Tiefenkontakt

fühlend verstehen wollen


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Die Perfektionisten-Falle

-Oh, Mist, das Layout sitzt nicht richtig. Und die Formulierung ist so ungeschliffen.

Aber schon 100x geprüft, 200x gegengelesen.

-200x nicht, aber…

-Genau, warum bist du noch nicht im Bett? Warum bist du noch nicht zu Hause?

Die Nachbarbüros sind dunkel. Der Bewegungsmelder im Flur reagiert schon lange nicht mehr. Fleißigste Mitarbeiterin, du! Du starrst auf dem Bildschirm. Die Zahlen verschwimmen. Aber die Vorstellung, dass du morgen, vor allen…

-Ok, ich gehe es nochmal durch.

Ein Fehler… unvorstellbar…

22:43 Uhr

-Soll ich das doch nochmal umschreiben? Es klingt so unprofessionell!

STOP!

Zu extrem das Beispiel? Nie eine ähnliche Erfahrung gemacht, nie gedacht: Hätte ich das bloß nicht geändert? Stunden mit einer Sache zugebracht, die eigentlich schon fertig war. Die, wenn man es einmal ohne Perfektionismus betrachtet, gut genug war?

Damit bist du nicht allein. Die Idee, dass uns Perfektion vor Kritik und anderen schmerzhaften Erfahrungen schützt, ist weit verbreitet. Nicht selten wird diese Annahme von Arbeitgebern und Eltern unterstützt. Sätze wie: „Was sollen nur die andern denken?“ sollen zu Höchstleistungen motivieren, aber in Wirklichkeit lähmen sie. Perfektion hilft nicht, sie frisst das Selbstbewusstsein, die Freizeit und den Schlaf.

Lass die Perfektion nicht der Feind des Getanen sein!

Brené Brown bringt Perfektionismus mit einem übermäßigen Schamgefühl in Verbindung. Perfektionismus ist der schwere Schild, der uns vor dem schlimmsten aller Gefühle, der Scham, schützen soll. Wenn sie zuschlägt, dann stecken wir im Loch der schwärzesten Überzeugung, dass wir jedes Recht verwirkt haben, dazuzugehören. Vor uns selbst und anderen haben wir jede Achtung verloren. Und als soziale Wesen, die wir nun einmal sind, lernen wir schnell, das um jeden Preis zu vermeiden. Perfektion scheint da eine gute Strategie. Wenn ich alles richtig mache, werde ich geliebt, vermeide Kritik, werde geschätzt. Aber wehe, wenn dem nicht so ist!

Perfektion ist eine Lüge, es gibt sie nicht. Es ist unmöglich perfekt zu sein, es ist unmöglich alles unter Kontrolle zu haben.

Stattdessen wendet sie sich früher oder später gegen uns selbst. Sie ruiniert unsere Gesundheit und ganz sicher den Schlaf. Eine Zeitlang hilft sie, die Leistung zu steigern, bis sie in das Gegenteil umschlägt. Wir verpatzen den Termin. Unausgeschlafen und mit einem zu Tode korrigierten Entwurf, da muss der Chef doch wirklich mal sagen:

-So nicht, Frau Landwehr!

Es ist Zeit, der Perfektion und nicht dir selbst den Kampf anzusagen. Es ist Zeit, die bewegliche Messlatte herunterzureißen, die immer, wenn du ihr nahe kommst, sich ein bisschen nach oben verschiebt. Es ist Zeit, dir selbst zu sagen, dass du so, wie du bist, gut genug bist.

Eine kleine Übung gefällig? (Die man natürlich perfekt ausführen könnte!)

Schreibe jeden Morgen fünf Dinge auf, die du gestern getan hast, die „gut genug“ waren.

Warum?

Weil du gut genug bist!


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Bin ich gut genug?

Eine Frage, auf die die meisten Menschen wohl kein freudiges „Ja“ haben. Schließlich denkt es in uns: Ich sollte mehr Sport treiben und Diät halten. Ich leiste nicht genug! Ich sollte belastbarer sein und außerdem durchsetzungsfähiger. Und damit nicht genug, ich sollte mehr Work-Live-Balance betreiben und damit fürsorglicher, glücklicher oder zumindest rundum zufrieden sein; vom Geld und glücklichen Sex haben wir hier noch gar nicht gesprochen.

Dieses ständige An-sich-herummäkeln tut dem Selbstwert nicht gut.

Lange Zeit dachte ich, Selbstwert bestünde aus Glaubenssätzen wie: Ich sehe gut aus! Ich fühle mich stark und erfolgreich! Aber nein, die Schamforscherin und Buchautorin* Brené Brown hat in ihren Forschungen etwas anderes entdeckt. Sie fand heraus, dass Menschen, „die aus vollem Herzen leben“ und damit viel Selbstbewusstsein zeigen, glauben, dass sie „gut genug“ sind. Das ist die Basis. Man muss nicht glauben, dass man Superman ist. Nein, es reicht aus zu glauben, dass man gut genug ist.

Das ist etwas komplett anderes als das, was Perfektionisten tun und denken. Perfektionisten sind Menschen, von denen andere denken, dass die nun wirklich mehr als gut genug sind. Aber wie sieht es in ihnen aus? Ganz anders. Der Grund, warum sie so viel Zeit auf Perfektion verwenden, liegt darin, dass niemand bemerken darf, wie es eigentlich in ihnen aussieht. Aber wenn man genau hinhört oder eine Perfektionistin persönlich kennt, dann scheinen die nagenden Selbstzweifel durch den schillernden Perfektionisten-Panzer.

Brené Brown zieht eine erstaunliche Verbindung zwischen „besonderen Leistungen“ und dem Gefühl „gut genug zu sein“. Diese ist nicht so offensichtlich und wird aber deutlich, wenn man sich bewusst macht: Niemand weiß, dass er etwas Besonderes leisten kann, bevor er es nicht getan und anderen Menschen vorgestellt hat. Dieser Schritt in die Öffentlichkeit (auch wenn es nur eine Person ist) braucht Mut, schließlich riskiert man kritisiert oder gar verlacht zu werden. Und diesen Mut finden wir, wenn wir glauben, gut genug zu sein. „Gut genug“ ist das Sprungbrett, das uns in die Luft katapultiert, und „gut genug“ ist das Sicherheitsnetz, das uns wieder auffängt, wenn es mal schiefläuft.

Und was, wenn man daran nicht glaubt? – Kein Grund sich zu verurteilen!

Die gute Nachricht ist, man kann es üben, zum Beispiel so:

Mach dir deine Selbstabwertungen bewusst. Oft ist man so gewohnt, sich selbst zu beschimpfen, dass es einem gar nicht mehr auffällt. Ein Blick in den Spiegel am Morgen und der Gedanke: „Oh, du siehst ganze schön alt aus!“ schießt einem in den Kopf. Aber, STOP! Nochmal zurück:  „Hey, tut mir leid! Du siehst gut genug aus!“ Ein Blick auf die to-do-Liste am Abend: „Wieder nichts geschafft!“ STOP! „Das, was ich geschafft habe, war gut genug!“ Ein Telefonat mit der besten Freundin: „Mensch, ich hätte echt mitfühlender sein sollen!“ STOP! „Das war das Beste, was ich zu geben in der Lage war! Es war gut genug!“

Nun bist du dran, mache dir drei Urteile bewusst, die du gegenüber dir selbst hast, und ersetze sie mit „Ich bin gut genug!“ Besonders wirkungsvoll ist das, wenn man es laut zu seinem Spiegelbild sagt: „Du bist gut genug!“

Wie fühlt sich dieser neue Kontakt mit dir selbst an?

*Buch: „Verletzlichkeit macht stark“ von Brené Brown