gefühlte Gedanken

fühlend selbst-bewusst verstehen wollen


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Der Traumjob und das liebe Geld

Kennst du den Film „Die Comedian Harmonists“? Die Szene, in der die frischgebackenen Sänger einen sehr geschäftigen Hintergrund simulieren, um neuen Kunden den Eindruck zu vermitteln, sie seien gefragt? Ich habe lange Zeit dasselbe versucht. Und hier möchte ich keine potentiellen Kunden durch einen ehrlichen Bericht verschrecken. Deshalb habe ich einen neuen Namen gewählt.

Ich heiße Sonja Frustenberg*. Vor sieben Jahren habe ich die GFK** kennengelernt und war schnell begeistert. Während meines ersten Jahrestrainings fand ich Gefallen an der Idee, GFK-Trainerin zu werden. Ich bewunderte meine Trainer und glaubte an mein Talent. Für die Selbstständigkeit entschied ich mich, weil ich keine anderen Alternativen mehr sah. In meinem damaligen Job zählten menschliche Werte nicht. Mitarbeiter wurden verraten und ausgenutzt, Abteilungsleiter hängengelassen, und als kaufmännisch galt allein der Vorteil der Firma. Hatte das den finanziellen Ruin eines Geschäftspartners zu Folge, wurde mit den Achseln gezuckt. Kurz gesagt, Menschlichkeit gab es nicht. Dagegen schien die Aussicht, als GFK-Trainerin meine Werte in die Welt zu tragen, als der berufliche Himmel auf Erden.

Gesagt, getan. Ich startete mit Homepage und Visitenkarten. Der erste Workshop im Freundeskreis war ein Erfolg, ich war geflasht. Nur die Sportkollegen schauten etwas skeptisch, als ich erklärte, wovon ich in Zukunft leben wollte. Die Tatsache, dass ich keine geschäftlichen Verbindungen und auch keine Berufserfahrung hatte, versuchte ich durch Motivation und Einsatz auszugleichen.

Der Gründungszuschuss sollte mir den Start erleichtern. Ich rechnete die Gehälter mir bekannter Trainer hoch und befand, dass das reichen würde. Dem Umstand, dass zu der Zeit die Teilnehmerzahlen meines Trainers stark rückläufig waren, schenkte ich keine Aufmerksamkeit. Für den Zuschuss musste ich dem Arbeitsamt belegen, dass man von GFK leben konnte. Dazu setzte ich einen Wochenend-Workshop pro Monat an. Das erschien mir zwar unrealistisch, da ich niemand kannte, der so häufig Einführungen gab, aber es war nötig, um auch nur in den unteren Gehaltsbereich zu kommen. Meine Sorgen, dass es in meiner Stadt bereits sechs aktive GFK-Trainer gäbe (heute sind es mindestens 15), zerstreute der Gutachter des Gründungszuschusses. Er meinte, viele Trainer würde bedeuten, dass es da etwas zu holen gäbe. „Wenn es keine Kunden gäbe, gäbe es auch keine Trainer!“ Weit gefehlt, er kannte die GFK-Szene nicht.

Den monatlichen Workshop-Turnus senkte ich sehr bald auf alle drei Monate. Kurze Zeit später waren es nur noch zwei pro Jahr und seit zwei Jahren schreibe ich GFK-Workshops nur aus, damit etwas auf der Homepage steht. Ich hatte in sechs Jahren Selbstständigkeit nie mehr als 3 Teilnehmer. Werbung machte ich über meine Homepage, Veranstaltungskalender, Trainer-Portale, Laternenpfahlwerbung und Flyern in Cafés und Bioläden. Ich schaltete bezahlte Werbung im Internet und in Esoterik-Blättchen. Doch jede bezahlte Werbung setze ich bald wieder ab, weil sie keine Kunden brachte. Versuche mal die GFK in einen Werbeslogan zu verpacken, ohne die GFK-Werte zu verraten!

Meine Trainererfahrung sammelte ich in erster Linie durch themenverwandte Workshops. Seit einiger Zeit fragen mich Teilnehmer, wie sie in meine Fußstapfen treten können. Das bringt mich in Gewissenskonflikte. Gerne würde ich sage, besuche viele Kurse (bei mir). Aber ich weiß, dass Kurse besuchen nicht ausreicht.

Die große Krise kam nach vier Jahren. Meine persönliche Umsatzstatistik verriet mir, dass sich nichts bewegte. Es gab noch nicht einmal eine leichte Tendenz nach oben. Und Umsatz konnte man die paar Euro auch nicht nennen, Taschengeld wäre wohl passender. In meiner Verzweiflung suchte ich Unterstützung in der GFK-Szene. Ich fand Kollegen, die bereitwillig Empathie gaben. Doch manch einer konnte es sich nicht verkneifen zu behaupten, wenn man etwas liebe, dann würde das in die Welt strahlen und die Teilnehmer anziehen. Das kränkte mich zu tiefst. Wollten die mir erzählen, dass ich meine Arbeit nicht genug lieben würde? Hatte ich eine Blockade, wie manche vermuteten? Ich entschied mich für eine systemische Aufstellung, um den Fehler im System zu finden. Dazu telefonierte ich mit dem Leiter eines bekannten Ausbildungsinstituts, das bis zu 90 Coaches und Berater im Jahr ausbildet. Der Mann war also im Geschäft. Ich erklärte ihm mein Problem. Daraufhin stellte er mir zwei Fragen.

  1. Wie viele Trainer kennst du, die davon leben können?

Da musste ich erstmal nachdenken und kam auf – zwei.

  1. Sind diese zwei Trainer dein Jahrgang (was den Berufsstart angeht) oder älter.

Sie waren schon über 10 Jahre im Geschäft. Ganz klar, nur „ältere“ Trainer bestritten ihren Lebensunterhalt davon. Die Erkenntnis traf mich mit Wucht.

Er meinte nur: „Du brauchst keine Aufstellung. Von Tagesworkshops kann man nicht leben. Der Werbeaufwand steht in keinem Verhältnis zum Verdienst. Wir machen das ausschließlich aus Marketinggründen. Unser Geld verdienen wir mit der Ausbildung. Das sind mindestens 20 Ausbildungstage pro Jahr und Person.“

Es hat lange gedauert, bis ich mich von meinem Wunschtraum habe trennen können. Es macht mich immer noch traurig, wenn ich darüber schreibe. Doch es erleichtert mich, dass ich nicht mehr erwarte, von der GFK oder einem anderen meiner Herzensprojekte leben zu wollen.

Und um auf die Behauptung des Gutachters zurückzukommen, dass vorhandene Konkurrenz auf Einnahmequellen verweisen: er hat schlicht übersehen, dass Geld nicht die einzige Motivation ist, einen Beruf zu ergreifen. Schauspieler, Sänger und Ballerinas. Alle wissen, nur wenigen winkt Ruhm und Geld. Glücklich der, der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet. Alle anderen bezahlen in erster Linie ihre Ausbildung. Ob der Wunschtraum den finanziellen Einsatz und die Unsicherheit wert ist, muss jeder selbst entscheiden.

Doch einen Tipp habe ich: Wenn du GFK-Trainer werden möchtest, empfehle ich dir vor allem eines, eine zuverlässige zweite Einnahmequelle.

 

*Ich veröffentliche hier den Artikel meiner lieben Kollegin Sonja. Sie möchte gerne eine Leserschaft erreichen, und es ist noch unsicher, ob der Artikel in der Zeitschrift „Empathische Zeit“ veröffentlich wird. Was sie schreibt, kann ich aus eigener Erfahrung gut nachvollziehen und glaube, dass die Berufsbezeichnung „Trainer“ genauso gut durch Coach, Systemische Berater, Personal Coach etc. ersetzt werden kann.          Tiefenkontakt

**Gewaltfreie Kommunikation

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Vom Müssen zum Wollen und wieder zurück

„Ich sollte wieder Sport machen!“ „Ich müsste mich bewerben!“

Am „müsste“ und „sollte“ kann man erkennen, dass man gedanklich eine Idee aufgegriffen hat, die keinen Anker in den Tiefen unseres Selbst findet. Die Motivation bleibt kreisend im Kopf. Wir wiederholen sie laut und in gedanklichen Selbstgesprächen. Wir können uns richtiggehend damit quälen, aber unser Handeln ändert sich nicht. So schlägt Sollte-Denken auf die Stimmung und macht uns ungnädig mit uns selbst.

Die GFK hat für diese „ich-sollte“-Sätze einen interessanten Umgang gefunden. Zunächst einmal setzt sie am konkreten Verhalten an (nicht am Denken). Das Verhalten ist in solchen Fällen schwer zu erkennen, da es meistens ein „Nicht-Tun“ ist. Ich bewerbe mich nicht. Oder ich mache keinen Sport. Ich mache irgendetwas anderes. Die GFK fragt, was erfülle ich mir damit, dass ich das nicht mache? Das braucht einen klaren Perspektivwechsel, schließlich denke ich die ganze Zeit darüber nach, warum ich es tun sollte, und nicht, was mein guter Grund ist, dass ich es nicht tue.

Beispiel: Was erfülle ich mir, wenn ich mich nicht bewerbe? – Ich konzentriere mich auf das Schreiben. Das gibt mir Sinn im Leben.

Was erfülle ich mir, wenn ich keinen Sport mache: Erholung, Gesundheit und Heilung. Der heftige Husten nach dem Sport lässt mich daran zweifeln, dass Sport derzeit meiner Gesundheit gut tut.

Anwendungshilfe: Wer Ideen bei der Frage: „Was erfülle ich mir damit?“ braucht, findet diese auf meiner GFK-Bedürfnis-Liste (Link klicken und runterscrollen).

Wenn ich weiß, was ich mir mit meinem NICHT-Tun erfülle, dann kann ich mit mir selbst gnädiger sein. Vielleicht ändert sich auch mein Denken und ich bekomme ein positives Bild von mir, als eine, die fürsorglich mit ihrem Körper umgeht. Oder ich sehe mich als eine, der Sinn bei der Arbeit wichtig ist.

Doch Gedanken wie „ich müsste“ und „ich sollte“ denken wir nicht ohne Grund. Auch hier gibt es unerfüllte Bedürfnisse, und auch hier kann ein Blick auf die Bedürfnisliste zu neuen Ideen und Selbstverständnis führen. Doch manchmal braucht es die echte Unzufriedenheit, um sich wirklich damit auseinander zu setzen. Deshalb, wenn du deiner Motivation eine wirkliche Anschubhilfe bieten willst, dann: „Fühl‘ deine Unzufriedenheit! Vermeide sie nicht!“ Der Punkt, an dem Nichts-machen keine Option mehr ist, kommt dann von alleine. Beim Bergsteigen ist das der Punkt, wo es gefährlicher ist zurückzugehen als weiterzuklettern. Vorher mag man sich noch überlegen, ob man diese Strapazen wirklich auf sich nehmen möchte. Doch hat man den Point-of-No-Return überstiegen, dann gibt es diese Alternative nicht mehr. Dann gibt es nur noch einen Weg, nämlich den nach oben. Diese Erkenntnis macht es spürbar leichter. Jegliches Denken über Alternativen ist Zeitverschwendung. Diese Entscheidung kann so wichtig werden, dass sie sich in einem „Ich muss das tun!“ ausdrückt. Man bemerke, es ist kein „müsste“ mehr, sondern ein „muss“. Alternativen sind ausgeschlossen.

So ein MUSS aus dem Innern wirkt mitunter heroisch, ist es aber nicht. Lob für etwas, was man tun musste, hat wenig Bedeutung. Eine Freundin sagte neulich: „Ich bewundere Frauen, die sich den Schmerzen einer Geburt stellen!“ Für schwangere Frauen ist dieser Satz nur von Bedeutung, wenn für sie Kaiserschnitt oder keine Kinderkriegen eine Option ist. Bei einem echten Kinderwunsch ist die Geburt einfach etwas, durch das frau durch muss (genauer gesagt kind). Die Wertschätzung „Ich bewundere deinen Mut mit dem du das letzte Stück ohne Sicherung geklettert bist.“ ist bedeutungslos, wenn es der einzige Weg aus der gefährlichen Situation war.

Zusammenfassend kann man sagen, die Kunst, einen „mutigen“ Lebensweg zu gehen, besteht darin, sich seiner eigenen Unzufriedenheit auszusetzen, bis die Entscheidung aus dem Bauch herauskommt. Wenn ich wirklich verliebt bin, dann muss ich meine Liebe gestehen, dann gibt es keine Alternative. Aber dieses MUSS, dieser Point-of-No-Return, dieser Point-of-No-Drückeberger ist kein Sollte-Gedanke und keine Pflicht, sondern die oft unbewusste Erkenntnis, dass es der einzig richtige Weg ist.


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Aggression – Ist unsere Definition Teil des Problems?

In den gängigen Nachschlagewerken (Duden, Wikipedia) wird Aggression als aggressiver Akt gegen jemanden definiert. Wenn man genau hinschaut, dann besteht ein aggressiver Akt aus zwei Komponenten: einem Gefühl wie z.B. Wut und einer konkreten Handlung wie Schlagen oder Truppen an der Landesgrenze stationieren. Diese Verbindung aus Gefühl und Handlung ist meines Erachtens Teil des Problems, welches wir mit eskalierenden Konflikten haben. Wie Marshall Rosenberg sehr fein beobachtet hat, erhöhen Urteile und Bewertungen die Aggressionsbereitschaft der bewerteten Person. Fühlen sich Menschen verurteilt und damit angegriffen, reicht ein Wort und das Pulverfass explodiert. Und dieses eine Wort kann „aggressiv“ sein. Dass die Mehrzahl der Menschheit die Bewertung teilt, ändert nichts am Effekt der Bewertung. Hier ein internationales Beispiel:

Im Kalten Krieg haben die USA gezielt aufgerüstet, in der Absicht ihre Bevölkerung vor der UdSSR zu schützen. Die UdSSR beurteilte das amerikanische Verhalten in der einheimischen Presse als aggressiv und kurbelte die eigne Rüstungsindustrie an, ebenfalls in der Absicht sich und ihre Bevölkerung zu schützen. (Der Beginn der Geschichte ist hier zufällig gewählt. Ich bin sicher, dass beide der Ansicht sind, der andere habe angefangen). Das Verhalten der UdSSR bestätigte in den USA das Bild des Russen als Aggressor und rechtfertigte damit weitere Rüstungsaufträge, was in der UDSSR genau die gleichen Bewertungen (aggressiv) und Handlungen (Waffenproduktion) zur Folge hatte. Man beachte, dass die Bewertung „aggressiv“ nur für das Verhalten des anderen genutzt wird. Das eigene Verhalten gilt als beschützend. Doch tatsächlich lässt sich beschützendes und aggressives Verhalten kaum unterscheiden. Ein bewaffneter Soldat wirkt auf die, die vor ihm stehen, aggressiv und auf die, die hinter ihm stehen, beschützend. Worte wie „Aggression“ und „Aggressor“ drücken damit die Perspektive einer Person aus, die sich bedroht fühlt. Doch diese Perspektive tarnt sich als Tatsache, was man erst bemerkt, wenn man sich in die Lage der anderen Partei versetzt. Das Verhalten anderer zu brandmarken und zu bewerten, ist deshalb so attraktiv und beliebt, weil es von den eigenen Gefühlen ablenkt. Die eigene Angst und Betroffenheit auszudrücken, macht verletzlich. Und das allgemeine Verständnis ist, wenn ich mich verletzlich mache, dann werde ich angegriffen. Nur meine Stärke hält den anderen davon ab, seine Drohungen in die Tat umzusetzen. Doch es ist ein Irrglaube, dass Drohgebärden vor Gewalt schützen. Sie heizen den Konflikt an. Da finde ich es fast schon beruhigend, dass den meisten Menschen so selten eine schlagfertige Antwort einfällt. Sitzt der Gegenangriff, ist die Eskalation kaum noch zu vermeiden.

Die GFK schlägt folgendes vor: Will man sich konstruktiv mit jemandem über sein Verhalten unterhalten, ist es wichtig die Bewertung (aggressiv) von der Tat (Waffenproduktion) zu trennen. Und wenn wir weiterforschen, dann trifft „aggressiv“ die eigentliche Motivation immer noch nicht. Sondern dahinter stehen wahrscheinlich Angst und der Wunsch nach Schutz. Die GFK unterscheidet diese Begriffe deshalb so genau, um zum einen Provokationen zu vermeiden und zum anderen Verbindung zwischen den Konfliktparteien zu schaffen. Beide haben Angst und beide wollen sich schützen.

Die Wirkung von Bewertungen bzw. wertfreien Beschreibungen kann man besonders gut an sich selbst erforschen. Sagt jemand zu uns: „Mensch, was bist denn du so aggressiv!“ dann spüren wir deutlich, dass wir bewertet werden. Sagen wir das zu jemand anderem, dann ist uns das in der Regel nicht gleich bewusst. Zum Glück lassen die meisten Menschen einen sofort wissen, wenn sie sich bewertet fühlen. Sie widersprechen. Um dies als wertvolles Feedback annehmen zu können, hilft es den Automatismus und die Bewertungen überhaupt erst zu erkennen.

Die Erfolge dieser Differenzierung zeigt die GFK sowohl bei internationalen als auch bei persönlichen Streitschlichtungen. Und was würde Marshall Rosenberg zu den Anschlägen in Paris sagen?

Vielleicht: „Ich bin bestürzt und es schmerzt zu sehen, wenn Menschen wie du und ich durch einen Sprengsatz sterben müssen. Ich wünsche mir von tiefsten Herzen, dass wir weltweit die Kraft entwickeln, Respekt für jedes (menschliche) Leben zu empfinden. Und dass wir Wege finden, die Konflikte unserer Erde gewaltfrei zu lösen.“

P.S Mich (Regine) bestürzt es, wie leicht es mir fiel, am Beispiel des Kalten Krieges deutlich zu machen, dass beide Parteien die gleichen Absichten (Selbstschutz) hatten. Auf die Schnelle ist mir das mit dem Islamischen Staat (IS) und Westeuropa nicht gelungen. Ich vermute, dass es an der zeitlichen Distanz liegt. Jedes Feindbild, das wir haben, stellt eine echte Herausforderung an unsere Bereitschaft dar, den Menschen im anders Denkenden zu sehen und zu glauben, dass die „aggressive“ Tat die beste Strategie war, die ihm einfiel, um seine Bedürfnisse zu erfüllen. Hätte er eine andere gesehen, hätte er eine andere gewählt. Also, was versucht uns der IS zu sagen, wenn er Hinrichtungen im Internet veröffentlicht, Weltkulturerbe sprengt und Menschen in Paris in die Luft jagt? Ich könnte mir vorstellen, dass ISler sich von der westlichen Kultur bedroht fühlt. Und dass sie keine anderen Mittel sehen die eigene Kultur zu verteidigen.


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Empathie – aktiv oder passiv?

Eine meiner ersten und wichtigsten Erkenntnisse zu meinem Wunsch nach Mitgefühl war folgende: Wenn ich will, dass jemand wirklich empathisch mit mir ist, dann muss ich mich zeigen. Tue ich das nicht, bleibt mein Wunsch unerfüllt. Dies erfordert, dass ich aktiv werde. Diese Aktivität steht im Widerspruch zu der Bezeichnung „Empathie bekommen“.

„Empathie bekommen“ suggeriert eine Passivität, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Es ist eher mit Hingabe zu vergleichen. Auch hier tendieren die meisten Menschen dazu, diese Haltung als passiv zu deklarieren, aber schon das Wort sagt das Gegenteil. Ich gebe mich hin. D.h. ich bin aktiv, sonst gibt es keine Hingabe. Mit dem „Empathie bekommen“ ist es das Gleiche. Die Frage: „Möchtest du Empathie bekommen?“ wäre genauer formuliert mit: „Bist du bereit, dich der Empathie hinzugeben?“ Sofort wird spürbar, was es hier braucht. Nämlich eine gehörige Portion Mut, sich zu öffnen und sich mit seinen Schmerzen, Problemen und Urteilen zu zeigen. Das tut man nur, wenn man das Setting als geschützten Raum erlebt und den beteiligten Menschen vertraut. Und beides kann z.B. in einem GFK-Kurs durch die Vereinbarung entstehen, mit dem Herzen und nicht mit dem Kopf zuzuhören.

Es wird ebenfalls durch den Grundsatz der GFK leichter, der da heißt: Man diskutiert nicht über die Berechtigung von Gefühlen! Jeder weiß selbst am besten, was er fühlt und was er braucht. Leider ist das in der GFK-fremden Welt selten so. Da hört man Sätze wie: „Wie, du bist traurig? Du hast doch überhaupt keinen Grund traurig zu sein, also wenn du ärgerlich wärst, das könnte ich verstehen….“ Es herrscht die weit verbreitete Vorstellung, dass nur, wer das gleiche fühlt, einen versteht und ein Freund ist. Oder dass es so etwas wie richtige oder falsche Gefühle gebe. Doch wir Menschen fühlen alle unterschiedlich und zum Glück können wir die Gefühle unserer Mitmenschen unabhängig von unseren eigenen wahrnehmen. Mir kann es sehr gut gehe, und ich kann trotzdem deine Traurigkeit spüren. Deswegen muss es mir nicht schlecht gehen. Ich bin froh und du bist traurig, und ich sitze hier bei dir und spüre deine Traurigkeit. (Klingt einfach, ist es nicht).

Diese Form des Mitfühlens wird leichter, wenn man sich bewusst macht, dass Mitfühlen nicht das Gleiche ist wie Verstehen. Ich brauche nicht zu verstehen, warum du traurig bist, um zu spüren, dass du traurig bist. Um das wahrzunehmen, reicht es, wenn ich meine Gefühle beiseite stelle und mich deinen öffne.

Mitfühlen heißt auch nicht, dass ich alles gutheiße, was du denkst oder tust. Ich fühle, dass du traurig bist, weil dir die Verbindung (zu einem bestimmten Menschen) so wichtig ist, und lasse meine Gedanken, dass ich zwischen euch noch nie Verbindung wahrnehmen konnte, beiseite. Sprich, ich diskutiere mit dir auch nicht, ob dein Bedürfnis nach Verbindung gerechtfertigt ist. Mit dem Herzen zuhören heißt, meine Meinung außen vor lassen.

Es gibt nur eine Person, die sagen kann, was du fühlst und was du brauchst… und das bist du! Und die Kunst für dich besteht darin zu lernen, dich beim „Empathie bekommen“ darin, dir selbst zu trauen und dich nicht zu rechtfertigen. Es reicht zu sagen: „Nein, das passt nicht“ und dann zu deiner Wahrnehmung zurückzukehren. Das ist dein aktiver Teil beim „Empathie bekommen“. Du hörst etwas und überprüfst es mit deinem Gefühl. Wenn es stimmt, nimmst du es an, wenn nicht, dann lässt du es gehen.

Diskussionen um die Berechtigung unserer eigenen Wahrnehmung ermüden unheimlich und führen zu nichts. Und es braucht Übung, diesen weitverbreiteten Impuls zu lassen.

Für echtes Mitgefühl braucht man nicht zwingend die GFK (auch wenn Empathie für mich dadurch viel angenehmer wird). Alles, was es dafür braucht, sind zwei Menschen, die sich als Menschen begegnen. Einer, der sich zeigt, und der andere, der zuhört und bereit ist mitzufühlen, ohne darin zu versinken, Lösungsvorschläge anzubieten oder eigenes beizumischen. Einfach da sein. Das ist alles. Und das ist verdammt viel!


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Gewaltfreie Missverständnisse – Teil 2

Wer sich mit GFK beschäftigt, weiß, eine Lösung hat nur bestand, wenn sie grundlegend die Bedürfnisse von beiden Parteien berücksichtigt. Doch viele Leute glauben einfach nicht, dass es Mitmenschen gibt, die wirklich an ihren Bedürfnissen interessiert sind. Sie tun stattdessen deren Interesse sarkastisch ab, ist doch das folgende Vorgehen für sie ungewohnt: „Ich sage dir, worum es mir geht (meine Bedürfnisse) und du sagst mir, worum es dir geht (deine Bedürfnisse), und dann suchen wir nach etwas, was für uns beide passt. Wenn ich deine Bedürfnisse nicht kenne, wie soll ich sie berücksichtigen?“ Wenn der GFKler fragt: „Was ist dir denn daran wichtig?“ hört der GFK-Fremde: „Rechtfertige dich!“ – Schade um den wohlgemeinten Versuch gemeinsam eine Lösung zu finden.

Vielleicht hilft es, wenn du deinem Gesprächspartner erklärst, was du da machst und warum. Besonders dann, wenn er dich noch mit anderen Kommunikationsgewohnheiten kennt.

Auch das unerwartete Mitgefühl kann beängstigend wirken. Da steht jemand (GfKler) vor einem und benennt Bedürfnisse, die einen berühren, von denen man aber nicht wusste, dass man sie hat. Schutzlos und nackt streitet man alles ab, hat man doch oft Jahre damit verbracht, genau dieses Bedürfnis zu verstecken. Da nützt es gar nichts, wenn der GFKler erzählt, wie viel es ihm geholfen hat, als er empathisch gehört wurde.

Hat jemand plötzlich Tränen in den Augen, dann kannst du davon ausgehen, dass du die richtigen Gefühle und Bedürfnisse erraten hast. Schlägt er dann aber unerwartet verbal zurück, waren es die, die er nicht zeigen wollte. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass GFK Nähe schafft und nicht jeder damit umgehen kann/will. – Missverständnisse sind menschlich und lassen sich nicht immer vermeiden. Soll heißen, sei nicht so streng mit dir, wenn es mal nicht nach Lehrbuch läuft.

Kennst du noch mehr solcher Schwierigkeiten im Einsatz der GFK, dann schreib mir doch. Ich bin an Erfahrungen zu diesem Thema interessiert.

Hier (oder im nächsten Beitrag) liest du mehr zum Thema „Empathie“.

Veränderung leicht gemacht


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Gewaltfreie Missverständnisse – Teil 1

„Für meine Bedürfnisse einstehen“ und echtes Mitgefühl widerspricht sich nicht. Es ist sogar der Königsweg, den Marshall Rosenberg mit der Gewaltfreien Kommunikation vorschlägt. Doch die Balance zwischen den beiden Strängen zu halten, will gelernt sein. Z.B. gibt es Menschen, die die GFK lerne und anwenden aus dem Wunsch heraus andere nicht zu verletzen. Nehmen wir an, Anna wäre so ein Mensch. Doch Anna zeigt ihre Wut selten und schreit andere Menschen so gut wie nie an. Es besteht also keine Gefahr, dass sie zu einer übermäßigen Anwendung von Wut tendiert. Im Gegenteil, sie braucht die Aggression, um für ihre Mitmenschen als Mensch mit eigenen Bedürfnissen wahrgenommen zu werden.

Da passiert Folgendes: Eines schönen Tages nimmt Annas Tochter Tina ungefragt die Seidenbluse ihrer Mutter, die diese am Tag darauf mit einem dicken Fettflecken in der Wäsche wiederfindet. Anna ist richtig wütend. Sie beruhigt sich etwas mit dem GFK-Selbstklärungsprozess und spricht dann mit ihrer Tochter.

Beachte! Viele Menschen glauben, Gewaltfreiheit würde bedeuten, nie Wut zeigen zu dürfen. Das stimmt nicht! Die GFK sagt, dass hinter der Wut auch noch andere Gefühle stehen und dass ungefilterte Wut das, was man sagen will, nur einseitig und ungenau rüber bringt (weswegen wir oft bereuen, was wir in unserer Wut sagen). Wut kann aber trotzdem sehr sinnvoll sein! Z.B. um wahrgenommen zu werden oder für Klarheit zu sorgen.

Für Anna besteht die Gefahr, dass ihr, wenn sie ihre Wut komplett auflöst, der Impuls fehlt, die Situation wirklich verändern zu wollen. So geht sie mitfühlend auf ihre Tochter ein und erfährt dabei auch Dinge, die sie vorher nicht wusste, wie z.B., dass Tina Angst hatte zu fragen und wie der Fleck auf die Bluse gekommen war. Doch während Anna sich in ihre Tochter einfühlt, vergisst sie ihre Sicht der Dinge. Die Tochter erfährt nie, dass Anna nicht nur wütend, sondern auch verletzt ist, weil sie sich Rücksicht wünscht und außerdem gerne das Vertrauen hätte, dass ihre Sachen sorgsam behandelt werden.

Wenn man regelmäßig Bedürfnisse übersieht und nicht beachtet, wirkt sich das negativ auf die Beziehung aus. Egal, ob es sich um die eigenen Bedürfnisse oder die anderer handelt. Bewusst oder unbewusst lassen wir den anderen dafür bezahlen. Die GFK erinnert uns daran die Bedürfnisse beider zu berücksichtigen. Die Beziehung zwischen Anna und ihrer Tochter wird das vollständige Fehlen von Annas Sicht und ihre unausgesprochenen Wünsche einmal verkraften. Passiert das regelmäßig, wird es zum Problem. Zudem ist die Einseitigkeit nicht der reine Vorteil für Annas Tochter. Diese spürt den unausgesprochenen Wunsch, nimmt ihn aber als Manipulationsversuch war: „Schau, so gehe ich auf dich ein und jetzt schau dir dein eigenes Verhalten an! Du fragst gar nicht, wie es mir geht!“ Das führt früher oder später zu GFK-Verdruss bei Kindern und Partnern. Auch Anna wird zusehends ungehaltener Menschen gegenüber, die nicht von sich aus auf ihre Bedürfnisse eingehen. Doch was fehlt, ist, dass sie ehrlich sagt, worum es ihr geht. Das ist für alle wichtig und auch nicht verletzend, sondern sorgt für Klarheit in der Beziehung.

Lese mehr dazu im nächsten Blog.


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Umgang mit Ärger in der Meditation

Wut genießt in spirituellen Kreisen mitunter keine Beliebtheit. Manchmal wird ihr sogar die Echtheit eines authentischen Gefühls abgesprochen.

Richtig ist, dass Wut (die auf Handlung im außen orientiert ist) es einem unglaublich schwer macht, die Konzentration nach innen zu lenken. Auch dass Wut destruktive Formen annehmen kann, lässt sich nicht leugnen. Doch um unsere Lebendigkeit und Handlungsfähigkeit zu erhalten und um Klarheit in unser soziales Leben zu bringen, halte ich es für sinnvoll, einen anderen Weg mit diesem Gefühl zu suchen, statt es „weg zu meditieren“. (Siehe auch: „Wann ist Wut gut?“)

Wollen wir meditieren, obwohl wir wütend sind, kann die GFK weiterhelfen. Marshall Rosenberg glaubt genau wie Amana Virani, dass Wut aus Urteilen entsteht, und bezeichnet sie deshalb als Sekundärgefühl. Für ihn gibt es zwei Sekundärgefühle, nämlich Scham und Wut (im Gegensatz zu Virani, die sie „reine Gefühle“ nennt und Freude, Angst und Trauer ebenfalls auf Urteile zurückführt).

Geht man bei nicht enden wollender Wut durch den GFK-Prozess (Wolfsshow; weitere Gefühle benennen, die hinter der Wut stehen; Bedürfnisse suchen, die unerfüllt sind), dann wird man mit dem Benennen der Bedürfnisse eine Erleichterung wahrnehmen können, die es erlaubt, in eine meditative Haltung zu gelangen.

Beispiel: Mit GFK zur inneren Ruhe

Wenn ich versuche zu meditieren, ich aber noch wütend bin, weil meine Mitbewohnerin mir bewiesen hat, dass ich von ihrem Öl genommen habe, und ich das falsch finde, weil sie auch von meinem Kaffee nimmt, dann kann ich mich endlos in Gedanken aufreiben, dass ich das unfair finde und sie eine dumme, kleinkarierte Kuh ist. Erkenne ich aber, dass für mich der Austausch von Lebensmitteln eine soziale Komponente hat und dass ich mir Verbindung wünsche, dann kann ich in dem Wunsch nach Verbindung inneren Frieden finden (und im Anschluss in ein konstruktives Gespräch gehen). Die Intensität der Wut ist dann Ausdruck der Bedeutung, die dieses Bedürfnis für mich hat. Ich nehme einfach diesen Wert an sich und seine Bedeutung für mich wahr. Im Benennen von Gefühlen und Bedürfnissen begegne ich mir selbst mitfühlend, was sowohl zur GFK als auch zur meditativen Haltung gehört.