Tiefenkontakt

fühlend verstehen wollen

Veränderung leicht gemacht

Gefangene der eigenen Sicht

Ein Kommentar

Die Vorstellung, dass andere Menschen so fühlen, wie wir fühlen, gibt uns Sicherheit, weil es Verhalten voraussagbar macht. Andersartigkeit verunsichert uns. Man beobachte einfach einmal seine eigene innere Reaktion beim Treffen mit offensichtlich andersartigen Menschen. Zum Beispiel gehe ich gerne auf räumliche Distanz, wenn ich einer Gruppe von Flüchtlingen begegne. Das Gleiche kann einem auch mit Menschen des anderen Geschlechts oder mit behinderten Menschen passieren. Die Andersartigkeit von Mitmenschen kann Gefühle von Befangenheit, Unsicherheit bis zu offener Ablehnung hervorrufen. Ich selbst will allen Menschen auf Augenhöhe und gleichberechtig begegnen, aber mein Sicherheitsempfinden zieht oft die sichere Distanz vor.

Es muss nicht gleich Angst um die eigene Sicherheit sein, die Vorurteile wirken lässt. Schon die Irritation, dass man das Verhalten anderer einfach nicht versteht, kann sehr unangenehm sein. So gab es eine Zeit, da wurde ich (deutsche, weiße Frau) im Stadtpark regelmäßig von afrikanischen Männern angesprochen und innerhalb von 5 min gefragt, ob ich sie heiraten wolle. Ich verstand überhaupt nicht, wie diese Männer auch nur in Erwägung ziehen konnten, dass ich dazu „ja“ sagen würde. Zufällig erzählte mir eine Freundin, dass direkter Augenkontakt in Afrika für sexuelles Interesse zwischen Männern und Frauen stehe. Für mich war es „normal“ und eine Frage der Höflichkeit und des Respekts, Menschen direkt in die Augen zu schauen. Diese Höflichkeit wollte ich auch Schwarzafrikanern angedeihen lassen und schaute sie im Vorbeigehen direkt an. Wie ich also erfuhr, ist es für afrikanische Männer hingegen „normal“, diesen Blickkontakt als sexuelles Interesse zu interpretieren. Seit ich das weiß, werde ich nicht mehr angesprochen. Und Urteile wie: „Schwarze Männer respektieren meine Grenze als Frau nicht!“ fallen weg, ohne dass wir je darüber gesprochen hätten.

Auch wenn es durch optische Andersartigkeit leicht ist, sich bewusst zu sein, dass diese Menschen anders ticken könnten, kann man leider schlecht nach deren Verständnis für adäquates Verhalten fragen. Unsere Normalität ist für uns selbst nicht erkennbar. Hätte ich einen der Männer direkt gefragt, wie er auf die Idee kommt, mich heiraten zu wollen, hätte ich wahrscheinlich keine brauchbare Antwort bekommen. Für so unbewusstes Verhalten braucht es den Blick von außen. Erst wenn wir unser normales Verhalten als entgegen der Norm erlebt haben, fällt uns das Label „normal“ überhaupt auf. Dazu kommt, dass andersartiges Verhalten unsere Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen, herausfordert. Wir können andere Menschen erst wirklich verstehen, wenn wir darauf verzichten, sie als doof, krank oder abnormal zu bewerten.

Doch wer sich nie als fremd erlebt hat, der ist blind für andere Lebensentwürfe. So erzählte mir eine lesbische, Hamburger Freundin von einem Gespräch mit einer älteren Frau auf dem Lande. Diese offenherzige Frau sprach ihr ihr tiefstes Mitgefühl aus, als sie erfuhr, dass die Freundin nicht verheiratet ist und keine Kinder hat. Sie war sichtlich von der „Tragik ihres Schicksals“ berührt. Nur,  die Freundin war komplett zufrieden mit ihrem Leben (ohne Mann und Kinder). Und die alte Frau hätte mehr zu ihrem Glück beigetragen, wenn sie in Erwägung gezogen hätte, dass frau auch auf andere Weise glücklich sein kann.

Das Problem bei der Annahme „du bist wie ich“ ist, dass wir dabei Menschen unbewusst diskriminieren können. Das ist den meisten Menschen nicht bewusst, weil sie überhaupt nicht in Erwägung ziehen, dass es noch ein anderes gültiges Erleben als das eigene gibt. Sie denken: „So muss es sein, und wenn nicht, ist es inakzeptabel. Das weiß doch jeder!“ – Nein, weiß eben nicht jeder. Wenn wir andere (unbeabsichtigt) diskriminieren, dann weil wir überhaupt keine Idee davon haben, wie sie die Welt sehen und erleben.

Der Schritt, die eigene Norm nicht zu verallgemeinern, ist dermaßen schwierig, dass ich nicht glaube, es könnte möglich sein, jede Form der Diskriminierung zu vermeiden. Das enthebt uns aber nicht der Aufgabe es zu versuchen. Denn:  „Alles, was es wert ist, getan zu werden, ist es auch wert, mittelmäßig getan zu werden“ (Marshall Rosenberg). Und das gilt auch für den Versuch, allen Menschen die gleichen Rechten zuzugestehen und den gleichen Respekt entgegenbringen zu wollen.

Autor: Regine

GFK-Trainerin und vieles mehr.

Ein Kommentar zu “Gefangene der eigenen Sicht

  1. Liebe Regine, vielen Dank für Deinen Beitrag. Ein spannender Titel und mich sprechen Deine Beispiele an. Vielen Dank für die Erinnerung. 😉 LG, Melanie

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