Fähigkeit?  Sagen wir beim Klavierspielen mit 8 Jahre und bei einem neuen Beruf vielleicht mit 18 Jahre. Dann addiere die Zeit, die du bereits investiert hast. Sagen wir 2 Jahre. Das Vergleichsalter für Klavier ist also 10 Jahre und für den Beruf 20 Jahre. Jetzt darfst du dich vergleichen. Bist du wirklich so schlecht, wie du dachtest? Vielleicht sagst du jetzt: „Ja, mag sein, aber weißt du, wie alt ich sein werde, bis ich das richtig kann?“ – „Ja, genauso alt wie du wärst, wenn du es gar nicht versucht hättest.“ *

 

Zum Glück bringt man im fortgeschrittenen Alter auch Kompetenzen mit. Wir sind ausdauernder. Außerdem wissen wir, dass im Leben nicht alles Spaß macht und trotzdem gut sein kann. Und zu guter Letzt haben wir bereits viel gelernt, sei es Sprachen, ein Instrument, Sportarten oder berufliche Themengebiete. Wir wissen also, a) wir können eine Sprache (oder anderes) lernen und b) wissen wir, wie wir das gemacht haben. Nutzen wir unsere Lebensweisheit, dann optimieren wir diesen Weg.

 

Wenn du also gerade denkst, das lerne ich nie, dann mach dir deine Kompetenzen bewusst.

 

  • Was hast du schon alles gelernt?
  • Wie hast du das gemacht? Was ist deine liebste Lernmethode (Bücher, Ausprobieren etc.)
  • Was motiviert dich, was nicht?
  • Was hast du schon alles durchgestanden? War es anstrengend?
  • Warum könnte es sich jetzt lohnen weiterzumachen?
  • Berechne ein Vergleichsalter und vergleiche dich bewusst.

 

 

Viel Spaß beim Lernen.

 

*Frei nach Julia Cameron aus „Der Weg des Künstlers“, meinem derzeitigen Lieblingsbuch.

Autor: Regine

GFK-Trainerin und vieles mehr.

Ein Kommentar zu “Die Tücken des lebenslangen Lernens und wie du dir deine Motivation bewahrst.

  1. Danke! Deine Zeilen motivieten auch mich.. in einer ganz ähnlichen Situation!

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