Tiefenkontakt

fühlend selbst-bewusst verstehen wollen


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Selbstvertrauen und die Fehler anderer

Brauchen wir als Jugendliche die perfekte Förderung? Ich glaube nicht. Weil man aus den Fehlern anderer genausoviel lernen kann wie aus den eigenen Fehlern. Genaugenommen braucht es Erfolg und Misserfolg, es braucht die eigenen und die Fehler von anderen, um ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Beispiele gefälltig?

Als Jugendliche trainierte ich Leichtathletik. Wir waren in der Vorbereitung auf einen großen Wettkampf und 14 Tage vor dem Sportereignis war ich topfit. Ich lief super, ich spürte meine Kraft, die Bahn flog unter meinen Füßen. Mein Trainer erhöhte die Wiederholungen. Weitere Sprints folgten, bis die Muskeln nichts mehr hergaben. Am Abend vor dem Wettkampf trafen sich alle Sportler. Im Flutlicht der Hotelanlage zogen wir einen Sprint nach dem anderen. Erschöpft fiel ich ins Bett. Der große Tag kam, ich stand am Startblock, der Schuss fiel. Puh! Die Muskeln wollten nicht. Es war, als würde ich mit einem alten Fiat einen LKW am Berg überholen. Die Zeit war eine Katastrophe, und wehmütig dachte ich an meine gute Form. Ich hatte es gespürt: lockeres Laufen und Schonen wäre besser gewesen.

Zwei Jahre später im Kunstunterricht. Wir hatte die Aufgabe ein Foto abzuzeichen. Es sollte ein großes Bild werden, A0. Meine Vorlage war ein Schwarz-weiß-Foto. Es zeigte das Gesicht eines Mannes, der im Halbdunkeln in die Kamera blickte. Mit weichen Bleistiften drückte ich förmlich dem Papier die dunkle Stimmung auf. Alles war fertig bis auf die Augen. Aber ich hatte solche Angst, den wichtigsten Teil zu verpatzen, dass ich meinen Lehrer um Rat bat. Der nahm mir kurzerhand den Bleistift aus der Hand und zeichnete die Augen. Dabei passierte ihm ein grober Fehler. Er vergaß die schmalen Augenlider, sodass die Augen zu groß wurden. Ich hatte die Augenlider gesehen. Ich hatte die Augen so oft angeschaut, dass ich jedes Detail kannte. Ich hätte jede Schattierung gezeichnet. Ich hätte es besser gekonnt‼

Das Bild hing jahrelang in meinem Zimmer, und ein Blick auf die Augen versetzte mir immer wieder einen Stich. Warum hatte ich nicht selbst gezeichnet?

Aus Angst zu versagen. Ich hatte den Sprung ins kalte Wasser, die Probe aufs Exempel, die Auseinandersetzung mit meinem Trainer und die Prüfung meines Könnens gescheut. Zu glauben, dass andere es besser wissen, ist manchmal das eigentliche Problem. Und ich bin froh, diesen Punkt wirklich gelernt zu haben. Das macht den Umgang mit Ärzten, Trainern und spirituellen Lehrern nicht immer leichter. Das Wissen, dass mein Gefühl oft besser ist als das eines „Fachmanns“, hat mir Selbstvertrauen gegeben. Ich bin mutiger geworden. Meine Fehler sind mir lieber. Ich will keine „fremden“  Augen mehr auf meinem Bild.

Danke für die Lehre! Auch wenn‘s hart war.

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Große Ziele und das Scheitern

Um sich im Scheitern wertzuschätzen, dafür muss man schon genauer hinschauen. Dieser Text hat mir geholfen.

„Es ist nicht der Kritiker, der zählt, nicht derjenige, der aufzeigt, wie der Starke gestolpert ist oder wo der, der Taten gesetzt hat, sie hätte bessermachen können. Die Anerkennung gehört dem, der wirklich in der Arena ist; dessen Gesicht verschmiert ist von Staub und Schweiß und Blut; der sich tapfer bemüht; der irrt und wieder und wieder scheitert; der die große Begeisterung kennt, die große Hingabe, und sich an einer würdigen Sache verausgabt; der im besten Fall, am Ende den Triumph der großen Leistung erfährt; und der, im schlechtesten Fall des Scheiterns, zumindest dabei scheitert, dass er etwas Großes gewagt hat …“

Theodore Roosevelt, Rede „Der Mann in der Arena“, gehalten an der Sorbonne 1910

Zitiert aus „Verletzlichkeit macht stark“ von Brené Brown

Das Zitat berührt mich, weil es nicht nur den Erfolgreichen würdigt, sondern all die, die, „es“ versucht haben. Ich finde es so schwer, mein „Gewagt-haben“ zu würdigen, den Wert im Scheitern zu sehen, einfach weil es der Versuch wert war. Ich muss an meinen Vater denken, der hart mit sich ins Gericht ging, wenn er nicht erfolgreich war. Als Fotograf nicht, als Autor nicht. Lehrer zählte nicht. Seine Versuche waren für ihn nichts wert, weil der Erfolg ausblieb. Ich habe diese Haltung übernommen. Ich konnte lange nur dem Wert in meinem Leben geben, was nach „Erfolg“ aussah, und das war nicht viel. Und dieses Zitat verweist auf etwas, was ich übersehen habe. Den Mut „es zu wagen“. Ein Buch zu schreiben. Ein Bild zu veröffentlichen. Sich mit seinem Traumberuf selbstständig machen. Wie viele Menschen haben das NIE getan? Wie viele Menschen sind NIE gescheit, weil sie es gar nicht versucht haben? Warum beneide ich diese Menschen so? Weil sie die Scham nicht kennen, gescheitert zu sein? Sie kennen auch das Gefühl nicht, die eigenen Träume zu leben. Recht haben sie, denn das macht süchtig!

Danke Roosevelt, dass du an den Wert, Großes zu wagen, erinnerst!


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Ein Leben aus vollem Herzen

Die amerikanische Schamforscherin Brené Brown ging zu Beginn ihrer Forschungsreise davon aus, dass Menschen mit starken Schamgefühlen unsicher und fremdbestimmt sind. Doch dann stellte sie fest, dass das nicht immer zutraf. Es gab immer wieder Probanden, die trotz intensiv erlebter Schamgefühle ein sehr authentisches Leben führten.

Heute nennt sie diese Leute: „Menschen, die aus vollem Herzen leben“ und ist dankbar, dass das unangenehme Gefühl Scham sie zu dem Weg führte, wie man ein authentisches Leben lebt. Dabei schien die entscheidende Frage zu sein: Warum lassen sich diese Menschen von ihren Schamgefühlen nicht aus der Bahn werfen? Was macht sie „schamresistent“? Wie gelingt es ihnen, trotzdem authentisch zu bleiben und nicht den eigenen Wert zu opfern?

Die Antwort ist, sie kultivieren bestimmte Formen von Mut.

  1. Mut sich zu zeigen. Das, was wir erleben, und das, wie unsere Umwelt auf uns reagiert, kommt nur überein, wenn wir ehrlich sagen, was in uns ist. Und das ist nicht immer schön, nicht immer bequem und noch nicht einmal immer das, was wir wollen. Aber es ist unsers! Wir sind die Urheber unserer Gefühle, auch wenn es uns manchmal so vorkommt, als würden uns unsere Gefühle passieren oder andere sie verursachen.

Mut sich selbst treu zu sein: Auch Nicht-konform-gehen mit dem, was unsere Mitmenschen meinen oder wollen, erfordert Mut. Es ist übrigens eine Illusion, wenn wir glauben, dass ein authentisches Leben leicht gehen müsste. Das kann es, das tut es auch oft und dann gilt es, das zu genießen. Aber sehr oft ist es unbequem, weil wir ein Risiko eingehen. Das Risiko, nicht zu wissen, wie unsere Mitmenschen unser Verhalten finden.

„Menschen, die aus vollem Herzen leben“ stehen zu ihrer Verletzlichkeit. Sie versuchen sie nicht zu verstecken und auch nicht anders zu sein, als sie sind. Und damit löst sich ein verbreitetes Bild auf, das Stark-sein und Verletzlichkeit für unvereinbar hält. Es ist genau andersherum. „Verletzlichkeit macht stark“, wie Brené Brown eines ihrer Bücher nennt.

Wenn du authentisch sein willst, dann…

  1. lasse los, wer du glaubst, sein zu müssen, und umarme die, die du wirklich bist.
  2. kultiviere den Mut, unvollkommen zu sein, Grenzen zu setzen und verletzlich zu sein.
  3. übe Mitgefühl, indem du dir bewusst machst, dass jeder von uns Stärken und Schwächen hat. Mitgefühl ist auch deshalb so wichtig, weil es das Gegengift von Scham ist. Der Quantensprung, den es in der Scham zu machen gilt, ist, sich von dem Mitgefühl seiner Mitmenschen wieder berühren zu lassen. Die meisten Menschen blocken Mitgefühl ab, weil sie in der Scham davon überzeugt sind, es nicht wert zu sein.
  4. kultiviere Verbundenheit und Zugehörigkeit; nicht nur, indem du daran glaubst, dass andere genügen, sondern auch, indem du daran glaubst, dass du genügst. Zu jeder Verbindung gehören zwei. Du und ich. Wenn nur du mir wichtig bist, dann fehle ich. Wenn nur meine Ansicht wichtig ist, dann fehlst du.
  5. Widme dich Dingen, die dir wirklich wichtig sind. Nicht der Erfolg entscheidet darüber, ob etwas wichtig ist, sondern der Sinn, den du daraus ziehst. Hier hilft die Frage: Was ist es wert, getan zu werden, selbst wenn ich es mir nur unvollkommen gelingt oder ich mich plage?