Tiefenkontakt

fühlend verstehen wollen


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Kopfkino, mal ganz wissenschaftlich

„Ich soll sagen, was ich wirklich über meinen Chef denke? Muss das sein?“

Die Teilnehmerin steht auf der Karte „Wolfsshow“ und windet sich.

„Ja!“

Ich bin ziemlich überzeugt, dass die Gewaltfreie Kommunikation erst ihre Wirkung entfaltet, wenn wir unsere Urteile kennen.

Aber nochmal von vorne, vielleicht kennst du, liebe LeserIn, die Wolfsshow nicht.

Die Wolfsshow ist alles, was in deinem Kopf passiert, nachdem dir die Hutschnur hochgegangen ist. Es passiert ganz von alleine. Das Ausdrücken müsste demnach ganz einfach sein. Aber ich habe schon viele Teilnehmerinnen kennengelernt, die mit dem „laut-ihre-Urteile-aussprechen“ ein echtes Problem hatten.

Vielleicht liegt es an der guten Erziehung, vielleicht liegt es am Namen. Eine Teilnehmerin meinte einmal:

„Muss das Wolfsshow heißen? Ich habe doch keinen Wild-Live-Workshop gebucht. So etwas wie „neurolinguistische Programmierung“ fände ich gut. Das klingt wissenschaftlich, wichtig und neutral.“

Da musste ich passen. Ich hatte kein wissenschaftlich korrektes, wichtig klingendes und dabei komplett neutrales Wort für Wolfsshow. Der Wolf ist nicht neutral, aber er nimmt sich über die Maßen wichtig, und politisch korrekt ist er schon gar nicht. Alle Handpuppenhasser und Raubtiersympathisantinnen der GFK-Szene mussten daher mit den zwei Symbolen Wolf und Giraffe klarkommen.

Doch hier ist die Lösung für tierische Kontakthemmung. Wir nennen es jetzt ganz wissenschaftlich – SEF.

SEF stammt aus der sozialen Forschung von Brené Brown und steht für „schlechte, erste Fassung“. Das ist genau das, was wir mit der Wolfsshow meinen. Mach dir bewusst, was in deinem Kopf vorgeht. Das, was da passiert, bestimmt deine Verletzungen, deine Wut und dein Schamgefühl. Das, was da passiert, hat nur rudimentär etwas mit der Wirklichkeit (Beobachtung) zu tun, aber sehr viel mit dir (das heißt mit deinen Gefühlen und Bedürfnissen). Unsere Urteile kennenzulernen, ist keine freudige Erfahrung. Wer gibt schon offen zu, dass er das Verhalten des Kindes „das Allerletzte“ findet, und dass man schon immer gewusst hat, dass der Kollege XY „eine faule Sau“ ist. Klingt nicht empathisch, klingt nicht gewaltfrei und ist nicht politisch korrekt. (Ich möchte hier auf gar keinen Fall empfehlen, offen seine Urteile auszusprechen. Es geht um das Bewusstmachen!) Wir machen uns etwas vor, wenn wir sie leugnen, um vor uns selbst besser dazustehen. In der BeWERTung finden wir WERTvolles. Dazu muss man hinschauen, und das am besten mit einem spielerischen Augenzwinkern. Es ist ja nicht die Wirklichkeit!

Brené Brown, eine amerikanische Sozialforscherin, hat Menschen befragte, die schwer gescheitert sind und es schafften, wieder aufzustehen und weiterzumachten. Meist war das Scheitern mit heftigen Selbstverurteilungen (Wolfsshow) verbunden. Und in ihrem Buch „Laufen lernt man nur durch hinfallen“ beschreibt sie die Bedeutung der SEF und weitere Punkte, die für das Aufstehen nach dem Sturz in den Schlamm der Schamgefühle wichtig sind. Die Liste klingt wie GFK!

Vergleich SEF und WS

Spannend ist, dass Brené Brown besonders auf die Diskrepanz zwischen SEF und Wirklichkeit hinweist. Ein Delta, auf das man bei den Schritten der GFK ganz automatisch stößt: Beispiel gefällig?

Startkarte: Die Wolfsshow (SEF): Mach dir bewusst, was du denkst. Das hört sich vielleicht so an: „Sie hält mich wohl für eine Idiotin, mit der man alles machen kann!“ Gehe einen Schritt weiter und formuliere die Beobachtung = das, was deine Freundin wirklich gesagt hat. Sie: „Ich möchte heute Abend auf ein Konzert!“

Kaum jemand, der nicht bei diesem Schritt erstaunt feststellt, dass sie kein Wort von „Idiotin“ und „ich mag dich nicht“ gesagt hat.

Urteile und Wut verschleiern unseren Blick. Sie lassen uns Dinge sagen und hören, die oft an der Wirklichkeit vorbeigehen. Das Rumwolfen für uns alleine hilft uns, den Kern zu finden, um den es geht. Doch damit machen wir uns verletzlich. Es ist so viel leichter, selbstgerecht seine Urteile rauszuhauen. Aber Verletzlichkeit ist die Zutat, die einer Beziehung Tiefe gibt. Auf Zuverlässigkeit kann man ab und zu verzichten.

 


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Bin ich gut genug?

Eine Frage, auf die die meisten Menschen wohl kein freudiges „Ja“ haben. Schließlich denkt es in uns: Ich sollte mehr Sport treiben und Diät halten. Ich leiste nicht genug! Ich sollte belastbarer sein und außerdem durchsetzungsfähiger. Und damit nicht genug, ich sollte mehr Work-Live-Balance betreiben und damit fürsorglicher, glücklicher oder zumindest rundum zufrieden sein; vom Geld und glücklichen Sex haben wir hier noch gar nicht gesprochen.

Dieses ständige An-sich-herummäkeln tut dem Selbstwert nicht gut.

Lange Zeit dachte ich, Selbstwert bestünde aus Glaubenssätzen wie: Ich sehe gut aus! Ich fühle mich stark und erfolgreich! Aber nein, die Schamforscherin und Buchautorin* Brené Brown hat in ihren Forschungen etwas anderes entdeckt. Sie fand heraus, dass Menschen, „die aus vollem Herzen leben“ und damit viel Selbstbewusstsein zeigen, glauben, dass sie „gut genug“ sind. Das ist die Basis. Man muss nicht glauben, dass man Superman ist. Nein, es reicht aus zu glauben, dass man gut genug ist.

Das ist etwas komplett anderes als das, was Perfektionisten tun und denken. Perfektionisten sind Menschen, von denen andere denken, dass die nun wirklich mehr als gut genug sind. Aber wie sieht es in ihnen aus? Ganz anders. Der Grund, warum sie so viel Zeit auf Perfektion verwenden, liegt darin, dass niemand bemerken darf, wie es eigentlich in ihnen aussieht. Aber wenn man genau hinhört oder eine Perfektionistin persönlich kennt, dann scheinen die nagenden Selbstzweifel durch den schillernden Perfektionisten-Panzer.

Brené Brown zieht eine erstaunliche Verbindung zwischen „besonderen Leistungen“ und dem Gefühl „gut genug zu sein“. Diese ist nicht so offensichtlich und wird aber deutlich, wenn man sich bewusst macht: Niemand weiß, dass er etwas Besonderes leisten kann, bevor er es nicht getan und anderen Menschen vorgestellt hat. Dieser Schritt in die Öffentlichkeit (auch wenn es nur eine Person ist) braucht Mut, schließlich riskiert man kritisiert oder gar verlacht zu werden. Und diesen Mut finden wir, wenn wir glauben, gut genug zu sein. „Gut genug“ ist das Sprungbrett, das uns in die Luft katapultiert, und „gut genug“ ist das Sicherheitsnetz, das uns wieder auffängt, wenn es mal schiefläuft.

Und was, wenn man daran nicht glaubt? – Kein Grund sich zu verurteilen!

Die gute Nachricht ist, man kann es üben, zum Beispiel so:

Mach dir deine Selbstabwertungen bewusst. Oft ist man so gewohnt, sich selbst zu beschimpfen, dass es einem gar nicht mehr auffällt. Ein Blick in den Spiegel am Morgen und der Gedanke: „Oh, du siehst ganze schön alt aus!“ schießt einem in den Kopf. Aber, STOP! Nochmal zurück:  „Hey, tut mir leid! Du siehst gut genug aus!“ Ein Blick auf die to-do-Liste am Abend: „Wieder nichts geschafft!“ STOP! „Das, was ich geschafft habe, war gut genug!“ Ein Telefonat mit der besten Freundin: „Mensch, ich hätte echt mitfühlender sein sollen!“ STOP! „Das war das Beste, was ich zu geben in der Lage war! Es war gut genug!“

Nun bist du dran, mache dir drei Urteile bewusst, die du gegenüber dir selbst hast, und ersetze sie mit „Ich bin gut genug!“ Besonders wirkungsvoll ist das, wenn man es laut zu seinem Spiegelbild sagt: „Du bist gut genug!“

Wie fühlt sich dieser neue Kontakt mit dir selbst an?

*Buch: „Verletzlichkeit macht stark“ von Brené Brown


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Ein Leben aus vollem Herzen

Die amerikanische Schamforscherin Brené Brown ging zu Beginn ihrer Forschungsreise davon aus, dass Menschen mit starken Schamgefühlen unsicher und fremdbestimmt sind. Doch dann stellte sie fest, dass das nicht immer zutraf. Es gab immer wieder Probanden, die trotz intensiv erlebter Schamgefühle ein sehr authentisches Leben führten.

Heute nennt sie diese Leute: „Menschen, die aus vollem Herzen leben“ und ist dankbar, dass das unangenehme Gefühl Scham sie zu dem Weg führte, wie man ein authentisches Leben lebt. Dabei schien die entscheidende Frage zu sein: Warum lassen sich diese Menschen von ihren Schamgefühlen nicht aus der Bahn werfen? Was macht sie „schamresistent“? Wie gelingt es ihnen, trotzdem authentisch zu bleiben und nicht den eigenen Wert zu opfern?

Die Antwort ist, sie kultivieren bestimmte Formen von Mut.

  1. Mut sich zu zeigen. Das, was wir erleben, und das, wie unsere Umwelt auf uns reagiert, kommt nur überein, wenn wir ehrlich sagen, was in uns ist. Und das ist nicht immer schön, nicht immer bequem und noch nicht einmal immer das, was wir wollen. Aber es ist unsers! Wir sind die Urheber unserer Gefühle, auch wenn es uns manchmal so vorkommt, als würden uns unsere Gefühle passieren oder andere sie verursachen.

Mut sich selbst treu zu sein: Auch Nicht-konform-gehen mit dem, was unsere Mitmenschen meinen oder wollen, erfordert Mut. Es ist übrigens eine Illusion, wenn wir glauben, dass ein authentisches Leben leicht gehen müsste. Das kann es, das tut es auch oft und dann gilt es, das zu genießen. Aber sehr oft ist es unbequem, weil wir ein Risiko eingehen. Das Risiko, nicht zu wissen, wie unsere Mitmenschen unser Verhalten finden.

„Menschen, die aus vollem Herzen leben“ stehen zu ihrer Verletzlichkeit. Sie versuchen sie nicht zu verstecken und auch nicht anders zu sein, als sie sind. Und damit löst sich ein verbreitetes Bild auf, das Stark-sein und Verletzlichkeit für unvereinbar hält. Es ist genau andersherum. „Verletzlichkeit macht stark“, wie Brené Brown eines ihrer Bücher nennt.

Wenn du authentisch sein willst, dann…

  1. lasse los, wer du glaubst, sein zu müssen, und umarme die, die du wirklich bist.
  2. kultiviere den Mut, unvollkommen zu sein, Grenzen zu setzen und verletzlich zu sein.
  3. übe Mitgefühl, indem du dir bewusst machst, dass jeder von uns Stärken und Schwächen hat. Mitgefühl ist auch deshalb so wichtig, weil es das Gegengift von Scham ist. Der Quantensprung, den es in der Scham zu machen gilt, ist, sich von dem Mitgefühl seiner Mitmenschen wieder berühren zu lassen. Die meisten Menschen blocken Mitgefühl ab, weil sie in der Scham davon überzeugt sind, es nicht wert zu sein.
  4. kultiviere Verbundenheit und Zugehörigkeit; nicht nur, indem du daran glaubst, dass andere genügen, sondern auch, indem du daran glaubst, dass du genügst. Zu jeder Verbindung gehören zwei. Du und ich. Wenn nur du mir wichtig bist, dann fehle ich. Wenn nur meine Ansicht wichtig ist, dann fehlst du.
  5. Widme dich Dingen, die dir wirklich wichtig sind. Nicht der Erfolg entscheidet darüber, ob etwas wichtig ist, sondern der Sinn, den du daraus ziehst. Hier hilft die Frage: Was ist es wert, getan zu werden, selbst wenn ich es mir nur unvollkommen gelingt oder ich mich plage?