Tiefenkontakt

fühlend selbst-bewusst verstehen wollen


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Der Traumjob und das liebe Geld

Kennst du den Film „Die Comedian Harmonists“? Die Szene, in der die frischgebackenen Sänger einen sehr geschäftigen Hintergrund simulieren, um neuen Kunden den Eindruck zu vermitteln, sie seien gefragt? Ich habe lange Zeit dasselbe versucht. Und hier möchte ich keine potentiellen Kunden durch einen ehrlichen Bericht verschrecken. Deshalb habe ich einen neuen Namen gewählt.

Ich heiße Sonja Frustenberg*. Vor sieben Jahren habe ich die GFK** kennengelernt und war schnell begeistert. Während meines ersten Jahrestrainings fand ich Gefallen an der Idee, GFK-Trainerin zu werden. Ich bewunderte meine Trainer und glaubte an mein Talent. Für die Selbstständigkeit entschied ich mich, weil ich keine anderen Alternativen mehr sah. In meinem damaligen Job zählten menschliche Werte nicht. Mitarbeiter wurden verraten und ausgenutzt, Abteilungsleiter hängengelassen, und als kaufmännisch galt allein der Vorteil der Firma. Hatte das den finanziellen Ruin eines Geschäftspartners zu Folge, wurde mit den Achseln gezuckt. Kurz gesagt, Menschlichkeit gab es nicht. Dagegen schien die Aussicht, als GFK-Trainerin meine Werte in die Welt zu tragen, als der berufliche Himmel auf Erden.

Gesagt, getan. Ich startete mit Homepage und Visitenkarten. Der erste Workshop im Freundeskreis war ein Erfolg, ich war geflasht. Nur die Sportkollegen schauten etwas skeptisch, als ich erklärte, wovon ich in Zukunft leben wollte. Die Tatsache, dass ich keine geschäftlichen Verbindungen und auch keine Berufserfahrung hatte, versuchte ich durch Motivation und Einsatz auszugleichen.

Der Gründungszuschuss sollte mir den Start erleichtern. Ich rechnete die Gehälter mir bekannter Trainer hoch und befand, dass das reichen würde. Dem Umstand, dass zu der Zeit die Teilnehmerzahlen meines Trainers stark rückläufig waren, schenkte ich keine Aufmerksamkeit. Für den Zuschuss musste ich dem Arbeitsamt belegen, dass man von GFK leben konnte. Dazu setzte ich einen Wochenend-Workshop pro Monat an. Das erschien mir zwar unrealistisch, da ich niemand kannte, der so häufig Einführungen gab, aber es war nötig, um auch nur in den unteren Gehaltsbereich zu kommen. Meine Sorgen, dass es in meiner Stadt bereits sechs aktive GFK-Trainer gäbe (heute sind es mindestens 15), zerstreute der Gutachter des Gründungszuschusses. Er meinte, viele Trainer würde bedeuten, dass es da etwas zu holen gäbe. „Wenn es keine Kunden gäbe, gäbe es auch keine Trainer!“ Weit gefehlt, er kannte die GFK-Szene nicht.

Den monatlichen Workshop-Turnus senkte ich sehr bald auf alle drei Monate. Kurze Zeit später waren es nur noch zwei pro Jahr und seit zwei Jahren schreibe ich GFK-Workshops nur aus, damit etwas auf der Homepage steht. Ich hatte in sechs Jahren Selbstständigkeit nie mehr als 3 Teilnehmer. Werbung machte ich über meine Homepage, Veranstaltungskalender, Trainer-Portale, Laternenpfahlwerbung und Flyern in Cafés und Bioläden. Ich schaltete bezahlte Werbung im Internet und in Esoterik-Blättchen. Doch jede bezahlte Werbung setze ich bald wieder ab, weil sie keine Kunden brachte. Versuche mal die GFK in einen Werbeslogan zu verpacken, ohne die GFK-Werte zu verraten!

Meine Trainererfahrung sammelte ich in erster Linie durch themenverwandte Workshops. Seit einiger Zeit fragen mich Teilnehmer, wie sie in meine Fußstapfen treten können. Das bringt mich in Gewissenskonflikte. Gerne würde ich sage, besuche viele Kurse (bei mir). Aber ich weiß, dass Kurse besuchen nicht ausreicht.

Die große Krise kam nach vier Jahren. Meine persönliche Umsatzstatistik verriet mir, dass sich nichts bewegte. Es gab noch nicht einmal eine leichte Tendenz nach oben. Und Umsatz konnte man die paar Euro auch nicht nennen, Taschengeld wäre wohl passender. In meiner Verzweiflung suchte ich Unterstützung in der GFK-Szene. Ich fand Kollegen, die bereitwillig Empathie gaben. Doch manch einer konnte es sich nicht verkneifen zu behaupten, wenn man etwas liebe, dann würde das in die Welt strahlen und die Teilnehmer anziehen. Das kränkte mich zu tiefst. Wollten die mir erzählen, dass ich meine Arbeit nicht genug lieben würde? Hatte ich eine Blockade, wie manche vermuteten? Ich entschied mich für eine systemische Aufstellung, um den Fehler im System zu finden. Dazu telefonierte ich mit dem Leiter eines bekannten Ausbildungsinstituts, das bis zu 90 Coaches und Berater im Jahr ausbildet. Der Mann war also im Geschäft. Ich erklärte ihm mein Problem. Daraufhin stellte er mir zwei Fragen.

  1. Wie viele Trainer kennst du, die davon leben können?

Da musste ich erstmal nachdenken und kam auf – zwei.

  1. Sind diese zwei Trainer dein Jahrgang (was den Berufsstart angeht) oder älter.

Sie waren schon über 10 Jahre im Geschäft. Ganz klar, nur „ältere“ Trainer bestritten ihren Lebensunterhalt davon. Die Erkenntnis traf mich mit Wucht.

Er meinte nur: „Du brauchst keine Aufstellung. Von Tagesworkshops kann man nicht leben. Der Werbeaufwand steht in keinem Verhältnis zum Verdienst. Wir machen das ausschließlich aus Marketinggründen. Unser Geld verdienen wir mit der Ausbildung. Das sind mindestens 20 Ausbildungstage pro Jahr und Person.“

Es hat lange gedauert, bis ich mich von meinem Wunschtraum habe trennen können. Es macht mich immer noch traurig, wenn ich darüber schreibe. Doch es erleichtert mich, dass ich nicht mehr erwarte, von der GFK oder einem anderen meiner Herzensprojekte leben zu wollen.

Und um auf die Behauptung des Gutachters zurückzukommen, dass vorhandene Konkurrenz auf Einnahmequellen verweisen: er hat schlicht übersehen, dass Geld nicht die einzige Motivation ist, einen Beruf zu ergreifen. Schauspieler, Sänger und Ballerinas. Alle wissen, nur wenigen winkt Ruhm und Geld. Glücklich der, der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet. Alle anderen bezahlen in erster Linie ihre Ausbildung. Ob der Wunschtraum den finanziellen Einsatz und die Unsicherheit wert ist, muss jeder selbst entscheiden.

Doch einen Tipp habe ich: Wenn du GFK-Trainer werden möchtest, empfehle ich dir vor allem eines, eine zuverlässige zweite Einnahmequelle.

 

*Ich veröffentliche hier den Artikel meiner lieben Kollegin Sonja. Sie möchte gerne eine Leserschaft erreichen, und es ist noch unsicher, ob der Artikel in der Zeitschrift „Empathische Zeit“ veröffentlich wird. Was sie schreibt, kann ich aus eigener Erfahrung gut nachvollziehen und glaube, dass die Berufsbezeichnung „Trainer“ genauso gut durch Coach, Systemische Berater, Personal Coach etc. ersetzt werden kann.          Tiefenkontakt

**Gewaltfreie Kommunikation

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Vom Müssen zum Wollen und wieder zurück

„Ich sollte wieder Sport machen!“ „Ich müsste mich bewerben!“

Am „müsste“ und „sollte“ kann man erkennen, dass man gedanklich eine Idee aufgegriffen hat, die keinen Anker in den Tiefen unseres Selbst findet. Die Motivation bleibt kreisend im Kopf. Wir wiederholen sie laut und in gedanklichen Selbstgesprächen. Wir können uns richtiggehend damit quälen, aber unser Handeln ändert sich nicht. So schlägt Sollte-Denken auf die Stimmung und macht uns ungnädig mit uns selbst.

Die GFK hat für diese „ich-sollte“-Sätze einen interessanten Umgang gefunden. Zunächst einmal setzt sie am konkreten Verhalten an (nicht am Denken). Das Verhalten ist in solchen Fällen schwer zu erkennen, da es meistens ein „Nicht-Tun“ ist. Ich bewerbe mich nicht. Oder ich mache keinen Sport. Ich mache irgendetwas anderes. Die GFK fragt, was erfülle ich mir damit, dass ich das nicht mache? Das braucht einen klaren Perspektivwechsel, schließlich denke ich die ganze Zeit darüber nach, warum ich es tun sollte, und nicht, was mein guter Grund ist, dass ich es nicht tue.

Beispiel: Was erfülle ich mir, wenn ich mich nicht bewerbe? – Ich konzentriere mich auf das Schreiben. Das gibt mir Sinn im Leben.

Was erfülle ich mir, wenn ich keinen Sport mache: Erholung, Gesundheit und Heilung. Der heftige Husten nach dem Sport lässt mich daran zweifeln, dass Sport derzeit meiner Gesundheit gut tut.

Anwendungshilfe: Wer Ideen bei der Frage: „Was erfülle ich mir damit?“ braucht, findet diese auf meiner GFK-Bedürfnis-Liste (Link klicken und runterscrollen).

Wenn ich weiß, was ich mir mit meinem NICHT-Tun erfülle, dann kann ich mit mir selbst gnädiger sein. Vielleicht ändert sich auch mein Denken und ich bekomme ein positives Bild von mir, als eine, die fürsorglich mit ihrem Körper umgeht. Oder ich sehe mich als eine, der Sinn bei der Arbeit wichtig ist.

Doch Gedanken wie „ich müsste“ und „ich sollte“ denken wir nicht ohne Grund. Auch hier gibt es unerfüllte Bedürfnisse, und auch hier kann ein Blick auf die Bedürfnisliste zu neuen Ideen und Selbstverständnis führen. Doch manchmal braucht es die echte Unzufriedenheit, um sich wirklich damit auseinander zu setzen. Deshalb, wenn du deiner Motivation eine wirkliche Anschubhilfe bieten willst, dann: „Fühl‘ deine Unzufriedenheit! Vermeide sie nicht!“ Der Punkt, an dem Nichts-machen keine Option mehr ist, kommt dann von alleine. Beim Bergsteigen ist das der Punkt, wo es gefährlicher ist zurückzugehen als weiterzuklettern. Vorher mag man sich noch überlegen, ob man diese Strapazen wirklich auf sich nehmen möchte. Doch hat man den Point-of-No-Return überstiegen, dann gibt es diese Alternative nicht mehr. Dann gibt es nur noch einen Weg, nämlich den nach oben. Diese Erkenntnis macht es spürbar leichter. Jegliches Denken über Alternativen ist Zeitverschwendung. Diese Entscheidung kann so wichtig werden, dass sie sich in einem „Ich muss das tun!“ ausdrückt. Man bemerke, es ist kein „müsste“ mehr, sondern ein „muss“. Alternativen sind ausgeschlossen.

So ein MUSS aus dem Innern wirkt mitunter heroisch, ist es aber nicht. Lob für etwas, was man tun musste, hat wenig Bedeutung. Eine Freundin sagte neulich: „Ich bewundere Frauen, die sich den Schmerzen einer Geburt stellen!“ Für schwangere Frauen ist dieser Satz nur von Bedeutung, wenn für sie Kaiserschnitt oder keine Kinderkriegen eine Option ist. Bei einem echten Kinderwunsch ist die Geburt einfach etwas, durch das frau durch muss (genauer gesagt kind). Die Wertschätzung „Ich bewundere deinen Mut mit dem du das letzte Stück ohne Sicherung geklettert bist.“ ist bedeutungslos, wenn es der einzige Weg aus der gefährlichen Situation war.

Zusammenfassend kann man sagen, die Kunst, einen „mutigen“ Lebensweg zu gehen, besteht darin, sich seiner eigenen Unzufriedenheit auszusetzen, bis die Entscheidung aus dem Bauch herauskommt. Wenn ich wirklich verliebt bin, dann muss ich meine Liebe gestehen, dann gibt es keine Alternative. Aber dieses MUSS, dieser Point-of-No-Return, dieser Point-of-No-Drückeberger ist kein Sollte-Gedanke und keine Pflicht, sondern die oft unbewusste Erkenntnis, dass es der einzig richtige Weg ist.


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Wozu ist das Sterben gut?

Gedanken zum Buch: Das Atman-Projekt von Ken Wilber

Wenn ich mir die Natur anschaue, dann geht Leben nicht ohne Sterben. Füchse fressen Hasen, sonst können sie nicht leben. Hasen fressen Löwenzahn, sonst können sie nicht leben. Es fällt schon auf, dass nur das, was einmal gelebt hat, nahrhaft für andere ist. Tote Materie kann keine Nahrung sein. Das Leben erneuert sich selbst. Ist Sterben dann ein Bedürfnis? Die meisten würden das abstreiten. Schließlich wehren wir uns mit Händen und Füßen gegen den Tod. Der Hase rennt um sein Leben, die Pflanze entwickelt über Jahrhunderte Dornen und Gifte. Der Mensch entwickelt die Medizin im Kampf gegen den Tod. Doch zumindest wir Menschen kennen  in Lebenskrisen auch die Todessehnsucht. Es gibt Moment, da kann der Tod als Wohltat erscheinen, ein Ort der Ruhe und des Versinkens. Versinken worin?

Im Tibetischen Totenbuch kann man lesen, dass der Geist des Verstorbenen sich im Licht des Göttlichen auflöst. Das soll so schön sein, dass es für den Normalsterblichen nicht  lange auszuhalten ist. Die Erfahrung des Göttlichen ist letztlich erschreckend, so dass die meisten Seelen freiwillig aus dem Göttlichen fallen (Stufe um Stufe), bis sie im nächsten Körper wiedergeborgen werden.

Dies beschreibt Ken Wilber in seinem Buch: Das Atman-Projekt. Er skizziert den großen Kreis der menschlichen Entwicklung zu Lebzeiten (Evolution) und im Tode (Involution).

Dabei beschreibt er auch die Funktion des Sterbens. Da echte Transformation bedeutet, dass ein Teil von uns stirbt, der sich ursprünglich für die gesamte Persönlichkeit hielt, ist die Todesangst Teil des Prozesses. Und der Todestrieb (den schon Sigmund Freud postulierte) ist der Trieb, der uns in die angstbesetzte Zone der nächsten anstehenden Entwicklung zieht. Der Todestrieb (Thanatos) stellt im Namen der Entwicklung alles in Frage (auch die eigene Identität), wohingegen der Lebenstrieb (Eros) zutiefst mit dem Leben identifiziert ist. Er kämpft, um die eigene Identität als das höchste zu erhaltende Gut. Die feste Identifikation mit dem, was man für ICH hält, bietet Raum sich selbst kennenzulernen, sich auszuprobieren und Kraft zu tanken. Aber ohne seinen Gegenpol Thanatos hält Eros uns in ewiger Selbstbestätigung auf einer Stufe fest. Zu viel Thanatos hingegen beschleunigt die Entwicklung stark und kann die Persönlichkeit überfordern. Doch beide Triebe beruhen auf der Anziehung zwischen dem göttlichen Funken in uns und dem Göttlichen an sich. Alles bewegt sich darauf zu. Eros treibt uns an, die Grenzen unserer Identität auszuloten, und Thanatos, diese zu überwinden. Und dieser Prozess kommt erst mit der Erleuchtung zum Stillstand.

Hier nochmal ein Blick auf die typischen Stufen der Entwicklung. Wenn wir auf die Welt kommen, entwickeln wir als erstes ein Körper-Ich (Säugling). Wir sind ganz Körper, alles dreht sich um Nahrung und körperliche Zuwendung. Damit wir ein ICH ausbilden können, welches auf geistigen Eigenschaften beruht, (Alter 2-4 Jahren) müssen wir die volle Identifikation mit dem Körper loslassen, was sich anfühlt wie sterben. Das Körper-ICH (das alte Selbst) muss sich seiner Todesangst stellen und lernen, dass es auch ohne Mutterbrust (kann man wörtlich und symbolisch verstehen) leben kann. Diese Erkenntnis und Erfahrung schafft Raum für eine neue Identität.

Bis wir erwachsen sind, bilden wir im Idealfall ein reifes ICH aus. Und danach kann, muss aber nicht, der Sprung zum transpersonalen ICH folgen. Doch dazu braucht es wieder ein Sterben. Diesmal stirbt die ICH-Identität und das ist keine leichte Sache. Schließlich leben wir in einer ich-verliebten Gesellschaft. Die meisten Menschen sind auf der ICH-Stufe. Während das soziale Umfeld Kinder und Jugendliche motiviert, den nächsten Entwicklungsschritt anzugehen, bremst es bei der Entwicklung zum transpersonalen ICH. Doch das ändert nichts daran, dass die Sehnsucht „ganz zu sein“ uns ein Leben lang bewusst oder unbewusst antreibt. Und wie zufrieden wir mit unserem Leben sind, hängt davon ab, wie bereitwillig wir uns mal auf das Leben und mal auf das Sterben einlassen. Beides gehört zusammen.


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Große Ziele und das Scheitern

Um sich im Scheitern wertzuschätzen, dafür muss man schon genauer hinschauen. Dieser Text hat mir geholfen.

„Es ist nicht der Kritiker, der zählt, nicht derjenige, der aufzeigt, wie der Starke gestolpert ist oder wo der, der Taten gesetzt hat, sie hätte bessermachen können. Die Anerkennung gehört dem, der wirklich in der Arena ist; dessen Gesicht verschmiert ist von Staub und Schweiß und Blut; der sich tapfer bemüht; der irrt und wieder und wieder scheitert; der die große Begeisterung kennt, die große Hingabe, und sich an einer würdigen Sache verausgabt; der im besten Fall, am Ende den Triumph der großen Leistung erfährt; und der, im schlechtesten Fall des Scheiterns, zumindest dabei scheitert, dass er etwas Großes gewagt hat …“

Theodore Roosevelt, Rede „Der Mann in der Arena“, gehalten an der Sorbonne 1910

Zitiert aus „Verletzlichkeit macht stark“ von Brené Brown

Das Zitat berührt mich, weil es nicht nur den Erfolgreichen würdigt, sondern all die, die, „es“ versucht haben. Ich finde es so schwer, mein „Gewagt-haben“ zu würdigen, den Wert im Scheitern zu sehen, einfach weil es der Versuch wert war. Ich muss an meinen Vater denken, der hart mit sich ins Gericht ging, wenn er nicht erfolgreich war. Als Fotograf nicht, als Autor nicht. Lehrer zählte nicht. Seine Versuche waren für ihn nichts wert, weil der Erfolg ausblieb. Ich habe diese Haltung übernommen. Ich konnte lange nur dem Wert in meinem Leben geben, was nach „Erfolg“ aussah, und das war nicht viel. Und dieses Zitat verweist auf etwas, was ich übersehen habe. Den Mut „es zu wagen“. Ein Buch zu schreiben. Ein Bild zu veröffentlichen. Sich mit seinem Traumberuf selbstständig machen. Wie viele Menschen haben das NIE getan? Wie viele Menschen sind NIE gescheit, weil sie es gar nicht versucht haben? Warum beneide ich diese Menschen so? Weil sie die Scham nicht kennen, gescheitert zu sein? Sie kennen auch das Gefühl nicht, die eigenen Träume zu leben. Recht haben sie, denn das macht süchtig!

Danke Roosevelt, dass du an den Wert, Großes zu wagen, erinnerst!


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Spaziergang im Jetzt

Ist „im Jetzt leben“ das Gegenteil von Bewusst-Sein?

Ein Spaziergang, ein grauer Sonntag. Gehen und denken. Denken an die Arbeit. Denken an das Leben. Der grobe Plan, wie immer zu gehen, um dann fest zu stellen, da sind zu viele Leute! Kein guter Ort, um für sich zu sein. Also Richtungswechsel. Viele Wege führen in den Stadtpark. An jeder Kreuzung die Frage, passt das? Nein, ok, dann den anderen.

Unten am See plötzlich alleine. Weiße Möwen stehen auf dem Wasser, wie im Watt. Eis trägt die Vögel, noch. Dann Aufruhr. Alles erhebt sich. Zwei Krähen bleiben sitzen. Ein Musiker spielt mit Verstärker. Zu laut. Wo ist die Stille? Sonntags muss ich sie suchen. Richtungswechsel. Ein russisches Pärchen diskutiert den Weg. Ich nehme ihn. Keine Menschen mehr. Dafür Verkehrslärm. Man kann nicht alles haben.

Erstaunt sehe ich Knospen. Es gab doch nur ein warmer Tag? Die Stelle, wo die Herbstzeitlosen den Rasen bedeckten, voll dunkelgrüner Keime. Ein klitzekleiner Vogel hoppt auf dem Baumstumpf. Ich bleibe stehen. Er bemerkt mich. Fängt an zu zwitschern. Piep, Flug, piep. Jetzt ist er weg.

Kinder, Leute. Erwachsene, die Kinder auf die Füße stellen, die sich in den Dreck setzen, die in dreckige Löcher fassen, die spannende Dinge tun. Erwachsensein ist langweilig. Ein Ast wie ein Baumstamm, wächst quer, warum tut er das? Trägt er mich? Nein. Wäre ich zehn, dann wäre die Buche mein Zuhause und der Ast die Treppe.

Und zwischen den Zweigen ein Dalmatiner. Schwarze fliegende Ohren, ein weißes Hinterteil beschleunigt. Lang streckt er sich. Die Flecken verwischen, wird immer schneller. Dann? Hat er den Ball? Lockeres Auslaufen, großer Bogen, und zurück. Legt Frauchen den Ball vor die Füße. – Und wieder jagt er den Hang hinab. Er wühlt im Sand, da ein bisschen und dort ein bisschen. Dann hat er ihn, schüttelt den Sand aus der Schnauze und zurück. Wie gut für ihn, wie gut für mich, dass Frauchen nicht müde wird.  – Immer wieder saust er die Wiese hinab, schnell, elegant. – Ein fliegender Hund.

Später. Eine Joggerin bleibt stehen. Wartet, worauf? Sie ruft: „Komm!“ Nichts passiert. „Komm!“ Und dann kommt ein Hund,  kaum höher als mein Knöchel, galoppiert er vorbei. Schneller geht nicht. – Wer hier wohl Lauftraining macht?

Zu Hause ist wie Aufwachen. Das war‘s Jetzt. Selbstvergessen. Tief mit sich ohne sich sein. Nur Auge, nur Ohr, die kalte Luft im Gesicht.

Danke. (An wen?)


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Das Wir-Gefühl und die Abgrenzung

Wir Menschen sind die sozialsten Wesen auf diesem Planeten. Wer das nicht glaubt, bedenke: für alles, was uns zum Menschen macht, Denken, Sprechen und Aufrecht-gehen (nur eine kleine Auswahl), brauchen wir andere Menschen. Wir lernen nur laufen, wenn uns aufrecht gehende Menschen die Hand halten. Du könntest kein Wort sprechen, wenn nie jemand mit dir gesprochen hätte. „Mensch sein“ und vor allem „Mensch werden“ können wir nur in Gemeinschaft, niemals alleine.

Unsere Gesellschaft betont hingegen die Individualität. Doch sich als eigenständiges ICH zu sehen, ist nur die eine Hälfte der menschliche Entwicklungsaufgabe. Die andere Hälfte ist die Fähigkeit, Teil einer Gruppe zu sein, sich als WIR zu fühlen und so zu handeln. Und beides miteinander kombiniert ist die hohe Schule der Beziehung: ein ICH im WIR zu sein.

Ich möchte heute dem Wir-Gefühl nachspüren (und wenn ich von Gruppen spreche, meine ich ebenfalls Zweierbeziehungen). In diversen Kommunikationsschulen ist es heute fast schon verpönt, von WIR zu sprechen. Doch wie wäre unser Leben, wenn es kein WIR mehr gäbe? Das WIR einer Gruppe fühlen wir meistens so intuitiv, dass es uns gar nicht bewusst ist. Einer mag enttäuscht sagen: „Die wollten nicht mehr tanzen gehen!“ – „Hast du sie gefragt?“ „Nein, aber es war klar!“ Wer so etwas erzählt, bezieht sein Wissen aus dem Gruppengefühl. Fehlt einem dieses Gefühl, dann stößt man sich eine blutige Nase bei dem Versuch, etwas in einer Gruppe durchzusetzen, das dem Gruppenwillen entgegensteht.

Das WIR als Gefühl ist unter anderem so schwer greifbar, weil das WIR nicht für sich selbst sprechen kann. Es spricht immer durch den Einzelnen. „WIR wollen zu Hause bleiben!“, sagst DU. Ob du für alle sprichst, erkennt man erst an den Reaktionen. Es braucht den Austausch zwischen dir und mir, um zu erkennen, was WIR wollen. Dabei darf man sich das Wir-Gefühl nicht so vorstellen, als würde ICH im WIR völlig aufgehen und damit verschwinden. Nur weil WIR in dieser Gruppe gerne tanzen gehen, heißt das nicht, dass ICH immer gerne tanzen gehen MUSS. Interessensgemeinschaften wie Sportgruppen definieren sich über die gemeinsame Aktivität. Aber wer lange dabei ist, gehört auch zum Wir-Gefühl, wenn er nicht da ist. Das Wir-Gefühl lässt sich mit einem Feld vergleichen, in dem man die zwischenmenschliche Verbindung und die gemeinsamen Ziele fühlen kann. Es ist nicht allein die Summe aus dir und mir, es ist mehr als das und auf eine Art eigenständig.

Das kann man zum Beispiel in Firmen spüren. Auch wenn die Mitarbeiter nicht alle kennen, hat fast jeder das Gefühl zu wissen (der länger dabei ist), was „die Firma“ will. Die Firma will natürlich gar nichts. Sie ist das Gebäude, das Management, die Produktpalette, die offizielle und inoffizielle Firmenphilosophie, die Mitarbeiter und ihre Firmengeschichte. Das Wissen, was die Firma will (im Sinne eines Wir-Gefühls), dieses Wissen hat das ICH, weil es gleichzeitig WIR ist. Das klingt abstrakt, aber wir tun es jeden Tag. Und dieses Gefühl macht es möglich, im Sinne einer Gruppe zu handeln, selbst wenn diese nicht 100% mit meinen Werten übereinstimmt.

Das vertraute Wir-Feld bietet auch die Möglichkeit sich selbst im Kontakt mit anderen besser wahrzunehmen, also die eigene Individualität zu spüren. Im Kontakt mit dir, die du tanzen gehen möchtest, spüre ich, dass es mir nicht gut geht, und ich den geschützten Ort auf meinem Sofa der offenen Tanzfläche vorziehe. Wenn du deine andersartigen Wünsche zeigst, bemerke ich die meinen besser. Doch Unterschiede erlebt man nur als Bereicherung, wenn man sicher ist, dass diese nicht zum Ausschluss führen. Es braucht ein sicheres Wir-Gefühl damit an der Schnittstelle von „ich bin wie du“ und „ich bin anders als du“ beides, Individuation und Gemeinschaft, entstehen kann. Die Qualität und Tiefe von Gemeinschaften zeigt sich in der Fähigkeit, mit der Spannung aus Individualität und Gemeinsamkeit umzugehen.

Doch Spannung braucht zwei Pole. Sie braucht gegensätzliche Energien. Lasse ich sofort meine Energie entweichen, aus Angst die Beziehung würde die Spannung nicht aushalten, wenn ich anderer Meinung bin, dann bietet Gemeinschaft nur die Möglichkeit: „gleich zu sein“ und „eine Meinung zu haben“. Eine Zeitlang ist das erholsam, auf Dauer ist das die Hölle. Um aus dem „Gleich sein“ herauszutreten, dafür brauche ich die Fähigkeiten, mich abgrenzen zu können.

Was ist Abgrenzung?

Ein gut abgrenzter Mensch, kennt seine Grenzen (wie in „abge-grenzt“ erkennbar) und teilt sie mit. Das heißt, wenn mein Partner, meine Freundin, mein Teamkollege etwas sagt, womit ich absolut nicht einverstanden bin, dann sind meine Abgrenzungskompetenzen gefragt. Das bedeutet, ich muss Stellung beziehen, mich gegen deine Meinung stellen. Warum ist das so wichtig? Es ist wichtig, weil ICH innerlich aus dem Wir-Gefühl aussteige, sobald jemand MEINE Grenzen überschreitet. Ich ziehe mich innerlich zurück wie eine Schnecke in ihr Schneckenhaus. Ich bin nicht mehr Teil der Gruppe. Sage ich nichts, schütze ich nur scheinbar die Verbindung. In Wirklichkeit verstecke ich nur den Bruch. Wenn niemand etwas davon erfährt, dann vergeht die Chance UNSERE Ansichten zu überdenken und etwas zu finden, was für UNS passt.

Doch wie oben erwähnt, entsteht das WIR im Austausch über das, „was du willst und was ich will“. An der Kante von „gleich“ und „verschieden“ wächst nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern auch die Individualität jedes einzelnen. Wenn wir meinen, wir müssten uns für das eine oder andere entscheiden, für meinen Wunsch oder deinen, dann verpassen wir die Chance, gemeinsam zu wachsen. Das lebendige WIR verändert sich, und dazu braucht es immer wieder neu das Suchen um, das, was uns verbindet. Eine vorgetäuschte Bestätigung zerfrisst das WIR unterirdisch.

In Gruppen zu sein, ist das Spielfeld, sich SELBST an der Grenzen zum WIR zu erfahren.

Viel Spaß dabei!

 


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Tugend ohne Liebe

Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos.

Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart.

Wahrheit ohne Liebe macht kritiksüchtig.

Klugheit ohne Liebe macht gerissen.

Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch.

Ordnung ohne Liebe macht kleinlich.

Macht ohne Liebe macht gewalttätig.

Ehre ohne Liebe macht hochmütig.

Besitz ohne Liebe macht geizig.

Glaube ohne Liebe macht fanatisch.

 

– Asiatische Weisheiten –