gefühlte Gedanken

fühlend selbst-bewusst verstehen wollen


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Große Ziele und das Scheitern

Um sich im Scheitern wertzuschätzen, dafür muss man schon genauer hinschauen. Dieser Text hat mir geholfen.

„Es ist nicht der Kritiker, der zählt, nicht derjenige, der aufzeigt, wie der Starke gestolpert ist oder wo der, der Taten gesetzt hat, sie hätte bessermachen können. Die Anerkennung gehört dem, der wirklich in der Arena ist; dessen Gesicht verschmiert ist von Staub und Schweiß und Blut; der sich tapfer bemüht; der irrt und wieder und wieder scheitert; der die große Begeisterung kennt, die große Hingabe, und sich an einer würdigen Sache verausgabt; der im besten Fall, am Ende den Triumph der großen Leistung erfährt; und der, im schlechtesten Fall des Scheiterns, zumindest dabei scheitert, dass er etwas Großes gewagt hat …“

Theodore Roosevelt, Rede „Der Mann in der Arena“, gehalten an der Sorbonne 1910

Zitiert aus „Verletzlichkeit macht stark“ von Brené Brown

Das Zitat berührt mich, weil es nicht nur den Erfolgreichen würdigt, sondern all die, die, „es“ versucht haben. Ich finde es so schwer, mein „Gewagt-haben“ zu würdigen, den Wert im Scheitern zu sehen, einfach weil es der Versuch wert war. Ich muss an meinen Vater denken, der hart mit sich ins Gericht ging, wenn er nicht erfolgreich war. Als Fotograf nicht, als Autor nicht. Lehrer zählte nicht. Seine Versuche waren für ihn nichts wert, weil der Erfolg ausblieb. Ich habe diese Haltung übernommen. Ich konnte lange nur dem Wert in meinem Leben geben, was nach „Erfolg“ aussah, und das war nicht viel. Und dieses Zitat verweist auf etwas, was ich übersehen habe. Den Mut „es zu wagen“. Ein Buch zu schreiben. Ein Bild zu veröffentlichen. Sich mit seinem Traumberuf selbstständig machen. Wie viele Menschen haben das NIE getan? Wie viele Menschen sind NIE gescheit, weil sie es gar nicht versucht haben? Warum beneide ich diese Menschen so? Weil sie die Scham nicht kennen, gescheitert zu sein? Sie kennen auch das Gefühl nicht, die eigenen Träume zu leben. Recht haben sie, denn das macht süchtig!

Danke Roosevelt, dass du an den Wert, Großes zu wagen, erinnerst!

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Ein Leben aus vollem Herzen

Die amerikanische Schamforscherin Brené Brown ging zu Beginn ihrer Forschungsreise davon aus, dass Menschen mit starken Schamgefühlen unsicher und fremdbestimmt sind. Doch dann stellte sie fest, dass das nicht immer zutraf. Es gab immer wieder Probanden, die trotz intensiv erlebter Schamgefühle ein sehr authentisches Leben führten.

Heute nennt sie diese Leute: „Menschen, die aus vollem Herzen leben“ und ist dankbar, dass das unangenehme Gefühl Scham sie zu dem Weg führte, wie man ein authentisches Leben lebt. Dabei schien die entscheidende Frage zu sein: Warum lassen sich diese Menschen von ihren Schamgefühlen nicht aus der Bahn werfen? Was macht sie „schamresistent“? Wie gelingt es ihnen, trotzdem authentisch zu bleiben und nicht den eigenen Wert zu opfern?

Die Antwort ist, sie kultivieren bestimmte Formen von Mut.

  1. Mut sich zu zeigen. Das, was wir erleben, und das, wie unsere Umwelt auf uns reagiert, kommt nur überein, wenn wir ehrlich sagen, was in uns ist. Und das ist nicht immer schön, nicht immer bequem und noch nicht einmal immer das, was wir wollen. Aber es ist unsers! Wir sind die Urheber unserer Gefühle, auch wenn es uns manchmal so vorkommt, als würden uns unsere Gefühle passieren oder andere sie verursachen.

Mut sich selbst treu zu sein: Auch Nicht-konform-gehen mit dem, was unsere Mitmenschen meinen oder wollen, erfordert Mut. Es ist übrigens eine Illusion, wenn wir glauben, dass ein authentisches Leben leicht gehen müsste. Das kann es, das tut es auch oft und dann gilt es, das zu genießen. Aber sehr oft ist es unbequem, weil wir ein Risiko eingehen. Das Risiko, nicht zu wissen, wie unsere Mitmenschen unser Verhalten finden.

„Menschen, die aus vollem Herzen leben“ stehen zu ihrer Verletzlichkeit. Sie versuchen sie nicht zu verstecken und auch nicht anders zu sein, als sie sind. Und damit löst sich ein verbreitetes Bild auf, das Stark-sein und Verletzlichkeit für unvereinbar hält. Es ist genau andersherum. „Verletzlichkeit macht stark“, wie Brené Brown eines ihrer Bücher nennt.

Wenn du authentisch sein willst, dann…

  1. lasse los, wer du glaubst, sein zu müssen, und umarme die, die du wirklich bist.
  2. kultiviere den Mut, unvollkommen zu sein, Grenzen zu setzen und verletzlich zu sein.
  3. übe Mitgefühl, indem du dir bewusst machst, dass jeder von uns Stärken und Schwächen hat. Mitgefühl ist auch deshalb so wichtig, weil es das Gegengift von Scham ist. Der Quantensprung, den es in der Scham zu machen gilt, ist, sich von dem Mitgefühl seiner Mitmenschen wieder berühren zu lassen. Die meisten Menschen blocken Mitgefühl ab, weil sie in der Scham davon überzeugt sind, es nicht wert zu sein.
  4. kultiviere Verbundenheit und Zugehörigkeit; nicht nur, indem du daran glaubst, dass andere genügen, sondern auch, indem du daran glaubst, dass du genügst. Zu jeder Verbindung gehören zwei. Du und ich. Wenn nur du mir wichtig bist, dann fehle ich. Wenn nur meine Ansicht wichtig ist, dann fehlst du.
  5. Widme dich Dingen, die dir wirklich wichtig sind. Nicht der Erfolg entscheidet darüber, ob etwas wichtig ist, sondern der Sinn, den du daraus ziehst. Hier hilft die Frage: Was ist es wert, getan zu werden, selbst wenn ich es mir nur unvollkommen gelingt oder ich mich plage?