schreibend denken und fühlend verstehen wollen


Hinterlasse einen Kommentar

Liebe – Macht – Schuld

Geliebte und ungeliebte Kräfte in unserem Leben

„Er bedeutet mir alles. Ihm gehört mein Leben.“ – „Ich liege ihr zu Füßen. Sie hat jede Macht über mich.“

Wovon sprechen die, Macht? – Nein, Liebe.

Zugegeben, so redet heute kaum noch jemand. Doch die alte Ausdrucksweise drückt eine Verbindung aus, die viele Menschen heutzutage nicht wahr haben oder gar leugnen wollen. Liebe hat etwas mit Macht zu tun. Wenn wir lieben, wenn wir das Gefühl in seiner vollen Größen zulassen, dann geben wir anderen Macht über uns. Ob bewusst oder unbewusst gewähren wir einem anderen Menschen Einfluss auf unsere Gefühle und unser Leben.

Während die positive Bedeutung  der Liebe ungebrochen ist, ist „Macht“ für viele Menschen ein schwieriger Begriff. Er wird mit einem aufgeblasenen Ego, mit ungestilltem Machthunger und dem Gang über Leichen in Verbindung gebracht. Kein Wunder, dass eine meiner Teilnehmerinnen in meinem letzten Workshop mit der Frage rausplatze: „Muss man das Macht nennen?“

Eine gute Frage! Alternativ gibt es „Verantwortung“ oder „Wirksamkeit“. Doch ich frage mich, ob das reicht? Verantwortung zu übernehmen ist sinnvoll, dass mein Handeln wirksam ist, auch. Aber reicht das? Brauchen die Probleme in unserem Leben und auf diesem Planeten nicht mehr als das?

Das Problem mit der Macht ist nicht die Macht, es ist der Machtmissbrauch. Habe ich Macht, dann ist der Schaden, den ich anrichten kann, viel größer, als wenn ich keine Macht hätte. Menschen ohne Macht verhalten sich vermutlich keinen Deut besser als Menschen mit Macht, vielleicht sogar noch schlimmer. Nur bei den Machtlosen merken es nicht so viele Menschen, wenn sie Mist bauen. Und „Mist bauen“ heißt leider oft „Gewalt anwenden“, mal physisch, mal emotional oder verbal.

Ein interessantes Licht wirft Hannah Arendt auf das Thema. Die Philosophin hat sich intensiv mit den Gräueltaten und der Verantwortungslosigkeit im Hitlerregime beschäftigt, und sie kommt zu dem Schluss: „Gewalt ist die Abwesenheit von Macht!“ – Wirklich?

Da muss ich erstmal drüber nachdenken. Jemand, der gewalttätig ist, soll keine Macht haben? Offensichtlich setzt sie physische Überlegenheit nicht mit Macht gleich, was viele andere tun. Nochmal, „Gewalt ist die Abwesenheit von Macht!“, es braucht etwas Mut da hinzufühlen.

Da schlägt einer zu und raubt die Handtasche. Schlägt er zu, weil er keine Macht hat? Vielleicht hat er nicht genug Macht in der geschäftlichen Welt, um sein Geld zu verdienen? Ein Vater schlägt sein Kind. Schlägt er es, weil er sich machtlos fühlt? Es nicht aufhört zu schreien? All seine Interventionen nichts nützen? Wäre er mit einem Gefühl von Macht, Standing und Wirksamkeit verbunden, dann würde die Szene anders ausgehen, das sagt zumindest Hannah Arendt.

Und die Schuld? Die meisten Menschen haben keine Schwierigkeiten, sie im Umfeld der Macht anzusiedeln. Aber warum „Macht Liebe Schuld“, um das Wortspiel aufzugreifen?

Eine Freundin von mir sagte einmal, als wir von ihrer kriselnden Beziehung sprachen: „Ich mag die Frau nicht, die ich an seiner Seite geworden bin!“ Und ein anderer Freund meinte zu seiner Ex-Beziehung: „Ich hab mich verbogen! Es war nicht gut. Aber ich habe sie so geliebt.“ Was ist passiert? Sie haben sich beide für die Liebe entschieden, was an sich gut ist. Nur wenn man sich gleichzeitig gegen die eigene Macht entscheidet, dann kann es passieren, dass  man in eine Sackgasse gerät. Dann bleibt praktisch nur noch das „Schuldig-machen“, um irgendwie weiterleben zu können. Schuld passiert zwischen den Polen „Liebe und Macht“. Dabei spreche ich nicht von der Schuld, die bei einem absichtlichen Vergehen oder Verbrechen entsteht. Ich meine die systemische Schuld, die natürlicher Teil des Lebens ist. Egal wie man sich verhält, man macht sich schuldig.

Es lohnt sich, das genauer anzuschauen: Gehen wir ganz in der Liebe auf und leugnen unsere Macht, unsere Freiheit und unser So-Sein, dann machen wir uns an unserem eigenen Leben schuldig. Und leugnen wir unsere Liebe, indem wir alles auf die Macht, die Unabhängigkeit und die Karriere setzen, dann machen wir uns an unserer Liebe schuldig. Nur ein Kind entgeht der Verantwortung, sich im Leben zu positionieren. Wir Erwachsenen haben da keine Wahl.

Diese Mächte im eigenen Leben anzuerkennen, ist keine einfache Sache!

Aber jetzt stell dir mal vor, du könntest mit allen dreien umgehen, wie würde dein Leben dann aussehen?


Hinterlasse einen Kommentar

Tugend ohne Liebe

Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos.

Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart.

Wahrheit ohne Liebe macht kritiksüchtig.

Klugheit ohne Liebe macht gerissen.

Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch.

Ordnung ohne Liebe macht kleinlich.

Macht ohne Liebe macht gewalttätig.

Ehre ohne Liebe macht hochmütig.

Besitz ohne Liebe macht geizig.

Glaube ohne Liebe macht fanatisch.

 

– Asiatische Weisheiten –