Tiefenkontakt

fühlend verstehen wollen

Selbstwert mit und ohne Lottoschein

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Ich habe mal gelesen, dass es bei der Entwicklung von Selbstwertgefühl keine Reihenfolge in dem Sinne gibt, dass man erst Selbstbewusstsein entwickelt und es dann nutzt. Genaugenommen entsteht Selbstwert in dem Moment, in dem man etwas tut. Das hat etwas Absurdes, ist aber so. Schauen wir uns ein Beispiel an. Wenn ich das 1. Mal vor einem großen Publikum spreche, dann kann ich alles Mögliche dazu vorbereiten, außer das „vor einem großen Publikum sprechen“. Das bleibt das Neue und ist auch nicht übbar. Doch genau da brauchen wir Selbstbewusstsein. Richtig sichtbar wird es dann erst hinterher: „Puh, das war aber aufregend! Aber es ist doch erstaunlich gut gelaufen!“ Man ist stolz, dass man es geschafft hat. Und als nächstes steigt das Selbstbewusstsein und damit die Bereitschaft, es das nächste Mal wieder zu versuchen. Ganz anders ist es, wenn man scheitert, dann ist das Weitermachen extrem schwer. Doch trotz eines Misserfolges weiterzumachen, auch das zeichnet Menschen mit einem guten Selbstbewusstsein aus. Statt ganz aufzugeben, verändern sie das, was sie verändern können. Zum Beispiel mehr üben, ein leichter erreichbares Ziel suchen, es einfach nochmal probieren etc. Mich selbst beruhigt das Prinzip: „Erst tun, dann Selbstbewusstsein!“ Jetzt muss ich nicht mehr warten, bis „es“ da ist. Ich kann einfach anfangen.

Doch die Sicherheitsfreaks unter uns werden jetzt vielleicht sagen: „Aber mein Selbstwert reicht einfach nicht aus, um es zu tun.“ Wenn wir sicher sein wollen, dass etwas genau so passiert, wie wir es wollen, dann ist mangelndes Selbstbewusstsein eine tolle Strategie. Das mangelnde Selbstwertgefühl sorgt dafür, dass nichts Unerwartetes eintritt. Man wird nie Vorträge vor 500 Leuten halte und folglich auch nie vor Aufregung kaum schlafen können und sich auch nie anhören müssen, dass man die Nervosität in der Stimme gehört habe oder nicht so professionell rüberkam. Jeder der Sicherheit groß schreibt, darf sich hier zur erfolgreichen Erfüllung seines Sicherheitsbedürfnisses beglückwünschen.

Die Menschen, die an die Kraft der Wünsche (z.B. ans Universum) glauben, werden sagen: „Wenn ich etwas wirklich will, dann wird es auch eintreten.“ Auffallender Weise sagen sie das lieber zu anderen und wollen anscheinend selbst noch nicht intensiv genug. Und falls sie doch den Mut gefunden haben, dann ist dieses Denken nur so lange ein Segen, wie alles gut läuft. Nach mehreren gescheiterten Versuchen wird diese Haltung zum Bumerang. Dann tauchen Fragen auf, wie: „Was stimmt denn mit meiner Haltung nicht? Will ich das wirklich erreichen oder wünsche ich mir nicht insgeheim den Misserfolg, der mir ja auch prompt geliefert wird?“ Das sind gute Fragen, um das bisschen Selbstwertgefühl, was man sich aufgebaut hat, wieder auszumerzen.

Es gibt etwas, was sicherheitsliebende Menschen zu viel und Universumsgäubige zu wenig beachten. Das ist die Außenwelt! Die einen überbewerten sie und wollen eindeutige Beweise, die es im Vorweg nie gibt. So ist zum Beispiel keine Geschäftsidee gut genug, um die Selbstständigkeit zu wagen. Die Universumsgläubigen hingegen ignorieren die Außenwelt lieber ganz. Alles was passiert, ist Ausdruck der inneren Haltung. Egal, wie viele Menschen zuvor mit der Idee gescheitert sind, es liegt an der inneren Haltung. Dinge wie „Angebot, Nachfrage und Markt“ gibt es nicht. Die Last und die Verantwortung, die man sich dabei aufbürdet, können einen in Burn-out und Verzweiflung treiben.

Ich bleibe bei meiner Meinung, man muss es tun, um rauszukriegen, ob es klappt. Und sollte es nicht klappen, geht es darum, dass man die Verantwortung für das übernimmt, worauf man Einfluss hat, und die Macht dessen anerkennt, auf das man keinen Einfluss hat.

Also, was hat jetzt das Selbstwertgefühl mit einem Lottoschein gemeinsam?

Moses und der Lottoschein

Moses betet jeden Abend zu Gott:

„Lieber Herr, bitte erfülle mir diesen einen Wunsch. Bitte lass mich einen 6er im Lotto gewinnen. Lieber Herr, das ist mein einziger Wunsch, bitte!“

Jeden Abend betet er so. Eines Abends reißt die Wolkendecke auf und der Herr tritt hervor. Wütend donnert seine Stimme vom Himmel:

„Moses, ich würde dir deinen Wunsch ja erfüllen, nur…

… kauf dir endlich einen Lottoschein!“

(Man beachte, dass Moses etwas tun und nicht seine innere Haltung ändern soll.)

So ist es mit dem Selbstwertgefühl. Man kann drum bitten, aber letztendlich muss man den Lottoschein kaufen und vor allem einlösen, um zu sehen, was man gewonnen hat.

Autor: Regine

GFK-Trainerin und vieles mehr.

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