Tiefenkontakt

fühlend selbst-bewusst verstehen wollen


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Westliches Selbstbewusstsein – weiter so!?

Selbstbewusstsein ist ein evolutionärer Vorteil des Menschen. Das kann man bei dem Neurologen Antonio Damasio in „Selbst ist der Mensch“ lesen. Man schaue nur, in welchen Gegenden Mensch überleben kann. Dabei ist Mensch noch nicht einmal mehr auf jahrhundertealtes Wissen von Eskimos und Beduinen angewiesen. Dank moderner Technik können wir Schwimmbäder und Obstplantagen in Wüsten bauen und Forschungsstationen auf dem Mond und der Antarktis unterhalten.

Um das umzusetzen, braucht es eine gehörige Prise Selbstbewusstsein.

Doch wenn wir uns nur für europäische Ziele interessieren, dann kommen die Probleme aus Afrika und dem Nahen Osten eben zu uns. Wenn wir uns nur um unsere Bedürfnisse kümmern und die von Tieren und Pflanzen ignorieren, dann entziehen wir uns selbst langsam aber sicher die Lebensgrundlage.

Ach, so schlimm ist es nun auch wieder nicht! – Wirklich nicht?

Neulich bei einem Spaziergang in der alten Heimat. Mit Freude lausche ich im Wald den zahlreichen Vögeln. Auch komme ich durch Waldflächen, die erfreulich unaufgeräumt und wild aussehen. Bäume in Reih und Glied, die man leicht mit einem Maisfeld verwechseln könnte, gibt es natürlich auch, aber ich werde bescheide, was meine Ansprüche an die deutsche Natur angeht. Die Sonne scheint durch die noch kahlen Zweige und ich wähle einen Weg über die Felder zurück. Mit jedem Schritt, mit dem ich mich vom Waldrand entferne, wird es stiller. Rechts breitet sich ein noch braunes Rapsfeld aus, links säumt Buschwerk den Wegrand. Wo sind die Vögel? Ich suche das Gestrüpp ab, kann aber keine finden. Es ist unheimlich still. Ich frage einen alten befreundeten Bauern? Der zuckt resigniert mit den Schultern. Neue Pestizide: „Die sind so effektiv, die machen alles kaputt!“ Tausendfüßler, Spinnen oder Fliegen, kein Insekt entkommt der chemischen Keule. Und die Vögel müssen sich woanders ihre Nahrung suchen. Ich bin fassungslos! Da haben wir Menschen wieder mal selbstbewusst unserem Feind, den Schädlingen von Weizen und Mais, den Kampf angesagt, und ohne mit der Wimper zu zucken, zahlreichen anderen Arten den Lebensraum entzogen. Die totale Vernichtung ist erlaubt.

Aber mal ehrlich! Müssten wir mit unserem Bewusstsein, mit unserem Wissen über ökologische Zusammenhänge nicht weiter sein? Anscheinend nicht, wie traurig!

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Selbstvertrauen und die Fehler anderer

Brauchen wir als Jugendliche die perfekte Förderung? Ich glaube nicht. Weil man aus den Fehlern anderer genausoviel lernen kann wie aus den eigenen Fehlern. Genaugenommen braucht es Erfolg und Misserfolg, es braucht die eigenen und die Fehler von anderen, um ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Beispiele gefälltig?

Als Jugendliche trainierte ich Leichtathletik. Wir waren in der Vorbereitung auf einen großen Wettkampf und 14 Tage vor dem Sportereignis war ich topfit. Ich lief super, ich spürte meine Kraft, die Bahn flog unter meinen Füßen. Mein Trainer erhöhte die Wiederholungen. Weitere Sprints folgten, bis die Muskeln nichts mehr hergaben. Am Abend vor dem Wettkampf trafen sich alle Sportler. Im Flutlicht der Hotelanlage zogen wir einen Sprint nach dem anderen. Erschöpft fiel ich ins Bett. Der große Tag kam, ich stand am Startblock, der Schuss fiel. Puh! Die Muskeln wollten nicht. Es war, als würde ich mit einem alten Fiat einen LKW am Berg überholen. Die Zeit war eine Katastrophe, und wehmütig dachte ich an meine gute Form. Ich hatte es gespürt: lockeres Laufen und Schonen wäre besser gewesen.

Zwei Jahre später im Kunstunterricht. Wir hatte die Aufgabe ein Foto abzuzeichen. Es sollte ein großes Bild werden, A0. Meine Vorlage war ein Schwarz-weiß-Foto. Es zeigte das Gesicht eines Mannes, der im Halbdunkeln in die Kamera blickte. Mit weichen Bleistiften drückte ich förmlich dem Papier die dunkle Stimmung auf. Alles war fertig bis auf die Augen. Aber ich hatte solche Angst, den wichtigsten Teil zu verpatzen, dass ich meinen Lehrer um Rat bat. Der nahm mir kurzerhand den Bleistift aus der Hand und zeichnete die Augen. Dabei passierte ihm ein grober Fehler. Er vergaß die schmalen Augenlider, sodass die Augen zu groß wurden. Ich hatte die Augenlider gesehen. Ich hatte die Augen so oft angeschaut, dass ich jedes Detail kannte. Ich hätte jede Schattierung gezeichnet. Ich hätte es besser gekonnt‼

Das Bild hing jahrelang in meinem Zimmer, und ein Blick auf die Augen versetzte mir immer wieder einen Stich. Warum hatte ich nicht selbst gezeichnet?

Aus Angst zu versagen. Ich hatte den Sprung ins kalte Wasser, die Probe aufs Exempel, die Auseinandersetzung mit meinem Trainer und die Prüfung meines Könnens gescheut. Zu glauben, dass andere es besser wissen, ist manchmal das eigentliche Problem. Und ich bin froh, diesen Punkt wirklich gelernt zu haben. Das macht den Umgang mit Ärzten, Trainern und spirituellen Lehrern nicht immer leichter. Das Wissen, dass mein Gefühl oft besser ist als das eines „Fachmanns“, hat mir Selbstvertrauen gegeben. Ich bin mutiger geworden. Meine Fehler sind mir lieber. Ich will keine „fremden“  Augen mehr auf meinem Bild.

Danke für die Lehre! Auch wenn‘s hart war.

Veränderung leicht gemacht


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Veränderung leichtgemacht

Persönliches Wachstum ist mir sehr wichtig. Zum einen motiviert mich die reine Freude an der Weiterentwicklung und manchmal auch die Vorstellung „nicht gut genug zu sein“. Am Wochenende sagte eine geschätzte Kollegin zu mir, immer wenn sie feststelle, dass sie etwas nicht könne, dann käme der Gedanke hoch: „Dazu müsstest du mal eine Übung machen!“ Besonders das „müsste“ klang schwer und angestrengt.

Und als ich darüber nachdachte, ob es nicht auch leichter geht, fiel mir Barry Long ein (Autor von „Meditation in 10 Schritten“). Long sagt, dass das „Lernen“ ein Prozess ist, bei dem wir uns etwas zu eigen machen, was es vorher nicht in uns gab. Wir lernen eine Sprache, indem wir Vokabeln lernen, die wir vorher nicht kannten. Wir lernen die Grammatik, die sich von unserer Muttersprache unterscheidet. So funktioniert der größte Teil der Wissensvermittlung „Klappe auf, Wissen rein, klappe zu“. Und dabei existiert die stillschweigende Übereinkunft, dass du mit Wissen mehr wert bist als ohne.

Meditation hingegen ist das Gegenteil. Wenn Lernen „Addition“ ist, dann ist Meditation „Subtraktion“. Meditation ist der Prozess, bei dem du Dinge verlernst, die nicht zu dir gehören. Das heißt, Gedanken, Eigenschaften und Verhaltensweisen verschwinden, die nicht deinem tiefsten Wesen entsprechen. Auch Barry Long geht stillschweigend davon aus, dass wir viele Eigenschaften, Angewohnheiten und Verhaltensmuster in uns tragen, die weder gut sind noch sinnvollerweise zu uns gehören.

Dass diese Aussage richtig ist, konnte ich erst dieser Tage wieder beobachten. Schon seit geraumer Zeit fällt mir auf, dass, wenn ich einer Freundin von einem persönlichen, mich belastenden Thema erzähle, ich nach einer Weile an den Punkt komme, wo ich das Ganze wieder herunterspiele. Ohne wirklich dahinter zu stehen, sage ich dann so Sachen wie: „Ach, so schlimm ist es auch wieder nicht“ oder „es wird schon wieder“. Doch dieses Wochenende fiel mir auf, dass ich das nicht mehr tue. Ich blieb bei meiner Aussage, spielte nichts herunter, gab mich nicht optimistisch, ohne es zu sein. Kurz ich akzeptierte, dass das mein Thema war und dass ich mich gerade damit schwer tat.

Seit ich meditiere, beobachte ich diesen Subtraktions-Effekt. Barry Long sagt, das Entscheidende dabei ist, dass man sich in dem Moment, wo es passiert, wertfrei beobachtet. Verurteile ich mich während der Beobachtung, dann funktioniert es nicht. Alles, was es braucht, ist schlichtes Bewusstsein: „Aha, jetzt rede ich es klein. … Aha, so fühlt sich das an.“ Das ist alles.

Klingt einfach, ist es auch. Vorausgesetzt, man kommt aus der Selbstverurteilungsmühle raus. Und vielleicht weißt du, dass das nicht immer so einfach ist. Aber, ehrlich gesagt, ist es die einfachste Art, sich zu verändern, die ich kenne. Kein hart-an-sich-Arbeiten, kein langes Üben, einfach beobachten.

Nachdem ich wusste, dass das funktioniert, dachte ich mir, dass das ja auch mit der Körperhaltung funktionieren müsste. Ich hatte die Vorstellung, dass die natürliche Körperhaltung aufrecht und gerade ist. Ich selbst habe aber die Tendenz mit rundem Rücken dazusitzen, was zu Verspannungen und Schmerzen führt. Mitunter fiel mir die aufrechte Körperhaltung auf dem Meditationskissen schwer. Und so nutze ich Meditation, um meine Körperhaltung zu beobachten. Es hat über ein Jahr gedauert, bis sich eine Veränderung einstellte (und ich bin nicht sicher, ob es ohne Rückentraining geklappt hätte). Aber dann kam, während der Meditation, wie von alleine, ein Impuls aus dem unteren Bauch, der wie eine Welle nach oben in meine Brust rollte und mich am Brustbein nach oben zog. Es war, als wollte etwas durch meinen Körper Richtung Himmel. Mein Rücken, der bei der ganzen Sache überhaupt nicht involviert war, entspannte sich beim Ausatmen. In dem Moment saß ich ganz aufrecht, so selbstverständlich wie ein Baum, der zwischen Himmel und Erde steht.

Bei dieser Form der Veränderung hat mir Meditation sehr geholfen. Ob es auch ohne Meditationspraxis geht? Vielleicht. Hast du Lust mit wertfreier Selbstbeobachtung zu experimentieren und mir davon zu berichten, ich würde mich freuen.

Wundere dich nicht, wenn es länger dauert. Es sollte auf gar keinen Fall anstrengend sein. Das Tolle an dieser Methode ist, Anstrengung verbessert das Ergebnis nicht.


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Fehler und die Selbstachtung

Für meinen Geschmack sind zu viele Menschen mit der folgenden Vorstellung aufgewachsen: Wer Fehler macht, verdient Strafe. Die Art der Strafe variiert und reicht von Missachtung und Anschreien bis zu Nachsitzen oder Kündigung. Dabei ist eines klar: die Wertschätzung ist dahin. Und was die Sache noch schlimmer macht, ist der Glaube, dass man an der Reaktion seiner Umwelt auch noch selbst schuld ist. Man braucht sich gar nicht zu beschweren, schließlich hätte man es besser wissen können und sich mehr anstrengen müssen.

Die negativen Konsequenzen von Fehlern sind uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir uns selbst bestrafen, wenn es kein anderer für uns tut. Und so beschimpfen wir uns selbst als Versager, Nichtsnutze und hoffnungsloser Fall. Und vor allem, wir schämen uns. Wer so denkt, hat als Kind eines gründlich gelernt: „Schäm dich! Du hast einen Fehler gemacht.“ Doch genau da liegt das Problem. Wenn wir uns schämen und Angst vor Strafe haben, ist es uns NICHT möglich, irgendetwas anderes zu lernen, als diese Situation in Zukunft zu vermeiden. Vermeidungsstrategien können sein: Die Schule schwänzen, lügen, nichts mehr sagen, die Diplomarbeit gar nicht erst anfangen. Neue Kompetenzen erwerben wir damit nicht. Und unser Selbstwertgefühl lässt sich damit auch nicht aufbauen.

Schade, weil Lernen, ohne Fehler zu machen, nicht möglich ist! Kein Kind lernt laufen, ohne hinzufallen. Kein Erwachsener lernt seinen Beruf, ohne Fehler zu machen. Und kein Senior lernt den Umgang mit dem PC, ohne dass alles plötzlich weg ist und er nicht weiß, warum. Auch soziale Beziehungen wollen gelernt sein. Eltern machen Fehler. Neue Freunde oder Kollegen machen Fehler. Und Eheleute machen Fehler. Doch ohne diese Fehler wüssten sie nicht, worauf es ankommt.

Um einen neuen Umgang mit Fehlern zu lernen, braucht es oft einen Heilungsprozess. Die Blockaden, die aus den gründlich gelernten Vermeidungsstrategien entstanden sind, sitzen tief. Erst wenn ich meine Scham und Angst ausdrücken kann, ist es mir möglich in Erwägung zu ziehen, dass Fehlermachen ungefährlich ist. Denn bei jedem Fehler, den ich unweigerlich irgendwann mache, stellt sich das Schamgefühl oder die Angst ein. Erst nach dem Ausdrücken der Gefühle kann man lernen, sich selbst Fehler zu verzeihen.

Heiße ich schließlich meine Fehler willkommen und feiere ich sie als die Gelegenheit, etwas Neues zu lernen, dann habe ich den entscheidenden Schritt gemacht. – Herzlichen Glückwunsch!

In diesem Sinne lasst uns unsere Fehler feiern:

„Yes!!! Ich habe einen Fehler gemacht! Jetzt kann ich mich weiterentwickeln!“