gefühlte Gedanken

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Wozu ist das Sterben gut?

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Gedanken zum Buch: Das Atman-Projekt von Ken Wilber

Wenn ich mir die Natur anschaue, dann geht Leben nicht ohne Sterben. Füchse fressen Hasen, sonst können sie nicht leben. Hasen fressen Löwenzahn, sonst können sie nicht leben. Es fällt schon auf, dass nur das, was einmal gelebt hat, nahrhaft für andere ist. Tote Materie kann keine Nahrung sein. Das Leben erneuert sich selbst. Ist Sterben dann ein Bedürfnis? Die meisten würden das abstreiten. Schließlich wehren wir uns mit Händen und Füßen gegen den Tod. Der Hase rennt um sein Leben, die Pflanze entwickelt über Jahrhunderte Dornen und Gifte. Der Mensch entwickelt die Medizin im Kampf gegen den Tod. Doch zumindest wir Menschen kennen  in Lebenskrisen auch die Todessehnsucht. Es gibt Moment, da kann der Tod als Wohltat erscheinen, ein Ort der Ruhe und des Versinkens. Versinken worin?

Im Tibetischen Totenbuch kann man lesen, dass der Geist des Verstorbenen sich im Licht des Göttlichen auflöst. Das soll so schön sein, dass es für den Normalsterblichen nicht  lange auszuhalten ist. Die Erfahrung des Göttlichen ist letztlich erschreckend, so dass die meisten Seelen freiwillig aus dem Göttlichen fallen (Stufe um Stufe), bis sie im nächsten Körper wiedergeborgen werden.

Dies beschreibt Ken Wilber in seinem Buch: Das Atman-Projekt. Er skizziert den großen Kreis der menschlichen Entwicklung zu Lebzeiten (Evolution) und im Tode (Involution).

Dabei beschreibt er auch die Funktion des Sterbens. Da echte Transformation bedeutet, dass ein Teil von uns stirbt, der sich ursprünglich für die gesamte Persönlichkeit hielt, ist die Todesangst Teil des Prozesses. Und der Todestrieb (den schon Sigmund Freud postulierte) ist der Trieb, der uns in die angstbesetzte Zone der nächsten anstehenden Entwicklung zieht. Der Todestrieb (Thanatos) stellt im Namen der Entwicklung alles in Frage (auch die eigene Identität), wohingegen der Lebenstrieb (Eros) zutiefst mit dem Leben identifiziert ist. Er kämpft, um die eigene Identität als das höchste zu erhaltende Gut. Die feste Identifikation mit dem, was man für ICH hält, bietet Raum sich selbst kennenzulernen, sich auszuprobieren und Kraft zu tanken. Aber ohne seinen Gegenpol Thanatos hält Eros uns in ewiger Selbstbestätigung auf einer Stufe fest. Zu viel Thanatos hingegen beschleunigt die Entwicklung stark und kann die Persönlichkeit überfordern. Doch beide Triebe beruhen auf der Anziehung zwischen dem göttlichen Funken in uns und dem Göttlichen an sich. Alles bewegt sich darauf zu. Eros treibt uns an, die Grenzen unserer Identität auszuloten, und Thanatos, diese zu überwinden. Und dieser Prozess kommt erst mit der Erleuchtung zum Stillstand.

Hier nochmal ein Blick auf die typischen Stufen der Entwicklung. Wenn wir auf die Welt kommen, entwickeln wir als erstes ein Körper-Ich (Säugling). Wir sind ganz Körper, alles dreht sich um Nahrung und körperliche Zuwendung. Damit wir ein ICH ausbilden können, welches auf geistigen Eigenschaften beruht, (Alter 2-4 Jahren) müssen wir die volle Identifikation mit dem Körper loslassen, was sich anfühlt wie sterben. Das Körper-ICH (das alte Selbst) muss sich seiner Todesangst stellen und lernen, dass es auch ohne Mutterbrust (kann man wörtlich und symbolisch verstehen) leben kann. Diese Erkenntnis und Erfahrung schafft Raum für eine neue Identität.

Bis wir erwachsen sind, bilden wir im Idealfall ein reifes ICH aus. Und danach kann, muss aber nicht, der Sprung zum transpersonalen ICH folgen. Doch dazu braucht es wieder ein Sterben. Diesmal stirbt die ICH-Identität und das ist keine leichte Sache. Schließlich leben wir in einer ich-verliebten Gesellschaft. Die meisten Menschen sind auf der ICH-Stufe. Während das soziale Umfeld Kinder und Jugendliche motiviert, den nächsten Entwicklungsschritt anzugehen, bremst es bei der Entwicklung zum transpersonalen ICH. Doch das ändert nichts daran, dass die Sehnsucht „ganz zu sein“ uns ein Leben lang bewusst oder unbewusst antreibt. Und wie zufrieden wir mit unserem Leben sind, hängt davon ab, wie bereitwillig wir uns mal auf das Leben und mal auf das Sterben einlassen. Beides gehört zusammen.

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