gefühlte Gedanken

fühlend selbst-bewusst verstehen wollen

Vom Müssen zum Wollen und wieder zurück

Ein Kommentar

„Ich sollte wieder Sport machen!“ „Ich müsste mich bewerben!“

Am „müsste“ und „sollte“ kann man erkennen, dass man gedanklich eine Idee aufgegriffen hat, die keinen Anker in den Tiefen unseres Selbst findet. Die Motivation bleibt kreisend im Kopf. Wir wiederholen sie laut und in gedanklichen Selbstgesprächen. Wir können uns richtiggehend damit quälen, aber unser Handeln ändert sich nicht. So schlägt Sollte-Denken auf die Stimmung und macht uns ungnädig mit uns selbst.

Die GFK hat für diese „ich-sollte“-Sätze einen interessanten Umgang gefunden. Zunächst einmal setzt sie am konkreten Verhalten an (nicht am Denken). Das Verhalten ist in solchen Fällen schwer zu erkennen, da es meistens ein „Nicht-Tun“ ist. Ich bewerbe mich nicht. Oder ich mache keinen Sport. Ich mache irgendetwas anderes. Die GFK fragt, was erfülle ich mir damit, dass ich das nicht mache? Das braucht einen klaren Perspektivwechsel, schließlich denke ich die ganze Zeit darüber nach, warum ich es tun sollte, und nicht, was mein guter Grund ist, dass ich es nicht tue.

Beispiel: Was erfülle ich mir, wenn ich mich nicht bewerbe? – Ich konzentriere mich auf das Schreiben. Das gibt mir Sinn im Leben.

Was erfülle ich mir, wenn ich keinen Sport mache: Erholung, Gesundheit und Heilung. Der heftige Husten nach dem Sport lässt mich daran zweifeln, dass Sport derzeit meiner Gesundheit gut tut.

Anwendungshilfe: Wer Ideen bei der Frage: „Was erfülle ich mir damit?“ braucht, findet diese auf meiner GFK-Bedürfnis-Liste (Link klicken und runterscrollen).

Wenn ich weiß, was ich mir mit meinem NICHT-Tun erfülle, dann kann ich mit mir selbst gnädiger sein. Vielleicht ändert sich auch mein Denken und ich bekomme ein positives Bild von mir, als eine, die fürsorglich mit ihrem Körper umgeht. Oder ich sehe mich als eine, der Sinn bei der Arbeit wichtig ist.

Doch Gedanken wie „ich müsste“ und „ich sollte“ denken wir nicht ohne Grund. Auch hier gibt es unerfüllte Bedürfnisse, und auch hier kann ein Blick auf die Bedürfnisliste zu neuen Ideen und Selbstverständnis führen. Doch manchmal braucht es die echte Unzufriedenheit, um sich wirklich damit auseinander zu setzen. Deshalb, wenn du deiner Motivation eine wirkliche Anschubhilfe bieten willst, dann: „Fühl‘ deine Unzufriedenheit! Vermeide sie nicht!“ Der Punkt, an dem Nichts-machen keine Option mehr ist, kommt dann von alleine. Beim Bergsteigen ist das der Punkt, wo es gefährlicher ist zurückzugehen als weiterzuklettern. Vorher mag man sich noch überlegen, ob man diese Strapazen wirklich auf sich nehmen möchte. Doch hat man den Point-of-No-Return überstiegen, dann gibt es diese Alternative nicht mehr. Dann gibt es nur noch einen Weg, nämlich den nach oben. Diese Erkenntnis macht es spürbar leichter. Jegliches Denken über Alternativen ist Zeitverschwendung. Diese Entscheidung kann so wichtig werden, dass sie sich in einem „Ich muss das tun!“ ausdrückt. Man bemerke, es ist kein „müsste“ mehr, sondern ein „muss“. Alternativen sind ausgeschlossen.

So ein MUSS aus dem Innern wirkt mitunter heroisch, ist es aber nicht. Lob für etwas, was man tun musste, hat wenig Bedeutung. Eine Freundin sagte neulich: „Ich bewundere Frauen, die sich den Schmerzen einer Geburt stellen!“ Für schwangere Frauen ist dieser Satz nur von Bedeutung, wenn für sie Kaiserschnitt oder keine Kinderkriegen eine Option ist. Bei einem echten Kinderwunsch ist die Geburt einfach etwas, durch das frau durch muss (genauer gesagt kind). Die Wertschätzung „Ich bewundere deinen Mut mit dem du das letzte Stück ohne Sicherung geklettert bist.“ ist bedeutungslos, wenn es der einzige Weg aus der gefährlichen Situation war.

Zusammenfassend kann man sagen, die Kunst, einen „mutigen“ Lebensweg zu gehen, besteht darin, sich seiner eigenen Unzufriedenheit auszusetzen, bis die Entscheidung aus dem Bauch herauskommt. Wenn ich wirklich verliebt bin, dann muss ich meine Liebe gestehen, dann gibt es keine Alternative. Aber dieses MUSS, dieser Point-of-No-Return, dieser Point-of-No-Drückeberger ist kein Sollte-Gedanke und keine Pflicht, sondern die oft unbewusste Erkenntnis, dass es der einzig richtige Weg ist.

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