Tiefenkontakt

fühlend verstehen wollen

Unser Hirn, eine Simulationsstation für Mitgefühl und mehr

Hinterlasse einen Kommentar

Mitgefühl ist menschlich, das bestätigt die Gehirnforschung. Dafür haben wir besondere Zellen, die die Gefühle unserer Mitmenschen simulieren. Die sogenannten Spiegelneuronen. Das klappt, weil wir Gefühle wie Freude, Wut, Angst und Trauer mit allen Menschen gemeinsam haben. Dazu braucht es aber eine wichtige Erkenntnis, nämlich die, dass  wir zwar die gleichen Grundgefühle haben, diese aber nicht zwingend in der gleiche Situation ausgelöst werden. Erste Erfahrungen kann man dazu in der Kindheit sammeln. Zum Beispiel, wenn wir bemerken, dass unsere Schwester sich vor etwas anderem fürchtet, als wir das tun. Wenn wir ihre Erfahrung als gleichberechtig sehen können, dann ist das ein erster Schritt zu Mitgefühl und Akzeptanz von Individualität (d.h. dem Bewusstsein, dass wir alle unterschiedlich sind, obwohl wir uns in vielem ähneln).

Gefühle kann man bei anderen auf der körperlichen Ebene wahrnehmen, und so geht es bei Mitgefühl darum sich körperlich einzuschwingen (nicht gedanklich). Zum Beispiel könnte ich wahrnehmen, dass meine Schwester traurig ist, wenn sie mir von der Absage auf eine ihrer Bewerbungen erzählt. „Sich einschwingen“ ist ein bisschen so, als würde ich mich aufmachen, um die Trauer, die zu mir herüber wehen, hereinzulassen. (Die „Windstärke“ hängt von der Art des Gefühls und der Intensität ab. Ist sie z.B. wütend, „weht es deutlich heftiger rüber“.) In jedem Fall konzentriere ich mich auf ihr emotionales Erleben. Mein Gehirn aktiviert dabei die Spiegelneuronen und lässt mich, etwas abgeschwächt, das gleiche Gefühl wahrnehmen. Das nennt man „mitfühlen“.

Doch mein Gehirn kann noch etwas anderes simulieren, was kein Mitgefühl ist. In dem Falle simuliere ich gedanklich die Situation, in der sie sich befindet, und bei diesem Bild taucht das Gefühl auf, was ich an ihrer Stelle hätte (z.B. Erleichterung über die Absage zu einem schlecht bezahlten Job). In meinem Kopf entsteht dabei ein Widerspruch. Ich komme auf „erleichtert“, sie spricht von „traurig“ und das führt zu Verständnislosigkeit. Da ist es gut, zwei Dinge zu wissen: erstens, dass Menschen selten so etwas erzählen, ohne die Sehnsucht zu haben, dass jemand mitfühlt, und zweitens, dass ich, um mitzufühlen, nicht verstehen muss. Ich kann das Gefühl ohne die Situation nachfühlen. Dazu brauche ich aber das Bewusstsein, dass zwei Menschen auf die gleiche Situation unterschiedlich reagieren können und dass beide Reaktionen in Ordnung sind.

Bin ich total verständnislos, bewege ich mich auf einem anderen Kanal. Dann bin ich bei der Situation und meiner Reaktion darauf und nicht bei den Gefühlen meines Gesprächspartners. Manch einer versucht seine Verständnislosigkeit durch viele Fragen zu beheben, doch dies führt eher dazu, dass die Verständnislosigkeit wächst, genau wie die Dissonanz untereinander. Doch Gefühle sind wie sie sind, und selbst die betroffene Person hat nur begrenzt Einfluss darauf.

Bemerke ich also im Gespräch meine Verständnislosigkeit, kann ich das als wichtigen Hinweis nehmen, dass ich gerade keinen Zugang zu meinem Mitgefühl habe. Da ist es viel ehrlicher zu sagen: „Du, ich kann mich gerade nicht einfühlen. Kannst du mit jemand anderem darüber sprechen?“ So lassen sich emotionale Debakel vermeiden, wenn es eigentlich darum geht, sich aufeinander einzuschwingen.

Autor: Regine

GFK-Trainerin und vieles mehr.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s