Tiefenkontakt

fühlend verstehen wollen

Regel Nr. 1 oder Risiko?

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Regel Nr.1 – Finde die Regel und alles wird gut!

Und so geht‘s: Deine Freundin kommt tierisch zu spät.

Regel Nr. 1: Komme nie wieder pünktlich.

Ich style mich zur Mündlichen und verhaue die Prüfung.

Regel Nr. 1: Style dich nie zu einer Prüfung! Das verhindert das Durchfallen nicht, dafür kannst du die Kleider hinterher ohne Schamgefühle tragen.

Und…

du grüßt den Nachbarn und er grüßt nicht zurück.

Regel Nr. 1: Grüße niemals Nachbarn.

Tia, was soll ich sagen. Es hat nicht geklappt. Unangenehme Situationen lassen sich nicht vermeiden, denn…

was ist das für ein Leben, wenn man nie wieder den Nachbarn grüßt, nie wieder Workshops gibt, nie wieder liebt, nie wieder die beste Freundin sieht? – Ziemlich mies.

Versuch Nr. 2 – Jahre später, mitten in der Nacht, ich kann nicht schlafen. Da ist es doch ein Glück, dass Brené Brown mit ihrem Buch: „Laufen lernt man nur durch Hinfallen“ mir Gesellschaft leistet. Ich muss gestehen, die Regel Nr.1 habe ich nicht gefunden. Und damit nicht genug: sie schreibt vom „gut-genug-sein“ und erklärt ausführlich, warum Perfektionismus uns nicht weiterbringt (die entsprechenden Blogtexte habe ich verlinkt). Aber vor allem schreibt sie, dass ein lebenswertes Leben darin besteht, dass man etwas riskiert.

Aktienhandel ist damit nicht gemeint. Es geht um das Risiko in der Art: Du gestehst deine Liebe und weiß nicht, ob sie erwidert wird. Du zeigst dein Kunstwerk und weißt nicht, ob es gefällt. Dummerweise sind risikobehaftete Dinge die Dinge, die uns am Herzen liegen. Und es sind die Dinge, die richtig wehtun, wenn es daneben geht

Das heißt, wenn ich nie wieder liebe, nie wieder meine Bilder zeige, nie wieder Fremde grüße, dann verzichte ich auf die besonderen Momente im Leben. Ich verzichte auf das, was mich begeistert und glücklich macht. Die Komponenten „mir-wichtig“ und „sehr- verletzlich“ gehören leider zusammen.

Das Regel-Nr.-1-Fieber versucht die Scham zu vermeiden und spült die Lebensfreude gleich mit in den Gulli. Das Leben lässt sich nicht selektiv leben. Es ist ein Ganzes, und unangenehme Teile lassen sich nicht verbannen. Will ich „aus vollem Herzen“ leben, dann bleibt im Falle eines Scheiterns nur der schmerzhafte Weg durch die Krise. Unterstützung ist da angebracht und sogar gewünscht.

Wenn du also mitten in „Das will ich nie wieder erleben!“ steckst, wenn du auf Rache sinnst, wenn du dich in deinen Selbstvorwürfen selbst übertriffst und die Niederträchtigkeit der Welt gerade bewiesen ist, dann (ich weiß, es ist schwer) begegne all dem mit Neugier. Haue den Keil eines Fragezeichens zwischen die Wirklichkeit und deine Überzeugung. Trete innerlich einen Schritt zurück und frage dich:

Schau an, was mache ich aus diesem Erlebnis?

-Ich winde mich wie ein Aal vor Scham. Ich bin so selbstbewusst in die Prüfung gegangen. Ich weiß, ich war kaum vorbereitet. Ich dachte, das mach ich mit links!

Welche Überzeugung ist gerade in Stücke zersprungen?

-Kleider machen Leute. Ich trete souverän auf, labere ein bisschen und dann habe ich die gute Note in der Tasche.

Und wo ist das Delta, der Unterschied, wie die Welt ist und wie ich sie beurteile?

In diesem Fall lag das Delta zwischen meiner Selbsteinschätzung und meinem Können. Rückwirkend würde ich sagen, mir fehlte der Respekt vor der Aufgabe.

Wir können von Glück reden, wenn die Lehren, die wir aus solchen Erlebnissen ziehen, nicht zu haarstäubend sind. Wenn sie uns näher an die Wirklichkeit und an eine gesunde Selbsteinschätzung bringen. Denn dann macht uns ein solches Erlebnis reifer und bereitet uns auf die nächste risikobehaftete Herausforderung des Lebens vor. Genau hinzuschauen, es lohnt sich!

Autor: Regine

GFK-Trainerin und vieles mehr.

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