schreibend denken und fühlend verstehen wollen


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Mein Filmprojekt: Empathie – Spüren, was wichtig ist

Erstveröffentlichung in der GFK-Zeitschrift „Empathischen Zeit“ 04/2021 „Unter Giraffen“

Was das Empathie-Geben bewirkt, hat mich von Anfang an an der GFK fasziniert.  Ich wollte das auch können! Also habe ich versucht, die richtigen Gefühle und Bedürfnisse zu benennen. Aber die Erkenntnis, dass Empathie-Geben mehr ist als Worte, hat ein bisschen länger gebraucht.

Heute als GFK-Trainerin finde ich es immer noch schade, dass es so lange dauert, die empathische Haltung zu lernen. Also frage ich mich immer wieder: Wie kann ich Empathie am besten vermitteln?

Am liebsten würde ich ein GFK-Coaching (genannt Anliegenarbeit) filmen und diese dann zu Übungszwecken verwenden. Das Übungssetting sollte so aussehen: Die lernende Person schaut sich den Film an und stoppt, wenn sie meint, etwas Wichtiges gehört zu haben. Dann hat sie Zeit, nach Gefühlen und Bedürfnissen zu suchen. Eigentlich eine gute Idee, aber finde mal jemand, der den Streit mit der Ehefrau vor der Kamera erzählt!

Ich suche also nach Alternativen und komme auf Spielfilme. Aber beim Anschauen stelle ich fest, dass Schauspieler nicht authentisch von sich erzählen. Mir wird klar, dass ein Filmdialog der Story dient, nicht dem Selbstausdruck. Wenn du dir das nicht vorstellen kannst, dann versuche einmal einer Filmfigur Empathie zu geben.

Als nächstes suche ich persönliche Geschichten auf YouTube und finde mehrere wie diese. „Wie ich meinen Mann und meine Kinder bei einem Autounfall verlor“. Das müsste doch funktionieren. Tut es aber nicht. Die Menschen erzählen, und ich kann sie nicht spüren. Ich bin richtig schockiert, wie wenig sie mit sich selbst verbunden sind. Ich stelle mir Fragen über die Motivation einer solchen Selbstoffenbarung. Heute kann ich mir vorstellen, dass es etwas mit der Kamera zu tun hat. Aber für diese Idee muss ich mich erst einmal selbst aufnehmen. Dazu brauche ich ein Thema.

Eines Abends komme ich aufgebracht von einer Teambesprechung. Das ist die Gelegenheit, mein Anliegen aufzunehmen. Während ich die Handykamera auf das Stativ setze, lässt das Gefühl nach. Die Aufnahme läuft.

-Ähhh… Was soll ich sagen? Meine Arbeitsgruppe ist nicht gut gelaufen…

Ich suche nach Worten, ich stocke. Sonst erzähle ich flüssiger von meinen Themen. Aber der Gedanke, was potentielle Zuschauer oder noch schlimmer Teilnehmer von mir halten könnten, lässt mich nicht los. Ich starre auf die Kamera meines Handys. Zum Glück summt sie nicht. Ich zwinge mich trotzdem zu reden, aber es bleibt unangenehm. Mein Mut, andere darum zu bitten, schwindet gänzlich.

Ein paar Wochen später habe ich eine neue Idee. Wenn es nicht live geht, warum nicht aus der Erinnerung? Ich könnte meine geschätzten GFK-Kolleg:innen interviewen? Ich wollte schon immer wissen, was in deren Kopf oder Gefühl vor sich geht, wenn sie empathisch zuhören.

Die Aussicht motiviert mich. Wahllos notiere ich alle Fragen, die mich interessieren. Wie machst du das? Wie findest du die richtigen Bedürfnisse? Wie schätzt du dich selbst ein, findest du, dass du Empathie-Geben kannst? Diese Frage steht unter anderem deshalb auf meiner Liste, weil mir langsam dämmert, dass meine liebsten Empathie-Geber:innen vielleicht gar nicht so überzeugt von sich sind, wie ich von ihnen.

Aber bevor ich sie einlade, will ich das Ganze im Selbstversuch noch einmal testen. Ich setze mich wieder vor die Kamera.

Die erste Frage: Kann ich Empathie?

Ich fange an zu reden. Mittlerweile bin ich routinierter. Aber die Frage schlägt mir auf die Stimmung. Das Urteil „Du kannst es immer noch nicht!“ ist wieder da. Ich merke schnell, das bringt nichts. Mir nicht und anderen auch nicht. Ich brauche Fragen, die mich und später meine Interviewpartner mit ihrem Selbstwert verbinden. Ich will doch etwas über ihre Kompetenz hören. Es kristallisieren sich zwei Fragen heraus. Erzähle mir eine geglückte Empathie-Erfahrung und was hast du gemacht?

Es ist der Tag der ersten Filmaufnahme. Meine erste Interviewpartnerin macht es sich auf meinem roten Sofa bequem. Ich schätze sie sehr und bin froh, dass sie sich als mein Versuchskaninchen zur Verfügung stellt. Aber vorher muss ich mich noch um die Technik kümmern. Hat das Licht die richtige Farbe? Sitzt das Mikro? Behindert das Kabel ihre Hände? Ach, und wo ist der Zettel mit meinen Fragen? Egal, zum Glück habe ich sie grob im Kopf.

Ich nehme ihr gegenüber Platz. Mein Blick schweift umgehend zum Handybildschirm. Ich muss mich richtig auf sie konzentrieren. Worum geht es? Ach ja, Empathie. Ich will doch einen vertrauensvollen Rahmen schaffen. Aber mein Kopf denkt nur an Technik, und mein Innenleben ist wie weggepustet.

Irgendwie schaffe ich es. Film läuft, Ton an, Test, Test.

-Herzlich willkommen, ich freue mich sehr, dass du da bist…

Und wir finden trotz meiner Aufregung in das Thema. Sie erzählt ihr erstes Beispiel. Ich stelle Fragen zu den Hintergründen. Bereitwillig antwortet sie. An irgendeinem Punkt bin ich tief berührt. Ich habe Tränen in den Augen. Ich fühle mich geehrt, dass sie mir das erzählt.

Hinterher bin ich glücklich. Ich darf noch mehr solcher Interviews führen. Ist das nicht großartig!

Meine Begeisterung hält an und es folgen 14 Interviews. Dann beginnt die eigentliche Arbeit. Neun Monate sitze ich an Filmschnitt und Konzeption. Wer hätte gedacht, dass das so viel Arbeit ist? Aber ich will, dass mehr Menschen das sehen können.

Und heute darf ich sagen, die Dokumentation „Empathie – Spüren, was wichtig ist“ ist fertig:

-Proudly presented by Regine Landwehr

Trailer 1 „Empathie im Alltag“

Trailer 2 „Empathie im Beruf“

Neugierig geworden?

Schau selbst!

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Der meditative Impfstoff gegen emotionale Ansteckung

oder wie du fremde Gefühle wieder loswirst.

Heutzutage läuft man nicht nur Gefahr sich mit unliebsamen Viren anzustecken. Fast noch größer ist die Gefahr sich mit fremden Emotionen zu infizieren. Als soziale Wesen haben wir Sensoren für die Emotionen aus unserem Umfeld. Haben wir uns damit angesteckt, sind sie oft nicht von unseren eigenen Gefühlen zu unterscheiden. Wenn du diese Beschreibung mit dir selbst in Verbindung bringst, dann kann dir die folgende Meditation helfen. Bevor ich sie kennengelernt habe, war mir oft nicht bewusst, dass ich mit fremden Emotionen zu kämpfen hatte. Was ich spürte, war ein diffuses Unwohlsein. Ich konnte mich selbst nicht leiden, geschweige denn bei diesen Gefühlen innerlich bleiben. Ich war wie auf der Flucht, scheinbar vor mir selbst. Diese Meditation (oder Spür-Aufgabe) hat mir geholfen, meine eigenen Gefühle von fremden Emotionen zu unterscheiden und mich innerlich zu reinigen, sodass ich mit mir sein mag.

Bei Mary Müller Shutan möchte ich mich für die Idee bedanken. Die Meditation „Gehört das zu mir?“ stammt aus ihrem Buch und ist von mir vertont (siehe mp3-Anhang). Ihr Buch würde ich dir nur empfehlen, wenn du dich für Medialität interessierst.

Diese Meditation ist für sensible und hochsensible Menschen, aber auch für Menschen, die sich gerade emotional angesteckt haben. Hier ist nichts wissenschaftlich erwiesen, aber ich möchte dich einladen, es einfach auszuprobieren und dann deinem eigenen Gefühl zu vertrauen. Es tut dir gut… super, dann kannst du sie wiederholen! Es passiert nichts oder es tut dir nicht gut… dann lass es!

Viel Spaß mit dem emotionalen Meister Proper!

Über deine Rückmeldungen würde ich mich freuen.

Das Vorwort sowie die Reinigungsmeditation findest du auf meiner anderen Homepage.


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Angst(frei), ein Selbsttest

Mir ist nicht klar, was mir die Nachrichten rund um den Corona-Virus bringen sollen, also vermeide ich sie, so gut es geht, keine Zeitung, keine Nachrichten. Aber es gelingt mir nicht. Beim Einkaufen an der Kasse streift mein Blick die Tageszeitungen „Zwei Todesfälle in Hamburg“. Mein Adrenalinpegel schnellt nach oben. Ein Freund schickt mir ungefragt einen Link zum Virus. Der Hausmeister verweigert mir den Händedruck. Ein anderer Freund teilt seine fatalistische Meinung: „Viren sind wichtig! Viren sind dafür da, explodierende Bevölkerungszahlen zu regulieren.“ Aha!

Ich glaube nicht, dass der Corona-Virus die Bevölkerungszahlen kontrolliert, aber dass die Medien unsere Köpfe kontrollieren, halte ich schon für wahrscheinlicher. Da muss noch nicht mal Absicht dahinterstehen.

Auf dem Kongress „Angstfrei“ hat der Schweizer Friedensforscher Daniel Ganser über die Wirkung von Medien und Angst berichtet. Darin betont er, dass unser Gehirn die Bedeutung von Nachrichten an der Häufigkeit festmacht, mit der wir sie hören, nicht an der Wahrscheinlichkeit, mit der sie uns treffen. Bei dieser Häufigkeit ist es völlig egal, ob die Nachricht als Vermutung, als Tatsache oder als „noch zu prüfen“ formuliert wurde, Hauptsache, das passende Schlagwort kommt darin vor. Das wissend frage ich mich gerade, ob es gut ist, mit meinem Blog noch eine Nachricht ins Internet zu werfen. Schließlich bin ich jetzt Teil des Medienhypes.

Das, was unser Hirn mit der Nachrichtenfrequenz und der Einschätzung der Situation macht, nennt man „kognitive Verzerrung“. Der Sozialforscher Daniel Kahneman hat sie an sich selbst, an Probanden und seinen wissenschaftlichen Kollegen getestet. Ergebnis: auch Fachleute gehen der „kognitive Verzerrung“ auf den Leim. Es gibt aber einen Trick, den auch wir anwenden können. Nämlich: Wir wissen, dass unser Hirn diesen Fehler macht und können das bewusst hinterfragen.

Wie oft hast du in letzter Zeit von Corona gehört. Und für wie gefährlich schätzt du den Virus ein? Passt das zur statistischen Wahrscheinlichkeit?

In diesem Zusammenhang versteht man die Buddhistische Weisheit besser: Glaube nicht alles, was du denkst! Die Buddhisten scheinen die „kognitive Verzerrung“ schon lange vor den Sozialwissenschaftlern verstanden zu haben.

Und in Zeiten wie heute ist es gut, ein paar Tricks auf Lager zu haben, falls man mit negativen Nachrichten bombardiert wird oder am Bildzeitungsständer vorbeikommt.

  1. Überprüfe deine Annahmen.

Gesagt getan: Ich google „Zwei Tote in Hamburg“ und stelle fest, den Titel gibt es nicht. Die letzte Nachricht von zwei Toten stammt vom November 2019. Unglaublich, was mein Hirn daraus gemacht hat. Die journalistische Pflicht, Nachrichten zu überprüfen, scheint etwas wert zu sein. Trotzdem hat mir der zweite Tipp zum Umgang mit Angst geholfen. Genau genommen hat er es erst möglich gemacht, dass ich die Nachrichten heute überprüfe.

  1. Wenn du Angst hast, atme tief und bewusst. Nicht nur Luft holen, sondern dem gesamten Atemfluss folgen. Einatmen, die Luft strömt durch die Nase ein, ausatmen, der Brustkorb senkt sich.

Mach das ein paar Mal, und dann schau, was aus deiner Angst geworden ist. Meine ist weg.

Und ein Mann aus Sri Lanka, der geduldig nach einem Tsunami sein Haus wieder aufbaut, sagt etwas zu dem ICH, das da Angst hat. „Wer bin ich, dass ich mich selbst, mein Leben und Leid so wichtig nähme? Ich tue, was ich tun muss. Haus bauen, Familie versorgen…“

Guter Vorschlag! Lasst uns tun, was wir tun müssen.

Atmen, Nachrichten überprüfen, arbeiten, Freunde sehen.


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Wut oder das Spiel mit dem Tiger

Die Lippen aufeinandergepresst, eine steile Falte zwischen den Brauen, fixiere ich dich.  Tunnelblick, ich sehe nichts anderes. Alles rot! ROT nicht rosa! Ein gezielter Schlag auf die Kinnlade wäre jetzt die richtige Antwort, aber ich bin ja GFK-Trainerin. „Komm du mir noch einmal!“

Marshall Rosenberg bezeichnet die Wut als Sekundärgefühl. Sie beruhe auf Gedanken und dahinter lägen andere Gefühle. Das mag stimmen, doch man stelle sich folgende Szene vor. Dein Freund steht aufgebracht vor dir und platzt förmlich vor Wut, und du erzählst ihm: „Bist du traurig, Schatz? Du weißt, Wut ist ein Sekundärgefühl.“ Mal ehrlich, selbst wenn das stimmt, zur Gewaltfreiheit des folgenden Konflikts trägt diese Aussage nicht bei. Echte Wut ist sofort da und man sollte sie sehr ernst nehmen. Es gibt auch eine Sekundärvariante, aber die meine ich gerade nicht. Ich meine die glasklare Primärwut. Es könnte eine gute Idee sein, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Die Autorin Vivian Dittmar stellt in „Gebrauchsanweisung für Gefühle“ die These auf, dass nicht nur die Wut, sondern alle Gefühle auf gedanklichen Bewertungen beruhen. Gefühle sind die emotionale Bewertung der Situation. Die Wut sagt: „Das ist falsch! So nicht!“ Wutenergie sei Handlungsenergie, so genutzt, kann sie konstruktiv sein. Regt man sich permanent auf, verkehrt man die Kraft der Wut in ihr Gegenteil. Sie wird zum Gift, das dauerhaft den Körper und das soziale Umfeld flutet. Geteilte Wut ist doppelte Wut, ganz anders als das Leid, das sich beim Teilen halbiert. Im Zorn, in der Primärwut macht man nicht viel Worte. Wie bei der Mutter, die vor mir an der Kasse steht und ihrem Sohn am Handy eine klare Ansage macht: „Sieh zu, dass du deinen Arsch sofort nach Hause bewegst!“ Wut, Handlung, fertig! Hier zeigt sie ihre Wirksamkeit, wenn andere etwas tun oder nicht tun sollen.

„Sich aufregen“ könnte da schon besser zum Wort „Sekundärgefühl“ passen. „Sich aufregen“ ist auch eine Art Wutenergie. Die einzige Handlung ist die Mundbewegung, und die Person, die sie trifft, ist nicht die, die was tun könnte oder tun sollte. Wer sich aufregt, will sich in erster Linie aufregen, nichts ändern. Diese Energie kann süchtig machen. Man fühlt sich so herrlich rechtschaffen, das Blut pocht in den Adern und die anderen springen auf den Zug auf und regen sich ebenfalls auf. Gerne übersehen wir, dass dauerhafte Wutenergie im eigenen System Gift ist. Eine hinduistische Weisheit zeigt das Dilemma: „Wer den Tiger reitet, sollte nicht absteigen.“ Dann frisst er nicht mehr die anderen, sondern einen selbst. Das heißt, sitzt man auf dem Tiger und regt sich auf, dann kann man nicht aufhören. Doch Absteigen ist durchaus eine konstruktiv Lösung, auch wenn sie im ersten Moment unangenehm ist.

Kurt, ein Tischlermeister und Teilnehmer eines meiner GFK-Workshops, steht auf dem Tanzparkett*. Auf die Frage „Was für Urteile hast du?“ erzählt er mir ausführlich, was an seinem Kollegen falsch ist. Er reitet den Tiger gut, er weiß sich aufzuregen. Also bitte ich ihn abzusteigen und frage: „und… was für Urteile hast du gegen dich selbst?“ Er überlegt, lange, aber dann fallen ihm einzelne Sätze ein. Man merkt, dass das ungewohnt ist. Ich hätte ihn informieren sollen! Ich habe ihn hängen lassen! Im Nachgespräch erwähnt er genau diesen Moment: „Plötzlich konnte ich Empathie für ihn empfinden. Ich sah meinen Anteil und bekam eine Idee, wie es ihm ging.“ Der Prozess mit der Wut kann auch andersherum verlaufen. Die Teilnehmerin Angela zerfleischt sich in Selbstvorwürfen und kommt gar nicht auf die Idee vom Rachen ihres Tigers einen Schritt zurückzutreten. Also hilft nur eins, aufsteigen. Auch sie ist es nicht gewohnt, Urteile über andere zu formulieren. Auch sie braucht lange, bis von der Aussage „Was bin ich für eine schlechte Mutter!“ zu „Was für ein ungehobeltes Verhalten!“ kommt. Aber dann ist die Wut da und mit ihr die Klarheit: „So Freundchen, du kommst sofort her und verabschiedest dich anständig von deiner Mutter!“

Was passiert also, wenn wir den Tiger reiten lernen? Einerseits stehen wir zu unserem Anteil, andererseits gestehen wir uns ein, dass wir nicht für alles verantwortlich sind. Und das gelingt uns in dem Moment, in dem wir ohne Urteil die eigenen Urteile annehmen. Solange wir anderen die Schuld geben, solange sind wir das Opfer, selbst wenn der Zeigefinger auf uns selbst zeigt. Der Shift kommt, wenn wir (wieder) für unser Tun die Verantwortung übernehmen. Und der GFK-Prozess bietet einen Weg, wie man an diesen Punkt kommen kann.

Jeder und jede von uns, braucht eine gute Beziehung zu ihrem Tiger, es nützt nichts, ihn als Sekundär-Tiger zu bezeichnen. Wir müssen ihn reiten lernen und dazu gehört das Absteigen. Und damit beides gelingen kann, muss eines klar sein, dass du der Boss bist! Du bist das Handlungszentrum! Du entscheidest, mit welchen Mitteln du in den Ring steigst. Und, du entscheidest, wo deine Grenzen sind!

Kurz, klar und jetzt.

*Das Tanzparkett sind Bodenanker, die durch die 4+1 Schritte der GFK führen (Wolfsshow, Beobachtung, Fühlen, Bedürfnisse, Bitte).


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Kopfkino, mal ganz wissenschaftlich

„Ich soll sagen, was ich wirklich über meinen Chef denke? Muss das sein?“

Die Teilnehmerin steht auf der Karte „Wolfsshow“ und windet sich.

„Ja!“

Ich bin ziemlich überzeugt, dass die Gewaltfreie Kommunikation erst ihre Wirkung entfaltet, wenn wir unsere Urteile kennen.

Aber nochmal von vorne, vielleicht kennst du, liebe LeserIn, die Wolfsshow nicht.

Die Wolfsshow ist alles, was in deinem Kopf passiert, nachdem dir die Hutschnur hochgegangen ist. Es passiert ganz von alleine. Das Ausdrücken müsste demnach ganz einfach sein. Aber ich habe schon viele Teilnehmerinnen kennengelernt, die mit dem „laut-ihre-Urteile-aussprechen“ ein echtes Problem hatten.

Vielleicht liegt es an der guten Erziehung, vielleicht liegt es am Namen. Eine Teilnehmerin meinte einmal:

„Muss das Wolfsshow heißen? Ich habe doch keinen Wild-Live-Workshop gebucht. So etwas wie „neurolinguistische Programmierung“ fände ich gut. Das klingt wissenschaftlich, wichtig und neutral.“

Da musste ich passen. Ich hatte kein wissenschaftlich korrektes, wichtig klingendes und dabei komplett neutrales Wort für Wolfsshow. Der Wolf ist nicht neutral, aber er nimmt sich über die Maßen wichtig, und politisch korrekt ist er schon gar nicht. Alle Handpuppenhasser und Raubtiersympathisantinnen der GFK-Szene mussten daher mit den zwei Symbolen Wolf und Giraffe klarkommen.

Doch hier ist die Lösung für tierische Kontakthemmung. Wir nennen es jetzt ganz wissenschaftlich – SEF.

SEF stammt aus der sozialen Forschung von Brené Brown und steht für „schlechte, erste Fassung“. Das ist genau das, was wir mit der Wolfsshow meinen. Mach dir bewusst, was in deinem Kopf vorgeht. Das, was da passiert, bestimmt deine Verletzungen, deine Wut und dein Schamgefühl. Das, was da passiert, hat nur rudimentär etwas mit der Wirklichkeit (Beobachtung) zu tun, aber sehr viel mit dir (das heißt mit deinen Gefühlen und Bedürfnissen). Unsere Urteile kennenzulernen, ist keine freudige Erfahrung. Wer gibt schon offen zu, dass er das Verhalten des Kindes „das Allerletzte“ findet, und dass man schon immer gewusst hat, dass der Kollege XY „eine faule Sau“ ist. Klingt nicht empathisch, klingt nicht gewaltfrei und ist nicht politisch korrekt. (Ich möchte hier auf gar keinen Fall empfehlen, offen seine Urteile auszusprechen. Es geht um das Bewusstmachen!) Wir machen uns etwas vor, wenn wir sie leugnen, um vor uns selbst besser dazustehen. In der BeWERTung finden wir WERTvolles. Dazu muss man hinschauen, und das am besten mit einem spielerischen Augenzwinkern. Es ist ja nicht die Wirklichkeit!

Brené Brown, eine amerikanische Sozialforscherin, hat Menschen befragte, die schwer gescheitert sind und es schafften, wieder aufzustehen und weiterzumachten. Meist war das Scheitern mit heftigen Selbstverurteilungen (Wolfsshow) verbunden. Und in ihrem Buch „Laufen lernt man nur durch hinfallen“ beschreibt sie die Bedeutung der SEF und weitere Punkte, die für das Aufstehen nach dem Sturz in den Schlamm der Schamgefühle wichtig sind. Die Liste klingt wie GFK!

Vergleich SEF und WS

Spannend ist, dass Brené Brown besonders auf die Diskrepanz zwischen SEF und Wirklichkeit hinweist. Ein Delta, auf das man bei den Schritten der GFK ganz automatisch stößt: Beispiel gefällig?

Startkarte: Die Wolfsshow (SEF): Mach dir bewusst, was du denkst. Das hört sich vielleicht so an: „Sie hält mich wohl für eine Idiotin, mit der man alles machen kann!“ Gehe einen Schritt weiter und formuliere die Beobachtung = das, was deine Freundin wirklich gesagt hat. Sie: „Ich möchte heute Abend auf ein Konzert!“

Kaum jemand, der nicht bei diesem Schritt erstaunt feststellt, dass sie kein Wort von „Idiotin“ und „ich mag dich nicht“ gesagt hat.

Urteile und Wut verschleiern unseren Blick. Sie lassen uns Dinge sagen und hören, die oft an der Wirklichkeit vorbeigehen. Das Rumwolfen für uns alleine hilft uns, den Kern zu finden, um den es geht. Doch damit machen wir uns verletzlich. Es ist so viel leichter, selbstgerecht seine Urteile rauszuhauen. Aber Verletzlichkeit ist die Zutat, die einer Beziehung Tiefe gibt. Auf Zuverlässigkeit kann man ab und zu verzichten.

 

Veränderung leicht gemacht


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Flow – das Geheimnis des Glücks

Das Buch, das mein Leben veränderte (vom Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi)

Gerade mit dem Studium fertig, mit dem vagen Empfinden, dass ich vom Lernen endgültig genug habe, lass ich die Luft raus. Die Motivation ist durch und ich bin froh, das Diplom in der Tasche zu haben. Lernen gehört irgendwie nicht zum Erwachsenenleben. Und das sollte mit Anfang 30 so langsam losgehen.

Da lerne ich Mihaly kennen. Wir duzen uns. Das heißt, ich duze ihn, obwohl er älter ist als mein Vater. Es liegt mehr an seinem Nachnamen. Selbst Aussprachehilfen bringen mir diesen Namen nicht über die Lippen. Aber Mihaly hat mein Leben beeinflusst, mehr als andere Autoren. Da kommt einer daher, erforscht das Glück und sagt, es lässt sich erzeugen. Nee, wirklich! Bei mir ist das Zufall. Klar, ich habe Hobbys, die machen mich glücklich. Es gibt auch ein paar Menschen, mit denen bin ich glücklicher als mit anderen. Aber warum das so ist, weiß ich nicht. Aber wenn man das weiß, weiß man, was man tun muss, um glücklicher zu sein.

Was lässt mich die Zeit vergessen? Tiere beobachten. Wie verändert sich die Zeit? Sie bleibt stehen. Und der Geist? Ist leer. Da ist nur der Vogel, das Eichhorn, die Eidechse. Menschen, die mich dabei sehen, sind mir egal. Nicht dass ich sie gedanklich wegschiebe, sie verschwinden einfach aus meiner Wahrnehmung. Das ist Flow. Wie viele Jahre habe ich in der Stadt gelebt und geglaubt, wie schade, dass mir der Kontakt zur Natur abhanden gekommen ist. Und dann erzähle ich in einem Seminar, dass eines meiner schönsten Flow-Erlebnisse in Kindertage das Tierebeobachten war, und frage mich, warum habe ich damit aufgehört? Hier leben doch auch Tiere. In der Stadt gibt es unglaublich viele Tiere. Und das Schöne ist, dass sie vor Menschen keine Angst haben. Ich stand schon vis-à-vis mit einem Rotkehlchen auf dem Bürgersteig. Es sitzt vor mir auf dem Zaun, ich könnte es anfassen. Es braucht eine ganze Weile, um zu bemerken, dass ich es beobachte. Es dreht das Köpfchen links und schaut mich an, es dreht das Köpfchen nach rechts und schaut mich an. Es denkt, man kann es förmlich sehen: Was will die von mir? Und … fliegt!

Und das Lernen? Mihaly hat mir eindrucksvoll gezeigt, dass das keine Erfahrung ist, auf die ich verzichten will. Nichts befriedigt mich mehr als das, was ich mir selbst beigebracht habe. Ich bin die beste Lehrerin, die ich je hatte. Spiele ich zu lange die gleichen Gitarrenstücke, dann darf’s auch mal wieder eine richtige Herausforderung sein. Richtig schwer, kein Problem! Solange es mich nicht überfordert. Habe ich mich dann zu lange an meiner Leistungsgrenze abgearbeitet, dann ist es Zeit für ein Stück, das mich nicht langweilt, dafür wunderschön und leicht zu lernen ist. Mit dem Wissen um die Flowgrenzen nehme ich mir das Recht heraus, den Schwierigkeitsgrad zu drosseln oder anzuziehen. Ich spiele so lange damit, bis es passt. Das kommt in Sportgruppen nicht immer gut an. Gruppendruck und Flow sind nur schwer zu vereinbaren.

Im Sozialen kann man auch Flow erfahren. Was ist schöner als ein inspirierendes Gespräch? Aber kaum wird man unsicher, funken einem die Gedanken dazwischen. Bin ich interessant genug? Bin ich zu kopflastig, mag sie mich überhaupt? Und schon ist mein Organismus überfordert und der Flow hat keine Chance.

Und was macht man, wenn das Gespräch langweilt? Nachfragen hilft: Was begeistert dich? Warum ist dir das so wichtig? Es ist nicht leicht, die Leute aus ihrem Trott zu holen, dafür viel spannender als die Meinung, die sie schon 100x erzählt haben.

Und was für Flow-Erfahrungen kennst du? Was lässt dich die Zeit vergessen? Was fordert, aber überfordert dich nicht? Das, was Flow erzeugt, macht man gerne und oft macht man es gut. Die Suche und das Spielen mit den beiden Grenzen verändert das Leben.

Viel Flow!


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Die Seele verhakt

Das Ding da in dir, ist nicht mehr tragbar- eine Eigenschaft, ein Gefühl. Es ist zu schwer, zu scharfkantig, zu unschön. Es liegt im Boot – der Psyche – und ist ist äußerst hässlich, es muss raus! Wie einen Anker hievst du diesen Teil von dir über Bord. So, jetzt bist du dieses widerwärtige Ding (namens Wut, Verträumtheit oder Größenphantasien) los. Aufatmen. Erfolgreich dissoziiert. Das Boot nimmt an Fahrt auf, der Anker gleitet ins Wasser. Die Leine rollt sich unbemerkt ab. Rollt ab, rollt ab. Der Anker verhakt sich. Ein kleiner Ruck, die Leine geht auf Spannung, die Fahrt bremst. Manchmal erst nach Jahren. Scheinbar frei von persönlichen Problemen verlangsamt sich die Lebensfahrt. Boot und Strömung zerren an der Leine, sie dehnt sich, überdehnt sich, sie schmerzt. Die Entwicklung stoppt. Angst vor den Schmerzen kommt dazu. Bloß nicht weiterfahren, das tut zu sehr weh! Das Boot steht in der Strömung. Glücklich der, dem bewusst wird, dass das nicht das Ziel des Lebens ist. Doch je stärker der Wunsch weiterzukommen, umso mehr zerrt das Boot an der Leine. Unter Schmerzen versucht die Leine nachzugeben, bis sie fast zu reißen droht. Doch was am anderen Ende hängt, gehört zu dir.

So geht es nicht weiter.

Doch wie weiterkommen? Der Weg geht zurück. Erst mal hart gegen die Strömung rudern. Die Spannung der Leine lösen. Reicht das nicht, um den Anker einzuholen, muss man tauchen gehen. Luftschnappen, tauchen, Anker ausgraben. Wenn man ihn findet. Manch einer hat sich tief in den Sand gegraben, ist nicht mehr zu sehen. Die Leine weist den Weg. Sie sagt, folge dem Schmerz, dann findest du den Anker, den Haken in deiner Seele, das Gewicht, das du meintest, nicht mitnehmen zu können.

Hol es raus, es gehört zu dir.


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Die Seele verhakt

Das Ding da in dir, ist nicht mehr tragbar- eine Eigenschaft, ein Gefühl. Es ist zu schwer, zu scharfkantig, zu unschön. Es liegt im Boot – der Psyche – und ist ist äußerst hässlich, es muss raus! Wie einen Anker hievst du diesen Teil von dir über Bord. So, jetzt bist du dieses widerwärtige Ding (namens Wut, Verträumtheit oder Größenphantasien) los. Aufatmen. Erfolgreich dissoziiert. Das Boot nimmt an Fahrt auf, der Anker gleitet ins Wasser. Die Leine rollt sich unbemerkt ab. Rollt ab, rollt ab. Der Anker verhakt sich. Ein kleiner Ruck, die Leine geht auf Spannung, die Fahrt bremst. Manchmal erst nach Jahren. Scheinbar frei von persönlichen Problemen verlangsamt sich die Lebensfahrt. Boot und Strömung zerren an der Leine, sie dehnt sich, überdehnt sich, sie schmerzt. Die Entwicklung stoppt. Angst vor den Schmerzen kommt dazu. Bloß nicht weiterfahren, das tut zu sehr weh! Das Boot steht in der Strömung. Glücklich der, dem bewusst wird, dass das nicht das Ziel des Lebens ist. Doch je stärker der Wunsch weiterzukommen, umso mehr zerrt das Boot an der Leine. Unter Schmerzen versucht die Leine nachzugeben, bis sie fast zu reißen droht. Doch was am anderen Ende hängt, gehört zu dir.

So geht es nicht weiter.

Doch wie weiterkommen? Der Weg geht zurück. Erst mal hart gegen die Strömung rudern. Die Spannung der Leine lösen. Reicht das nicht, um den Anker einzuholen, muss man tauchen gehen. Luftschnappen, tauchen, Anker ausgraben. Wenn man ihn findet. Manch einer hat sich tief in den Sand gegraben, ist nicht mehr zu sehen. Die Leine weist den Weg. Sie sagt, folge dem Schmerz, dann findest du den Anker, den Haken in deiner Seele, das Gewicht, das du meintest, nicht mitnehmen zu können.

Hol es raus, es gehört zu dir.

 


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Wozu ist das Sterben gut?

Gedanken zum Buch: Das Atman-Projekt von Ken Wilber

Wenn ich mir die Natur anschaue, dann geht Leben nicht ohne Sterben. Füchse fressen Hasen, sonst können sie nicht leben. Hasen fressen Löwenzahn, sonst können sie nicht leben. Es fällt schon auf, dass nur das, was einmal gelebt hat, nahrhaft für andere ist. Tote Materie kann keine Nahrung sein. Das Leben erneuert sich selbst. Ist Sterben dann ein Bedürfnis? Die meisten würden das abstreiten. Schließlich wehren wir uns mit Händen und Füßen gegen den Tod. Der Hase rennt um sein Leben, die Pflanze entwickelt über Jahrhunderte Dornen und Gifte. Der Mensch entwickelt die Medizin im Kampf gegen den Tod. Doch zumindest wir Menschen kennen  in Lebenskrisen auch die Todessehnsucht. Es gibt Moment, da kann der Tod als Wohltat erscheinen, ein Ort der Ruhe und des Versinkens. Versinken worin?

Im Tibetischen Totenbuch kann man lesen, dass der Geist des Verstorbenen sich im Licht des Göttlichen auflöst. Das soll so schön sein, dass es für den Normalsterblichen nicht  lange auszuhalten ist. Die Erfahrung des Göttlichen ist letztlich erschreckend, so dass die meisten Seelen freiwillig aus dem Göttlichen fallen (Stufe um Stufe), bis sie im nächsten Körper wiedergeborgen werden.

Dies beschreibt Ken Wilber in seinem Buch: Das Atman-Projekt. Er skizziert den großen Kreis der menschlichen Entwicklung zu Lebzeiten (Evolution) und im Tode (Involution).

Dabei beschreibt er auch die Funktion des Sterbens. Da echte Transformation bedeutet, dass ein Teil von uns stirbt, der sich ursprünglich für die gesamte Persönlichkeit hielt, ist die Todesangst Teil des Prozesses. Und der Todestrieb (den schon Sigmund Freud postulierte) ist der Trieb, der uns in die angstbesetzte Zone der nächsten anstehenden Entwicklung zieht. Der Todestrieb (Thanatos) stellt im Namen der Entwicklung alles in Frage (auch die eigene Identität), wohingegen der Lebenstrieb (Eros) zutiefst mit dem Leben identifiziert ist. Er kämpft, um die eigene Identität als das höchste zu erhaltende Gut. Die feste Identifikation mit dem, was man für ICH hält, bietet Raum sich selbst kennenzulernen, sich auszuprobieren und Kraft zu tanken. Aber ohne seinen Gegenpol Thanatos hält Eros uns in ewiger Selbstbestätigung auf einer Stufe fest. Zu viel Thanatos hingegen beschleunigt die Entwicklung stark und kann die Persönlichkeit überfordern. Doch beide Triebe beruhen auf der Anziehung zwischen dem göttlichen Funken in uns und dem Göttlichen an sich. Alles bewegt sich darauf zu. Eros treibt uns an, die Grenzen unserer Identität auszuloten, und Thanatos, diese zu überwinden. Und dieser Prozess kommt erst mit der Erleuchtung zum Stillstand.

Hier nochmal ein Blick auf die typischen Stufen der Entwicklung. Wenn wir auf die Welt kommen, entwickeln wir als erstes ein Körper-Ich (Säugling). Wir sind ganz Körper, alles dreht sich um Nahrung und körperliche Zuwendung. Damit wir ein ICH ausbilden können, welches auf geistigen Eigenschaften beruht, (Alter 2-4 Jahren) müssen wir die volle Identifikation mit dem Körper loslassen, was sich anfühlt wie sterben. Das Körper-ICH (das alte Selbst) muss sich seiner Todesangst stellen und lernen, dass es auch ohne Mutterbrust (kann man wörtlich und symbolisch verstehen) leben kann. Diese Erkenntnis und Erfahrung schafft Raum für eine neue Identität.

Bis wir erwachsen sind, bilden wir im Idealfall ein reifes ICH aus. Und danach kann, muss aber nicht, der Sprung zum transpersonalen ICH folgen. Doch dazu braucht es wieder ein Sterben. Diesmal stirbt die ICH-Identität und das ist keine leichte Sache. Schließlich leben wir in einer ich-verliebten Gesellschaft. Die meisten Menschen sind auf der ICH-Stufe. Während das soziale Umfeld Kinder und Jugendliche motiviert, den nächsten Entwicklungsschritt anzugehen, bremst es bei der Entwicklung zum transpersonalen ICH. Doch das ändert nichts daran, dass die Sehnsucht „ganz zu sein“ uns ein Leben lang bewusst oder unbewusst antreibt. Und wie zufrieden wir mit unserem Leben sind, hängt davon ab, wie bereitwillig wir uns mal auf das Leben und mal auf das Sterben einlassen. Beides gehört zusammen.


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Das Wir-Gefühl und die Abgrenzung

Wir Menschen sind die sozialsten Wesen auf diesem Planeten. Wer das nicht glaubt, bedenke: für alles, was uns zum Menschen macht, Denken, Sprechen und Aufrecht-gehen (nur eine kleine Auswahl), brauchen wir andere Menschen. Wir lernen nur laufen, wenn uns aufrecht gehende Menschen die Hand halten. Du könntest kein Wort sprechen, wenn nie jemand mit dir gesprochen hätte. „Mensch sein“ und vor allem „Mensch werden“ können wir nur in Gemeinschaft, niemals alleine.

Unsere Gesellschaft betont hingegen die Individualität. Doch sich als eigenständiges ICH zu sehen, ist nur die eine Hälfte der menschliche Entwicklungsaufgabe. Die andere Hälfte ist die Fähigkeit, Teil einer Gruppe zu sein, sich als WIR zu fühlen und so zu handeln. Und beides miteinander kombiniert ist die hohe Schule der Beziehung: ein ICH im WIR zu sein.

Ich möchte heute dem Wir-Gefühl nachspüren (und wenn ich von Gruppen spreche, meine ich ebenfalls Zweierbeziehungen). In diversen Kommunikationsschulen ist es heute fast schon verpönt, von WIR zu sprechen. Doch wie wäre unser Leben, wenn es kein WIR mehr gäbe? Das WIR einer Gruppe fühlen wir meistens so intuitiv, dass es uns gar nicht bewusst ist. Einer mag enttäuscht sagen: „Die wollten nicht mehr tanzen gehen!“ – „Hast du sie gefragt?“ „Nein, aber es war klar!“ Wer so etwas erzählt, bezieht sein Wissen aus dem Gruppengefühl. Fehlt einem dieses Gefühl, dann stößt man sich eine blutige Nase bei dem Versuch, etwas in einer Gruppe durchzusetzen, das dem Gruppenwillen entgegensteht.

Das WIR als Gefühl ist unter anderem so schwer greifbar, weil das WIR nicht für sich selbst sprechen kann. Es spricht immer durch den Einzelnen. „WIR wollen zu Hause bleiben!“, sagst DU. Ob du für alle sprichst, erkennt man erst an den Reaktionen. Es braucht den Austausch zwischen dir und mir, um zu erkennen, was WIR wollen. Dabei darf man sich das Wir-Gefühl nicht so vorstellen, als würde ICH im WIR völlig aufgehen und damit verschwinden. Nur weil WIR in dieser Gruppe gerne tanzen gehen, heißt das nicht, dass ICH immer gerne tanzen gehen MUSS. Interessensgemeinschaften wie Sportgruppen definieren sich über die gemeinsame Aktivität. Aber wer lange dabei ist, gehört auch zum Wir-Gefühl, wenn er nicht da ist. Das Wir-Gefühl lässt sich mit einem Feld vergleichen, in dem man die zwischenmenschliche Verbindung und die gemeinsamen Ziele fühlen kann. Es ist nicht allein die Summe aus dir und mir, es ist mehr als das und auf eine Art eigenständig.

Das kann man zum Beispiel in Firmen spüren. Auch wenn die Mitarbeiter nicht alle kennen, hat fast jeder das Gefühl zu wissen (der länger dabei ist), was „die Firma“ will. Die Firma will natürlich gar nichts. Sie ist das Gebäude, das Management, die Produktpalette, die offizielle und inoffizielle Firmenphilosophie, die Mitarbeiter und ihre Firmengeschichte. Das Wissen, was die Firma will (im Sinne eines Wir-Gefühls), dieses Wissen hat das ICH, weil es gleichzeitig WIR ist. Das klingt abstrakt, aber wir tun es jeden Tag. Und dieses Gefühl macht es möglich, im Sinne einer Gruppe zu handeln, selbst wenn diese nicht 100% mit meinen Werten übereinstimmt.

Das vertraute Wir-Feld bietet auch die Möglichkeit sich selbst im Kontakt mit anderen besser wahrzunehmen, also die eigene Individualität zu spüren. Im Kontakt mit dir, die du tanzen gehen möchtest, spüre ich, dass es mir nicht gut geht, und ich den geschützten Ort auf meinem Sofa der offenen Tanzfläche vorziehe. Wenn du deine andersartigen Wünsche zeigst, bemerke ich die meinen besser. Doch Unterschiede erlebt man nur als Bereicherung, wenn man sicher ist, dass diese nicht zum Ausschluss führen. Es braucht ein sicheres Wir-Gefühl damit an der Schnittstelle von „ich bin wie du“ und „ich bin anders als du“ beides, Individuation und Gemeinschaft, entstehen kann. Die Qualität und Tiefe von Gemeinschaften zeigt sich in der Fähigkeit, mit der Spannung aus Individualität und Gemeinsamkeit umzugehen.

Doch Spannung braucht zwei Pole. Sie braucht gegensätzliche Energien. Lasse ich sofort meine Energie entweichen, aus Angst die Beziehung würde die Spannung nicht aushalten, wenn ich anderer Meinung bin, dann bietet Gemeinschaft nur die Möglichkeit: „gleich zu sein“ und „eine Meinung zu haben“. Eine Zeitlang ist das erholsam, auf Dauer ist das die Hölle. Um aus dem „Gleich sein“ herauszutreten, dafür brauche ich die Fähigkeiten, mich abgrenzen zu können.

Was ist Abgrenzung?

Ein gut abgrenzter Mensch, kennt seine Grenzen (wie in „abge-grenzt“ erkennbar) und teilt sie mit. Das heißt, wenn mein Partner, meine Freundin, mein Teamkollege etwas sagt, womit ich absolut nicht einverstanden bin, dann sind meine Abgrenzungskompetenzen gefragt. Das bedeutet, ich muss Stellung beziehen, mich gegen deine Meinung stellen. Warum ist das so wichtig? Es ist wichtig, weil ICH innerlich aus dem Wir-Gefühl aussteige, sobald jemand MEINE Grenzen überschreitet. Ich ziehe mich innerlich zurück wie eine Schnecke in ihr Schneckenhaus. Ich bin nicht mehr Teil der Gruppe. Sage ich nichts, schütze ich nur scheinbar die Verbindung. In Wirklichkeit verstecke ich nur den Bruch. Wenn niemand etwas davon erfährt, dann vergeht die Chance UNSERE Ansichten zu überdenken und etwas zu finden, was für UNS passt.

Doch wie oben erwähnt, entsteht das WIR im Austausch über das, „was du willst und was ich will“. An der Kante von „gleich“ und „verschieden“ wächst nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern auch die Individualität jedes einzelnen. Wenn wir meinen, wir müssten uns für das eine oder andere entscheiden, für meinen Wunsch oder deinen, dann verpassen wir die Chance, gemeinsam zu wachsen. Das lebendige WIR verändert sich, und dazu braucht es immer wieder neu das Suchen um, das, was uns verbindet. Eine vorgetäuschte Bestätigung zerfrisst das WIR unterirdisch.

In Gruppen zu sein, ist das Spielfeld, sich SELBST an der Grenzen zum WIR zu erfahren.

Viel Spaß dabei!