Tiefenkontakt

fühlend verstehen wollen

Was wir schätzen und warum?

Hinterlasse einen Kommentar

Das Wertschätzen von Tugenden ist heute schon fast aus der Mode gekommen. Individualität dagegen wird ganz groß geschrieben. Individuell-sein heißt, sich aus der Masse der Menschen abheben. Daraus entsteht zwangsläufig eine Wettkampfsituation, da aus der Masse eben nur einer hervorstechen kann. Und der Gewinner bekommt zum Lohn Aufmerksamkeit, Ruhm und Anerkennung. Aber auch das „Einfügen in die Masse“ ist Grund für Wertschätzung, auch wenn dies nicht so offensichtlich ist. Im Tanz ist es zum Beispiel notwendig sich in die Gruppe und den Rhythmus einzufügen. Ein guter Tänzer gibt seine individuelle Art, sich zu bewegen, auf, um sich als Paar wie eins zu bewegen. Auch Teamwork ist nur erfolgreich, wenn sich Mitarbeiter in den Arbeitsabläufen und Zielen aufeinander abstimmen. Wir erleben ein gelungenes „sich einfügen“ als Harmonie. Nur Individuen ergeben eben keine Gemeinschaft. Für das Einfügen bekommt der einzelne selten Wertschätzung, obwohl wir es schätzen und uns beschweren, wenn es mal „nicht läuft“. Honoriert wird das Gesamtwerk oder die Gesamtleistung. Und das oft, ohne zu wissen, wer alles dazu beigetragen hat. So werden in einer Filmvorschau der Regisseur und die Hauptdarsteller erwähnt. Wer noch alles dazu beigetragen hat, sieht man erst im Nachspann. Bei Firmen und Familien hingegen wird es oft gar nicht erwähnt. Trotzdem erlebt der einzelne eine Aufwertung durch die Gruppe. Allein die Identifikation mit der Firma, der Familie oder dem Verein reicht, um stolz zu sein und Wertschätzung zu bekommen. Diese Aufwertung ist wechselseitig, schließlich kann die Gemeinschaft nur durch den Beitrag von vielen einzelnen existieren. Und dieser Beitrag ist nur nicht so offensichtlich, weil er eben aus dem „nicht auffallen“ besteht.

Wir schätzen also das harmonische, große Ganze oder den einzelnen, der sich abhebt. Spannend ist, dass es den meisten Menschen schwer fällt, Anerkennung für das „Sich einfügen“ entgegenzunehmen, obwohl das oft Können voraussetzt. Äußert man hingegen Wertschätzung für das Gesamte, dann glühen sie vor stolz. Wer nun glaubt, die individuelle Leistung sei doch der Königsweg, der irrt. Wir Menschen brauchen beides. Und für beides brauchen wir eine Bezugsgruppe, um uns selbst spüren und definieren zu können. Sowohl das Sich-abheben als auch das Sich-einfügen ist notwendig, um einen gesunden Selbstwert auszubilden. Dabei regulieren sich das Abheben oder Einfügen im Idealfall wechselseitig. Verlegt man sich auf einen Pol in der Annahme, dass das den Selbstwert steigert, vergrößert sich am anderen Ende die Unsicherheit. Versuche ich also meinen Selbstwert zu steigern, indem ich mich von allen Kollegen durch meine Leistung abhebe, dann werde ich feststellen, dass mir das Anerkennung bringt. In der Gruppenzugehörigkeit werde ich hingegen unsicherer. Wenn ich hingegen meinen Selbstwert steigern möchte, in dem ich Teil einer Glaubensgemeinschaft werde, dann gibt mir die Gemeinschaft Halt, aber ich werde große Unsicherheit erleben, wenn es darum geht, meine individuelle Meinung zu vertreten. Wer ganz oben ist, ist alleine. Wer ganz in der Gemeinschaft aufgeht, ist niemand.

Damit ist Selbstwert ein labiles Gleichgewicht, was immer wieder ausbalancieren werden muss. Und gesund ist nicht, wer starr an einer Seite festhält, sondern wer sich vom Gegenpol verunsichern und anziehen lässt und dem eine Neuausrichtung gelingt.

Und um mit diesen Zeiten der Unsicherheit klarzukommen, brauchen wir Menschen Liebe. Die Liebe ist an keine Leistung gekoppelt und meint den Menschen um seiner selbst willen. Dieses Prinzip lehrt uns auch der kleine Prinz im gleichnamigen Roman von SaintExupery, als er vor dem Feld mit lauter Rosen steht. Erst ist er entsetzt, weil sie seiner heiß geliebten Rose so ähneln, doch dann erkennt er: „Meine Rose ist ganz anders als ihr. Meine Rose ist einzigartig, weil ich sie gegossen und mich um sie gekümmert habe.“ Die Liebe hebt uns aus der Uniformität. Und das, ohne etwas anderes sein zu müssen, als man selbst. Auch Freunde sind nicht bessere oder schlechtere Menschen als andere, sie sind unsere Freunde, kraft unserer Liebe. Und so sind Liebe und Freundschaft der Mikrokosmos, indem wir für den anderen einzigartig sind und harmonisch miteinander schwingen.

Autor: Regine

GFK-Trainerin und vieles mehr.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s