Tiefenkontakt

fühlend verstehen wollen

Wertschätzen ohne zu bewerten, ist das möglich?

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„Man soll nicht werten!“ Sagt man, aber geht das? Die Gewaltfreie Kommunikation sagt: „Ja, das geht!“, doch ich bin mir nicht so sicher. Unser Gehirn und unsere Sinnesorgane sind so aufgebaut, dass sie einen Kontrast brauchen. Ich kann Licht nicht ohne Dunkelheit sehen. Ich kann Geräusche nicht ohne Stille hören. Also die Frage ist, könnten wir wirklich einen Wert wahrnehmen, wenn wir sein Fehlen nicht kennen? Auch unsere Sprache ist so aufgebaut. Es gibt Werte und Un-Werte, sicher – unsicher / fair – unfair. Was würde mit unserer Welt passieren, wenn wir das „un“- und alles Schlechte streichen würden? Wäre sie wirklich gut? Macht nicht die Ungerechtigkeit es lohnend, sich für die Gerechtigkeit einzusetzen? Ich glaube, wir brauchen das Schlechte genauso wie das Gute, sozusagen als Kontrastmittel.

Der Vorschlag, nicht zu werten, hat durchaus seine Berechtigung, schließlich ist es nicht leicht, mit Bewertungen umzugehen. Das liegt unter anderem daran, dass Wertungen so tun, als wären sie allgemein gültige Wahrheiten und jeder andere würde zu dem gleichen Schluss kommen. Das stimmt nur nicht. Da können wir noch so viele Freunde anführen, die genauso denken, Wertungen bleiben subjektiv und beruhen in aller Regel auf einem Vergleich.

Ein weiteres Problem, welches aus Wertungen und ihren Gegenteilen entsteht, ist, dass die meisten Menschen zwei Aussagen statt eines Lobes hören. Sag ich zu jemandem im Gespräch: „Ich mag Menschen, die auch schweigen können!“ ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass er nicht nur diese Aussage hört, sondern auch: „Sie findet es doof, wenn ich viel rede!“ Es ist also sehr schwer, etwas wertzuschätzen, ohne dass irgendjemand das Gegenteil mitdenkt. Will man diese Schlussfolgerung bewusst umgehen, dann kann man beides erwähnen: „Ich mag es, wenn ich mit Menschen schweigen kann, und lebhafte Gespräche genieße ich ebenfalls.“ Dass wir Lob oft verwenden, um indirekt unsere Änderungswünsche mitzuteilen, verstärkt dieses Phänomen und ist deshalb nicht zu empfehlen.

Wie gesagt, meistens loben wir aus einem Vergleich heraus. Dabei sind wir selbst (oder unsere Bekannten) der Bezugspunkt. Lerne ich jemand kennen, der etwas kann, was ich nicht kann, kann mich das zu wertschätzenden Worten motivieren.  Tatsächlich sagt diese Form der Wertschätzung mehr über mich aus als über den Adressaten. Und mein Nicht-Können wirkt als Kontrastmittel, damit eine Kompetenz überhaupt erkennbar wird. Hätte ich diese Kompetenz, dann würde es mir nicht auffallen, bzw. es wäre für mich nicht erwähnenswert. Es gibt allerdings Werte, die sind uns so wichtig, dass wir sie immer schätzen. Zum Beispiel ist mir Klarheit in der Kommunikation sehr wichtig. Und so bekomme ich oft zu hören, dass Menschen meine Klarheit schätzen. Das wundert mich nicht, schließlich investiere ich viel Zeit dafür. Und ich schätze Klarheit sowohl an mir als auch an anderen. Wenn ich dann Menschen begegne, die in Andeutungen sprechen, und mir jede Form der Klarheit fehlt, was sie sagen wollen, habe ich die Gelegenheit zu fühlen, warum mir Klarheit so wichtig ist. Ich reagiere hochgradig verunsichert. Ich kann es kaum aushalten, nicht zu wissen, was jemand wirklich meint. Werte, für die wir zeitlebens stehen, sind meistens Werte, die wir in der Kindheit vermisst haben. Als Reaktion darauf haben wir die Kompetenz aufgebaut, dieses Fehlen auszugleichen. Das war einmal extrem wichtig für uns, weswegen wir um diesen Wert kämpfen. Doch heute, Jahre später, ich frage mich, ob es nicht an der Zeit ist, das Kämpfen zu lassen und stattdessen Vertrauen zu entwickeln. Das Vertrauen darin, dass ich auch mit dem Fehlen des Wertes umgehen kann, und das Vertrauen in die gute Absicht meiner Mitmenschen, die eben so gut kommunizieren, wie sie eben können.

Autor: Regine

GFK-Trainerin und vieles mehr.

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