Tiefenkontakt

fühlend verstehen wollen


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Die Perfektionisten-Falle

-Oh, Mist, das Layout sitzt nicht richtig. Und die Formulierung ist so ungeschliffen.

Aber schon 100x geprüft, 200x gegengelesen.

-200x nicht, aber…

-Genau, warum bist du noch nicht im Bett? Warum bist du noch nicht zu Hause?

Die Nachbarbüros sind dunkel. Der Bewegungsmelder im Flur reagiert schon lange nicht mehr. Fleißigste Mitarbeiterin, du! Du starrst auf dem Bildschirm. Die Zahlen verschwimmen. Aber die Vorstellung, dass du morgen, vor allen…

-Ok, ich gehe es nochmal durch.

Ein Fehler… unvorstellbar…

22:43 Uhr

-Soll ich das doch nochmal umschreiben? Es klingt so unprofessionell!

STOP!

Zu extrem das Beispiel? Nie eine ähnliche Erfahrung gemacht, nie gedacht: Hätte ich das bloß nicht geändert? Stunden mit einer Sache zugebracht, die eigentlich schon fertig war. Die, wenn man es einmal ohne Perfektionismus betrachtet, gut genug war?

Damit bist du nicht allein. Die Idee, dass uns Perfektion vor Kritik und anderen schmerzhaften Erfahrungen schützt, ist weit verbreitet. Nicht selten wird diese Annahme von Arbeitgebern und Eltern unterstützt. Sätze wie: „Was sollen nur die andern denken?“ sollen zu Höchstleistungen motivieren, aber in Wirklichkeit lähmen sie. Perfektion hilft nicht, sie frisst das Selbstbewusstsein, die Freizeit und den Schlaf.

Lass die Perfektion nicht der Feind des Getanen sein!

Brené Brown bringt Perfektionismus mit einem übermäßigen Schamgefühl in Verbindung. Perfektionismus ist der schwere Schild, der uns vor dem schlimmsten aller Gefühle, der Scham, schützen soll. Wenn sie zuschlägt, dann stecken wir im Loch der schwärzesten Überzeugung, dass wir jedes Recht verwirkt haben, dazuzugehören. Vor uns selbst und anderen haben wir jede Achtung verloren. Und als soziale Wesen, die wir nun einmal sind, lernen wir schnell, das um jeden Preis zu vermeiden. Perfektion scheint da eine gute Strategie. Wenn ich alles richtig mache, werde ich geliebt, vermeide Kritik, werde geschätzt. Aber wehe, wenn dem nicht so ist!

Perfektion ist eine Lüge, es gibt sie nicht. Es ist unmöglich perfekt zu sein, es ist unmöglich alles unter Kontrolle zu haben.

Stattdessen wendet sie sich früher oder später gegen uns selbst. Sie ruiniert unsere Gesundheit und ganz sicher den Schlaf. Eine Zeitlang hilft sie, die Leistung zu steigern, bis sie in das Gegenteil umschlägt. Wir verpatzen den Termin. Unausgeschlafen und mit einem zu Tode korrigierten Entwurf, da muss der Chef doch wirklich mal sagen:

-So nicht, Frau Landwehr!

Es ist Zeit, der Perfektion und nicht dir selbst den Kampf anzusagen. Es ist Zeit, die bewegliche Messlatte herunterzureißen, die immer, wenn du ihr nahe kommst, sich ein bisschen nach oben verschiebt. Es ist Zeit, dir selbst zu sagen, dass du so, wie du bist, gut genug bist.

Eine kleine Übung gefällig? (Die man natürlich perfekt ausführen könnte!)

Schreibe jeden Morgen fünf Dinge auf, die du gestern getan hast, die „gut genug“ waren.

Warum?

Weil du gut genug bist!


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Bin ich gut genug?

Eine Frage, auf die die meisten Menschen wohl kein freudiges „Ja“ haben. Schließlich denkt es in uns: Ich sollte mehr Sport treiben und Diät halten. Ich leiste nicht genug! Ich sollte belastbarer sein und außerdem durchsetzungsfähiger. Und damit nicht genug, ich sollte mehr Work-Live-Balance betreiben und damit fürsorglicher, glücklicher oder zumindest rundum zufrieden sein; vom Geld und glücklichen Sex haben wir hier noch gar nicht gesprochen.

Dieses ständige An-sich-herummäkeln tut dem Selbstwert nicht gut.

Lange Zeit dachte ich, Selbstwert bestünde aus Glaubenssätzen wie: Ich sehe gut aus! Ich fühle mich stark und erfolgreich! Aber nein, die Schamforscherin und Buchautorin* Brené Brown hat in ihren Forschungen etwas anderes entdeckt. Sie fand heraus, dass Menschen, „die aus vollem Herzen leben“ und damit viel Selbstbewusstsein zeigen, glauben, dass sie „gut genug“ sind. Das ist die Basis. Man muss nicht glauben, dass man Superman ist. Nein, es reicht aus zu glauben, dass man gut genug ist.

Das ist etwas komplett anderes als das, was Perfektionisten tun und denken. Perfektionisten sind Menschen, von denen andere denken, dass die nun wirklich mehr als gut genug sind. Aber wie sieht es in ihnen aus? Ganz anders. Der Grund, warum sie so viel Zeit auf Perfektion verwenden, liegt darin, dass niemand bemerken darf, wie es eigentlich in ihnen aussieht. Aber wenn man genau hinhört oder eine Perfektionistin persönlich kennt, dann scheinen die nagenden Selbstzweifel durch den schillernden Perfektionisten-Panzer.

Brené Brown zieht eine erstaunliche Verbindung zwischen „besonderen Leistungen“ und dem Gefühl „gut genug zu sein“. Diese ist nicht so offensichtlich und wird aber deutlich, wenn man sich bewusst macht: Niemand weiß, dass er etwas Besonderes leisten kann, bevor er es nicht getan und anderen Menschen vorgestellt hat. Dieser Schritt in die Öffentlichkeit (auch wenn es nur eine Person ist) braucht Mut, schließlich riskiert man kritisiert oder gar verlacht zu werden. Und diesen Mut finden wir, wenn wir glauben, gut genug zu sein. „Gut genug“ ist das Sprungbrett, das uns in die Luft katapultiert, und „gut genug“ ist das Sicherheitsnetz, das uns wieder auffängt, wenn es mal schiefläuft.

Und was, wenn man daran nicht glaubt? – Kein Grund sich zu verurteilen!

Die gute Nachricht ist, man kann es üben, zum Beispiel so:

Mach dir deine Selbstabwertungen bewusst. Oft ist man so gewohnt, sich selbst zu beschimpfen, dass es einem gar nicht mehr auffällt. Ein Blick in den Spiegel am Morgen und der Gedanke: „Oh, du siehst ganze schön alt aus!“ schießt einem in den Kopf. Aber, STOP! Nochmal zurück:  „Hey, tut mir leid! Du siehst gut genug aus!“ Ein Blick auf die to-do-Liste am Abend: „Wieder nichts geschafft!“ STOP! „Das, was ich geschafft habe, war gut genug!“ Ein Telefonat mit der besten Freundin: „Mensch, ich hätte echt mitfühlender sein sollen!“ STOP! „Das war das Beste, was ich zu geben in der Lage war! Es war gut genug!“

Nun bist du dran, mache dir drei Urteile bewusst, die du gegenüber dir selbst hast, und ersetze sie mit „Ich bin gut genug!“ Besonders wirkungsvoll ist das, wenn man es laut zu seinem Spiegelbild sagt: „Du bist gut genug!“

Wie fühlt sich dieser neue Kontakt mit dir selbst an?

*Buch: „Verletzlichkeit macht stark“ von Brené Brown


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Selbstvertrauen und die Fehler anderer

Brauchen wir als Jugendliche die perfekte Förderung? Ich glaube nicht. Weil man aus den Fehlern anderer genausoviel lernen kann wie aus den eigenen Fehlern. Genaugenommen braucht es Erfolg und Misserfolg, es braucht die eigenen und die Fehler von anderen, um ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Beispiele gefälltig?

Als Jugendliche trainierte ich Leichtathletik. Wir waren in der Vorbereitung auf einen großen Wettkampf und 14 Tage vor dem Sportereignis war ich topfit. Ich lief super, ich spürte meine Kraft, die Bahn flog unter meinen Füßen. Mein Trainer erhöhte die Wiederholungen. Weitere Sprints folgten, bis die Muskeln nichts mehr hergaben. Am Abend vor dem Wettkampf trafen sich alle Sportler. Im Flutlicht der Hotelanlage zogen wir einen Sprint nach dem anderen. Erschöpft fiel ich ins Bett. Der große Tag kam, ich stand am Startblock, der Schuss fiel. Puh! Die Muskeln wollten nicht. Es war, als würde ich mit einem alten Fiat einen LKW am Berg überholen. Die Zeit war eine Katastrophe, und wehmütig dachte ich an meine gute Form. Ich hatte es gespürt: lockeres Laufen und Schonen wäre besser gewesen.

Zwei Jahre später im Kunstunterricht. Wir hatte die Aufgabe ein Foto abzuzeichen. Es sollte ein großes Bild werden, A0. Meine Vorlage war ein Schwarz-weiß-Foto. Es zeigte das Gesicht eines Mannes, der im Halbdunkeln in die Kamera blickte. Mit weichen Bleistiften drückte ich förmlich dem Papier die dunkle Stimmung auf. Alles war fertig bis auf die Augen. Aber ich hatte solche Angst, den wichtigsten Teil zu verpatzen, dass ich meinen Lehrer um Rat bat. Der nahm mir kurzerhand den Bleistift aus der Hand und zeichnete die Augen. Dabei passierte ihm ein grober Fehler. Er vergaß die schmalen Augenlider, sodass die Augen zu groß wurden. Ich hatte die Augenlider gesehen. Ich hatte die Augen so oft angeschaut, dass ich jedes Detail kannte. Ich hätte jede Schattierung gezeichnet. Ich hätte es besser gekonnt‼

Das Bild hing jahrelang in meinem Zimmer, und ein Blick auf die Augen versetzte mir immer wieder einen Stich. Warum hatte ich nicht selbst gezeichnet?

Aus Angst zu versagen. Ich hatte den Sprung ins kalte Wasser, die Probe aufs Exempel, die Auseinandersetzung mit meinem Trainer und die Prüfung meines Könnens gescheut. Zu glauben, dass andere es besser wissen, ist manchmal das eigentliche Problem. Und ich bin froh, diesen Punkt wirklich gelernt zu haben. Das macht den Umgang mit Ärzten, Trainern und spirituellen Lehrern nicht immer leichter. Das Wissen, dass mein Gefühl oft besser ist als das eines „Fachmanns“, hat mir Selbstvertrauen gegeben. Ich bin mutiger geworden. Meine Fehler sind mir lieber. Ich will keine „fremden“  Augen mehr auf meinem Bild.

Danke für die Lehre! Auch wenn‘s hart war.


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Negativ sticht positiv – eine biologische Programmierung

Beim Erinnern bevorzugt das Gehirn negative Erlebnisse. Je schlimmer und bedrohlicher sie sind, desto tiefer prägen sie sich ein. Und nicht nur das, taucht die Erinnerung wieder auf, reaktiviert unser Gehirn alle dazugehörenden Gefühle und schwämmt damit den Körper. Es stellt damit sicher, dass wir uns vor lebensbedrohlichen Dingen fernhalten und die Auslöser auf gar keinen Fall vergessen. Das funktioniert so gut, dass manche Eltern es als effektive Erziehungsmethode schätzen. Hat man einmal gelernt, sich für etwas zu schämen, taucht das Gefühl beim bloßen Gedanken daran wieder auf.

Der Nachteil liegt auf der Hand. Gehorsame Kinder, die durch Angst und Scham zu einem angepassten Verhalten gebracht wurden, haben keinen Selbstwert. Die Werte, nach denen sie leben, sind nicht ihre eigenen. Schließlich bedeutet Selbstwert, dass der Wert aus einem selbst kommt. Man könnte sagen, diese Kinder haben Fremdwert.

Marktforscher haben herausgefunden, dass es 7 positive Nachrichten zu einem Produkt braucht, bis ein Kunde nach einer Negativaussage seine Meinung wieder ändert. Daraus kann man ableiten, dass unser Gehirn negative Ereignisse um den Faktor 7 bevorzugt. Wer das überprüfen möchte, gehe zum nächsten Zeitungsstand und beobachte mal, welches Titelblatt seine Aufmerksamkeit als erstes auf sich zieht. Auch wenn man keine Bildleserin ist, wird es wahrscheinlich das Bild der IS-Kämpfer sein, die wütend die Gewehre schütteln, oder das Bild der ausgebrannten Wohnung mit weinenden Menschen im Vordergrund. Die hübsche Zimmerdeko von „Schöner Wohnen“ nimmt man in den ersten 5 Sekunden nicht wahr. Sollten die Marktforscher Recht haben, wird es 7-mal länger dauern, bis wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten. (Ich würde behaupten, es dauert länger.)

Was hat das für Folgen auf unser Selbstbild? Braucht man ein gutes Gedächtnis, damit man mit sich selbst zufrieden ist? Ist es nicht praktischer, vergesslich zu sein, um sich an all die Fauxpas und Fehler nicht zu erinnern? Nur, wenn einem das Vergessen des Negativen gelingt, dann gelingt das Vergessen des Positiven noch viel besser.

Hier eine kleine Übung: Versuch dich an etwas zu erinnern, was du gestern getan hast und das du gut findest. Es muss nichts Großes sein. Zum Beispiel so etwas wie: „Ich habe endlich die Küche geputzt, es sieht so schön aus.“ Es gibt zwei Bedingungen für diese Übung: a) du musst das, was du getan hast, positiv bewerten und b) du musst diese Wertung auch fühlen können (die gefühlte Freude ist der Beweis, dass du deine Werte erfüllt hast und nicht die deiner Mutter).

Wem das schwer fällt, dem empfehle ich, diese Übung jeden Morgen zu machen. Schreibe in ein Tagebuch fünf positive Taten des gestrigen Tages. Sollten es am Anfang nur 1 oder 2 sein, verliere nicht den Mut. Mache weiter und überprüfen einmal, ob du den Level von dem, was du als „gut“ bezeichnen würdest, hinunterschrauben kannst, sodass es fünf Stück werden. Wenn man will, dass es eine Wirkung auf das Gehirn hat, dann sind drei Monate ein guter Zeitraum, diesem eine neue Funktionsweise beizubringen. Weniger ist natürlich auch gut. Ich habe es ungefähr ein halbes Jahr lang gemacht. Nicht nur, dass es die Meinung von mir selbst verbessert hat, sondern auch, dass mein Gedächtnis allgemein, deutlich besser geworden ist. Zufrieden beendete ich die Übung, um nach zwei Wochen wieder anzufangen – ich vermisste die angenehmen Gefühle zu sehr.

Fazit: Wenn der Focus stimmt, dann ist ein gutes Gedächtnis dem Selbstwert sehr förderlich!


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Selbstwert mit und ohne Lottoschein

Ich habe mal gelesen, dass es bei der Entwicklung von Selbstwertgefühl keine Reihenfolge in dem Sinne gibt, dass man erst Selbstbewusstsein entwickelt und es dann nutzt. Genaugenommen entsteht Selbstwert in dem Moment, in dem man etwas tut. Das hat etwas Absurdes, ist aber so. Schauen wir uns ein Beispiel an. Wenn ich das 1. Mal vor einem großen Publikum spreche, dann kann ich alles Mögliche dazu vorbereiten, außer das „vor einem großen Publikum sprechen“. Das bleibt das Neue und ist auch nicht übbar. Doch genau da brauchen wir Selbstbewusstsein. Richtig sichtbar wird es dann erst hinterher: „Puh, das war aber aufregend! Aber es ist doch erstaunlich gut gelaufen!“ Man ist stolz, dass man es geschafft hat. Und als nächstes steigt das Selbstbewusstsein und damit die Bereitschaft, es das nächste Mal wieder zu versuchen. Ganz anders ist es, wenn man scheitert, dann ist das Weitermachen extrem schwer. Doch trotz eines Misserfolges weiterzumachen, auch das zeichnet Menschen mit einem guten Selbstbewusstsein aus. Statt ganz aufzugeben, verändern sie das, was sie verändern können. Zum Beispiel mehr üben, ein leichter erreichbares Ziel suchen, es einfach nochmal probieren etc. Mich selbst beruhigt das Prinzip: „Erst tun, dann Selbstbewusstsein!“ Jetzt muss ich nicht mehr warten, bis „es“ da ist. Ich kann einfach anfangen.

Doch die Sicherheitsfreaks unter uns werden jetzt vielleicht sagen: „Aber mein Selbstwert reicht einfach nicht aus, um es zu tun.“ Wenn wir sicher sein wollen, dass etwas genau so passiert, wie wir es wollen, dann ist mangelndes Selbstbewusstsein eine tolle Strategie. Das mangelnde Selbstwertgefühl sorgt dafür, dass nichts Unerwartetes eintritt. Man wird nie Vorträge vor 500 Leuten halte und folglich auch nie vor Aufregung kaum schlafen können und sich auch nie anhören müssen, dass man die Nervosität in der Stimme gehört habe oder nicht so professionell rüberkam. Jeder der Sicherheit groß schreibt, darf sich hier zur erfolgreichen Erfüllung seines Sicherheitsbedürfnisses beglückwünschen.

Die Menschen, die an die Kraft der Wünsche (z.B. ans Universum) glauben, werden sagen: „Wenn ich etwas wirklich will, dann wird es auch eintreten.“ Auffallender Weise sagen sie das lieber zu anderen und wollen anscheinend selbst noch nicht intensiv genug. Und falls sie doch den Mut gefunden haben, dann ist dieses Denken nur so lange ein Segen, wie alles gut läuft. Nach mehreren gescheiterten Versuchen wird diese Haltung zum Bumerang. Dann tauchen Fragen auf, wie: „Was stimmt denn mit meiner Haltung nicht? Will ich das wirklich erreichen oder wünsche ich mir nicht insgeheim den Misserfolg, der mir ja auch prompt geliefert wird?“ Das sind gute Fragen, um das bisschen Selbstwertgefühl, was man sich aufgebaut hat, wieder auszumerzen.

Es gibt etwas, was sicherheitsliebende Menschen zu viel und Universumsgäubige zu wenig beachten. Das ist die Außenwelt! Die einen überbewerten sie und wollen eindeutige Beweise, die es im Vorweg nie gibt. So ist zum Beispiel keine Geschäftsidee gut genug, um die Selbstständigkeit zu wagen. Die Universumsgläubigen hingegen ignorieren die Außenwelt lieber ganz. Alles was passiert, ist Ausdruck der inneren Haltung. Egal, wie viele Menschen zuvor mit der Idee gescheitert sind, es liegt an der inneren Haltung. Dinge wie „Angebot, Nachfrage und Markt“ gibt es nicht. Die Last und die Verantwortung, die man sich dabei aufbürdet, können einen in Burn-out und Verzweiflung treiben.

Ich bleibe bei meiner Meinung, man muss es tun, um rauszukriegen, ob es klappt. Und sollte es nicht klappen, geht es darum, dass man die Verantwortung für das übernimmt, worauf man Einfluss hat, und die Macht dessen anerkennt, auf das man keinen Einfluss hat.

Also, was hat jetzt das Selbstwertgefühl mit einem Lottoschein gemeinsam?

Moses und der Lottoschein

Moses betet jeden Abend zu Gott:

„Lieber Herr, bitte erfülle mir diesen einen Wunsch. Bitte lass mich einen 6er im Lotto gewinnen. Lieber Herr, das ist mein einziger Wunsch, bitte!“

Jeden Abend betet er so. Eines Abends reißt die Wolkendecke auf und der Herr tritt hervor. Wütend donnert seine Stimme vom Himmel:

„Moses, ich würde dir deinen Wunsch ja erfüllen, nur…

… kauf dir endlich einen Lottoschein!“

(Man beachte, dass Moses etwas tun und nicht seine innere Haltung ändern soll.)

So ist es mit dem Selbstwertgefühl. Man kann drum bitten, aber letztendlich muss man den Lottoschein kaufen und vor allem einlösen, um zu sehen, was man gewonnen hat.


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Fehler und die Selbstachtung

Für meinen Geschmack sind zu viele Menschen mit der folgenden Vorstellung aufgewachsen: Wer Fehler macht, verdient Strafe. Die Art der Strafe variiert und reicht von Missachtung und Anschreien bis zu Nachsitzen oder Kündigung. Dabei ist eines klar: die Wertschätzung ist dahin. Und was die Sache noch schlimmer macht, ist der Glaube, dass man an der Reaktion seiner Umwelt auch noch selbst schuld ist. Man braucht sich gar nicht zu beschweren, schließlich hätte man es besser wissen können und sich mehr anstrengen müssen.

Die negativen Konsequenzen von Fehlern sind uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir uns selbst bestrafen, wenn es kein anderer für uns tut. Und so beschimpfen wir uns selbst als Versager, Nichtsnutze und hoffnungsloser Fall. Und vor allem, wir schämen uns. Wer so denkt, hat als Kind eines gründlich gelernt: „Schäm dich! Du hast einen Fehler gemacht.“ Doch genau da liegt das Problem. Wenn wir uns schämen und Angst vor Strafe haben, ist es uns NICHT möglich, irgendetwas anderes zu lernen, als diese Situation in Zukunft zu vermeiden. Vermeidungsstrategien können sein: Die Schule schwänzen, lügen, nichts mehr sagen, die Diplomarbeit gar nicht erst anfangen. Neue Kompetenzen erwerben wir damit nicht. Und unser Selbstwertgefühl lässt sich damit auch nicht aufbauen.

Schade, weil Lernen, ohne Fehler zu machen, nicht möglich ist! Kein Kind lernt laufen, ohne hinzufallen. Kein Erwachsener lernt seinen Beruf, ohne Fehler zu machen. Und kein Senior lernt den Umgang mit dem PC, ohne dass alles plötzlich weg ist und er nicht weiß, warum. Auch soziale Beziehungen wollen gelernt sein. Eltern machen Fehler. Neue Freunde oder Kollegen machen Fehler. Und Eheleute machen Fehler. Doch ohne diese Fehler wüssten sie nicht, worauf es ankommt.

Um einen neuen Umgang mit Fehlern zu lernen, braucht es oft einen Heilungsprozess. Die Blockaden, die aus den gründlich gelernten Vermeidungsstrategien entstanden sind, sitzen tief. Erst wenn ich meine Scham und Angst ausdrücken kann, ist es mir möglich in Erwägung zu ziehen, dass Fehlermachen ungefährlich ist. Denn bei jedem Fehler, den ich unweigerlich irgendwann mache, stellt sich das Schamgefühl oder die Angst ein. Erst nach dem Ausdrücken der Gefühle kann man lernen, sich selbst Fehler zu verzeihen.

Heiße ich schließlich meine Fehler willkommen und feiere ich sie als die Gelegenheit, etwas Neues zu lernen, dann habe ich den entscheidenden Schritt gemacht. – Herzlichen Glückwunsch!

In diesem Sinne lasst uns unsere Fehler feiern:

„Yes!!! Ich habe einen Fehler gemacht! Jetzt kann ich mich weiterentwickeln!“


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Die Stellschrauben am Selbstvertrauen – Teil 4

(Können, Erfahrung, Erwartung und Vertrauen.)

Vertrauen hat etwas Warmes, Wertschätzendes. Ganz im Gegensatz zur Erwartung (siehe Teil 3) ist Vertrauen offen für das, was kommen mag. Während die Erwartung so tut, als gäbe es nur eine Möglichkeit gibt Vertrauen Raum für den individuellen Weg. Es bildet die Grundlage, mit sich und dem Leben in Frieden zu sein.

Doch was ist Vertrauen? Es ist der Glaube, dass etwas grundsätzlich „Positives“ eintreten wird, ohne die Sicherheit dafür zu haben (wobei „positiv“ sehr allgemein zu verstehen ist). Anderen Menschen vertrauen bedeutet, an ihre gute Absicht und ihr Potential zu glauben und dass sie mich als Mensch in ihre Überlegungen miteinbeziehen. Das Gleiche gilt für mich selbst. Im Selbstvertrauen glaube ich an meine guten Absichten und mein Potential. Das heißt, ich glaube daran, dass ich etwas (erfolgreich) tun kann. Doch auch in der negativen Erfahrung wie Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Tod kann ich Vertrauen haben. Ich kann darauf vertrauen, dass die Erfahrung für etwas gut ist. Der Grund muss sich mir nicht erschließen. Vertrauen ist der Glaube, dass meine Fehler für etwas gut sind, dass meine Erfahrungen für etwas gut sind und dass ich für etwas gut bin. Es heißt nicht zu wissen wofür, sondern nur, dass… Wenn man die Wertung, die in „gut“ steckt, beiseitelassen möchte, dann könnte man sagen: Vertrauen heißt „ja“ zum Leben sagen, so wie es ist.

Und nachdem ich so oft das Wort „Glauben“ verwendet habe, wird mir klarer, warum Vertrauen den Menschen leichter fällt, die einem religiösen Glauben anhängen oder in der Esoterik zu Hause sind. Wenn da eine höhere Instanz ist, von der man glauben kann, dass zumindest sie weiß, wozu etwas gut ist, dann fällt Vertrauen leichter. Doch es gäbe keine Glaubenskrisen, wenn das immer so einfach wäre.

Rationalen Menschen scheint der Glaube, dass alles schon seinen Sinn hat, oft naiv. Wenn mein Vertrauen gerade wieder einen Wachstumsschub hatte, dann beschleicht mich manchmal die Angst, dass mit steigendem Vertrauen meine Motivation schwindet, das Leben zu verändern. Was ist, wenn ich glaube, dass ich in Ordnung bin, wie ich bin? Höre ich dann auf mich weiterentwickeln zu wollen? Was, wenn ich glaube, dass ich schon meinen Weg gehen werde? Höre ich dann auf mich zu bemühen? Habe ich dann noch Ziele? Mit sich selbst unzufrieden zu sein, ist ein riesen Antriebsmotor. Er hält uns auf Trab. Kann es sein, dass es in unserer Gesellschaft eine sehr große Angst gibt „zur Ruhe zu kommen“? Wer unglaublich viel will, tut oder ständig an sich selbst arbeitet, der muss wichtig sein. Das ist auch eine Frage des Dazugehörens. Und wer zur Ruhe kommt, ist irgendwie – draußen. Er ist nicht mehr im Hamsterrad – wie alle anderen. Er sitzt vor seinem Hamsterrad und schaut den anderen erstaunt bei ihrem Run (auf was?) zu. Der Kampf mit den Widrigkeiten des Lebens ist hierzulande sehr geschätzt. Doch zufrieden macht er nicht. Schließlich legen wir die Messlatte mit jedem Entwicklungsschritt höher.

Das ist ein typisches Zeichen von Perfektionismus. Perfektionismus ist der Versuch alles bis ins letzte Detail kontrollieren zu wollen. Das ist das Gegenteil von Vertrauen. Vertrauen weiß, dass man nicht alles kontrollieren kann, und lässt es. Brené Brown schreibt in ihrem Buch „Verletzlichkeit macht stark“, dass wir den Perfektionismus nicht mit dem Wunsch, Gutes leisten zu wollen, verwechseln dürfen. Der Perfektionismus ist nach außen orientiert. Was denken die anderen? Was wollen die von mir? Bin ich gut genug? Wenn ich so denke, bin ich nicht im Vertrauen an mich und meinen Wert. Der Wunsch, Gutes leisten zu wollen, ist etwas anderes. Er ist von innen motiviert. Seine Sache so gut wie möglich machen zu wollen, ist an sich befriedigend. Tatsächlich finde ich die Unterscheidung, ob ich intrinsisch oder extrinsisch motiviert bin, nicht immer einfach. Am besten kann ich ihn fühlen. Fühle ich mich getrieben, dann jage ich einem Wunsch im Außen nach. Fällt es mir hingegen leicht, eine Aufgabe konzentriert zu erledigen, dann bin ich von innen motiviert.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass mich Vertrauen unabhängiger von der Meinung anderer Menschen macht. Und die Angst, dass die Motivation sich verändert, ist berechtigt. Zwar habe ich noch Ziele. Doch die Ziele haben sich verändert. Den größten Stellenwert nimmt jetzt mein Wunsch ein, in Frieden mit mir und meinen Werten zu leben. Das wirkt sich auf andere Ziele aus. Den Komfort von einem regelmäßigen Einkommen sehe ich noch immer, aber ich will ihn nicht mehr um jeden Preis. Ich wünsche mir immer noch Anerkennung für meine Workshops in Form von Teilnehmerzahlen und Honorar, aber nicht mehr um jeden Preis. Und ich verfolge noch berufliche und private Ziele, aber eilig habe ich es nicht mehr.

Es ist ruhig geworden.

Das heißt nicht, dass die persönlichen Krisen verschwunden sind. Sie erfassen mich schnell und heftig, wie eine Welle, die über mir zusammenschlägt, und dann werde ich genauso schnell wieder ausgespukt – wie Jonas aus dem Wal. Dann schüttele ich mich, schau mich um und denke: „Was war das?“

Das Leben ist spannend!

Im Vertrauen, dass es so richtig ist, wünsche ich dir in deinem Lebensstrom viel Spaß in den Stromschnellen.