gefühlte Gedanken

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Spaziergang im Jetzt

Ist „im Jetzt leben“ das Gegenteil von Bewusst-Sein?

Ein Spaziergang, ein grauer Sonntag. Gehen und denken. Denken an die Arbeit. Denken an das Leben. Der grobe Plan, wie immer zu gehen, um dann fest zu stellen, da sind zu viele Leute! Kein guter Ort, um für sich zu sein. Also Richtungswechsel. Viele Wege führen in den Stadtpark. An jeder Kreuzung die Frage, passt das? Nein, ok, dann den anderen.

Unten am See plötzlich alleine. Weiße Möwen stehen auf dem Wasser, wie im Watt. Eis trägt die Vögel, noch. Dann Aufruhr. Alles erhebt sich. Zwei Krähen bleiben sitzen. Ein Musiker spielt mit Verstärker. Zu laut. Wo ist die Stille? Sonntags muss ich sie suchen. Richtungswechsel. Ein russisches Pärchen diskutiert den Weg. Ich nehme ihn. Keine Menschen mehr. Dafür Verkehrslärm. Man kann nicht alles haben.

Erstaunt sehe ich Knospen. Es gab doch nur ein warmer Tag? Die Stelle, wo die Herbstzeitlosen den Rasen bedeckten, voll dunkelgrüner Keime. Ein klitzekleiner Vogel hoppt auf dem Baumstumpf. Ich bleibe stehen. Er bemerkt mich. Fängt an zu zwitschern. Piep, Flug, piep. Jetzt ist er weg.

Kinder, Leute. Erwachsene, die Kinder auf die Füße stellen, die sich in den Dreck setzen, die in dreckige Löcher fassen, die spannende Dinge tun. Erwachsensein ist langweilig. Ein Ast wie ein Baumstamm, wächst quer, warum tut er das? Trägt er mich? Nein. Wäre ich zehn, dann wäre die Buche mein Zuhause und der Ast die Treppe.

Und zwischen den Zweigen ein Dalmatiner. Schwarze fliegende Ohren, ein weißes Hinterteil beschleunigt. Lang streckt er sich. Die Flecken verwischen, wird immer schneller. Dann? Hat er den Ball? Lockeres Auslaufen, großer Bogen, und zurück. Legt Frauchen den Ball vor die Füße. – Und wieder jagt er den Hang hinab. Er wühlt im Sand, da ein bisschen und dort ein bisschen. Dann hat er ihn, schüttelt den Sand aus der Schnauze und zurück. Wie gut für ihn, wie gut für mich, dass Frauchen nicht müde wird.  – Immer wieder saust er die Wiese hinab, schnell, elegant. – Ein fliegender Hund.

Später. Eine Joggerin bleibt stehen. Wartet, worauf? Sie ruft: „Komm!“ Nichts passiert. „Komm!“ Und dann kommt ein Hund,  kaum höher als mein Knöchel, galoppiert er vorbei. Schneller geht nicht. – Wer hier wohl Lauftraining macht?

Zu Hause ist wie Aufwachen. Das war‘s Jetzt. Selbstvergessen. Tief mit sich ohne sich sein. Nur Auge, nur Ohr, die kalte Luft im Gesicht.

Danke. (An wen?)

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