gefühlte Gedanken

fühlend selbst-bewusst verstehen wollen


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Das Wir-Gefühl und die Abgrenzung

Wir Menschen sind die sozialsten Wesen auf diesem Planeten. Wer das nicht glaubt, bedenke: für alles, was uns zum Menschen macht, Denken, Sprechen und Aufrecht-gehen (nur eine kleine Auswahl), brauchen wir andere Menschen. Wir lernen nur laufen, wenn uns aufrecht gehende Menschen die Hand halten. Du könntest kein Wort sprechen, wenn nie jemand mit dir gesprochen hätte. „Mensch sein“ und vor allem „Mensch werden“ können wir nur in Gemeinschaft, niemals alleine.

Unsere Gesellschaft betont hingegen die Individualität. Doch sich als eigenständiges ICH zu sehen, ist nur die eine Hälfte der menschliche Entwicklungsaufgabe. Die andere Hälfte ist die Fähigkeit, Teil einer Gruppe zu sein, sich als WIR zu fühlen und so zu handeln. Und beides miteinander kombiniert ist die hohe Schule der Beziehung: ein ICH im WIR zu sein.

Ich möchte heute dem Wir-Gefühl nachspüren (und wenn ich von Gruppen spreche, meine ich ebenfalls Zweierbeziehungen). In diversen Kommunikationsschulen ist es heute fast schon verpönt, von WIR zu sprechen. Doch wie wäre unser Leben, wenn es kein WIR mehr gäbe? Das WIR einer Gruppe fühlen wir meistens so intuitiv, dass es uns gar nicht bewusst ist. Einer mag enttäuscht sagen: „Die wollten nicht mehr tanzen gehen!“ – „Hast du sie gefragt?“ „Nein, aber es war klar!“ Wer so etwas erzählt, bezieht sein Wissen aus dem Gruppengefühl. Fehlt einem dieses Gefühl, dann stößt man sich eine blutige Nase bei dem Versuch, etwas in einer Gruppe durchzusetzen, das dem Gruppenwillen entgegensteht.

Das WIR als Gefühl ist unter anderem so schwer greifbar, weil das WIR nicht für sich selbst sprechen kann. Es spricht immer durch den Einzelnen. „WIR wollen zu Hause bleiben!“, sagst DU. Ob du für alle sprichst, erkennt man erst an den Reaktionen. Es braucht den Austausch zwischen dir und mir, um zu erkennen, was WIR wollen. Dabei darf man sich das Wir-Gefühl nicht so vorstellen, als würde ICH im WIR völlig aufgehen und damit verschwinden. Nur weil WIR in dieser Gruppe gerne tanzen gehen, heißt das nicht, dass ICH immer gerne tanzen gehen MUSS. Interessensgemeinschaften wie Sportgruppen definieren sich über die gemeinsame Aktivität. Aber wer lange dabei ist, gehört auch zum Wir-Gefühl, wenn er nicht da ist. Das Wir-Gefühl lässt sich mit einem Feld vergleichen, in dem man die zwischenmenschliche Verbindung und die gemeinsamen Ziele fühlen kann. Es ist nicht allein die Summe aus dir und mir, es ist mehr als das und auf eine Art eigenständig.

Das kann man zum Beispiel in Firmen spüren. Auch wenn die Mitarbeiter nicht alle kennen, hat fast jeder das Gefühl zu wissen (der länger dabei ist), was „die Firma“ will. Die Firma will natürlich gar nichts. Sie ist das Gebäude, das Management, die Produktpalette, die offizielle und inoffizielle Firmenphilosophie, die Mitarbeiter und ihre Firmengeschichte. Das Wissen, was die Firma will (im Sinne eines Wir-Gefühls), dieses Wissen hat das ICH, weil es gleichzeitig WIR ist. Das klingt abstrakt, aber wir tun es jeden Tag. Und dieses Gefühl macht es möglich, im Sinne einer Gruppe zu handeln, selbst wenn diese nicht 100% mit meinen Werten übereinstimmt.

Das vertraute Wir-Feld bietet auch die Möglichkeit sich selbst im Kontakt mit anderen besser wahrzunehmen, also die eigene Individualität zu spüren. Im Kontakt mit dir, die du tanzen gehen möchtest, spüre ich, dass es mir nicht gut geht, und ich den geschützten Ort auf meinem Sofa der offenen Tanzfläche vorziehe. Wenn du deine andersartigen Wünsche zeigst, bemerke ich die meinen besser. Doch Unterschiede erlebt man nur als Bereicherung, wenn man sicher ist, dass diese nicht zum Ausschluss führen. Es braucht ein sicheres Wir-Gefühl damit an der Schnittstelle von „ich bin wie du“ und „ich bin anders als du“ beides, Individuation und Gemeinschaft, entstehen kann. Die Qualität und Tiefe von Gemeinschaften zeigt sich in der Fähigkeit, mit der Spannung aus Individualität und Gemeinsamkeit umzugehen.

Doch Spannung braucht zwei Pole. Sie braucht gegensätzliche Energien. Lasse ich sofort meine Energie entweichen, aus Angst die Beziehung würde die Spannung nicht aushalten, wenn ich anderer Meinung bin, dann bietet Gemeinschaft nur die Möglichkeit: „gleich zu sein“ und „eine Meinung zu haben“. Eine Zeitlang ist das erholsam, auf Dauer ist das die Hölle. Um aus dem „Gleich sein“ herauszutreten, dafür brauche ich die Fähigkeiten, mich abgrenzen zu können.

Was ist Abgrenzung?

Ein gut abgrenzter Mensch, kennt seine Grenzen (wie in „abge-grenzt“ erkennbar) und teilt sie mit. Das heißt, wenn mein Partner, meine Freundin, mein Teamkollege etwas sagt, womit ich absolut nicht einverstanden bin, dann sind meine Abgrenzungskompetenzen gefragt. Das bedeutet, ich muss Stellung beziehen, mich gegen deine Meinung stellen. Warum ist das so wichtig? Es ist wichtig, weil ICH innerlich aus dem Wir-Gefühl aussteige, sobald jemand MEINE Grenzen überschreitet. Ich ziehe mich innerlich zurück wie eine Schnecke in ihr Schneckenhaus. Ich bin nicht mehr Teil der Gruppe. Sage ich nichts, schütze ich nur scheinbar die Verbindung. In Wirklichkeit verstecke ich nur den Bruch. Wenn niemand etwas davon erfährt, dann vergeht die Chance UNSERE Ansichten zu überdenken und etwas zu finden, was für UNS passt.

Doch wie oben erwähnt, entsteht das WIR im Austausch über das, „was du willst und was ich will“. An der Kante von „gleich“ und „verschieden“ wächst nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern auch die Individualität jedes einzelnen. Wenn wir meinen, wir müssten uns für das eine oder andere entscheiden, für meinen Wunsch oder deinen, dann verpassen wir die Chance, gemeinsam zu wachsen. Das lebendige WIR verändert sich, und dazu braucht es immer wieder neu das Suchen um, das, was uns verbindet. Eine vorgetäuschte Bestätigung zerfrisst das WIR unterirdisch.

In Gruppen zu sein, ist das Spielfeld, sich SELBST an der Grenzen zum WIR zu erfahren.

Viel Spaß dabei!

 

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Tugend ohne Liebe

Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos.

Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart.

Wahrheit ohne Liebe macht kritiksüchtig.

Klugheit ohne Liebe macht gerissen.

Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch.

Ordnung ohne Liebe macht kleinlich.

Macht ohne Liebe macht gewalttätig.

Ehre ohne Liebe macht hochmütig.

Besitz ohne Liebe macht geizig.

Glaube ohne Liebe macht fanatisch.

 

– Asiatische Weisheiten –


Ein Kommentar

Wut und Angst, zwei destruktive Verbündete

Als eher verstandesorientierter Mensch war für mich das Buch: Eine „Gebrauchsanweisung für Gefühle & Emotionen“ von Vivian Dittmar sehr erhellend. Ihre Theorie zu den fünf Gefühlen Wut, Traurigkeit, Angst, Freude und Scham habe ich bereits in meinem Blog „Die Aufgabe hinter den Gefühlen“ vorgestellt.

Heute will ich auf den Aspekt eingehen, dass wir nicht immer das richtige Gefühl zur richtigen Situation produzieren. Unpassende Gefühle verpulvern unsere Energie und tragen zu der Vorstellung bei, dass Gefühle irrational und im Konfliktfall zu nichts nutze sind. Das stimmt nur für unpassende Gefühle. Passende Gefühle geben uns Kraft. (Siehe oben genannten Blog).

Wie weiß man nun, ob eine emotionale Reaktion passt?

Das möchte ich am Beispiel der Wut veranschaulichen. Vivian Dittmar sagt, wenn ich eine Situation oder ein Verhalten als „falsch“ bewerte, dann erzeuge ich Wut. Passend ist sie, wenn ich mir dabei zwei Fragen, wie folgt, beantworte.

  1. Ist die Situation für mich akzeptabel? – nein (die erste Reaktion auf eine inakzeptable Situation ist für viele Menschen Wut)
  2. Kann ich die Situation ändern? – Ja

Nur, wenn ich die Situation für veränderbar halte, ist Wut das richtige Gefühl (akzeptieren – nein, verändern – ja). Beurteile ich zum Beispiel meine Vergangenheit als falsch und erzeuge damit Wut, schade ich mir damit selbst. Ich kann sie nicht mehr ändern. Die Wut wabert dann als Handlungsenergie in mir, doch einsetzen kann ich sie nicht. In diesem Zusammenhang ist sie nur eine Durchgangsstation. Das einzige Gefühl, was mich da weiterbringt, ist Trauer (akzeptieren – ja, verändern – nein). Trauerarbeit heißt, nach und nach das akzeptieren lernen, was nicht mehr zu ändern ist.

Häufig ist jedoch die Antwort auf die Frage „Kann ich etwas ändern?“ nicht ja, sondern nein. Die emotional passende Antwort ist dann Angst (akzeptieren – nein, verändern – nein). Angst ist schwer auszuhalten. Schließlich sehen wir zunächst keine Möglichkeiten. Viele Menschen werden deshalb lieber wütend. Doch sie produzieren eine unpassende Wut, da sie nichts ändern können. Sinnlos erscheinende Gewaltakte wie Brandstiftung an Flüchtlingsheimen oder Amokläufe in Schwulendiskos lassen sich mit einer fehlgeleiteten Wut erklären. Wenn ich nicht akzeptieren kann, dass Flüchtlingsheime in meiner Nachbarschaft gebaut werden und ich daran nichts ändern kann, macht das Angst. Damit könnte man umgehen, wenn man zu seiner Angst stehen würde. Doch es gibt Menschen, die nicht nur Flüchtlingsheime falsch finden, sondern auch, dass ihnen das Angst macht. Darf die Angst nicht sein, dann wird sie blockiert, sucht sich einen neuen Weg und findet ein Ventil in der zulässig erscheinenden Wut. Doch Wut aus Angst verliert ihre konstruktive Kraft. Sie ist aus Hilflosigkeit geboren. Mit Brutalität versucht manch ein Gewalttäter, seine Hilflosigkeit zu übertünchen. Die Tatsache, dass etwas da ist, inakzeptabel und unveränderbar, kann zu dem Wunsch führen, das unannehmbare Objekt (Flüchtlingsheim oder Schwule) einfach zerstören zu wollen.

Angst ist wie eine Tür, durch die man durch muss, bevor man einen unbekannten Raum mit neuen Möglichkeiten betritt. Sind wir in dem Raum hinter der Angst angekommen, dann passiert vielleicht das Unerwartete und wir schauen uns das Flüchtlingsheim mit seinen Bewohnern von Mensch zu Mensch an. Dann trauen wir uns vielleicht einen ehrlichen Blick auf unsere eigene Sexualität zu werfen, statt die von Homosexuellen zu verurteilen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten mit Angst umzugehen, wir müssen nur den Blick frei bekommen, doch Wut verengt ihn.

Wut ist nicht nur unpassend, wenn sie eigentlich ein Ausdruck von Angst ist. Wut ist auch unpassend, wenn sie mit der falschen Intensität ausgedrückt wird. Wenn zum Beispiel meine Nachbarin nachts um 12 Uhr laut Musik hört, dann besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dass ich etwas daran ändern kann. Allerdings hängt die passende Menge Wut an zwei Faktoren. Zum einen, wie überzeugt bin ich von meinen Einflussmöglichkeiten, und zum anderen, mit wieviel Widerstand rechne ich. Habe ich Zweifel an meiner Durchsetzungskraft, dann brauche ich viel Wut, um die Zweifel zu kompensieren und mit Wutenergie mir Mut zu machen. Unterschätze ich meine Einflussmöglichkeiten, besteht die Gefahr, dass ich mit meiner Wut weit über das Ziel hinausschieße. Das richtige Maß hingegen unterstützt mich, mein Bedürfnis nach Ruhe ernst zu nehmen und es angemessen durchzusetzen.

Auch das Gegenteil kann der Fall sein. Ein Freund erzählte mir, er habe seine Freundin zig Mal gebeten, ihm Bescheid zu sagen, wenn sie später als verabredet nach Hause kommen würde. Doch sie berücksichtigte seinen Wunsch nie. Eines Tages riss ihm der Geduldsfaden und er schrie sie an: „Weißt du eigentlich wie Scheiße es ist, hier rumzusitzen, ohne zu wissen, wie lange du im Büro hockst?“ Und sie schaut ihn erstaunte an und sagte: „Sag das doch! Ich wusste gar nicht, dass dir das so wichtig ist!“ Sein höflich formulierter Wunsch war nicht als persönlich wichtige Angelegenheit angekommen.

Nicht nur die Wut können wir „unpassend“ ausdrücken. Auch Angst, Trauer, Scham und selbst Freude können innerlich abgelehnt (d.h. verdrängt) werden, und sich danach auf Irrwegen wieder zeigen. Ob du die „Kraft der Gefühle“ konstruktiv einsetzt, kannst du mit den beiden Fragen testen.

Hier die Antwortmuster:

Ist die Situation für mich inakzeptabel, aber veränderbar, ist das passende Gefühl Wut.

Ist die Situation für mich inakzeptabel, aber ich weiß nicht, was ich tun soll, ist das passende Gefühl Angst.

Geht es darum etwas zu akzeptieren, was eben so ist (wie zum Beispiel die Vergangenheit), dann ist Trauer das richtige Gefühl.

Finde ich mich in meinem Verhalten inakzeptabel, ist das passende Gefühl Scham und es geht darum mich selbst zu reflektieren (Kann ich etwas ändern? Will ich etwas ändern? Oder geht es darum, mich in meinem So-Sein zu akzeptieren?).

Oder ich finde die Situation großartig und will überhaupt nichts ändern, dann ist das passende Gefühl Freude.

Für Details verweise ich nochmal auf den Blog Die Aufgabe hinter den Gefühlen.


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Ein Leben aus vollem Herzen

Die amerikanische Schamforscherin Brené Brown ging zu Beginn ihrer Forschungsreise davon aus, dass Menschen mit starken Schamgefühlen unsicher und fremdbestimmt sind. Doch dann stellte sie fest, dass das nicht immer zutraf. Es gab immer wieder Probanden, die trotz intensiv erlebter Schamgefühle ein sehr authentisches Leben führten.

Heute nennt sie diese Leute: „Menschen, die aus vollem Herzen leben“ und ist dankbar, dass das unangenehme Gefühl Scham sie zu dem Weg führte, wie man ein authentisches Leben lebt. Dabei schien die entscheidende Frage zu sein: Warum lassen sich diese Menschen von ihren Schamgefühlen nicht aus der Bahn werfen? Was macht sie „schamresistent“? Wie gelingt es ihnen, trotzdem authentisch zu bleiben und nicht den eigenen Wert zu opfern?

Die Antwort ist, sie kultivieren bestimmte Formen von Mut.

  1. Mut sich zu zeigen. Das, was wir erleben, und das, wie unsere Umwelt auf uns reagiert, kommt nur überein, wenn wir ehrlich sagen, was in uns ist. Und das ist nicht immer schön, nicht immer bequem und noch nicht einmal immer das, was wir wollen. Aber es ist unsers! Wir sind die Urheber unserer Gefühle, auch wenn es uns manchmal so vorkommt, als würden uns unsere Gefühle passieren oder andere sie verursachen.

Mut sich selbst treu zu sein: Auch Nicht-konform-gehen mit dem, was unsere Mitmenschen meinen oder wollen, erfordert Mut. Es ist übrigens eine Illusion, wenn wir glauben, dass ein authentisches Leben leicht gehen müsste. Das kann es, das tut es auch oft und dann gilt es, das zu genießen. Aber sehr oft ist es unbequem, weil wir ein Risiko eingehen. Das Risiko, nicht zu wissen, wie unsere Mitmenschen unser Verhalten finden.

„Menschen, die aus vollem Herzen leben“ stehen zu ihrer Verletzlichkeit. Sie versuchen sie nicht zu verstecken und auch nicht anders zu sein, als sie sind. Und damit löst sich ein verbreitetes Bild auf, das Stark-sein und Verletzlichkeit für unvereinbar hält. Es ist genau andersherum. „Verletzlichkeit macht stark“, wie Brené Brown eines ihrer Bücher nennt.

Wenn du authentisch sein willst, dann…

  1. lasse los, wer du glaubst, sein zu müssen, und umarme die, die du wirklich bist.
  2. kultiviere den Mut, unvollkommen zu sein, Grenzen zu setzen und verletzlich zu sein.
  3. übe Mitgefühl, indem du dir bewusst machst, dass jeder von uns Stärken und Schwächen hat. Mitgefühl ist auch deshalb so wichtig, weil es das Gegengift von Scham ist. Der Quantensprung, den es in der Scham zu machen gilt, ist, sich von dem Mitgefühl seiner Mitmenschen wieder berühren zu lassen. Die meisten Menschen blocken Mitgefühl ab, weil sie in der Scham davon überzeugt sind, es nicht wert zu sein.
  4. kultiviere Verbundenheit und Zugehörigkeit; nicht nur, indem du daran glaubst, dass andere genügen, sondern auch, indem du daran glaubst, dass du genügst. Zu jeder Verbindung gehören zwei. Du und ich. Wenn nur du mir wichtig bist, dann fehle ich. Wenn nur meine Ansicht wichtig ist, dann fehlst du.
  5. Widme dich Dingen, die dir wirklich wichtig sind. Nicht der Erfolg entscheidet darüber, ob etwas wichtig ist, sondern der Sinn, den du daraus ziehst. Hier hilft die Frage: Was ist es wert, getan zu werden, selbst wenn ich es mir nur unvollkommen gelingt oder ich mich plage?
Veränderung leicht gemacht


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Veränderung leichtgemacht

Persönliches Wachstum ist mir sehr wichtig. Zum einen motiviert mich die reine Freude an der Weiterentwicklung und manchmal auch die Vorstellung „nicht gut genug zu sein“. Am Wochenende sagte eine geschätzte Kollegin zu mir, immer wenn sie feststelle, dass sie etwas nicht könne, dann käme der Gedanke hoch: „Dazu müsstest du mal eine Übung machen!“ Besonders das „müsste“ klang schwer und angestrengt.

Und als ich darüber nachdachte, ob es nicht auch leichter geht, fiel mir Barry Long ein (Autor von „Meditation in 10 Schritten“). Long sagt, dass das „Lernen“ ein Prozess ist, bei dem wir uns etwas zu eigen machen, was es vorher nicht in uns gab. Wir lernen eine Sprache, indem wir Vokabeln lernen, die wir vorher nicht kannten. Wir lernen die Grammatik, die sich von unserer Muttersprache unterscheidet. So funktioniert der größte Teil der Wissensvermittlung „Klappe auf, Wissen rein, klappe zu“. Und dabei existiert die stillschweigende Übereinkunft, dass du mit Wissen mehr wert bist als ohne.

Meditation hingegen ist das Gegenteil. Wenn Lernen „Addition“ ist, dann ist Meditation „Subtraktion“. Meditation ist der Prozess, bei dem du Dinge verlernst, die nicht zu dir gehören. Das heißt, Gedanken, Eigenschaften und Verhaltensweisen verschwinden, die nicht deinem tiefsten Wesen entsprechen. Auch Barry Long geht stillschweigend davon aus, dass wir viele Eigenschaften, Angewohnheiten und Verhaltensmuster in uns tragen, die weder gut sind noch sinnvollerweise zu uns gehören.

Dass diese Aussage richtig ist, konnte ich erst dieser Tage wieder beobachten. Schon seit geraumer Zeit fällt mir auf, dass, wenn ich einer Freundin von einem persönlichen, mich belastenden Thema erzähle, ich nach einer Weile an den Punkt komme, wo ich das Ganze wieder herunterspiele. Ohne wirklich dahinter zu stehen, sage ich dann so Sachen wie: „Ach, so schlimm ist es auch wieder nicht“ oder „es wird schon wieder“. Doch dieses Wochenende fiel mir auf, dass ich das nicht mehr tue. Ich blieb bei meiner Aussage, spielte nichts herunter, gab mich nicht optimistisch, ohne es zu sein. Kurz ich akzeptierte, dass das mein Thema war und dass ich mich gerade damit schwer tat.

Seit ich meditiere, beobachte ich diesen Subtraktions-Effekt. Barry Long sagt, das Entscheidende dabei ist, dass man sich in dem Moment, wo es passiert, wertfrei beobachtet. Verurteile ich mich während der Beobachtung, dann funktioniert es nicht. Alles, was es braucht, ist schlichtes Bewusstsein: „Aha, jetzt rede ich es klein. … Aha, so fühlt sich das an.“ Das ist alles.

Klingt einfach, ist es auch. Vorausgesetzt, man kommt aus der Selbstverurteilungsmühle raus. Und vielleicht weißt du, dass das nicht immer so einfach ist. Aber, ehrlich gesagt, ist es die einfachste Art, sich zu verändern, die ich kenne. Kein hart-an-sich-Arbeiten, kein langes Üben, einfach beobachten.

Nachdem ich wusste, dass das funktioniert, dachte ich mir, dass das ja auch mit der Körperhaltung funktionieren müsste. Ich hatte die Vorstellung, dass die natürliche Körperhaltung aufrecht und gerade ist. Ich selbst habe aber die Tendenz mit rundem Rücken dazusitzen, was zu Verspannungen und Schmerzen führt. Mitunter fiel mir die aufrechte Körperhaltung auf dem Meditationskissen schwer. Und so nutze ich Meditation, um meine Körperhaltung zu beobachten. Es hat über ein Jahr gedauert, bis sich eine Veränderung einstellte (und ich bin nicht sicher, ob es ohne Rückentraining geklappt hätte). Aber dann kam, während der Meditation, wie von alleine, ein Impuls aus dem unteren Bauch, der wie eine Welle nach oben in meine Brust rollte und mich am Brustbein nach oben zog. Es war, als wollte etwas durch meinen Körper Richtung Himmel. Mein Rücken, der bei der ganzen Sache überhaupt nicht involviert war, entspannte sich beim Ausatmen. In dem Moment saß ich ganz aufrecht, so selbstverständlich wie ein Baum, der zwischen Himmel und Erde steht.

Bei dieser Form der Veränderung hat mir Meditation sehr geholfen. Ob es auch ohne Meditationspraxis geht? Vielleicht. Hast du Lust mit wertfreier Selbstbeobachtung zu experimentieren und mir davon zu berichten, ich würde mich freuen.

Wundere dich nicht, wenn es länger dauert. Es sollte auf gar keinen Fall anstrengend sein. Das Tolle an dieser Methode ist, Anstrengung verbessert das Ergebnis nicht.


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Negativ sticht positiv – eine biologische Programmierung

Beim Erinnern bevorzugt das Gehirn negative Erlebnisse. Je schlimmer und bedrohlicher sie sind, desto tiefer prägen sie sich ein. Und nicht nur das, taucht die Erinnerung wieder auf, reaktiviert unser Gehirn alle dazugehörenden Gefühle und schwämmt damit den Körper. Es stellt damit sicher, dass wir uns vor lebensbedrohlichen Dingen fernhalten und die Auslöser auf gar keinen Fall vergessen. Das funktioniert so gut, dass manche Eltern es als effektive Erziehungsmethode schätzen. Hat man einmal gelernt, sich für etwas zu schämen, taucht das Gefühl beim bloßen Gedanken daran wieder auf.

Der Nachteil liegt auf der Hand. Gehorsame Kinder, die durch Angst und Scham zu einem angepassten Verhalten gebracht wurden, haben keinen Selbstwert. Die Werte, nach denen sie leben, sind nicht ihre eigenen. Schließlich bedeutet Selbstwert, dass der Wert aus einem selbst kommt. Man könnte sagen, diese Kinder haben Fremdwert.

Marktforscher haben herausgefunden, dass es 7 positive Nachrichten zu einem Produkt braucht, bis ein Kunde nach einer Negativaussage seine Meinung wieder ändert. Daraus kann man ableiten, dass unser Gehirn negative Ereignisse um den Faktor 7 bevorzugt. Wer das überprüfen möchte, gehe zum nächsten Zeitungsstand und beobachte mal, welches Titelblatt seine Aufmerksamkeit als erstes auf sich zieht. Auch wenn man keine Bildleserin ist, wird es wahrscheinlich das Bild der IS-Kämpfer sein, die wütend die Gewehre schütteln, oder das Bild der ausgebrannten Wohnung mit weinenden Menschen im Vordergrund. Die hübsche Zimmerdeko von „Schöner Wohnen“ nimmt man in den ersten 5 Sekunden nicht wahr. Sollten die Marktforscher Recht haben, wird es 7-mal länger dauern, bis wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten. (Ich würde behaupten, es dauert länger.)

Was hat das für Folgen auf unser Selbstbild? Braucht man ein gutes Gedächtnis, damit man mit sich selbst zufrieden ist? Ist es nicht praktischer, vergesslich zu sein, um sich an all die Fauxpas und Fehler nicht zu erinnern? Nur, wenn einem das Vergessen des Negativen gelingt, dann gelingt das Vergessen des Positiven noch viel besser.

Hier eine kleine Übung: Versuch dich an etwas zu erinnern, was du gestern getan hast und das du gut findest. Es muss nichts Großes sein. Zum Beispiel so etwas wie: „Ich habe endlich die Küche geputzt, es sieht so schön aus.“ Es gibt zwei Bedingungen für diese Übung: a) du musst das, was du getan hast, positiv bewerten und b) du musst diese Wertung auch fühlen können (die gefühlte Freude ist der Beweis, dass du deine Werte erfüllt hast und nicht die deiner Mutter).

Wem das schwer fällt, dem empfehle ich, diese Übung jeden Morgen zu machen. Schreibe in ein Tagebuch fünf positive Taten des gestrigen Tages. Sollten es am Anfang nur 1 oder 2 sein, verliere nicht den Mut. Mache weiter und überprüfen einmal, ob du den Level von dem, was du als „gut“ bezeichnen würdest, hinunterschrauben kannst, sodass es fünf Stück werden. Wenn man will, dass es eine Wirkung auf das Gehirn hat, dann sind drei Monate ein guter Zeitraum, diesem eine neue Funktionsweise beizubringen. Weniger ist natürlich auch gut. Ich habe es ungefähr ein halbes Jahr lang gemacht. Nicht nur, dass es die Meinung von mir selbst verbessert hat, sondern auch, dass mein Gedächtnis allgemein, deutlich besser geworden ist. Zufrieden beendete ich die Übung, um nach zwei Wochen wieder anzufangen – ich vermisste die angenehmen Gefühle zu sehr.

Fazit: Wenn der Focus stimmt, dann ist ein gutes Gedächtnis dem Selbstwert sehr förderlich!


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Prokrastination (Aufschieberitis) oder wie geht’s weiter?

(für Selbstmotivierende ohne Auftraggeber oder Chefin)

Prokrastination ist doch ein tolles Wort. Es hört sich an, als würde man etwas wirklich Wichtiges tun. Doch im Grunde heißt es, dass man nicht das tut, was man tun will. Manche nennen es „Aufschieberitis“.

Die sanfte Variante – nach dem Urlaub wieder arbeiten

Uhh, dass klappt nur sehr durchwachsen. Aber ich weiß, dass es ab dem zweiten Tag besser wird. Den größten Fehler, den ich also begehen kann, ist zu denken, ich könnte den ersten Durchhängertag überspringen. Das macht mich nur noch unzufriedener, als wenn ich einfach planlos versuchen würde, einen Zugang zur Arbeit zu finden.

Manche Arten des Aufschiebens haben also mehr mit dem eigenen Arbeitsrhythmus zu tun. Diesen zu kennen und zu akzeptieren, macht mir das Leben leichter.

Doch wenn man lange genug wartet, wird das Problem des Aufschiebens existenziell. Menschen, die seit Monaten manchmal Jahren sich nicht an ihre Abschlussarbeit setzen, können ein Lied davon singen. Der Druck steigt mit jedem Tag. Da braucht es oft mehr Hilfe als einen Text zum Thema „Prokrastination“. Die Frage, die es rechtzeitig zu beantworten gilt, ist, kann ich besser mit Druck oder ohne Druck arbeiten? Ich habe lange gedacht, dass ich entspannt am besten arbeite, aber die Erfahrung zeigt etwas anderes. Die wissenschaftliche Bestätigung fand ich in einem Artikel (Autor habe ich leider vergessen): Druck wirkt sich positiv auf die Konzentration aus. Die größtmögliche Konzentrationsfähigkeit liegt zwischen Entspannung und Anspannung. Es braucht von beidem etwas. Fehlt ein Aspekt, nimmt die Konzentration ab. Wer das überprüfen möchte, der lese mal einen anspruchsvollen Text, wenn er sonntags vormittags noch tiefenentspannt im Bett liegt. Ich versuche es gar nicht erst, weil ich weiß, dass mein Gehirn die Zusammenarbeit verweigern würde.

Wenn ich aufschiebe, dann tue ich nicht nichts, sondern ich tue andere Dinge, die sehr sinnvoll sind. Ersatzhandlungen sind bei mir klassischerweise Putzen, Aufräumen oder mich um die Werbung meiner Kurse kümmern. Wenn man bedenkt, wie ungern ich diesen Tätigkeiten nachgehe, ist das doch das reinste Motivationswunder! Und mal ehrlich, an einem aufgeräumten Arbeitsplatz arbeitet es sich wirklich besser!

Doch warum ist es besser seinen Prokrastinationsimpulsen zu folgen? Weil „tun“ weniger Kraft braucht als „entscheiden“. Marc Gassert schreibt in seinem Buch „Alles ist schwer, bis es leicht ist!“, dass uns vor allem Entscheidungen Willenskraft kosten. Entscheidungen wie: Fange ich hiermit an oder damit? Ist diese Aufgabe wichtiger oder jene? Wozu brauche ich länger? Was ist wichtiger? Wäre es nicht sinnvoll, XY vorher zu erledigen? Das sind alles Fragen, die sehr oft gar nicht zu beantworten sind! Doch unser Geist beschäftigt sich damit und verbraucht Willenskraft. Deshalb hilft „anfangen“. Es einfach tun, ist leichter als entscheiden, was als nächstes zu tun ist. Gerade wenn man viel zu tun hat, ist das Schädlichste, was man mit seiner knappen Zeit machen kann, Entscheidungen treffen zu wollen.

Doch wie kriegt man jetzt die Kurve zur eigentlichen Aufgabe? Ich nehme mir hier gerne kleine Ziele vor! Sie sollten so klein sein, dass sie gerade etwas mehr als nichts-machen sind (die Zielvorgabe erhöhen kann man immer noch!). In meinem Fall ist das: „Ich lese den Text einmal durch und überarbeite, was mir nicht gefällt“. Ist die Datei erst geöffnet, dann fällt es meinem Geist leichter, sich weiter für das Thema zu interessieren.

Heute habe ich auch schon prokrastiniert, sozusagen als Vorbereitung für diesen Blog. Ich habe schon meine GFK-Vereinsunterlagen geordnet (das will ich seit Mai machen), ein unangenehmes Telefonat geführt und meinen Küchenfußboden gewischt. Das sind alles Dinge, die sonst nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählen. Aber sie waren erstaunlich schnell erledigt. Super!

Auf diese Art und Weise kriege ich am Tage einiges erledigt, was ich sonst vor mir herschiebe.