gefühlte Gedanken

fühlend selbst-bewusst verstehen wollen


Hinterlasse einen Kommentar

Das Wir-Gefühl und die Abgrenzung

Wir Menschen sind die sozialsten Wesen auf diesem Planeten. Wer das nicht glaubt, bedenke: für alles, was uns zum Menschen macht, Denken, Sprechen und Aufrecht-gehen (nur eine kleine Auswahl), brauchen wir andere Menschen. Wir lernen nur laufen, wenn uns aufrecht gehende Menschen die Hand halten. Du könntest kein Wort sprechen, wenn nie jemand mit dir gesprochen hätte. „Mensch sein“ und vor allem „Mensch werden“ können wir nur in Gemeinschaft, niemals alleine.

Unsere Gesellschaft betont hingegen die Individualität. Doch sich als eigenständiges ICH zu sehen, ist nur die eine Hälfte der menschliche Entwicklungsaufgabe. Die andere Hälfte ist die Fähigkeit, Teil einer Gruppe zu sein, sich als WIR zu fühlen und so zu handeln. Und beides miteinander kombiniert ist die hohe Schule der Beziehung: ein ICH im WIR zu sein.

Ich möchte heute dem Wir-Gefühl nachspüren (und wenn ich von Gruppen spreche, meine ich ebenfalls Zweierbeziehungen). In diversen Kommunikationsschulen ist es heute fast schon verpönt, von WIR zu sprechen. Doch wie wäre unser Leben, wenn es kein WIR mehr gäbe? Das WIR einer Gruppe fühlen wir meistens so intuitiv, dass es uns gar nicht bewusst ist. Einer mag enttäuscht sagen: „Die wollten nicht mehr tanzen gehen!“ – „Hast du sie gefragt?“ „Nein, aber es war klar!“ Wer so etwas erzählt, bezieht sein Wissen aus dem Gruppengefühl. Fehlt einem dieses Gefühl, dann stößt man sich eine blutige Nase bei dem Versuch, etwas in einer Gruppe durchzusetzen, das dem Gruppenwillen entgegensteht.

Das WIR als Gefühl ist unter anderem so schwer greifbar, weil das WIR nicht für sich selbst sprechen kann. Es spricht immer durch den Einzelnen. „WIR wollen zu Hause bleiben!“, sagst DU. Ob du für alle sprichst, erkennt man erst an den Reaktionen. Es braucht den Austausch zwischen dir und mir, um zu erkennen, was WIR wollen. Dabei darf man sich das Wir-Gefühl nicht so vorstellen, als würde ICH im WIR völlig aufgehen und damit verschwinden. Nur weil WIR in dieser Gruppe gerne tanzen gehen, heißt das nicht, dass ICH immer gerne tanzen gehen MUSS. Interessensgemeinschaften wie Sportgruppen definieren sich über die gemeinsame Aktivität. Aber wer lange dabei ist, gehört auch zum Wir-Gefühl, wenn er nicht da ist. Das Wir-Gefühl lässt sich mit einem Feld vergleichen, in dem man die zwischenmenschliche Verbindung und die gemeinsamen Ziele fühlen kann. Es ist nicht allein die Summe aus dir und mir, es ist mehr als das und auf eine Art eigenständig.

Das kann man zum Beispiel in Firmen spüren. Auch wenn die Mitarbeiter nicht alle kennen, hat fast jeder das Gefühl zu wissen (der länger dabei ist), was „die Firma“ will. Die Firma will natürlich gar nichts. Sie ist das Gebäude, das Management, die Produktpalette, die offizielle und inoffizielle Firmenphilosophie, die Mitarbeiter und ihre Firmengeschichte. Das Wissen, was die Firma will (im Sinne eines Wir-Gefühls), dieses Wissen hat das ICH, weil es gleichzeitig WIR ist. Das klingt abstrakt, aber wir tun es jeden Tag. Und dieses Gefühl macht es möglich, im Sinne einer Gruppe zu handeln, selbst wenn diese nicht 100% mit meinen Werten übereinstimmt.

Das vertraute Wir-Feld bietet auch die Möglichkeit sich selbst im Kontakt mit anderen besser wahrzunehmen, also die eigene Individualität zu spüren. Im Kontakt mit dir, die du tanzen gehen möchtest, spüre ich, dass es mir nicht gut geht, und ich den geschützten Ort auf meinem Sofa der offenen Tanzfläche vorziehe. Wenn du deine andersartigen Wünsche zeigst, bemerke ich die meinen besser. Doch Unterschiede erlebt man nur als Bereicherung, wenn man sicher ist, dass diese nicht zum Ausschluss führen. Es braucht ein sicheres Wir-Gefühl damit an der Schnittstelle von „ich bin wie du“ und „ich bin anders als du“ beides, Individuation und Gemeinschaft, entstehen kann. Die Qualität und Tiefe von Gemeinschaften zeigt sich in der Fähigkeit, mit der Spannung aus Individualität und Gemeinsamkeit umzugehen.

Doch Spannung braucht zwei Pole. Sie braucht gegensätzliche Energien. Lasse ich sofort meine Energie entweichen, aus Angst die Beziehung würde die Spannung nicht aushalten, wenn ich anderer Meinung bin, dann bietet Gemeinschaft nur die Möglichkeit: „gleich zu sein“ und „eine Meinung zu haben“. Eine Zeitlang ist das erholsam, auf Dauer ist das die Hölle. Um aus dem „Gleich sein“ herauszutreten, dafür brauche ich die Fähigkeiten, mich abgrenzen zu können.

Was ist Abgrenzung?

Ein gut abgrenzter Mensch, kennt seine Grenzen (wie in „abge-grenzt“ erkennbar) und teilt sie mit. Das heißt, wenn mein Partner, meine Freundin, mein Teamkollege etwas sagt, womit ich absolut nicht einverstanden bin, dann sind meine Abgrenzungskompetenzen gefragt. Das bedeutet, ich muss Stellung beziehen, mich gegen deine Meinung stellen. Warum ist das so wichtig? Es ist wichtig, weil ICH innerlich aus dem Wir-Gefühl aussteige, sobald jemand MEINE Grenzen überschreitet. Ich ziehe mich innerlich zurück wie eine Schnecke in ihr Schneckenhaus. Ich bin nicht mehr Teil der Gruppe. Sage ich nichts, schütze ich nur scheinbar die Verbindung. In Wirklichkeit verstecke ich nur den Bruch. Wenn niemand etwas davon erfährt, dann vergeht die Chance UNSERE Ansichten zu überdenken und etwas zu finden, was für UNS passt.

Doch wie oben erwähnt, entsteht das WIR im Austausch über das, „was du willst und was ich will“. An der Kante von „gleich“ und „verschieden“ wächst nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern auch die Individualität jedes einzelnen. Wenn wir meinen, wir müssten uns für das eine oder andere entscheiden, für meinen Wunsch oder deinen, dann verpassen wir die Chance, gemeinsam zu wachsen. Das lebendige WIR verändert sich, und dazu braucht es immer wieder neu das Suchen um, das, was uns verbindet. Eine vorgetäuschte Bestätigung zerfrisst das WIR unterirdisch.

In Gruppen zu sein, ist das Spielfeld, sich SELBST an der Grenzen zum WIR zu erfahren.

Viel Spaß dabei!

 

Advertisements


Hinterlasse einen Kommentar

Unser Hirn, eine Simulationsstation für Mitgefühl und mehr

Mitgefühl ist menschlich, das bestätigt die Gehirnforschung. Dafür haben wir besondere Zellen, die die Gefühle unserer Mitmenschen simulieren. Die sogenannten Spiegelneuronen. Das klappt, weil wir Gefühle wie Freude, Wut, Angst und Trauer mit allen Menschen gemeinsam haben. Dazu braucht es aber eine wichtige Erkenntnis, nämlich die, dass  wir zwar die gleichen Grundgefühle haben, diese aber nicht zwingend in der gleiche Situation ausgelöst werden. Erste Erfahrungen kann man dazu in der Kindheit sammeln. Zum Beispiel, wenn wir bemerken, dass unsere Schwester sich vor etwas anderem fürchtet, als wir das tun. Wenn wir ihre Erfahrung als gleichberechtig sehen können, dann ist das ein erster Schritt zu Mitgefühl und Akzeptanz von Individualität (d.h. dem Bewusstsein, dass wir alle unterschiedlich sind, obwohl wir uns in vielem ähneln).

Gefühle kann man bei anderen auf der körperlichen Ebene wahrnehmen, und so geht es bei Mitgefühl darum sich körperlich einzuschwingen (nicht gedanklich). Zum Beispiel könnte ich wahrnehmen, dass meine Schwester traurig ist, wenn sie mir von der Absage auf eine ihrer Bewerbungen erzählt. „Sich einschwingen“ ist ein bisschen so, als würde ich mich aufmachen, um die Trauer, die zu mir herüber wehen, hereinzulassen. (Die „Windstärke“ hängt von der Art des Gefühls und der Intensität ab. Ist sie z.B. wütend, „weht es deutlich heftiger rüber“.) In jedem Fall konzentriere ich mich auf ihr emotionales Erleben. Mein Gehirn aktiviert dabei die Spiegelneuronen und lässt mich, etwas abgeschwächt, das gleiche Gefühl wahrnehmen. Das nennt man „mitfühlen“.

Doch mein Gehirn kann noch etwas anderes simulieren, was kein Mitgefühl ist. In dem Falle simuliere ich gedanklich die Situation, in der sie sich befindet, und bei diesem Bild taucht das Gefühl auf, was ich an ihrer Stelle hätte (z.B. Erleichterung über die Absage zu einem schlecht bezahlten Job). In meinem Kopf entsteht dabei ein Widerspruch. Ich komme auf „erleichtert“, sie spricht von „traurig“ und das führt zu Verständnislosigkeit. Da ist es gut, zwei Dinge zu wissen: erstens, dass Menschen selten so etwas erzählen, ohne die Sehnsucht zu haben, dass jemand mitfühlt, und zweitens, dass ich, um mitzufühlen, nicht verstehen muss. Ich kann das Gefühl ohne die Situation nachfühlen. Dazu brauche ich aber das Bewusstsein, dass zwei Menschen auf die gleiche Situation unterschiedlich reagieren können und dass beide Reaktionen in Ordnung sind.

Bin ich total verständnislos, bewege ich mich auf einem anderen Kanal. Dann bin ich bei der Situation und meiner Reaktion darauf und nicht bei den Gefühlen meines Gesprächspartners. Manch einer versucht seine Verständnislosigkeit durch viele Fragen zu beheben, doch dies führt eher dazu, dass die Verständnislosigkeit wächst, genau wie die Dissonanz untereinander. Doch Gefühle sind wie sie sind, und selbst die betroffene Person hat nur begrenzt Einfluss darauf.

Bemerke ich also im Gespräch meine Verständnislosigkeit, kann ich das als wichtigen Hinweis nehmen, dass ich gerade keinen Zugang zu meinem Mitgefühl habe. Da ist es viel ehrlicher zu sagen: „Du, ich kann mich gerade nicht einfühlen. Kannst du mit jemand anderem darüber sprechen?“ So lassen sich emotionale Debakel vermeiden, wenn es eigentlich darum geht, sich aufeinander einzuschwingen.


Hinterlasse einen Kommentar

Wertschätzen ohne zu bewerten, ist das möglich?

„Man soll nicht werten!“ Sagt man, aber geht das? Die Gewaltfreie Kommunikation sagt: „Ja, das geht!“, doch ich bin mir nicht so sicher. Unser Gehirn und unsere Sinnesorgane sind so aufgebaut, dass sie einen Kontrast brauchen. Ich kann Licht nicht ohne Dunkelheit sehen. Ich kann Geräusche nicht ohne Stille hören. Also die Frage ist, könnten wir wirklich einen Wert wahrnehmen, wenn wir sein Fehlen nicht kennen? Auch unsere Sprache ist so aufgebaut. Es gibt Werte und Un-Werte, sicher – unsicher / fair – unfair. Was würde mit unserer Welt passieren, wenn wir das „un“- und alles Schlechte streichen würden? Wäre sie wirklich gut? Macht nicht die Ungerechtigkeit es lohnend, sich für die Gerechtigkeit einzusetzen? Ich glaube, wir brauchen das Schlechte genauso wie das Gute, sozusagen als Kontrastmittel.

Der Vorschlag, nicht zu werten, hat durchaus seine Berechtigung, schließlich ist es nicht leicht, mit Bewertungen umzugehen. Das liegt unter anderem daran, dass Wertungen so tun, als wären sie allgemein gültige Wahrheiten und jeder andere würde zu dem gleichen Schluss kommen. Das stimmt nur nicht. Da können wir noch so viele Freunde anführen, die genauso denken, Wertungen bleiben subjektiv und beruhen in aller Regel auf einem Vergleich.

Ein weiteres Problem, welches aus Wertungen und ihren Gegenteilen entsteht, ist, dass die meisten Menschen zwei Aussagen statt eines Lobes hören. Sag ich zu jemandem im Gespräch: „Ich mag Menschen, die auch schweigen können!“ ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass er nicht nur diese Aussage hört, sondern auch: „Sie findet es doof, wenn ich viel rede!“ Es ist also sehr schwer, etwas wertzuschätzen, ohne dass irgendjemand das Gegenteil mitdenkt. Will man diese Schlussfolgerung bewusst umgehen, dann kann man beides erwähnen: „Ich mag es, wenn ich mit Menschen schweigen kann, und lebhafte Gespräche genieße ich ebenfalls.“ Dass wir Lob oft verwenden, um indirekt unsere Änderungswünsche mitzuteilen, verstärkt dieses Phänomen und ist deshalb nicht zu empfehlen.

Wie gesagt, meistens loben wir aus einem Vergleich heraus. Dabei sind wir selbst (oder unsere Bekannten) der Bezugspunkt. Lerne ich jemand kennen, der etwas kann, was ich nicht kann, kann mich das zu wertschätzenden Worten motivieren.  Tatsächlich sagt diese Form der Wertschätzung mehr über mich aus als über den Adressaten. Und mein Nicht-Können wirkt als Kontrastmittel, damit eine Kompetenz überhaupt erkennbar wird. Hätte ich diese Kompetenz, dann würde es mir nicht auffallen, bzw. es wäre für mich nicht erwähnenswert. Es gibt allerdings Werte, die sind uns so wichtig, dass wir sie immer schätzen. Zum Beispiel ist mir Klarheit in der Kommunikation sehr wichtig. Und so bekomme ich oft zu hören, dass Menschen meine Klarheit schätzen. Das wundert mich nicht, schließlich investiere ich viel Zeit dafür. Und ich schätze Klarheit sowohl an mir als auch an anderen. Wenn ich dann Menschen begegne, die in Andeutungen sprechen, und mir jede Form der Klarheit fehlt, was sie sagen wollen, habe ich die Gelegenheit zu fühlen, warum mir Klarheit so wichtig ist. Ich reagiere hochgradig verunsichert. Ich kann es kaum aushalten, nicht zu wissen, was jemand wirklich meint. Werte, für die wir zeitlebens stehen, sind meistens Werte, die wir in der Kindheit vermisst haben. Als Reaktion darauf haben wir die Kompetenz aufgebaut, dieses Fehlen auszugleichen. Das war einmal extrem wichtig für uns, weswegen wir um diesen Wert kämpfen. Doch heute, Jahre später, ich frage mich, ob es nicht an der Zeit ist, das Kämpfen zu lassen und stattdessen Vertrauen zu entwickeln. Das Vertrauen darin, dass ich auch mit dem Fehlen des Wertes umgehen kann, und das Vertrauen in die gute Absicht meiner Mitmenschen, die eben so gut kommunizieren, wie sie eben können.


Hinterlasse einen Kommentar

Fehler und die Selbstachtung

Für meinen Geschmack sind zu viele Menschen mit der folgenden Vorstellung aufgewachsen: Wer Fehler macht, verdient Strafe. Die Art der Strafe variiert und reicht von Missachtung und Anschreien bis zu Nachsitzen oder Kündigung. Dabei ist eines klar: die Wertschätzung ist dahin. Und was die Sache noch schlimmer macht, ist der Glaube, dass man an der Reaktion seiner Umwelt auch noch selbst schuld ist. Man braucht sich gar nicht zu beschweren, schließlich hätte man es besser wissen können und sich mehr anstrengen müssen.

Die negativen Konsequenzen von Fehlern sind uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir uns selbst bestrafen, wenn es kein anderer für uns tut. Und so beschimpfen wir uns selbst als Versager, Nichtsnutze und hoffnungsloser Fall. Und vor allem, wir schämen uns. Wer so denkt, hat als Kind eines gründlich gelernt: „Schäm dich! Du hast einen Fehler gemacht.“ Doch genau da liegt das Problem. Wenn wir uns schämen und Angst vor Strafe haben, ist es uns NICHT möglich, irgendetwas anderes zu lernen, als diese Situation in Zukunft zu vermeiden. Vermeidungsstrategien können sein: Die Schule schwänzen, lügen, nichts mehr sagen, die Diplomarbeit gar nicht erst anfangen. Neue Kompetenzen erwerben wir damit nicht. Und unser Selbstwertgefühl lässt sich damit auch nicht aufbauen.

Schade, weil Lernen, ohne Fehler zu machen, nicht möglich ist! Kein Kind lernt laufen, ohne hinzufallen. Kein Erwachsener lernt seinen Beruf, ohne Fehler zu machen. Und kein Senior lernt den Umgang mit dem PC, ohne dass alles plötzlich weg ist und er nicht weiß, warum. Auch soziale Beziehungen wollen gelernt sein. Eltern machen Fehler. Neue Freunde oder Kollegen machen Fehler. Und Eheleute machen Fehler. Doch ohne diese Fehler wüssten sie nicht, worauf es ankommt.

Um einen neuen Umgang mit Fehlern zu lernen, braucht es oft einen Heilungsprozess. Die Blockaden, die aus den gründlich gelernten Vermeidungsstrategien entstanden sind, sitzen tief. Erst wenn ich meine Scham und Angst ausdrücken kann, ist es mir möglich in Erwägung zu ziehen, dass Fehlermachen ungefährlich ist. Denn bei jedem Fehler, den ich unweigerlich irgendwann mache, stellt sich das Schamgefühl oder die Angst ein. Erst nach dem Ausdrücken der Gefühle kann man lernen, sich selbst Fehler zu verzeihen.

Heiße ich schließlich meine Fehler willkommen und feiere ich sie als die Gelegenheit, etwas Neues zu lernen, dann habe ich den entscheidenden Schritt gemacht. – Herzlichen Glückwunsch!

In diesem Sinne lasst uns unsere Fehler feiern:

„Yes!!! Ich habe einen Fehler gemacht! Jetzt kann ich mich weiterentwickeln!“

Veränderung leicht gemacht


2 Kommentare

Gewaltfreie Missverständnisse – Teil 1

„Für meine Bedürfnisse einstehen“ und echtes Mitgefühl widerspricht sich nicht. Es ist sogar der Königsweg, den Marshall Rosenberg mit der Gewaltfreien Kommunikation vorschlägt. Doch die Balance zwischen den beiden Strängen zu halten, will gelernt sein. Z.B. gibt es Menschen, die die GFK lerne und anwenden aus dem Wunsch heraus andere nicht zu verletzen. Nehmen wir an, Anna wäre so ein Mensch. Doch Anna zeigt ihre Wut selten und schreit andere Menschen so gut wie nie an. Es besteht also keine Gefahr, dass sie zu einer übermäßigen Anwendung von Wut tendiert. Im Gegenteil, sie braucht die Aggression, um für ihre Mitmenschen als Mensch mit eigenen Bedürfnissen wahrgenommen zu werden.

Da passiert Folgendes: Eines schönen Tages nimmt Annas Tochter Tina ungefragt die Seidenbluse ihrer Mutter, die diese am Tag darauf mit einem dicken Fettflecken in der Wäsche wiederfindet. Anna ist richtig wütend. Sie beruhigt sich etwas mit dem GFK-Selbstklärungsprozess und spricht dann mit ihrer Tochter.

Beachte! Viele Menschen glauben, Gewaltfreiheit würde bedeuten, nie Wut zeigen zu dürfen. Das stimmt nicht! Die GFK sagt, dass hinter der Wut auch noch andere Gefühle stehen und dass ungefilterte Wut das, was man sagen will, nur einseitig und ungenau rüber bringt (weswegen wir oft bereuen, was wir in unserer Wut sagen). Wut kann aber trotzdem sehr sinnvoll sein! Z.B. um wahrgenommen zu werden oder für Klarheit zu sorgen.

Für Anna besteht die Gefahr, dass ihr, wenn sie ihre Wut komplett auflöst, der Impuls fehlt, die Situation wirklich verändern zu wollen. So geht sie mitfühlend auf ihre Tochter ein und erfährt dabei auch Dinge, die sie vorher nicht wusste, wie z.B., dass Tina Angst hatte zu fragen und wie der Fleck auf die Bluse gekommen war. Doch während Anna sich in ihre Tochter einfühlt, vergisst sie ihre Sicht der Dinge. Die Tochter erfährt nie, dass Anna nicht nur wütend, sondern auch verletzt ist, weil sie sich Rücksicht wünscht und außerdem gerne das Vertrauen hätte, dass ihre Sachen sorgsam behandelt werden.

Wenn man regelmäßig Bedürfnisse übersieht und nicht beachtet, wirkt sich das negativ auf die Beziehung aus. Egal, ob es sich um die eigenen Bedürfnisse oder die anderer handelt. Bewusst oder unbewusst lassen wir den anderen dafür bezahlen. Die GFK erinnert uns daran die Bedürfnisse beider zu berücksichtigen. Die Beziehung zwischen Anna und ihrer Tochter wird das vollständige Fehlen von Annas Sicht und ihre unausgesprochenen Wünsche einmal verkraften. Passiert das regelmäßig, wird es zum Problem. Zudem ist die Einseitigkeit nicht der reine Vorteil für Annas Tochter. Diese spürt den unausgesprochenen Wunsch, nimmt ihn aber als Manipulationsversuch war: „Schau, so gehe ich auf dich ein und jetzt schau dir dein eigenes Verhalten an! Du fragst gar nicht, wie es mir geht!“ Das führt früher oder später zu GFK-Verdruss bei Kindern und Partnern. Auch Anna wird zusehends ungehaltener Menschen gegenüber, die nicht von sich aus auf ihre Bedürfnisse eingehen. Doch was fehlt, ist, dass sie ehrlich sagt, worum es ihr geht. Das ist für alle wichtig und auch nicht verletzend, sondern sorgt für Klarheit in der Beziehung.

Lese mehr dazu im nächsten Blog.


Hinterlasse einen Kommentar

Handys – die multiple Kommunikation

Als Nicht-Smart-Phone-Besitzerin kann ich mich einfach nicht an den aktuellen Umgang mit Handys gewöhnen.

Wenn meine Freundin mitten im Gespräch zum Handy greift, um eine Nachricht zu lesen, dann reagiere ich verstimmt. Ich denke: „Aha, das Handy ist wichtiger“. Diese Einschätzung hat mit der Frage zu tun: Was hat Priorität? Was ist es wert die Aufmerksamkeit zu bekommen. In diesem Beispiel: das Handy, nicht ich. Dabei kann ich mich noch glücklich schätzen, wenn der Chat mit einer Antwort beendet ist, ansonsten schaut sie immer wieder drauf.

Dabei wollen die wenigsten Handybenutzer damit sagen, dass ihnen das Handy wichtiger ist. Aus ihrer Perspektive bevorzugen sie nicht das Handy, sondern die Person, die ihnen gerade schreibt. Auch die Lücke im Kontakt fällt ihnen nicht auf, weil sie ja in Kontakt sind, nur nicht mit der Person, die vor ihnen sitzt.

Warum ist Nachrichten-schreiben so beliebt? Eine Nachricht enthält max. 160 Zeichen, keine Emotionen und keine Konventionen. Eine Anfrage oder Bitte ist da schnell gestellt. Schließlich passen nicht viele Worte in eine SMS. 160 Zeichen für: Das will ich, willst du auch? Und all das, ohne mich emotional groß mit dem anderen zu beschäftigen. Auch ist ein Nein per SMS leichter zu ertragen als eine persönliche Absage. Liegt darin der Reiz?

Im Ganzen scheint man weniger Probleme zu haben. Die fangen erst an, wenn es zu Missverständnissen kommt. Man erhält keine zeitnahe Antwort oder empfindet etwas als Affront. Falls man sich die Mühe macht, das Missverständnis zu klären, bekommt man meistens die Antwort: „Das war nicht so gemeint.“ Der andere hatte die Nachricht nicht richtig gelesen oder sich vertan. Auch ist manchmal die Antwort zu kurz, um das Gefühl zu vermitteln, überhaupt eine Antwort wert zu sein.

Die Kommunikation mit einem anwesenden Mensch ist da anders. Konventionen und Höflichkeit spielen plötzlich wieder eine Rolle. Es muss erst die passende Atmosphäre geschaffen werden, um zu persönlichen Fragen zu kommen. Unabhängig davon sind die Gefühle eines Menschen auch ohne Worte spürbar. Körperhaltung und Gesichtsausdruck sprechen zu uns, noch bevor wir den Mund aufmachen. Und es macht eine gute Freundschaft aus, dass man auf Gefühle und Stimmungen eingeht.

Im Ganzen haben heute persönliche Gespräche ihren exklusiven Charakter verloren. Dafür haben wir die Möglichkeit mit mehr als nur einer Person zu kommunizieren. Ich halte das für einen schlechten Tausch. Für eine Terminabsprache schreiben wir bei Kaffee und Kuchen Nachrichten hin und her. Das geht auf Kosten des persönlichen Kontakts. Es leidet nicht nur die Gesprächstiefe, sondern auch Ruhe und Erholung kommen zu kurz. Wenn wir Gesprächspausen mit „Ich checke mal eben meine Nachrichten.“ füllen, gibt es keine Momente der Stille mehr. Und es heißt doch, Freunde, das sind die Menschen, mit denen man schweigen kann. Wessen Freund bin ich, wenn ich, wenn es still wird, zum Handy greife?


Hinterlasse einen Kommentar

Sage nicht „Ja“, wenn du „Nein“ meinst!

Vom (Nicht-)Nein-Sagen in der Beziehung

Woran erkennt man im Restaurant, ob ein Paar frisch verliebt oder schon lange zusammen ist (unabhängig vom Alter)?

Die einen reden angeregt, und die anderen schweigen oder lesen Zeitung.

Der Grund für das Schweigen kann größere Vertrautheit sein. Es gibt aber auch Paare, bei denen der eigentliche Grund der ist, dass sie keine Themen mehr haben, die nicht beim einen oder anderen für Sprengstoff sorgen. Um diese soll es hier gehen.

Viele starten eine Beziehung in der Annahme, dass die Liebe sich in „einer Meinung sein“ zeigt. Man tut alles füreinander und streitet nie. Aber Menschen sind nicht immer einer Meinung.

Doch was passiert, wenn sie es trotzdem versuchen? Wenn sie zum Beispiel beim Kennenlernen feststellen, dass sie beim Thema XY, sagen wir „Umweltschutz“, nicht einer Meinung sind? Sie klammern das Thema (erst mal) aus. Später kommt das Thema: „Wie wollen wir in den Urlaub fahren“ dazu. Und dann stellen sie fest, dass sie beim Thema „Schwiegermutter“ auch keine Übereinstimmung finden. Mit der Zeit wird es immer schwieriger, die Themen zu vermeiden. So kommt das Thema „Schwiegermutter“ zwangsläufig beim nächsten Besuch wieder auf den Tisch. Durch die Vermeidungstaktik sind beide zu dem Zeitpunkt, wo der Konflikt nicht mehr vermeidbar ist (auf der Fahrt zur Schwiegermutter), schon so an ihren Grenzen, dass keine verständnisvolle Aussprache mehr möglich ist. Bleibt man trotzdem bei der Strategie „Konflikte mit Tabus zu belegen“, dann gibt es irgendwann keine Gesprächsthemen mehr. Also schweigt man. Man lebt sich auseinander. Und dann trennt man sich und fragt sich, was man wohl je am anderen fand, mit der/dem Neuen kann man sich doch so angeregt unterhalten.

Ja, man kennt auch die Meinungsverschiedenheiten noch nicht.

Damit es nicht so weit kommt, ist es wichtig, auch als Frischverliebte, zu sagen, was man will und was nicht. Schließlich ist es nach drei Kinobesuchen sehr schwierig zuzugeben, dass man Actionfilme eigentlich gar nicht mag. Und zweitens braucht es einen Weg, wie man bei Konflikten zu wechselseitigem Verständnis und brauchbaren neuen Strategien kommt. Dieser Weg könnte damit beginnen, den Zeitpunkt der Aussprache so zu wählen, dass man gerade entspannt miteinander ist und die Lösung nicht gar so sehr brennt. Das stärkt das wechselseitige Wohlwollen und erleichtert es zuzuhören und sich ehrlich auszudrücken. Auch „Nein“ zu sagen, wenn man „Nein“ meint (auch wenn es unbequem ist), sichert langfristig die Beziehung. Je länger man damit wartet, umso schwerer wird es. (Deshalb finden es viele auch leichter, eine neue Beziehung anzufangen, statt der alten zu sagen, wie oft man etwas gemacht hat, was man eigentlich nicht machen wollte.) Und zu guter Letzt gilt es, den Spaß dabei nicht zu vergessen! Zum Necken gehört schließlich auch Nein-Sagen. Wie zum Beispiel: „Nein, Schatz, ich werde den Müll jetzt nicht runterbringen, aber wenn du möchtest, kann ich dich gerne in den Arm nehmen.“ Oder wie wäre es mit: „Nein, Schatz, ich will jetzt keinen Sex, aber Knutschen fände ich jetzt ganz toll!“

Bei all dem darf man nicht vergessen, dass Konflikte zum Zusammenleben dazugehören und nichts über den Grad der Liebe aussagen.

Wer gerne noch mehr Tipps zum konstruktiven Streiten möchte, am 19.-20. September 2015 findet ein Workshop für Gewaltfreie Kommunikation in Hamburg statt.

(Zielgruppe: ganz normale Paare und Einzelpersonen)