gefühlte Gedanken

fühlend selbst-bewusst verstehen wollen


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Wozu ist das Sterben gut?

Gedanken zum Buch: Das Atman-Projekt von Ken Wilber

Wenn ich mir die Natur anschaue, dann geht Leben nicht ohne Sterben. Füchse fressen Hasen, sonst können sie nicht leben. Hasen fressen Löwenzahn, sonst können sie nicht leben. Es fällt schon auf, dass nur das, was einmal gelebt hat, nahrhaft für andere ist. Tote Materie kann keine Nahrung sein. Das Leben erneuert sich selbst. Ist Sterben dann ein Bedürfnis? Die meisten würden das abstreiten. Schließlich wehren wir uns mit Händen und Füßen gegen den Tod. Der Hase rennt um sein Leben, die Pflanze entwickelt über Jahrhunderte Dornen und Gifte. Der Mensch entwickelt die Medizin im Kampf gegen den Tod. Doch zumindest wir Menschen kennen  in Lebenskrisen auch die Todessehnsucht. Es gibt Moment, da kann der Tod als Wohltat erscheinen, ein Ort der Ruhe und des Versinkens. Versinken worin?

Im Tibetischen Totenbuch kann man lesen, dass der Geist des Verstorbenen sich im Licht des Göttlichen auflöst. Das soll so schön sein, dass es für den Normalsterblichen nicht  lange auszuhalten ist. Die Erfahrung des Göttlichen ist letztlich erschreckend, so dass die meisten Seelen freiwillig aus dem Göttlichen fallen (Stufe um Stufe), bis sie im nächsten Körper wiedergeborgen werden.

Dies beschreibt Ken Wilber in seinem Buch: Das Atman-Projekt. Er skizziert den großen Kreis der menschlichen Entwicklung zu Lebzeiten (Evolution) und im Tode (Involution).

Dabei beschreibt er auch die Funktion des Sterbens. Da echte Transformation bedeutet, dass ein Teil von uns stirbt, der sich ursprünglich für die gesamte Persönlichkeit hielt, ist die Todesangst Teil des Prozesses. Und der Todestrieb (den schon Sigmund Freud postulierte) ist der Trieb, der uns in die angstbesetzte Zone der nächsten anstehenden Entwicklung zieht. Der Todestrieb (Thanatos) stellt im Namen der Entwicklung alles in Frage (auch die eigene Identität), wohingegen der Lebenstrieb (Eros) zutiefst mit dem Leben identifiziert ist. Er kämpft, um die eigene Identität als das höchste zu erhaltende Gut. Die feste Identifikation mit dem, was man für ICH hält, bietet Raum sich selbst kennenzulernen, sich auszuprobieren und Kraft zu tanken. Aber ohne seinen Gegenpol Thanatos hält Eros uns in ewiger Selbstbestätigung auf einer Stufe fest. Zu viel Thanatos hingegen beschleunigt die Entwicklung stark und kann die Persönlichkeit überfordern. Doch beide Triebe beruhen auf der Anziehung zwischen dem göttlichen Funken in uns und dem Göttlichen an sich. Alles bewegt sich darauf zu. Eros treibt uns an, die Grenzen unserer Identität auszuloten, und Thanatos, diese zu überwinden. Und dieser Prozess kommt erst mit der Erleuchtung zum Stillstand.

Hier nochmal ein Blick auf die typischen Stufen der Entwicklung. Wenn wir auf die Welt kommen, entwickeln wir als erstes ein Körper-Ich (Säugling). Wir sind ganz Körper, alles dreht sich um Nahrung und körperliche Zuwendung. Damit wir ein ICH ausbilden können, welches auf geistigen Eigenschaften beruht, (Alter 2-4 Jahren) müssen wir die volle Identifikation mit dem Körper loslassen, was sich anfühlt wie sterben. Das Körper-ICH (das alte Selbst) muss sich seiner Todesangst stellen und lernen, dass es auch ohne Mutterbrust (kann man wörtlich und symbolisch verstehen) leben kann. Diese Erkenntnis und Erfahrung schafft Raum für eine neue Identität.

Bis wir erwachsen sind, bilden wir im Idealfall ein reifes ICH aus. Und danach kann, muss aber nicht, der Sprung zum transpersonalen ICH folgen. Doch dazu braucht es wieder ein Sterben. Diesmal stirbt die ICH-Identität und das ist keine leichte Sache. Schließlich leben wir in einer ich-verliebten Gesellschaft. Die meisten Menschen sind auf der ICH-Stufe. Während das soziale Umfeld Kinder und Jugendliche motiviert, den nächsten Entwicklungsschritt anzugehen, bremst es bei der Entwicklung zum transpersonalen ICH. Doch das ändert nichts daran, dass die Sehnsucht „ganz zu sein“ uns ein Leben lang bewusst oder unbewusst antreibt. Und wie zufrieden wir mit unserem Leben sind, hängt davon ab, wie bereitwillig wir uns mal auf das Leben und mal auf das Sterben einlassen. Beides gehört zusammen.

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Das Wir-Gefühl und die Abgrenzung

Wir Menschen sind die sozialsten Wesen auf diesem Planeten. Wer das nicht glaubt, bedenke: für alles, was uns zum Menschen macht, Denken, Sprechen und Aufrecht-gehen (nur eine kleine Auswahl), brauchen wir andere Menschen. Wir lernen nur laufen, wenn uns aufrecht gehende Menschen die Hand halten. Du könntest kein Wort sprechen, wenn nie jemand mit dir gesprochen hätte. „Mensch sein“ und vor allem „Mensch werden“ können wir nur in Gemeinschaft, niemals alleine.

Unsere Gesellschaft betont hingegen die Individualität. Doch sich als eigenständiges ICH zu sehen, ist nur die eine Hälfte der menschliche Entwicklungsaufgabe. Die andere Hälfte ist die Fähigkeit, Teil einer Gruppe zu sein, sich als WIR zu fühlen und so zu handeln. Und beides miteinander kombiniert ist die hohe Schule der Beziehung: ein ICH im WIR zu sein.

Ich möchte heute dem Wir-Gefühl nachspüren (und wenn ich von Gruppen spreche, meine ich ebenfalls Zweierbeziehungen). In diversen Kommunikationsschulen ist es heute fast schon verpönt, von WIR zu sprechen. Doch wie wäre unser Leben, wenn es kein WIR mehr gäbe? Das WIR einer Gruppe fühlen wir meistens so intuitiv, dass es uns gar nicht bewusst ist. Einer mag enttäuscht sagen: „Die wollten nicht mehr tanzen gehen!“ – „Hast du sie gefragt?“ „Nein, aber es war klar!“ Wer so etwas erzählt, bezieht sein Wissen aus dem Gruppengefühl. Fehlt einem dieses Gefühl, dann stößt man sich eine blutige Nase bei dem Versuch, etwas in einer Gruppe durchzusetzen, das dem Gruppenwillen entgegensteht.

Das WIR als Gefühl ist unter anderem so schwer greifbar, weil das WIR nicht für sich selbst sprechen kann. Es spricht immer durch den Einzelnen. „WIR wollen zu Hause bleiben!“, sagst DU. Ob du für alle sprichst, erkennt man erst an den Reaktionen. Es braucht den Austausch zwischen dir und mir, um zu erkennen, was WIR wollen. Dabei darf man sich das Wir-Gefühl nicht so vorstellen, als würde ICH im WIR völlig aufgehen und damit verschwinden. Nur weil WIR in dieser Gruppe gerne tanzen gehen, heißt das nicht, dass ICH immer gerne tanzen gehen MUSS. Interessensgemeinschaften wie Sportgruppen definieren sich über die gemeinsame Aktivität. Aber wer lange dabei ist, gehört auch zum Wir-Gefühl, wenn er nicht da ist. Das Wir-Gefühl lässt sich mit einem Feld vergleichen, in dem man die zwischenmenschliche Verbindung und die gemeinsamen Ziele fühlen kann. Es ist nicht allein die Summe aus dir und mir, es ist mehr als das und auf eine Art eigenständig.

Das kann man zum Beispiel in Firmen spüren. Auch wenn die Mitarbeiter nicht alle kennen, hat fast jeder das Gefühl zu wissen (der länger dabei ist), was „die Firma“ will. Die Firma will natürlich gar nichts. Sie ist das Gebäude, das Management, die Produktpalette, die offizielle und inoffizielle Firmenphilosophie, die Mitarbeiter und ihre Firmengeschichte. Das Wissen, was die Firma will (im Sinne eines Wir-Gefühls), dieses Wissen hat das ICH, weil es gleichzeitig WIR ist. Das klingt abstrakt, aber wir tun es jeden Tag. Und dieses Gefühl macht es möglich, im Sinne einer Gruppe zu handeln, selbst wenn diese nicht 100% mit meinen Werten übereinstimmt.

Das vertraute Wir-Feld bietet auch die Möglichkeit sich selbst im Kontakt mit anderen besser wahrzunehmen, also die eigene Individualität zu spüren. Im Kontakt mit dir, die du tanzen gehen möchtest, spüre ich, dass es mir nicht gut geht, und ich den geschützten Ort auf meinem Sofa der offenen Tanzfläche vorziehe. Wenn du deine andersartigen Wünsche zeigst, bemerke ich die meinen besser. Doch Unterschiede erlebt man nur als Bereicherung, wenn man sicher ist, dass diese nicht zum Ausschluss führen. Es braucht ein sicheres Wir-Gefühl damit an der Schnittstelle von „ich bin wie du“ und „ich bin anders als du“ beides, Individuation und Gemeinschaft, entstehen kann. Die Qualität und Tiefe von Gemeinschaften zeigt sich in der Fähigkeit, mit der Spannung aus Individualität und Gemeinsamkeit umzugehen.

Doch Spannung braucht zwei Pole. Sie braucht gegensätzliche Energien. Lasse ich sofort meine Energie entweichen, aus Angst die Beziehung würde die Spannung nicht aushalten, wenn ich anderer Meinung bin, dann bietet Gemeinschaft nur die Möglichkeit: „gleich zu sein“ und „eine Meinung zu haben“. Eine Zeitlang ist das erholsam, auf Dauer ist das die Hölle. Um aus dem „Gleich sein“ herauszutreten, dafür brauche ich die Fähigkeiten, mich abgrenzen zu können.

Was ist Abgrenzung?

Ein gut abgrenzter Mensch, kennt seine Grenzen (wie in „abge-grenzt“ erkennbar) und teilt sie mit. Das heißt, wenn mein Partner, meine Freundin, mein Teamkollege etwas sagt, womit ich absolut nicht einverstanden bin, dann sind meine Abgrenzungskompetenzen gefragt. Das bedeutet, ich muss Stellung beziehen, mich gegen deine Meinung stellen. Warum ist das so wichtig? Es ist wichtig, weil ICH innerlich aus dem Wir-Gefühl aussteige, sobald jemand MEINE Grenzen überschreitet. Ich ziehe mich innerlich zurück wie eine Schnecke in ihr Schneckenhaus. Ich bin nicht mehr Teil der Gruppe. Sage ich nichts, schütze ich nur scheinbar die Verbindung. In Wirklichkeit verstecke ich nur den Bruch. Wenn niemand etwas davon erfährt, dann vergeht die Chance UNSERE Ansichten zu überdenken und etwas zu finden, was für UNS passt.

Doch wie oben erwähnt, entsteht das WIR im Austausch über das, „was du willst und was ich will“. An der Kante von „gleich“ und „verschieden“ wächst nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern auch die Individualität jedes einzelnen. Wenn wir meinen, wir müssten uns für das eine oder andere entscheiden, für meinen Wunsch oder deinen, dann verpassen wir die Chance, gemeinsam zu wachsen. Das lebendige WIR verändert sich, und dazu braucht es immer wieder neu das Suchen um, das, was uns verbindet. Eine vorgetäuschte Bestätigung zerfrisst das WIR unterirdisch.

In Gruppen zu sein, ist das Spielfeld, sich SELBST an der Grenzen zum WIR zu erfahren.

Viel Spaß dabei!

 


Ein Kommentar

Wut und Angst, zwei destruktive Verbündete

Als eher verstandesorientierter Mensch war für mich das Buch: Eine „Gebrauchsanweisung für Gefühle & Emotionen“ von Vivian Dittmar sehr erhellend. Ihre Theorie zu den fünf Gefühlen Wut, Traurigkeit, Angst, Freude und Scham habe ich bereits in meinem Blog „Die Aufgabe hinter den Gefühlen“ vorgestellt.

Heute will ich auf den Aspekt eingehen, dass wir nicht immer das richtige Gefühl zur richtigen Situation produzieren. Unpassende Gefühle verpulvern unsere Energie und tragen zu der Vorstellung bei, dass Gefühle irrational und im Konfliktfall zu nichts nutze sind. Das stimmt nur für unpassende Gefühle. Passende Gefühle geben uns Kraft. (Siehe oben genannten Blog).

Wie weiß man nun, ob eine emotionale Reaktion passt?

Das möchte ich am Beispiel der Wut veranschaulichen. Vivian Dittmar sagt, wenn ich eine Situation oder ein Verhalten als „falsch“ bewerte, dann erzeuge ich Wut. Passend ist sie, wenn ich mir dabei zwei Fragen, wie folgt, beantworte.

  1. Ist die Situation für mich akzeptabel? – nein (die erste Reaktion auf eine inakzeptable Situation ist für viele Menschen Wut)
  2. Kann ich die Situation ändern? – Ja

Nur, wenn ich die Situation für veränderbar halte, ist Wut das richtige Gefühl (akzeptieren – nein, verändern – ja). Beurteile ich zum Beispiel meine Vergangenheit als falsch und erzeuge damit Wut, schade ich mir damit selbst. Ich kann sie nicht mehr ändern. Die Wut wabert dann als Handlungsenergie in mir, doch einsetzen kann ich sie nicht. In diesem Zusammenhang ist sie nur eine Durchgangsstation. Das einzige Gefühl, was mich da weiterbringt, ist Trauer (akzeptieren – ja, verändern – nein). Trauerarbeit heißt, nach und nach das akzeptieren lernen, was nicht mehr zu ändern ist.

Häufig ist jedoch die Antwort auf die Frage „Kann ich etwas ändern?“ nicht ja, sondern nein. Die emotional passende Antwort ist dann Angst (akzeptieren – nein, verändern – nein). Angst ist schwer auszuhalten. Schließlich sehen wir zunächst keine Möglichkeiten. Viele Menschen werden deshalb lieber wütend. Doch sie produzieren eine unpassende Wut, da sie nichts ändern können. Sinnlos erscheinende Gewaltakte wie Brandstiftung an Flüchtlingsheimen oder Amokläufe in Schwulendiskos lassen sich mit einer fehlgeleiteten Wut erklären. Wenn ich nicht akzeptieren kann, dass Flüchtlingsheime in meiner Nachbarschaft gebaut werden und ich daran nichts ändern kann, macht das Angst. Damit könnte man umgehen, wenn man zu seiner Angst stehen würde. Doch es gibt Menschen, die nicht nur Flüchtlingsheime falsch finden, sondern auch, dass ihnen das Angst macht. Darf die Angst nicht sein, dann wird sie blockiert, sucht sich einen neuen Weg und findet ein Ventil in der zulässig erscheinenden Wut. Doch Wut aus Angst verliert ihre konstruktive Kraft. Sie ist aus Hilflosigkeit geboren. Mit Brutalität versucht manch ein Gewalttäter, seine Hilflosigkeit zu übertünchen. Die Tatsache, dass etwas da ist, inakzeptabel und unveränderbar, kann zu dem Wunsch führen, das unannehmbare Objekt (Flüchtlingsheim oder Schwule) einfach zerstören zu wollen.

Angst ist wie eine Tür, durch die man durch muss, bevor man einen unbekannten Raum mit neuen Möglichkeiten betritt. Sind wir in dem Raum hinter der Angst angekommen, dann passiert vielleicht das Unerwartete und wir schauen uns das Flüchtlingsheim mit seinen Bewohnern von Mensch zu Mensch an. Dann trauen wir uns vielleicht einen ehrlichen Blick auf unsere eigene Sexualität zu werfen, statt die von Homosexuellen zu verurteilen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten mit Angst umzugehen, wir müssen nur den Blick frei bekommen, doch Wut verengt ihn.

Wut ist nicht nur unpassend, wenn sie eigentlich ein Ausdruck von Angst ist. Wut ist auch unpassend, wenn sie mit der falschen Intensität ausgedrückt wird. Wenn zum Beispiel meine Nachbarin nachts um 12 Uhr laut Musik hört, dann besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dass ich etwas daran ändern kann. Allerdings hängt die passende Menge Wut an zwei Faktoren. Zum einen, wie überzeugt bin ich von meinen Einflussmöglichkeiten, und zum anderen, mit wieviel Widerstand rechne ich. Habe ich Zweifel an meiner Durchsetzungskraft, dann brauche ich viel Wut, um die Zweifel zu kompensieren und mit Wutenergie mir Mut zu machen. Unterschätze ich meine Einflussmöglichkeiten, besteht die Gefahr, dass ich mit meiner Wut weit über das Ziel hinausschieße. Das richtige Maß hingegen unterstützt mich, mein Bedürfnis nach Ruhe ernst zu nehmen und es angemessen durchzusetzen.

Auch das Gegenteil kann der Fall sein. Ein Freund erzählte mir, er habe seine Freundin zig Mal gebeten, ihm Bescheid zu sagen, wenn sie später als verabredet nach Hause kommen würde. Doch sie berücksichtigte seinen Wunsch nie. Eines Tages riss ihm der Geduldsfaden und er schrie sie an: „Weißt du eigentlich wie Scheiße es ist, hier rumzusitzen, ohne zu wissen, wie lange du im Büro hockst?“ Und sie schaut ihn erstaunte an und sagte: „Sag das doch! Ich wusste gar nicht, dass dir das so wichtig ist!“ Sein höflich formulierter Wunsch war nicht als persönlich wichtige Angelegenheit angekommen.

Nicht nur die Wut können wir „unpassend“ ausdrücken. Auch Angst, Trauer, Scham und selbst Freude können innerlich abgelehnt (d.h. verdrängt) werden, und sich danach auf Irrwegen wieder zeigen. Ob du die „Kraft der Gefühle“ konstruktiv einsetzt, kannst du mit den beiden Fragen testen.

Hier die Antwortmuster:

Ist die Situation für mich inakzeptabel, aber veränderbar, ist das passende Gefühl Wut.

Ist die Situation für mich inakzeptabel, aber ich weiß nicht, was ich tun soll, ist das passende Gefühl Angst.

Geht es darum etwas zu akzeptieren, was eben so ist (wie zum Beispiel die Vergangenheit), dann ist Trauer das richtige Gefühl.

Finde ich mich in meinem Verhalten inakzeptabel, ist das passende Gefühl Scham und es geht darum mich selbst zu reflektieren (Kann ich etwas ändern? Will ich etwas ändern? Oder geht es darum, mich in meinem So-Sein zu akzeptieren?).

Oder ich finde die Situation großartig und will überhaupt nichts ändern, dann ist das passende Gefühl Freude.

Für Details verweise ich nochmal auf den Blog Die Aufgabe hinter den Gefühlen.


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Ein Leben aus vollem Herzen

Die amerikanische Schamforscherin Brené Brown ging zu Beginn ihrer Forschungsreise davon aus, dass Menschen mit starken Schamgefühlen unsicher und fremdbestimmt sind. Doch dann stellte sie fest, dass das nicht immer zutraf. Es gab immer wieder Probanden, die trotz intensiv erlebter Schamgefühle ein sehr authentisches Leben führten.

Heute nennt sie diese Leute: „Menschen, die aus vollem Herzen leben“ und ist dankbar, dass das unangenehme Gefühl Scham sie zu dem Weg führte, wie man ein authentisches Leben lebt. Dabei schien die entscheidende Frage zu sein: Warum lassen sich diese Menschen von ihren Schamgefühlen nicht aus der Bahn werfen? Was macht sie „schamresistent“? Wie gelingt es ihnen, trotzdem authentisch zu bleiben und nicht den eigenen Wert zu opfern?

Die Antwort ist, sie kultivieren bestimmte Formen von Mut.

  1. Mut sich zu zeigen. Das, was wir erleben, und das, wie unsere Umwelt auf uns reagiert, kommt nur überein, wenn wir ehrlich sagen, was in uns ist. Und das ist nicht immer schön, nicht immer bequem und noch nicht einmal immer das, was wir wollen. Aber es ist unsers! Wir sind die Urheber unserer Gefühle, auch wenn es uns manchmal so vorkommt, als würden uns unsere Gefühle passieren oder andere sie verursachen.

Mut sich selbst treu zu sein: Auch Nicht-konform-gehen mit dem, was unsere Mitmenschen meinen oder wollen, erfordert Mut. Es ist übrigens eine Illusion, wenn wir glauben, dass ein authentisches Leben leicht gehen müsste. Das kann es, das tut es auch oft und dann gilt es, das zu genießen. Aber sehr oft ist es unbequem, weil wir ein Risiko eingehen. Das Risiko, nicht zu wissen, wie unsere Mitmenschen unser Verhalten finden.

„Menschen, die aus vollem Herzen leben“ stehen zu ihrer Verletzlichkeit. Sie versuchen sie nicht zu verstecken und auch nicht anders zu sein, als sie sind. Und damit löst sich ein verbreitetes Bild auf, das Stark-sein und Verletzlichkeit für unvereinbar hält. Es ist genau andersherum. „Verletzlichkeit macht stark“, wie Brené Brown eines ihrer Bücher nennt.

Wenn du authentisch sein willst, dann…

  1. lasse los, wer du glaubst, sein zu müssen, und umarme die, die du wirklich bist.
  2. kultiviere den Mut, unvollkommen zu sein, Grenzen zu setzen und verletzlich zu sein.
  3. übe Mitgefühl, indem du dir bewusst machst, dass jeder von uns Stärken und Schwächen hat. Mitgefühl ist auch deshalb so wichtig, weil es das Gegengift von Scham ist. Der Quantensprung, den es in der Scham zu machen gilt, ist, sich von dem Mitgefühl seiner Mitmenschen wieder berühren zu lassen. Die meisten Menschen blocken Mitgefühl ab, weil sie in der Scham davon überzeugt sind, es nicht wert zu sein.
  4. kultiviere Verbundenheit und Zugehörigkeit; nicht nur, indem du daran glaubst, dass andere genügen, sondern auch, indem du daran glaubst, dass du genügst. Zu jeder Verbindung gehören zwei. Du und ich. Wenn nur du mir wichtig bist, dann fehle ich. Wenn nur meine Ansicht wichtig ist, dann fehlst du.
  5. Widme dich Dingen, die dir wirklich wichtig sind. Nicht der Erfolg entscheidet darüber, ob etwas wichtig ist, sondern der Sinn, den du daraus ziehst. Hier hilft die Frage: Was ist es wert, getan zu werden, selbst wenn ich es mir nur unvollkommen gelingt oder ich mich plage?


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Negativ sticht positiv – eine biologische Programmierung

Beim Erinnern bevorzugt das Gehirn negative Erlebnisse. Je schlimmer und bedrohlicher sie sind, desto tiefer prägen sie sich ein. Und nicht nur das, taucht die Erinnerung wieder auf, reaktiviert unser Gehirn alle dazugehörenden Gefühle und schwämmt damit den Körper. Es stellt damit sicher, dass wir uns vor lebensbedrohlichen Dingen fernhalten und die Auslöser auf gar keinen Fall vergessen. Das funktioniert so gut, dass manche Eltern es als effektive Erziehungsmethode schätzen. Hat man einmal gelernt, sich für etwas zu schämen, taucht das Gefühl beim bloßen Gedanken daran wieder auf.

Der Nachteil liegt auf der Hand. Gehorsame Kinder, die durch Angst und Scham zu einem angepassten Verhalten gebracht wurden, haben keinen Selbstwert. Die Werte, nach denen sie leben, sind nicht ihre eigenen. Schließlich bedeutet Selbstwert, dass der Wert aus einem selbst kommt. Man könnte sagen, diese Kinder haben Fremdwert.

Marktforscher haben herausgefunden, dass es 7 positive Nachrichten zu einem Produkt braucht, bis ein Kunde nach einer Negativaussage seine Meinung wieder ändert. Daraus kann man ableiten, dass unser Gehirn negative Ereignisse um den Faktor 7 bevorzugt. Wer das überprüfen möchte, gehe zum nächsten Zeitungsstand und beobachte mal, welches Titelblatt seine Aufmerksamkeit als erstes auf sich zieht. Auch wenn man keine Bildleserin ist, wird es wahrscheinlich das Bild der IS-Kämpfer sein, die wütend die Gewehre schütteln, oder das Bild der ausgebrannten Wohnung mit weinenden Menschen im Vordergrund. Die hübsche Zimmerdeko von „Schöner Wohnen“ nimmt man in den ersten 5 Sekunden nicht wahr. Sollten die Marktforscher Recht haben, wird es 7-mal länger dauern, bis wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten. (Ich würde behaupten, es dauert länger.)

Was hat das für Folgen auf unser Selbstbild? Braucht man ein gutes Gedächtnis, damit man mit sich selbst zufrieden ist? Ist es nicht praktischer, vergesslich zu sein, um sich an all die Fauxpas und Fehler nicht zu erinnern? Nur, wenn einem das Vergessen des Negativen gelingt, dann gelingt das Vergessen des Positiven noch viel besser.

Hier eine kleine Übung: Versuch dich an etwas zu erinnern, was du gestern getan hast und das du gut findest. Es muss nichts Großes sein. Zum Beispiel so etwas wie: „Ich habe endlich die Küche geputzt, es sieht so schön aus.“ Es gibt zwei Bedingungen für diese Übung: a) du musst das, was du getan hast, positiv bewerten und b) du musst diese Wertung auch fühlen können (die gefühlte Freude ist der Beweis, dass du deine Werte erfüllt hast und nicht die deiner Mutter).

Wem das schwer fällt, dem empfehle ich, diese Übung jeden Morgen zu machen. Schreibe in ein Tagebuch fünf positive Taten des gestrigen Tages. Sollten es am Anfang nur 1 oder 2 sein, verliere nicht den Mut. Mache weiter und überprüfen einmal, ob du den Level von dem, was du als „gut“ bezeichnen würdest, hinunterschrauben kannst, sodass es fünf Stück werden. Wenn man will, dass es eine Wirkung auf das Gehirn hat, dann sind drei Monate ein guter Zeitraum, diesem eine neue Funktionsweise beizubringen. Weniger ist natürlich auch gut. Ich habe es ungefähr ein halbes Jahr lang gemacht. Nicht nur, dass es die Meinung von mir selbst verbessert hat, sondern auch, dass mein Gedächtnis allgemein, deutlich besser geworden ist. Zufrieden beendete ich die Übung, um nach zwei Wochen wieder anzufangen – ich vermisste die angenehmen Gefühle zu sehr.

Fazit: Wenn der Focus stimmt, dann ist ein gutes Gedächtnis dem Selbstwert sehr förderlich!


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Selbstbewusstseins – ein Vorteil der Evolution?

Antonio Damasio schreibt in seinem Buch „Selbst ist der Mensch“, dass Bewusstsein nicht etwas ist, das erst mit der Menschheit aufgekommen ist. Unsere Einzigartigkeit beruht nicht auf Bewusstsein, sondern auf Selbst-Bewusstsein. Seine These ist, dass Selbstbewusstsein einen Überlebensvorteil darstellte, sonst hätten unsere Vorfahren nicht überlebt und das menschliche Gehirn wäre nie so groß geworden. Wenn ich mir anschaue, wie viele Menschen es mittlerweile auf der Erde gibt, dann würde ich sagen, er hat recht.

Wie kam es also dazu?

Auch für eine Pflanze ist es gut, wen sie sich selbst fühlen kann (Grundbedingung des Bewusstseins) und wenn sie damit auch spüren kann, was gut für sie ist (Bedürfnisse). Warum? Wie soll sie wissen, wohin sie wachsen soll, wenn sie nicht die Sonne auf ihren Blättern spüren könnte? Wie sollte sie sonst auf die Idee kommen, sich dorthin zu drehen? Doch alle Pflanzen wachsen in Richtung Sonne.

Sich selbst und seine Umwelt spüren zu können ist gut. Sie sehen, hören und vor allem sich darin bewegen können ist noch besser. So machen es die Tiere.

Ein Tier kann nicht nur die Außenwelt mit seinen Sinnen erkennen, es nimmt auch sein Innenleben deutlich differenzierter wahr als Pflanzen. So können Tiere Gefühle wie Aggression, Zuneigung oder Hunger unterscheiden und passend darauf eingehen. Diese Gefühle zeigen ihnen an, ob es jetzt angesagt ist, das Revier zu verteidigen, mit Artgenossen zu Schmusen oder Nahrung zu suchen. Tiere kennen ihre Umwelt und sich selbst deutlich besser als Pflanzen und sind damit bewusster. Deshalb haben sie mehr Möglichkeiten, wenn die Umweltbedingungen mal nicht so sind, wie sie sie brauchen.

Bei uns Menschen kommen erstmal alle vorherigen Komponenten des Bewusstseins zusammen.

  • Den eigenen Körper fühlen können
  • Eigene Gefühle erkennen und Aktionen daraus ableiten
  • Die Umwelt kennen und wissen, welchen Einfluss sie hat
  • Die eigenen Möglichkeiten kennen
  • Die besonders wichtigen Fähigkeiten an die Nachkommen weitergeben

Das sind alles Komponenten von Bewusstsein, doch bei uns Menschen kommt noch ein „Selbst“ dazu. Dieses Selbst, das wir auch „ich“ nennen, setzt alles, was passiert, mit sich selbst in Beziehung. Erkennt der sogenannte Selbstprozess keine Beziehung oder Bedeutung zwischen einem Ereignis und sich selbst, wird dieses sofort wieder vergessen. Dieses Selbst sagt: Meine Gefühle, meine Bedürfnisse, meine Umwelt, meine Möglichkeiten, meine Liebsten, meine Träume. Es stellt permanent zu allem einen Selbstbezug her, indem es fragt: „Was hat das mit mir und meinem Leben zu tun?“

Jetzt erlebt der eine oder die andere es nicht als Vorteil, alles auf sich selbst zu beziehen. Wenn alles, was mein Nachbar denkt, für mich Bedeutung hat, kann das anstrengend werden.

Um den Vorteil in Bezug auf das Selbst zu verdeutlichen, hier der Vergleich zu meiner Hündin Nita. Im Gegensatz zu Nita weiß ich heute noch, dass ich gestern beim Arzt war (sagen wir bei der Hautvorsorge) und dass der Arzt meine Leberflecken auffällig fand. Ich weiß, das kann Einfluss auf mein Leben haben. Ich kann mir verschiedene Zukunftsszenarien vorstellen, und eine relativ harmlos könnte sein, darauf zu achten, keinen Sonnenbrand mehr zu bekommen.

Meine Hündin weiß all das nicht. Was sich sicher auch positiv auf ihr Wohlbefinden auswirkt, aber eventuell nicht auf ihr Überleben. Im Bewusstsein eines Säugetieres gibt es nur die Gegenwart. Das heißt, Nita weiß nicht mehr, dass sie gestern beim Tierarzt war. Sie erkennt aber sofort, wenn wir jetzt zum Tierarzt gehen. Dann reagiert sie emotional und bekommt Angst. Sie hat aber überhaupt kein Bewusstsein darüber, was dieser Besuch für sie bedeutet (Selbstbezug). Sie bemerkt nur „unangenehm“ und folgert der inneren Programmierung „vermeiden!“ Beides läuft unter Umständen auch in mir ab, nur dass ich dem Ganzen zusätzlich eine Bedeutung gebe. Diese Bedeutung ist: „1. Ich mag Vorsorgetermine nicht. 2. Ich erkenne, dass sie für mich sinnvoll sind, da ich so viele Muttermale habe! 3. Es könnte sich positiv auf mein Überleben auswirken!“

Hier liegt der Vorteil des Selbst. Es schafft Bedeutung, noch bevor das Problem da ist. Das heißt, bevor ich mich krank fühle, tue ich etwas für meine Gesundheit. Ein wildes Tier wird erst dann etwas tun, wenn es krank ist. Dann könnte es anfangen, Heilkräuter zu fressen. Das setzt sich in allen Lebensbereichen fort. Zum Beispiel tue ich etwas für meine Ernährung, bevor ich Hunger habe (Geldverdienen, Einkaufen etc.).

Der Wunsch zu leben ist die mächtigste Motivation überhaupt. Sie übersteigt unseren Wunsch nach Wohlbefinden bei weitem. Das ist der Grund, warum sich die Biologie nicht für das Glücklichsein interessiert! Überleben ist wichtiger! Unter diesem Gesichtspunkt ist es extrem sinnvoll, über Probleme nachzudenken, bevor sie existieren. In Sachen Glücklichsein dagegen kann es sehr nachteilig sein, den größten Teil seiner Zeit über Probleme nachzudenken, die es nicht gibt. Das Ganze wird dadurch noch sinnloser, wenn man bedenkt, dass wir nur Zeit haben, über all die nicht-existierenden Probleme nachzudenken, weil unser Überleben gesichert ist! Hier beißt sich leider der menschliche Überlebensvorteil in den nicht-existenten Schwanz.

Für all die Menschen, die das Glück haben, keine Angst mehr vor dem Verhungern haben zu müssen, gilt, dass die eigentliche Herausforderung des Lebens darin besteht, über die biologische Programmierung des Selbstbezugs hinauszuwachsen.

Veränderung leicht gemacht


Ein Kommentar

Gefangene der eigenen Sicht

Die Vorstellung, dass andere Menschen so fühlen, wie wir fühlen, gibt uns Sicherheit, weil es Verhalten voraussagbar macht. Andersartigkeit verunsichert uns. Man beobachte einfach einmal seine eigene innere Reaktion beim Treffen mit offensichtlich andersartigen Menschen. Zum Beispiel gehe ich gerne auf räumliche Distanz, wenn ich einer Gruppe von Flüchtlingen begegne. Das Gleiche kann einem auch mit Menschen des anderen Geschlechts oder mit behinderten Menschen passieren. Die Andersartigkeit von Mitmenschen kann Gefühle von Befangenheit, Unsicherheit bis zu offener Ablehnung hervorrufen. Ich selbst will allen Menschen auf Augenhöhe und gleichberechtig begegnen, aber mein Sicherheitsempfinden zieht oft die sichere Distanz vor.

Es muss nicht gleich Angst um die eigene Sicherheit sein, die Vorurteile wirken lässt. Schon die Irritation, dass man das Verhalten anderer einfach nicht versteht, kann sehr unangenehm sein. So gab es eine Zeit, da wurde ich (deutsche, weiße Frau) im Stadtpark regelmäßig von afrikanischen Männern angesprochen und innerhalb von 5 min gefragt, ob ich sie heiraten wolle. Ich verstand überhaupt nicht, wie diese Männer auch nur in Erwägung ziehen konnten, dass ich dazu „ja“ sagen würde. Zufällig erzählte mir eine Freundin, dass direkter Augenkontakt in Afrika für sexuelles Interesse zwischen Männern und Frauen stehe. Für mich war es „normal“ und eine Frage der Höflichkeit und des Respekts, Menschen direkt in die Augen zu schauen. Diese Höflichkeit wollte ich auch Schwarzafrikanern angedeihen lassen und schaute sie im Vorbeigehen direkt an. Wie ich also erfuhr, ist es für afrikanische Männer hingegen „normal“, diesen Blickkontakt als sexuelles Interesse zu interpretieren. Seit ich das weiß, werde ich nicht mehr angesprochen. Und Urteile wie: „Schwarze Männer respektieren meine Grenze als Frau nicht!“ fallen weg, ohne dass wir je darüber gesprochen hätten.

Auch wenn es durch optische Andersartigkeit leicht ist, sich bewusst zu sein, dass diese Menschen anders ticken könnten, kann man leider schlecht nach deren Verständnis für adäquates Verhalten fragen. Unsere Normalität ist für uns selbst nicht erkennbar. Hätte ich einen der Männer direkt gefragt, wie er auf die Idee kommt, mich heiraten zu wollen, hätte ich wahrscheinlich keine brauchbare Antwort bekommen. Für so unbewusstes Verhalten braucht es den Blick von außen. Erst wenn wir unser normales Verhalten als entgegen der Norm erlebt haben, fällt uns das Label „normal“ überhaupt auf. Dazu kommt, dass andersartiges Verhalten unsere Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen, herausfordert. Wir können andere Menschen erst wirklich verstehen, wenn wir darauf verzichten, sie als doof, krank oder abnormal zu bewerten.

Doch wer sich nie als fremd erlebt hat, der ist blind für andere Lebensentwürfe. So erzählte mir eine lesbische, Hamburger Freundin von einem Gespräch mit einer älteren Frau auf dem Lande. Diese offenherzige Frau sprach ihr ihr tiefstes Mitgefühl aus, als sie erfuhr, dass die Freundin nicht verheiratet ist und keine Kinder hat. Sie war sichtlich von der „Tragik ihres Schicksals“ berührt. Nur,  die Freundin war komplett zufrieden mit ihrem Leben (ohne Mann und Kinder). Und die alte Frau hätte mehr zu ihrem Glück beigetragen, wenn sie in Erwägung gezogen hätte, dass frau auch auf andere Weise glücklich sein kann.

Das Problem bei der Annahme „du bist wie ich“ ist, dass wir dabei Menschen unbewusst diskriminieren können. Das ist den meisten Menschen nicht bewusst, weil sie überhaupt nicht in Erwägung ziehen, dass es noch ein anderes gültiges Erleben als das eigene gibt. Sie denken: „So muss es sein, und wenn nicht, ist es inakzeptabel. Das weiß doch jeder!“ – Nein, weiß eben nicht jeder. Wenn wir andere (unbeabsichtigt) diskriminieren, dann weil wir überhaupt keine Idee davon haben, wie sie die Welt sehen und erleben.

Der Schritt, die eigene Norm nicht zu verallgemeinern, ist dermaßen schwierig, dass ich nicht glaube, es könnte möglich sein, jede Form der Diskriminierung zu vermeiden. Das enthebt uns aber nicht der Aufgabe es zu versuchen. Denn:  „Alles, was es wert ist, getan zu werden, ist es auch wert, mittelmäßig getan zu werden“ (Marshall Rosenberg). Und das gilt auch für den Versuch, allen Menschen die gleichen Rechten zuzugestehen und den gleichen Respekt entgegenbringen zu wollen.