gefühlte Gedanken

fühlend selbst-bewusst verstehen wollen


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Spaziergang im Jetzt

Ist „im Jetzt leben“ das Gegenteil von Bewusst-Sein?

Ein Spaziergang, ein grauer Sonntag. Gehen und denken. Denken an die Arbeit. Denken an das Leben. Der grobe Plan, wie immer zu gehen, um dann fest zu stellen, da sind zu viele Leute! Kein guter Ort, um für sich zu sein. Also Richtungswechsel. Viele Wege führen in den Stadtpark. An jeder Kreuzung die Frage, passt das? Nein, ok, dann den anderen.

Unten am See plötzlich alleine. Weiße Möwen stehen auf dem Wasser, wie im Watt. Eis trägt die Vögel, noch. Dann Aufruhr. Alles erhebt sich. Zwei Krähen bleiben sitzen. Ein Musiker spielt mit Verstärker. Zu laut. Wo ist die Stille? Sonntags muss ich sie suchen. Richtungswechsel. Ein russisches Pärchen diskutiert den Weg. Ich nehme ihn. Keine Menschen mehr. Dafür Verkehrslärm. Man kann nicht alles haben.

Erstaunt sehe ich Knospen. Es gab doch nur ein warmer Tag? Die Stelle, wo die Herbstzeitlosen den Rasen bedeckten, voll dunkelgrüner Keime. Ein klitzekleiner Vogel hoppt auf dem Baumstumpf. Ich bleibe stehen. Er bemerkt mich. Fängt an zu zwitschern. Piep, Flug, piep. Jetzt ist er weg.

Kinder, Leute. Erwachsene, die Kinder auf die Füße stellen, die sich in den Dreck setzen, die in dreckige Löcher fassen, die spannende Dinge tun. Erwachsensein ist langweilig. Ein Ast wie ein Baumstamm, wächst quer, warum tut er das? Trägt er mich? Nein. Wäre ich zehn, dann wäre die Buche mein Zuhause und der Ast die Treppe.

Und zwischen den Zweigen ein Dalmatiner. Schwarze fliegende Ohren, ein weißes Hinterteil beschleunigt. Lang streckt er sich. Die Flecken verwischen, wird immer schneller. Dann? Hat er den Ball? Lockeres Auslaufen, großer Bogen, und zurück. Legt Frauchen den Ball vor die Füße. – Und wieder jagt er den Hang hinab. Er wühlt im Sand, da ein bisschen und dort ein bisschen. Dann hat er ihn, schüttelt den Sand aus der Schnauze und zurück. Wie gut für ihn, wie gut für mich, dass Frauchen nicht müde wird.  – Immer wieder saust er die Wiese hinab, schnell, elegant. – Ein fliegender Hund.

Später. Eine Joggerin bleibt stehen. Wartet, worauf? Sie ruft: „Komm!“ Nichts passiert. „Komm!“ Und dann kommt ein Hund,  kaum höher als mein Knöchel, galoppiert er vorbei. Schneller geht nicht. – Wer hier wohl Lauftraining macht?

Zu Hause ist wie Aufwachen. Das war‘s Jetzt. Selbstvergessen. Tief mit sich ohne sich sein. Nur Auge, nur Ohr, die kalte Luft im Gesicht.

Danke. (An wen?)

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Prokrastination (Aufschieberitis) oder wie geht’s weiter?

(für Selbstmotivierende ohne Auftraggeber oder Chefin)

Prokrastination ist doch ein tolles Wort. Es hört sich an, als würde man etwas wirklich Wichtiges tun. Doch im Grunde heißt es, dass man nicht das tut, was man tun will. Manche nennen es „Aufschieberitis“.

Die sanfte Variante – nach dem Urlaub wieder arbeiten

Uhh, dass klappt nur sehr durchwachsen. Aber ich weiß, dass es ab dem zweiten Tag besser wird. Den größten Fehler, den ich also begehen kann, ist zu denken, ich könnte den ersten Durchhängertag überspringen. Das macht mich nur noch unzufriedener, als wenn ich einfach planlos versuchen würde, einen Zugang zur Arbeit zu finden.

Manche Arten des Aufschiebens haben also mehr mit dem eigenen Arbeitsrhythmus zu tun. Diesen zu kennen und zu akzeptieren, macht mir das Leben leichter.

Doch wenn man lange genug wartet, wird das Problem des Aufschiebens existenziell. Menschen, die seit Monaten manchmal Jahren sich nicht an ihre Abschlussarbeit setzen, können ein Lied davon singen. Der Druck steigt mit jedem Tag. Da braucht es oft mehr Hilfe als einen Text zum Thema „Prokrastination“. Die Frage, die es rechtzeitig zu beantworten gilt, ist, kann ich besser mit Druck oder ohne Druck arbeiten? Ich habe lange gedacht, dass ich entspannt am besten arbeite, aber die Erfahrung zeigt etwas anderes. Die wissenschaftliche Bestätigung fand ich in einem Artikel (Autor habe ich leider vergessen): Druck wirkt sich positiv auf die Konzentration aus. Die größtmögliche Konzentrationsfähigkeit liegt zwischen Entspannung und Anspannung. Es braucht von beidem etwas. Fehlt ein Aspekt, nimmt die Konzentration ab. Wer das überprüfen möchte, der lese mal einen anspruchsvollen Text, wenn er sonntags vormittags noch tiefenentspannt im Bett liegt. Ich versuche es gar nicht erst, weil ich weiß, dass mein Gehirn die Zusammenarbeit verweigern würde.

Wenn ich aufschiebe, dann tue ich nicht nichts, sondern ich tue andere Dinge, die sehr sinnvoll sind. Ersatzhandlungen sind bei mir klassischerweise Putzen, Aufräumen oder mich um die Werbung meiner Kurse kümmern. Wenn man bedenkt, wie ungern ich diesen Tätigkeiten nachgehe, ist das doch das reinste Motivationswunder! Und mal ehrlich, an einem aufgeräumten Arbeitsplatz arbeitet es sich wirklich besser!

Doch warum ist es besser seinen Prokrastinationsimpulsen zu folgen? Weil „tun“ weniger Kraft braucht als „entscheiden“. Marc Gassert schreibt in seinem Buch „Alles ist schwer, bis es leicht ist!“, dass uns vor allem Entscheidungen Willenskraft kosten. Entscheidungen wie: Fange ich hiermit an oder damit? Ist diese Aufgabe wichtiger oder jene? Wozu brauche ich länger? Was ist wichtiger? Wäre es nicht sinnvoll, XY vorher zu erledigen? Das sind alles Fragen, die sehr oft gar nicht zu beantworten sind! Doch unser Geist beschäftigt sich damit und verbraucht Willenskraft. Deshalb hilft „anfangen“. Es einfach tun, ist leichter als entscheiden, was als nächstes zu tun ist. Gerade wenn man viel zu tun hat, ist das Schädlichste, was man mit seiner knappen Zeit machen kann, Entscheidungen treffen zu wollen.

Doch wie kriegt man jetzt die Kurve zur eigentlichen Aufgabe? Ich nehme mir hier gerne kleine Ziele vor! Sie sollten so klein sein, dass sie gerade etwas mehr als nichts-machen sind (die Zielvorgabe erhöhen kann man immer noch!). In meinem Fall ist das: „Ich lese den Text einmal durch und überarbeite, was mir nicht gefällt“. Ist die Datei erst geöffnet, dann fällt es meinem Geist leichter, sich weiter für das Thema zu interessieren.

Heute habe ich auch schon prokrastiniert, sozusagen als Vorbereitung für diesen Blog. Ich habe schon meine GFK-Vereinsunterlagen geordnet (das will ich seit Mai machen), ein unangenehmes Telefonat geführt und meinen Küchenfußboden gewischt. Das sind alles Dinge, die sonst nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählen. Aber sie waren erstaunlich schnell erledigt. Super!

Auf diese Art und Weise kriege ich am Tage einiges erledigt, was ich sonst vor mir herschiebe.

Veränderung leicht gemacht


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Gefangene der eigenen Sicht

Die Vorstellung, dass andere Menschen so fühlen, wie wir fühlen, gibt uns Sicherheit, weil es Verhalten voraussagbar macht. Andersartigkeit verunsichert uns. Man beobachte einfach einmal seine eigene innere Reaktion beim Treffen mit offensichtlich andersartigen Menschen. Zum Beispiel gehe ich gerne auf räumliche Distanz, wenn ich einer Gruppe von Flüchtlingen begegne. Das Gleiche kann einem auch mit Menschen des anderen Geschlechts oder mit behinderten Menschen passieren. Die Andersartigkeit von Mitmenschen kann Gefühle von Befangenheit, Unsicherheit bis zu offener Ablehnung hervorrufen. Ich selbst will allen Menschen auf Augenhöhe und gleichberechtig begegnen, aber mein Sicherheitsempfinden zieht oft die sichere Distanz vor.

Es muss nicht gleich Angst um die eigene Sicherheit sein, die Vorurteile wirken lässt. Schon die Irritation, dass man das Verhalten anderer einfach nicht versteht, kann sehr unangenehm sein. So gab es eine Zeit, da wurde ich (deutsche, weiße Frau) im Stadtpark regelmäßig von afrikanischen Männern angesprochen und innerhalb von 5 min gefragt, ob ich sie heiraten wolle. Ich verstand überhaupt nicht, wie diese Männer auch nur in Erwägung ziehen konnten, dass ich dazu „ja“ sagen würde. Zufällig erzählte mir eine Freundin, dass direkter Augenkontakt in Afrika für sexuelles Interesse zwischen Männern und Frauen stehe. Für mich war es „normal“ und eine Frage der Höflichkeit und des Respekts, Menschen direkt in die Augen zu schauen. Diese Höflichkeit wollte ich auch Schwarzafrikanern angedeihen lassen und schaute sie im Vorbeigehen direkt an. Wie ich also erfuhr, ist es für afrikanische Männer hingegen „normal“, diesen Blickkontakt als sexuelles Interesse zu interpretieren. Seit ich das weiß, werde ich nicht mehr angesprochen. Und Urteile wie: „Schwarze Männer respektieren meine Grenze als Frau nicht!“ fallen weg, ohne dass wir je darüber gesprochen hätten.

Auch wenn es durch optische Andersartigkeit leicht ist, sich bewusst zu sein, dass diese Menschen anders ticken könnten, kann man leider schlecht nach deren Verständnis für adäquates Verhalten fragen. Unsere Normalität ist für uns selbst nicht erkennbar. Hätte ich einen der Männer direkt gefragt, wie er auf die Idee kommt, mich heiraten zu wollen, hätte ich wahrscheinlich keine brauchbare Antwort bekommen. Für so unbewusstes Verhalten braucht es den Blick von außen. Erst wenn wir unser normales Verhalten als entgegen der Norm erlebt haben, fällt uns das Label „normal“ überhaupt auf. Dazu kommt, dass andersartiges Verhalten unsere Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen, herausfordert. Wir können andere Menschen erst wirklich verstehen, wenn wir darauf verzichten, sie als doof, krank oder abnormal zu bewerten.

Doch wer sich nie als fremd erlebt hat, der ist blind für andere Lebensentwürfe. So erzählte mir eine lesbische, Hamburger Freundin von einem Gespräch mit einer älteren Frau auf dem Lande. Diese offenherzige Frau sprach ihr ihr tiefstes Mitgefühl aus, als sie erfuhr, dass die Freundin nicht verheiratet ist und keine Kinder hat. Sie war sichtlich von der „Tragik ihres Schicksals“ berührt. Nur,  die Freundin war komplett zufrieden mit ihrem Leben (ohne Mann und Kinder). Und die alte Frau hätte mehr zu ihrem Glück beigetragen, wenn sie in Erwägung gezogen hätte, dass frau auch auf andere Weise glücklich sein kann.

Das Problem bei der Annahme „du bist wie ich“ ist, dass wir dabei Menschen unbewusst diskriminieren können. Das ist den meisten Menschen nicht bewusst, weil sie überhaupt nicht in Erwägung ziehen, dass es noch ein anderes gültiges Erleben als das eigene gibt. Sie denken: „So muss es sein, und wenn nicht, ist es inakzeptabel. Das weiß doch jeder!“ – Nein, weiß eben nicht jeder. Wenn wir andere (unbeabsichtigt) diskriminieren, dann weil wir überhaupt keine Idee davon haben, wie sie die Welt sehen und erleben.

Der Schritt, die eigene Norm nicht zu verallgemeinern, ist dermaßen schwierig, dass ich nicht glaube, es könnte möglich sein, jede Form der Diskriminierung zu vermeiden. Das enthebt uns aber nicht der Aufgabe es zu versuchen. Denn:  „Alles, was es wert ist, getan zu werden, ist es auch wert, mittelmäßig getan zu werden“ (Marshall Rosenberg). Und das gilt auch für den Versuch, allen Menschen die gleichen Rechten zuzugestehen und den gleichen Respekt entgegenbringen zu wollen.


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Selbstwert mit und ohne Lottoschein

Ich habe mal gelesen, dass es bei der Entwicklung von Selbstwertgefühl keine Reihenfolge in dem Sinne gibt, dass man erst Selbstbewusstsein entwickelt und es dann nutzt. Genaugenommen entsteht Selbstwert in dem Moment, in dem man etwas tut. Das hat etwas Absurdes, ist aber so. Schauen wir uns ein Beispiel an. Wenn ich das 1. Mal vor einem großen Publikum spreche, dann kann ich alles Mögliche dazu vorbereiten, außer das „vor einem großen Publikum sprechen“. Das bleibt das Neue und ist auch nicht übbar. Doch genau da brauchen wir Selbstbewusstsein. Richtig sichtbar wird es dann erst hinterher: „Puh, das war aber aufregend! Aber es ist doch erstaunlich gut gelaufen!“ Man ist stolz, dass man es geschafft hat. Und als nächstes steigt das Selbstbewusstsein und damit die Bereitschaft, es das nächste Mal wieder zu versuchen. Ganz anders ist es, wenn man scheitert, dann ist das Weitermachen extrem schwer. Doch trotz eines Misserfolges weiterzumachen, auch das zeichnet Menschen mit einem guten Selbstbewusstsein aus. Statt ganz aufzugeben, verändern sie das, was sie verändern können. Zum Beispiel mehr üben, ein leichter erreichbares Ziel suchen, es einfach nochmal probieren etc. Mich selbst beruhigt das Prinzip: „Erst tun, dann Selbstbewusstsein!“ Jetzt muss ich nicht mehr warten, bis „es“ da ist. Ich kann einfach anfangen.

Doch die Sicherheitsfreaks unter uns werden jetzt vielleicht sagen: „Aber mein Selbstwert reicht einfach nicht aus, um es zu tun.“ Wenn wir sicher sein wollen, dass etwas genau so passiert, wie wir es wollen, dann ist mangelndes Selbstbewusstsein eine tolle Strategie. Das mangelnde Selbstwertgefühl sorgt dafür, dass nichts Unerwartetes eintritt. Man wird nie Vorträge vor 500 Leuten halte und folglich auch nie vor Aufregung kaum schlafen können und sich auch nie anhören müssen, dass man die Nervosität in der Stimme gehört habe oder nicht so professionell rüberkam. Jeder der Sicherheit groß schreibt, darf sich hier zur erfolgreichen Erfüllung seines Sicherheitsbedürfnisses beglückwünschen.

Die Menschen, die an die Kraft der Wünsche (z.B. ans Universum) glauben, werden sagen: „Wenn ich etwas wirklich will, dann wird es auch eintreten.“ Auffallender Weise sagen sie das lieber zu anderen und wollen anscheinend selbst noch nicht intensiv genug. Und falls sie doch den Mut gefunden haben, dann ist dieses Denken nur so lange ein Segen, wie alles gut läuft. Nach mehreren gescheiterten Versuchen wird diese Haltung zum Bumerang. Dann tauchen Fragen auf, wie: „Was stimmt denn mit meiner Haltung nicht? Will ich das wirklich erreichen oder wünsche ich mir nicht insgeheim den Misserfolg, der mir ja auch prompt geliefert wird?“ Das sind gute Fragen, um das bisschen Selbstwertgefühl, was man sich aufgebaut hat, wieder auszumerzen.

Es gibt etwas, was sicherheitsliebende Menschen zu viel und Universumsgäubige zu wenig beachten. Das ist die Außenwelt! Die einen überbewerten sie und wollen eindeutige Beweise, die es im Vorweg nie gibt. So ist zum Beispiel keine Geschäftsidee gut genug, um die Selbstständigkeit zu wagen. Die Universumsgläubigen hingegen ignorieren die Außenwelt lieber ganz. Alles was passiert, ist Ausdruck der inneren Haltung. Egal, wie viele Menschen zuvor mit der Idee gescheitert sind, es liegt an der inneren Haltung. Dinge wie „Angebot, Nachfrage und Markt“ gibt es nicht. Die Last und die Verantwortung, die man sich dabei aufbürdet, können einen in Burn-out und Verzweiflung treiben.

Ich bleibe bei meiner Meinung, man muss es tun, um rauszukriegen, ob es klappt. Und sollte es nicht klappen, geht es darum, dass man die Verantwortung für das übernimmt, worauf man Einfluss hat, und die Macht dessen anerkennt, auf das man keinen Einfluss hat.

Also, was hat jetzt das Selbstwertgefühl mit einem Lottoschein gemeinsam?

Moses und der Lottoschein

Moses betet jeden Abend zu Gott:

„Lieber Herr, bitte erfülle mir diesen einen Wunsch. Bitte lass mich einen 6er im Lotto gewinnen. Lieber Herr, das ist mein einziger Wunsch, bitte!“

Jeden Abend betet er so. Eines Abends reißt die Wolkendecke auf und der Herr tritt hervor. Wütend donnert seine Stimme vom Himmel:

„Moses, ich würde dir deinen Wunsch ja erfüllen, nur…

… kauf dir endlich einen Lottoschein!“

(Man beachte, dass Moses etwas tun und nicht seine innere Haltung ändern soll.)

So ist es mit dem Selbstwertgefühl. Man kann drum bitten, aber letztendlich muss man den Lottoschein kaufen und vor allem einlösen, um zu sehen, was man gewonnen hat.


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Die Tücken des lebenslangen Lernens und wie du dir deine Motivation bewahrst.

Eine befreundete Kindertherapeutin erklärte mir neulich, dass Kinder, die auf Grund mangelnder Förderung körperlich in ihrer Entwicklung zurück seien, sich massiv darüber ärgern, wenn eine Bewegung nicht so klappt, wie sie gemäß ihres Alters klappen sollte. Das kenne ich! Nicht dass ich sieben Monate alt wäre und noch nicht krabbeln könnte. Aber ich bin 42 Jahre und beruflich nicht da, wo ich gerne wäre. Ich bin Quereinsteigerin. Mir hilft das Beispiel mit dem Kleinkind. Auch ich kenne die Wut, wenn es nicht so klappt, wie ich mir das vorstelle. Als Erwachsene nenne ich das nicht Wut, sondern objektive Unzufriedenheit mit meiner beruflichen Situation. Spielt da vielleicht meine innere Uhr rein? Diese wirkt auf unsere Gefühle und lässt uns unzufrieden oder stolz mit dem Erreichten sein. Sie kommentiert Lebensabschnitte, mit 1 Jahr Laufen „Yes! Bin ich nicht großartig?“, mit 20 Jahren Autofahren, „wurde aber auch Zeit“, und mit 40 Jahren? Da erwartet die biologische Uhr, dass wir unser berufliches Wissen bereits bewiesen und verfeinert haben. Fange ich beruflich komplett neu an, sagt die biologische Uhr: „Du hast überhaupt nichts erreicht!“

Bei dem heutigen Tempo der Entwicklung von Wissen und Technologien ist lebenslanges Lernen notwendig, wenn wir nicht den Anschluss an das gesellschaftliche Wissen verpassen wollen. Doch das oben beschriebene Phänomen verdirbt uns die Motivation. Dazu kommt, dass wir denken, lernen müsse leicht gehen. Das war es jedenfalls in der Erinnerung an unsere Schul- und Ausbildungszeit. Doch diese Erinnerung ist durch die vielen Jahre dazwischen verzerrt. Heute ist Autofahren leicht, war es wirklich leicht zu lernen? Jeder, der einen Jugendlichen dabei beobachtet, wie er etwas zu lernen versucht, was ihn nicht interessiert, kann sehen, dass es nicht leicht ist. Genau genommen ist es eine Qual. Der Jugendliche hat vielleicht eine Mutter, die ihn zum Dranbleiben motiviert und ihn in den Hintern tritt, falls ersteres nicht funktioniert. Das ist aber auch der einzige Vorteil. Das einzige, was Lernen wirklich leichter macht, ist Motivation. Doch auch mit Motivation ist Lernen immer wieder anstrengend. Es ist wie Sport. Wer käme auf die Idee, seine Fitness verbessern zu wollen, ohne sich anstrengen zu müssen?

 

Die Aussage: „Ich bin zu alt, um das noch zu lernen!“ besagt nichts über das Alter. Es macht nur deutlich, dass die Person die Sache zu schwer und den Aufwand zu groß findet. So jemand übersieht leicht, dass das Erlernen auch in jungen Jahren Zeit braucht. Und genau das könnte der Grund sein, warum sie damit noch nicht angefangen haben.

 

Nichtsdestotrotz scheint es beim Lernen einen „richtigen“ Zeitpunkt zu geben. Verpasst man diesen Zeitpunkt, ist der Anfängerstatus schambesetzt. Die wachsende Kompetenz erlebt man als „später“ Anfänger nicht als Kompetenzerweiterung, sondern als permanentes Unvermögen. Lernt ein Kind Klavier und präsentiert sein Können, dann bekommt es Beifall. Präsentiert ein erwachsener Mann die gleiche Leistung, dann ist das allen Beteiligten eher peinlich. Warum? Weil wir von einem Kind erwarten, dass es spielt wie ein Anfänger, vom einem Erwachsenen hingegen erwarten wir Können. Die Frage ist also, wie schaffe ich es, die altersbedingte und gesellschaftliche Erwartung soweit auszuschalten, dass ich mir meine Motivation bewahre, um über den Anfängerstatus hinauszukommen?

 

Tipp: Vergleiche dich nie mit Menschen in deinem Alter! Berechne lieber das richtige Vergleichsalter. Frage dich, wann beginnt man normalerweise mit dieser Fähigkeit?  Sagen wir beim Klavierspielen mit 8 Jahre und bei einem neuen Beruf vielleicht mit 18 Jahre. Dann addiere die Zeit, die du bereits investiert hast. Sagen wir 2 Jahre. Das Vergleichsalter für Klavier ist also 10 Jahre und für den Beruf 20 Jahre. Jetzt darfst du dich vergleichen. Bist du wirklich so schlecht, wie du dachtest? Vielleicht sagst du jetzt: „Ja, mag sein, aber weißt du, wie alt ich sein werde, bis ich das richtig kann?“ – „Ja, genauso alt wie du wärst, wenn du es gar nicht versucht hättest.“ *

 

Zum Glück bringt man im fortgeschrittenen Alter auch Kompetenzen mit. Wir sind ausdauernder. Außerdem wissen wir, dass im Leben nicht alles Spaß macht und trotzdem gut sein kann. Und zu guter Letzt haben wir bereits viel gelernt, sei es Sprachen, ein Instrument, Sportarten oder berufliche Themengebiete. Wir wissen also, a) wir können eine Sprache (oder anderes) lernen und b) wissen wir, wie wir das gemacht haben. Nutzen wir unsere Lebensweisheit, dann optimieren wir diesen Weg.

 

Wenn du also gerade denkst, das lerne ich nie, dann mach dir deine Kompetenzen bewusst.

 

  • Was hast du schon alles gelernt?
  • Wie hast du das gemacht? Was ist deine liebste Lernmethode (Bücher, Ausprobieren etc.)
  • Was motiviert dich, was nicht?
  • Was hast du schon alles durchgestanden? War es anstrengend?
  • Warum könnte es sich jetzt lohnen weiterzumachen?
  • Berechne ein Vergleichsalter und vergleiche dich bewusst.

 

 

Viel Spaß beim Lernen.

 

*Frei nach Julia Cameron aus „Der Weg des Künstlers“, meinem derzeitigen Lieblingsbuch.


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Über Arbeit, Spiel und Gott

Der Unterschied zwischen Arbeiten und Spielen ist, dass man mit Arbeit eine Absicht verfolgt, z.B. Geldverdienen, und beim Spielen keine. Diese Zwecklosigkeit erträgt nicht jeder, weshalb manche behaupten, dass Spielen Selbstzweck sei oder dem Lernen diene. Mir gefällt die Idee, dass es überhaupt keinen Zweck hat. Ein Junge spielt, wenn er zig Mal den Ball gegen die Wand schießt. Mir als Erwachsene fehlt nach dem 10. Mal der Sinn für diese Beschäftigung. Würde man ihm erklären, er müsse an die Wand schießen üben, dann wäre sein Spaß sicher schnell vorbei. Üben ist Arbeit, da es einen Zweck erfüllt. Merkwürdig, dass dann der Spaß so schnell stirbt.

Und Gott? Die meisten Menschen denken wohl, dass er arbeitet, schließlich unterstellen sie ihm eine Absicht. Zweifel an Gott sind im Grunde Zweifel an seiner Absicht und damit an seinem Gutsein. All die Katastrophen wie Erbeben, Hungersnöte und Kriege sprechen doch für sich. Doch was, wenn er gar nicht arbeitet, sondern spielt? Wenn er völlig zweckbefreit mal „Gutes“ und mal „Schlechtes“ tut. Mal streichelt er uns und mal zieht er uns ordentlich an den Ohren. Was, wenn ausgerechnet Gott die Unterscheidung von Gut und Böse gar nicht trifft?

Manche Menschen erklären die Willkür und all das Schlechte in der Welt damit, dass Gott uns Menschen den freien Willen schenkte, damit wir die Freiheit haben, selbst Gutes oder Schlechtes zu tun. Und diese Freiheit nehmen wir uns auch, allerdings nicht, ohne uns über die Wahl des Nachbarn zu ärgern.

Wie wäre es, das Leben als göttliches Spiel zu sehen? Dabei geht auch mal etwas zu Bruch. Aber was soll‘s, ist ja nur ein Spiel! Morgen ist auch noch ein Tag, ein Leben oder eine Gelegenheit. Wir können ihm das übel nehmen, uns darüber grämen, ihm Vorwürfe machen und behaupten, dass wir wirklich etwas Besseres verdient hätten, aber nein, er reißt die Schleuse auf und überflutet unsere Sandburg. „Oh, jetzt ist sie kaputt! Weine doch nicht, bau eine neue! Hier ist noch ganz viel Sand.“ Gott spielt, und Fehler gibt es in seiner Schöpfung nicht. Es gibt nur neue Gelegenheiten, neue Menschen, neue Arbeit oder mehr Zeit (durch den Verlust der Arbeit). Den lieben langen Tag schenkt er uns was. „Oh, das mag sie nicht! Hmm, was könnte ich ihr denn noch anbieten? Vielleicht Liebeskummer? Nein, mag sie auch nicht! Wie schade, könnte so eine spannende Erfahrung sein, und jetzt will sie die nicht.“

Meine Theorie ist, dass die Kunst des Lebens darin besteht, mit Gott zu spielen, statt das Leben als Arbeit an sich, als Schule oder Prüfung zu betrachten. Wer mag Spielkameraden, die alles, was man ihnen vorschlägt, doof finden? Oder die für jedes „gut sein“ eine Belohnung fordern?

Die Male, denen ich Gott begegnet bin, hat er gelacht. Schallend gelacht. Ja genau, über mein Leben. Er meinte: „Regine, ganz großes Kino!“ und sich weiter den Bauch gehalten. Ich fand das gar nicht lustig, aber das donnernde Gelächter bebte in meinem Körper nach. Irgendwie ansteckend.

Vielleicht ist das Leben ja doch nicht so ernst, wie ich immer dachte.


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Fehler und die Selbstachtung

Für meinen Geschmack sind zu viele Menschen mit der folgenden Vorstellung aufgewachsen: Wer Fehler macht, verdient Strafe. Die Art der Strafe variiert und reicht von Missachtung und Anschreien bis zu Nachsitzen oder Kündigung. Dabei ist eines klar: die Wertschätzung ist dahin. Und was die Sache noch schlimmer macht, ist der Glaube, dass man an der Reaktion seiner Umwelt auch noch selbst schuld ist. Man braucht sich gar nicht zu beschweren, schließlich hätte man es besser wissen können und sich mehr anstrengen müssen.

Die negativen Konsequenzen von Fehlern sind uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir uns selbst bestrafen, wenn es kein anderer für uns tut. Und so beschimpfen wir uns selbst als Versager, Nichtsnutze und hoffnungsloser Fall. Und vor allem, wir schämen uns. Wer so denkt, hat als Kind eines gründlich gelernt: „Schäm dich! Du hast einen Fehler gemacht.“ Doch genau da liegt das Problem. Wenn wir uns schämen und Angst vor Strafe haben, ist es uns NICHT möglich, irgendetwas anderes zu lernen, als diese Situation in Zukunft zu vermeiden. Vermeidungsstrategien können sein: Die Schule schwänzen, lügen, nichts mehr sagen, die Diplomarbeit gar nicht erst anfangen. Neue Kompetenzen erwerben wir damit nicht. Und unser Selbstwertgefühl lässt sich damit auch nicht aufbauen.

Schade, weil Lernen, ohne Fehler zu machen, nicht möglich ist! Kein Kind lernt laufen, ohne hinzufallen. Kein Erwachsener lernt seinen Beruf, ohne Fehler zu machen. Und kein Senior lernt den Umgang mit dem PC, ohne dass alles plötzlich weg ist und er nicht weiß, warum. Auch soziale Beziehungen wollen gelernt sein. Eltern machen Fehler. Neue Freunde oder Kollegen machen Fehler. Und Eheleute machen Fehler. Doch ohne diese Fehler wüssten sie nicht, worauf es ankommt.

Um einen neuen Umgang mit Fehlern zu lernen, braucht es oft einen Heilungsprozess. Die Blockaden, die aus den gründlich gelernten Vermeidungsstrategien entstanden sind, sitzen tief. Erst wenn ich meine Scham und Angst ausdrücken kann, ist es mir möglich in Erwägung zu ziehen, dass Fehlermachen ungefährlich ist. Denn bei jedem Fehler, den ich unweigerlich irgendwann mache, stellt sich das Schamgefühl oder die Angst ein. Erst nach dem Ausdrücken der Gefühle kann man lernen, sich selbst Fehler zu verzeihen.

Heiße ich schließlich meine Fehler willkommen und feiere ich sie als die Gelegenheit, etwas Neues zu lernen, dann habe ich den entscheidenden Schritt gemacht. – Herzlichen Glückwunsch!

In diesem Sinne lasst uns unsere Fehler feiern:

„Yes!!! Ich habe einen Fehler gemacht! Jetzt kann ich mich weiterentwickeln!“