Tiefenkontakt

fühlend verstehen wollen


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Negativ sticht positiv – eine biologische Programmierung

Beim Erinnern bevorzugt das Gehirn negative Erlebnisse. Je schlimmer und bedrohlicher sie sind, desto tiefer prägen sie sich ein. Und nicht nur das, taucht die Erinnerung wieder auf, reaktiviert unser Gehirn alle dazugehörenden Gefühle und schwämmt damit den Körper. Es stellt damit sicher, dass wir uns vor lebensbedrohlichen Dingen fernhalten und die Auslöser auf gar keinen Fall vergessen. Das funktioniert so gut, dass manche Eltern es als effektive Erziehungsmethode schätzen. Hat man einmal gelernt, sich für etwas zu schämen, taucht das Gefühl beim bloßen Gedanken daran wieder auf.

Der Nachteil liegt auf der Hand. Gehorsame Kinder, die durch Angst und Scham zu einem angepassten Verhalten gebracht wurden, haben keinen Selbstwert. Die Werte, nach denen sie leben, sind nicht ihre eigenen. Schließlich bedeutet Selbstwert, dass der Wert aus einem selbst kommt. Man könnte sagen, diese Kinder haben Fremdwert.

Marktforscher haben herausgefunden, dass es 7 positive Nachrichten zu einem Produkt braucht, bis ein Kunde nach einer Negativaussage seine Meinung wieder ändert. Daraus kann man ableiten, dass unser Gehirn negative Ereignisse um den Faktor 7 bevorzugt. Wer das überprüfen möchte, gehe zum nächsten Zeitungsstand und beobachte mal, welches Titelblatt seine Aufmerksamkeit als erstes auf sich zieht. Auch wenn man keine Bildleserin ist, wird es wahrscheinlich das Bild der IS-Kämpfer sein, die wütend die Gewehre schütteln, oder das Bild der ausgebrannten Wohnung mit weinenden Menschen im Vordergrund. Die hübsche Zimmerdeko von „Schöner Wohnen“ nimmt man in den ersten 5 Sekunden nicht wahr. Sollten die Marktforscher Recht haben, wird es 7-mal länger dauern, bis wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten. (Ich würde behaupten, es dauert länger.)

Was hat das für Folgen auf unser Selbstbild? Braucht man ein gutes Gedächtnis, damit man mit sich selbst zufrieden ist? Ist es nicht praktischer, vergesslich zu sein, um sich an all die Fauxpas und Fehler nicht zu erinnern? Nur, wenn einem das Vergessen des Negativen gelingt, dann gelingt das Vergessen des Positiven noch viel besser.

Hier eine kleine Übung: Versuch dich an etwas zu erinnern, was du gestern getan hast und das du gut findest. Es muss nichts Großes sein. Zum Beispiel so etwas wie: „Ich habe endlich die Küche geputzt, es sieht so schön aus.“ Es gibt zwei Bedingungen für diese Übung: a) du musst das, was du getan hast, positiv bewerten und b) du musst diese Wertung auch fühlen können (die gefühlte Freude ist der Beweis, dass du deine Werte erfüllt hast und nicht die deiner Mutter).

Wem das schwer fällt, dem empfehle ich, diese Übung jeden Morgen zu machen. Schreibe in ein Tagebuch fünf positive Taten des gestrigen Tages. Sollten es am Anfang nur 1 oder 2 sein, verliere nicht den Mut. Mache weiter und überprüfen einmal, ob du den Level von dem, was du als „gut“ bezeichnen würdest, hinunterschrauben kannst, sodass es fünf Stück werden. Wenn man will, dass es eine Wirkung auf das Gehirn hat, dann sind drei Monate ein guter Zeitraum, diesem eine neue Funktionsweise beizubringen. Weniger ist natürlich auch gut. Ich habe es ungefähr ein halbes Jahr lang gemacht. Nicht nur, dass es die Meinung von mir selbst verbessert hat, sondern auch, dass mein Gedächtnis allgemein, deutlich besser geworden ist. Zufrieden beendete ich die Übung, um nach zwei Wochen wieder anzufangen – ich vermisste die angenehmen Gefühle zu sehr.

Fazit: Wenn der Focus stimmt, dann ist ein gutes Gedächtnis dem Selbstwert sehr förderlich!

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Veränderung leicht gemacht


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Gefangene der eigenen Sicht

Die Vorstellung, dass andere Menschen so fühlen, wie wir fühlen, gibt uns Sicherheit, weil es Verhalten voraussagbar macht. Andersartigkeit verunsichert uns. Man beobachte einfach einmal seine eigene innere Reaktion beim Treffen mit offensichtlich andersartigen Menschen. Zum Beispiel gehe ich gerne auf räumliche Distanz, wenn ich einer Gruppe von Flüchtlingen begegne. Das Gleiche kann einem auch mit Menschen des anderen Geschlechts oder mit behinderten Menschen passieren. Die Andersartigkeit von Mitmenschen kann Gefühle von Befangenheit, Unsicherheit bis zu offener Ablehnung hervorrufen. Ich selbst will allen Menschen auf Augenhöhe und gleichberechtig begegnen, aber mein Sicherheitsempfinden zieht oft die sichere Distanz vor.

Es muss nicht gleich Angst um die eigene Sicherheit sein, die Vorurteile wirken lässt. Schon die Irritation, dass man das Verhalten anderer einfach nicht versteht, kann sehr unangenehm sein. So gab es eine Zeit, da wurde ich (deutsche, weiße Frau) im Stadtpark regelmäßig von afrikanischen Männern angesprochen und innerhalb von 5 min gefragt, ob ich sie heiraten wolle. Ich verstand überhaupt nicht, wie diese Männer auch nur in Erwägung ziehen konnten, dass ich dazu „ja“ sagen würde. Zufällig erzählte mir eine Freundin, dass direkter Augenkontakt in Afrika für sexuelles Interesse zwischen Männern und Frauen stehe. Für mich war es „normal“ und eine Frage der Höflichkeit und des Respekts, Menschen direkt in die Augen zu schauen. Diese Höflichkeit wollte ich auch Schwarzafrikanern angedeihen lassen und schaute sie im Vorbeigehen direkt an. Wie ich also erfuhr, ist es für afrikanische Männer hingegen „normal“, diesen Blickkontakt als sexuelles Interesse zu interpretieren. Seit ich das weiß, werde ich nicht mehr angesprochen. Und Urteile wie: „Schwarze Männer respektieren meine Grenze als Frau nicht!“ fallen weg, ohne dass wir je darüber gesprochen hätten.

Auch wenn es durch optische Andersartigkeit leicht ist, sich bewusst zu sein, dass diese Menschen anders ticken könnten, kann man leider schlecht nach deren Verständnis für adäquates Verhalten fragen. Unsere Normalität ist für uns selbst nicht erkennbar. Hätte ich einen der Männer direkt gefragt, wie er auf die Idee kommt, mich heiraten zu wollen, hätte ich wahrscheinlich keine brauchbare Antwort bekommen. Für so unbewusstes Verhalten braucht es den Blick von außen. Erst wenn wir unser normales Verhalten als entgegen der Norm erlebt haben, fällt uns das Label „normal“ überhaupt auf. Dazu kommt, dass andersartiges Verhalten unsere Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen, herausfordert. Wir können andere Menschen erst wirklich verstehen, wenn wir darauf verzichten, sie als doof, krank oder abnormal zu bewerten.

Doch wer sich nie als fremd erlebt hat, der ist blind für andere Lebensentwürfe. So erzählte mir eine lesbische, Hamburger Freundin von einem Gespräch mit einer älteren Frau auf dem Lande. Diese offenherzige Frau sprach ihr ihr tiefstes Mitgefühl aus, als sie erfuhr, dass die Freundin nicht verheiratet ist und keine Kinder hat. Sie war sichtlich von der „Tragik ihres Schicksals“ berührt. Nur,  die Freundin war komplett zufrieden mit ihrem Leben (ohne Mann und Kinder). Und die alte Frau hätte mehr zu ihrem Glück beigetragen, wenn sie in Erwägung gezogen hätte, dass frau auch auf andere Weise glücklich sein kann.

Das Problem bei der Annahme „du bist wie ich“ ist, dass wir dabei Menschen unbewusst diskriminieren können. Das ist den meisten Menschen nicht bewusst, weil sie überhaupt nicht in Erwägung ziehen, dass es noch ein anderes gültiges Erleben als das eigene gibt. Sie denken: „So muss es sein, und wenn nicht, ist es inakzeptabel. Das weiß doch jeder!“ – Nein, weiß eben nicht jeder. Wenn wir andere (unbeabsichtigt) diskriminieren, dann weil wir überhaupt keine Idee davon haben, wie sie die Welt sehen und erleben.

Der Schritt, die eigene Norm nicht zu verallgemeinern, ist dermaßen schwierig, dass ich nicht glaube, es könnte möglich sein, jede Form der Diskriminierung zu vermeiden. Das enthebt uns aber nicht der Aufgabe es zu versuchen. Denn:  „Alles, was es wert ist, getan zu werden, ist es auch wert, mittelmäßig getan zu werden“ (Marshall Rosenberg). Und das gilt auch für den Versuch, allen Menschen die gleichen Rechten zuzugestehen und den gleichen Respekt entgegenbringen zu wollen.


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Wertschätzen ohne zu bewerten, ist das möglich?

„Man soll nicht werten!“ Sagt man, aber geht das? Die Gewaltfreie Kommunikation sagt: „Ja, das geht!“, doch ich bin mir nicht so sicher. Unser Gehirn und unsere Sinnesorgane sind so aufgebaut, dass sie einen Kontrast brauchen. Ich kann Licht nicht ohne Dunkelheit sehen. Ich kann Geräusche nicht ohne Stille hören. Also die Frage ist, könnten wir wirklich einen Wert wahrnehmen, wenn wir sein Fehlen nicht kennen? Auch unsere Sprache ist so aufgebaut. Es gibt Werte und Un-Werte, sicher – unsicher / fair – unfair. Was würde mit unserer Welt passieren, wenn wir das „un“- und alles Schlechte streichen würden? Wäre sie wirklich gut? Macht nicht die Ungerechtigkeit es lohnend, sich für die Gerechtigkeit einzusetzen? Ich glaube, wir brauchen das Schlechte genauso wie das Gute, sozusagen als Kontrastmittel.

Der Vorschlag, nicht zu werten, hat durchaus seine Berechtigung, schließlich ist es nicht leicht, mit Bewertungen umzugehen. Das liegt unter anderem daran, dass Wertungen so tun, als wären sie allgemein gültige Wahrheiten und jeder andere würde zu dem gleichen Schluss kommen. Das stimmt nur nicht. Da können wir noch so viele Freunde anführen, die genauso denken, Wertungen bleiben subjektiv und beruhen in aller Regel auf einem Vergleich.

Ein weiteres Problem, welches aus Wertungen und ihren Gegenteilen entsteht, ist, dass die meisten Menschen zwei Aussagen statt eines Lobes hören. Sag ich zu jemandem im Gespräch: „Ich mag Menschen, die auch schweigen können!“ ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass er nicht nur diese Aussage hört, sondern auch: „Sie findet es doof, wenn ich viel rede!“ Es ist also sehr schwer, etwas wertzuschätzen, ohne dass irgendjemand das Gegenteil mitdenkt. Will man diese Schlussfolgerung bewusst umgehen, dann kann man beides erwähnen: „Ich mag es, wenn ich mit Menschen schweigen kann, und lebhafte Gespräche genieße ich ebenfalls.“ Dass wir Lob oft verwenden, um indirekt unsere Änderungswünsche mitzuteilen, verstärkt dieses Phänomen und ist deshalb nicht zu empfehlen.

Wie gesagt, meistens loben wir aus einem Vergleich heraus. Dabei sind wir selbst (oder unsere Bekannten) der Bezugspunkt. Lerne ich jemand kennen, der etwas kann, was ich nicht kann, kann mich das zu wertschätzenden Worten motivieren.  Tatsächlich sagt diese Form der Wertschätzung mehr über mich aus als über den Adressaten. Und mein Nicht-Können wirkt als Kontrastmittel, damit eine Kompetenz überhaupt erkennbar wird. Hätte ich diese Kompetenz, dann würde es mir nicht auffallen, bzw. es wäre für mich nicht erwähnenswert. Es gibt allerdings Werte, die sind uns so wichtig, dass wir sie immer schätzen. Zum Beispiel ist mir Klarheit in der Kommunikation sehr wichtig. Und so bekomme ich oft zu hören, dass Menschen meine Klarheit schätzen. Das wundert mich nicht, schließlich investiere ich viel Zeit dafür. Und ich schätze Klarheit sowohl an mir als auch an anderen. Wenn ich dann Menschen begegne, die in Andeutungen sprechen, und mir jede Form der Klarheit fehlt, was sie sagen wollen, habe ich die Gelegenheit zu fühlen, warum mir Klarheit so wichtig ist. Ich reagiere hochgradig verunsichert. Ich kann es kaum aushalten, nicht zu wissen, was jemand wirklich meint. Werte, für die wir zeitlebens stehen, sind meistens Werte, die wir in der Kindheit vermisst haben. Als Reaktion darauf haben wir die Kompetenz aufgebaut, dieses Fehlen auszugleichen. Das war einmal extrem wichtig für uns, weswegen wir um diesen Wert kämpfen. Doch heute, Jahre später, ich frage mich, ob es nicht an der Zeit ist, das Kämpfen zu lassen und stattdessen Vertrauen zu entwickeln. Das Vertrauen darin, dass ich auch mit dem Fehlen des Wertes umgehen kann, und das Vertrauen in die gute Absicht meiner Mitmenschen, die eben so gut kommunizieren, wie sie eben können.


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Aggression – Ist unsere Definition Teil des Problems?

In den gängigen Nachschlagewerken (Duden, Wikipedia) wird Aggression als aggressiver Akt gegen jemanden definiert. Wenn man genau hinschaut, dann besteht ein aggressiver Akt aus zwei Komponenten: einem Gefühl wie z.B. Wut und einer konkreten Handlung wie Schlagen oder Truppen an der Landesgrenze stationieren. Diese Verbindung aus Gefühl und Handlung ist meines Erachtens Teil des Problems, welches wir mit eskalierenden Konflikten haben. Wie Marshall Rosenberg sehr fein beobachtet hat, erhöhen Urteile und Bewertungen die Aggressionsbereitschaft der bewerteten Person. Fühlen sich Menschen verurteilt und damit angegriffen, reicht ein Wort und das Pulverfass explodiert. Und dieses eine Wort kann „aggressiv“ sein. Dass die Mehrzahl der Menschheit die Bewertung teilt, ändert nichts am Effekt der Bewertung. Hier ein internationales Beispiel:

Im Kalten Krieg haben die USA gezielt aufgerüstet, in der Absicht ihre Bevölkerung vor der UdSSR zu schützen. Die UdSSR beurteilte das amerikanische Verhalten in der einheimischen Presse als aggressiv und kurbelte die eigne Rüstungsindustrie an, ebenfalls in der Absicht sich und ihre Bevölkerung zu schützen. (Der Beginn der Geschichte ist hier zufällig gewählt. Ich bin sicher, dass beide der Ansicht sind, der andere habe angefangen). Das Verhalten der UdSSR bestätigte in den USA das Bild des Russen als Aggressor und rechtfertigte damit weitere Rüstungsaufträge, was in der UDSSR genau die gleichen Bewertungen (aggressiv) und Handlungen (Waffenproduktion) zur Folge hatte. Man beachte, dass die Bewertung „aggressiv“ nur für das Verhalten des anderen genutzt wird. Das eigene Verhalten gilt als beschützend. Doch tatsächlich lässt sich beschützendes und aggressives Verhalten kaum unterscheiden. Ein bewaffneter Soldat wirkt auf die, die vor ihm stehen, aggressiv und auf die, die hinter ihm stehen, beschützend. Worte wie „Aggression“ und „Aggressor“ drücken damit die Perspektive einer Person aus, die sich bedroht fühlt. Doch diese Perspektive tarnt sich als Tatsache, was man erst bemerkt, wenn man sich in die Lage der anderen Partei versetzt. Das Verhalten anderer zu brandmarken und zu bewerten, ist deshalb so attraktiv und beliebt, weil es von den eigenen Gefühlen ablenkt. Die eigene Angst und Betroffenheit auszudrücken, macht verletzlich. Und das allgemeine Verständnis ist, wenn ich mich verletzlich mache, dann werde ich angegriffen. Nur meine Stärke hält den anderen davon ab, seine Drohungen in die Tat umzusetzen. Doch es ist ein Irrglaube, dass Drohgebärden vor Gewalt schützen. Sie heizen den Konflikt an. Da finde ich es fast schon beruhigend, dass den meisten Menschen so selten eine schlagfertige Antwort einfällt. Sitzt der Gegenangriff, ist die Eskalation kaum noch zu vermeiden.

Die GFK schlägt folgendes vor: Will man sich konstruktiv mit jemandem über sein Verhalten unterhalten, ist es wichtig die Bewertung (aggressiv) von der Tat (Waffenproduktion) zu trennen. Und wenn wir weiterforschen, dann trifft „aggressiv“ die eigentliche Motivation immer noch nicht. Sondern dahinter stehen wahrscheinlich Angst und der Wunsch nach Schutz. Die GFK unterscheidet diese Begriffe deshalb so genau, um zum einen Provokationen zu vermeiden und zum anderen Verbindung zwischen den Konfliktparteien zu schaffen. Beide haben Angst und beide wollen sich schützen.

Die Wirkung von Bewertungen bzw. wertfreien Beschreibungen kann man besonders gut an sich selbst erforschen. Sagt jemand zu uns: „Mensch, was bist denn du so aggressiv!“ dann spüren wir deutlich, dass wir bewertet werden. Sagen wir das zu jemand anderem, dann ist uns das in der Regel nicht gleich bewusst. Zum Glück lassen die meisten Menschen einen sofort wissen, wenn sie sich bewertet fühlen. Sie widersprechen. Um dies als wertvolles Feedback annehmen zu können, hilft es den Automatismus und die Bewertungen überhaupt erst zu erkennen.

Die Erfolge dieser Differenzierung zeigt die GFK sowohl bei internationalen als auch bei persönlichen Streitschlichtungen. Und was würde Marshall Rosenberg zu den Anschlägen in Paris sagen?

Vielleicht: „Ich bin bestürzt und es schmerzt zu sehen, wenn Menschen wie du und ich durch einen Sprengsatz sterben müssen. Ich wünsche mir von tiefsten Herzen, dass wir weltweit die Kraft entwickeln, Respekt für jedes (menschliche) Leben zu empfinden. Und dass wir Wege finden, die Konflikte unserer Erde gewaltfrei zu lösen.“

P.S Mich (Regine) bestürzt es, wie leicht es mir fiel, am Beispiel des Kalten Krieges deutlich zu machen, dass beide Parteien die gleichen Absichten (Selbstschutz) hatten. Auf die Schnelle ist mir das mit dem Islamischen Staat (IS) und Westeuropa nicht gelungen. Ich vermute, dass es an der zeitlichen Distanz liegt. Jedes Feindbild, das wir haben, stellt eine echte Herausforderung an unsere Bereitschaft dar, den Menschen im anders Denkenden zu sehen und zu glauben, dass die „aggressive“ Tat die beste Strategie war, die ihm einfiel, um seine Bedürfnisse zu erfüllen. Hätte er eine andere gesehen, hätte er eine andere gewählt. Also, was versucht uns der IS zu sagen, wenn er Hinrichtungen im Internet veröffentlicht, Weltkulturerbe sprengt und Menschen in Paris in die Luft jagt? Ich könnte mir vorstellen, dass ISler sich von der westlichen Kultur bedroht fühlt. Und dass sie keine anderen Mittel sehen die eigene Kultur zu verteidigen.


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Aggression – meine Definition (eine Abgrenzung)

Aggression stammt von dem lateinischen Wort aggredere, was so viel bedeutet wie voranschreiten, sich nähern. Die Bedeutung „angreifen“ ist später dazugekommen.

Ich benutze „Aggression“ in erster Linie als einen Oberbegriff für eine Energie, die den Wunsch des Vorankommens, Sich-annäherns oder Angreifens motiviert. Wut, Ärger und Zorn sind aggressive Gefühle und unterscheiden sich in der Intensität. Sie sind Teil meines Aggressionsbegriffs.

Das, was man aggressive Handlungen nennt, ist nicht Teil meiner Definition. Ich beziehe mich ausschließlich auf den emotionalen Anteil.

(Siehe auch Aggressionsdefinitionen im Duden)


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Die Aufgabe hinter den Gefühlen

Wir erzeugen unsere Gefühle selbst! Warum? Um Lebensaufgaben zu meistern. Das behauptet Amana Virani in ihrem Buch: „Gefühle – Eine Gebrauchsanweisung“. Welch spannende Herangehensweise!

Also wie machen wir das?

Wir bewerten eine Situation und passend dazu stellt sich ein Gefühl ein. Meistens geht das so schnell, dass wir den Gedanke bzw. die Bewertung gar nicht mehr wahrnehmen.

Hier ein Beispiel:

Wenn du mich spontan besuchst und ich diesen Besuch als „richtig“ bewerte, dann freue ich mich. Bewerte ich ihn hingegen als „falsch“, dann werde ich wütend. Muss ich deshalb meine geliebte Lektüre unterbrechen, finde ich das „schade“ und werde traurig. Ganz anders fühlt es sich an, wenn ich deinen Besuch „furchtbar“ finde, dann habe ich Angst. Oder mir ist dein Besuch unangenehm, dann beziehe ich es auf mich und denke: „Ich bin falsch“, dann schäme ich mich.

Dass wir eine Situation so oder so bewerten können, entgeht uns meistens. In der Regel halten wir es für die einzig richtige und damit einzig mögliche Reaktionsweise. Was nicht stimmt! Bewertungen sind von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation unterschiedlich und eben nicht immer richtig (dazu in einem späteren Text mehr).

Doch die Theorie von Amana Virani geht noch weiter. Sie sagt, wir haben diese Gefühle, weil dahinter Kräfte stehen, die wir mobilisieren können, um damit die Aufgabe der spezifischen Situation zu meistern. Und praktischerweise ordnet sie die Kräfte und Aufgaben gleich den Gefühlen zu.

Zum Beispiel sagt sie, dass hinter der Wut die Kraft der Klarheit steht. Und aus der Wut erwächst die Aufgabe zu handeln.

Nehmen wir das oben genannte Beispiel: Wenn ich wütend bin, weil du einfach bei mir hereinschneist und erwartest, dass ich mal eben Zeit für dich habe, dann habe ich in meiner Wut die Kraft, klare Grenzen zu setzen. Und meine Aufgabe ist es, meinen Worten auch Taten folgen zu lassen, also zu handeln. D.h. nicht nur zu sagen, dass ich das nicht in Ordnung finden, sondern dich auch zu bitten, jetzt zu gehen und das nächste Mal vorher anzurufen.

Doch meine Bewertung „Das ist falsch!“ ist nicht an das, was du tust, gekoppelt. Das wird deutlich, wenn ich an einem anderen Tag auf deinen spontanen Besuch mit Freude reagiere. Dann sage ich innerlich „ja, das finde ich richtig“. Die Kraft hinter der Freude ist die Anziehung in beide Richtungen. Wenn ich mich freue, bin ich anziehend, und was mich freut, zieht mich an. Auch dieses Gefühl hat eine Aufgabe, nämlich „wertzuschätzen“. Es geht darum zu sagen, wie sehr ich deinen Besuch genieße. Und wie oft im Leben vergessen wir diese Aufgabe?

Wieder eine andere Bewertung könnte sein, dass ich es „schade“ finde, wenn du spontan in meiner Tür stehst, weil ich jetzt das Buch nicht zu Ende lesen kann. Dann bin ich traurig. Auch die Trauer hält eine Kraft und eine Aufgabe bereit. Die Kraft ist die Liebe. Die Liebe hält das in Ehren, was uns lieb und teuer ist und sei es eine Geschichte, die uns fesselt und nicht mehr los lässt. Und nur die Liebe hat die Kraft zu akzeptieren, dass wir das, was wir so sehr wollen, nicht haben können. Und somit ist die Aufgabe der Trauer (Traurigkeit), das Unerreichbare anzunehmen.

Eine andere Energie entsteht, wenn du plötzlich in meiner Tür stehst und ich das „furchtbar“ finde, weil ich das Geld, was ich dir schulde, nicht habe. Dann habe ich Angst. Die Dringlichkeit in der Angst ist gut spürbar, besonders weil wir die ihr innewohnende Kraft der Kreativität jetzt so sehr brauchen. In diesem Moment ist es die Aufgabe eine noch nie dagewesene neue Lösung aus dem Hut zu zaubern, sprich eine echt schöpferische Leistung zu vollbringen. Das erklärt die ein oder andere Notlüge. Nur dass Angst dahinter steht, würden die meisten nicht vermuten.

Abschließend noch ein Gefühl, was nicht auf der Bewertung der Situation, sondern auf der Bewertung der gesamten Person beruht und damit sehr unangenehm ist. Es ist die Scham. Die Scham sagt: „Ich bin falsch!“ Zum Beispiel: Ich bin falsch, weil mein Bad so dreckig ist oder meine Wohnung zu klein/schäbig/unordentlich.

So unwahrscheinlich es klingen mag, auch die Scham stellt mir eine Kraft zur Verfügung. Die Kraft heißt Demut. Wir brauchen Demut, um zu erkennen, dass wir fehlbar sind und Schwächen haben. Und die Aufgabe hinter der Scham ist es darüber nachzudenken (Selbstreflexion), wie wir selbst sind, wie wir sein wollen oder sein sollten.

Amana Virani sagt, dass in der Scham alle anderen Gefühle enthalten sind. Mit Hilfe von Selbstreflexion können wir das dahinterliegende Gefühl erkennen und uns dessen Kraft zu Nutze machen.

Gehe ich durch die Scham und nutze ich die Demut, um meine Fehlbarkeit zu akzeptieren, dann kann ich im Nachdenken über die Situation eines der vier obengenannten Gefühle entdecken.

Zum Beispiel: Erst schäme ich mich und dann spüre ich die Wut auf mich selbst. Hier kann ich zu dem Bewusstsein kommen, dass ich es völlig unakzeptabel finde, meinen Besuch ins Bad zu lassen. Eine Handlung könnte sein, den Gast zu bitten, im Wohnzimmer Platz zu nehmen, während ich über das Waschbecken wische. Hauptsache, es passiert etwas. Das ist Wutenergie!

Oder ich schäme mich und erkenne dahinter meine Traurigkeit, weil ich feststelle, dass ich nicht so ordentlich bin, wie ich es gerne wäre. Wenn ich mir liebevoll begegnen, dann kann ich mein Selbstbild korrigieren und in Zukunft anderen gegenüber, meine „unordentliche“ Seite eingestehen.

Oder ich schäme mich und habe Angst (was soll er von mir denken) und dann reagiere ich mit einer kreativen neuen Lösung, lasse ich dich gar nicht eintreten und sage: „Ich wollte gerade in ein Café um die Ecke gehen, willst du nicht mitkommen?“

Oder ich schäme mich, und dann freue ich mich, weil ich jetzt den Anreiz habe, das Bad zu putzen.

Wenn wir das dahinterliegende Gefühl entdecken, dann hilft es uns aus der Starre, in die uns die Scham oft hinein katapultiert. So können wir eine Position und einen Umgang mit der Scham finden, der uns wieder zu unserem Selbstwert führt.

Ich finde es immer wieder spannend, mich dabei zu beobachten, wie ich mit dem einen oder anderen Gefühl umgehe. Dabei hilft mir die meditative Haltung, die Dinge ohne Bewertung zu betrachten. Mit diesem Bewusstsein kann ich auch unangenehme Gefühle richtig finden. Und die Aufgaben und Kräfte nutze ich als Wegweiser, wie es für mich am besten weitergeht.

Ebenso erklärt diese Theorie auch die Freude, die viele Yogis und Meister durch und bei der Meditation beschreiben. Es ist die Freude, die entsteht, wenn man sagt: Das, was ist, ist richtig!

Gefühl Interpretation Kraft Aufgabe Schatten Element
Wut „Das ist falsch“ Klarheit Handlung Zerstörung Feuer
Trauer „Das ist schade“ Liebe Annahme / Akzeptanz Passivität Wasser
Angst „Das ist furchtbar“ Kreativität Schöpfung (Neues) Lähmung Erde
Freude „Das ist richtig“ Anziehung, Verbindung Wertschätzung Illusion Luft
Scham „Ich bin falsch“ Demut Selbstreflexion Lernen Selbstzerfleischung Äther


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Umgang mit Ärger in der Meditation

Wut genießt in spirituellen Kreisen mitunter keine Beliebtheit. Manchmal wird ihr sogar die Echtheit eines authentischen Gefühls abgesprochen.

Richtig ist, dass Wut (die auf Handlung im außen orientiert ist) es einem unglaublich schwer macht, die Konzentration nach innen zu lenken. Auch dass Wut destruktive Formen annehmen kann, lässt sich nicht leugnen. Doch um unsere Lebendigkeit und Handlungsfähigkeit zu erhalten und um Klarheit in unser soziales Leben zu bringen, halte ich es für sinnvoll, einen anderen Weg mit diesem Gefühl zu suchen, statt es „weg zu meditieren“. (Siehe auch: „Wann ist Wut gut?“)

Wollen wir meditieren, obwohl wir wütend sind, kann die GFK weiterhelfen. Marshall Rosenberg glaubt genau wie Amana Virani, dass Wut aus Urteilen entsteht, und bezeichnet sie deshalb als Sekundärgefühl. Für ihn gibt es zwei Sekundärgefühle, nämlich Scham und Wut (im Gegensatz zu Virani, die sie „reine Gefühle“ nennt und Freude, Angst und Trauer ebenfalls auf Urteile zurückführt).

Geht man bei nicht enden wollender Wut durch den GFK-Prozess (Wolfsshow; weitere Gefühle benennen, die hinter der Wut stehen; Bedürfnisse suchen, die unerfüllt sind), dann wird man mit dem Benennen der Bedürfnisse eine Erleichterung wahrnehmen können, die es erlaubt, in eine meditative Haltung zu gelangen.

Beispiel: Mit GFK zur inneren Ruhe

Wenn ich versuche zu meditieren, ich aber noch wütend bin, weil meine Mitbewohnerin mir bewiesen hat, dass ich von ihrem Öl genommen habe, und ich das falsch finde, weil sie auch von meinem Kaffee nimmt, dann kann ich mich endlos in Gedanken aufreiben, dass ich das unfair finde und sie eine dumme, kleinkarierte Kuh ist. Erkenne ich aber, dass für mich der Austausch von Lebensmitteln eine soziale Komponente hat und dass ich mir Verbindung wünsche, dann kann ich in dem Wunsch nach Verbindung inneren Frieden finden (und im Anschluss in ein konstruktives Gespräch gehen). Die Intensität der Wut ist dann Ausdruck der Bedeutung, die dieses Bedürfnis für mich hat. Ich nehme einfach diesen Wert an sich und seine Bedeutung für mich wahr. Im Benennen von Gefühlen und Bedürfnissen begegne ich mir selbst mitfühlend, was sowohl zur GFK als auch zur meditativen Haltung gehört.