schreibend denken und fühlend verstehen wollen


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Kopfkino, mal ganz wissenschaftlich

„Ich soll sagen, was ich wirklich über meinen Chef denke? Muss das sein?“

Die Teilnehmerin steht auf der Karte „Wolfsshow“ und windet sich.

„Ja!“

Ich bin ziemlich überzeugt, dass die Gewaltfreie Kommunikation erst ihre Wirkung entfaltet, wenn wir unsere Urteile kennen.

Aber nochmal von vorne, vielleicht kennst du, liebe LeserIn, die Wolfsshow nicht.

Die Wolfsshow ist alles, was in deinem Kopf passiert, nachdem dir die Hutschnur hochgegangen ist. Es passiert ganz von alleine. Das Ausdrücken müsste demnach ganz einfach sein. Aber ich habe schon viele Teilnehmerinnen kennengelernt, die mit dem „laut-ihre-Urteile-aussprechen“ ein echtes Problem hatten.

Vielleicht liegt es an der guten Erziehung, vielleicht liegt es am Namen. Eine Teilnehmerin meinte einmal:

„Muss das Wolfsshow heißen? Ich habe doch keinen Wild-Live-Workshop gebucht. So etwas wie „neurolinguistische Programmierung“ fände ich gut. Das klingt wissenschaftlich, wichtig und neutral.“

Da musste ich passen. Ich hatte kein wissenschaftlich korrektes, wichtig klingendes und dabei komplett neutrales Wort für Wolfsshow. Der Wolf ist nicht neutral, aber er nimmt sich über die Maßen wichtig, und politisch korrekt ist er schon gar nicht. Alle Handpuppenhasser und Raubtiersympathisantinnen der GFK-Szene mussten daher mit den zwei Symbolen Wolf und Giraffe klarkommen.

Doch hier ist die Lösung für tierische Kontakthemmung. Wir nennen es jetzt ganz wissenschaftlich – SEF.

SEF stammt aus der sozialen Forschung von Brené Brown und steht für „schlechte, erste Fassung“. Das ist genau das, was wir mit der Wolfsshow meinen. Mach dir bewusst, was in deinem Kopf vorgeht. Das, was da passiert, bestimmt deine Verletzungen, deine Wut und dein Schamgefühl. Das, was da passiert, hat nur rudimentär etwas mit der Wirklichkeit (Beobachtung) zu tun, aber sehr viel mit dir (das heißt mit deinen Gefühlen und Bedürfnissen). Unsere Urteile kennenzulernen, ist keine freudige Erfahrung. Wer gibt schon offen zu, dass er das Verhalten des Kindes „das Allerletzte“ findet, und dass man schon immer gewusst hat, dass der Kollege XY „eine faule Sau“ ist. Klingt nicht empathisch, klingt nicht gewaltfrei und ist nicht politisch korrekt. (Ich möchte hier auf gar keinen Fall empfehlen, offen seine Urteile auszusprechen. Es geht um das Bewusstmachen!) Wir machen uns etwas vor, wenn wir sie leugnen, um vor uns selbst besser dazustehen. In der BeWERTung finden wir WERTvolles. Dazu muss man hinschauen, und das am besten mit einem spielerischen Augenzwinkern. Es ist ja nicht die Wirklichkeit!

Brené Brown, eine amerikanische Sozialforscherin, hat Menschen befragte, die schwer gescheitert sind und es schafften, wieder aufzustehen und weiterzumachten. Meist war das Scheitern mit heftigen Selbstverurteilungen (Wolfsshow) verbunden. Und in ihrem Buch „Laufen lernt man nur durch hinfallen“ beschreibt sie die Bedeutung der SEF und weitere Punkte, die für das Aufstehen nach dem Sturz in den Schlamm der Schamgefühle wichtig sind. Die Liste klingt wie GFK!

Vergleich SEF und WS

Spannend ist, dass Brené Brown besonders auf die Diskrepanz zwischen SEF und Wirklichkeit hinweist. Ein Delta, auf das man bei den Schritten der GFK ganz automatisch stößt: Beispiel gefällig?

Startkarte: Die Wolfsshow (SEF): Mach dir bewusst, was du denkst. Das hört sich vielleicht so an: „Sie hält mich wohl für eine Idiotin, mit der man alles machen kann!“ Gehe einen Schritt weiter und formuliere die Beobachtung = das, was deine Freundin wirklich gesagt hat. Sie: „Ich möchte heute Abend auf ein Konzert!“

Kaum jemand, der nicht bei diesem Schritt erstaunt feststellt, dass sie kein Wort von „Idiotin“ und „ich mag dich nicht“ gesagt hat.

Urteile und Wut verschleiern unseren Blick. Sie lassen uns Dinge sagen und hören, die oft an der Wirklichkeit vorbeigehen. Das Rumwolfen für uns alleine hilft uns, den Kern zu finden, um den es geht. Doch damit machen wir uns verletzlich. Es ist so viel leichter, selbstgerecht seine Urteile rauszuhauen. Aber Verletzlichkeit ist die Zutat, die einer Beziehung Tiefe gibt. Auf Zuverlässigkeit kann man ab und zu verzichten.

 

Veränderung leicht gemacht


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Gefangene der eigenen Sicht

Die Vorstellung, dass andere Menschen so fühlen, wie wir fühlen, gibt uns Sicherheit, weil es Verhalten voraussagbar macht. Andersartigkeit verunsichert uns. Man beobachte einfach einmal seine eigene innere Reaktion beim Treffen mit offensichtlich andersartigen Menschen. Zum Beispiel gehe ich gerne auf räumliche Distanz, wenn ich einer Gruppe von Flüchtlingen begegne. Das Gleiche kann einem auch mit Menschen des anderen Geschlechts oder mit behinderten Menschen passieren. Die Andersartigkeit von Mitmenschen kann Gefühle von Befangenheit, Unsicherheit bis zu offener Ablehnung hervorrufen. Ich selbst will allen Menschen auf Augenhöhe und gleichberechtig begegnen, aber mein Sicherheitsempfinden zieht oft die sichere Distanz vor.

Es muss nicht gleich Angst um die eigene Sicherheit sein, die Vorurteile wirken lässt. Schon die Irritation, dass man das Verhalten anderer einfach nicht versteht, kann sehr unangenehm sein. So gab es eine Zeit, da wurde ich (deutsche, weiße Frau) im Stadtpark regelmäßig von afrikanischen Männern angesprochen und innerhalb von 5 min gefragt, ob ich sie heiraten wolle. Ich verstand überhaupt nicht, wie diese Männer auch nur in Erwägung ziehen konnten, dass ich dazu „ja“ sagen würde. Zufällig erzählte mir eine Freundin, dass direkter Augenkontakt in Afrika für sexuelles Interesse zwischen Männern und Frauen stehe. Für mich war es „normal“ und eine Frage der Höflichkeit und des Respekts, Menschen direkt in die Augen zu schauen. Diese Höflichkeit wollte ich auch Schwarzafrikanern angedeihen lassen und schaute sie im Vorbeigehen direkt an. Wie ich also erfuhr, ist es für afrikanische Männer hingegen „normal“, diesen Blickkontakt als sexuelles Interesse zu interpretieren. Seit ich das weiß, werde ich nicht mehr angesprochen. Und Urteile wie: „Schwarze Männer respektieren meine Grenze als Frau nicht!“ fallen weg, ohne dass wir je darüber gesprochen hätten.

Auch wenn es durch optische Andersartigkeit leicht ist, sich bewusst zu sein, dass diese Menschen anders ticken könnten, kann man leider schlecht nach deren Verständnis für adäquates Verhalten fragen. Unsere Normalität ist für uns selbst nicht erkennbar. Hätte ich einen der Männer direkt gefragt, wie er auf die Idee kommt, mich heiraten zu wollen, hätte ich wahrscheinlich keine brauchbare Antwort bekommen. Für so unbewusstes Verhalten braucht es den Blick von außen. Erst wenn wir unser normales Verhalten als entgegen der Norm erlebt haben, fällt uns das Label „normal“ überhaupt auf. Dazu kommt, dass andersartiges Verhalten unsere Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen, herausfordert. Wir können andere Menschen erst wirklich verstehen, wenn wir darauf verzichten, sie als doof, krank oder abnormal zu bewerten.

Doch wer sich nie als fremd erlebt hat, der ist blind für andere Lebensentwürfe. So erzählte mir eine lesbische, Hamburger Freundin von einem Gespräch mit einer älteren Frau auf dem Lande. Diese offenherzige Frau sprach ihr ihr tiefstes Mitgefühl aus, als sie erfuhr, dass die Freundin nicht verheiratet ist und keine Kinder hat. Sie war sichtlich von der „Tragik ihres Schicksals“ berührt. Nur,  die Freundin war komplett zufrieden mit ihrem Leben (ohne Mann und Kinder). Und die alte Frau hätte mehr zu ihrem Glück beigetragen, wenn sie in Erwägung gezogen hätte, dass frau auch auf andere Weise glücklich sein kann.

Das Problem bei der Annahme „du bist wie ich“ ist, dass wir dabei Menschen unbewusst diskriminieren können. Das ist den meisten Menschen nicht bewusst, weil sie überhaupt nicht in Erwägung ziehen, dass es noch ein anderes gültiges Erleben als das eigene gibt. Sie denken: „So muss es sein, und wenn nicht, ist es inakzeptabel. Das weiß doch jeder!“ – Nein, weiß eben nicht jeder. Wenn wir andere (unbeabsichtigt) diskriminieren, dann weil wir überhaupt keine Idee davon haben, wie sie die Welt sehen und erleben.

Der Schritt, die eigene Norm nicht zu verallgemeinern, ist dermaßen schwierig, dass ich nicht glaube, es könnte möglich sein, jede Form der Diskriminierung zu vermeiden. Das enthebt uns aber nicht der Aufgabe es zu versuchen. Denn:  „Alles, was es wert ist, getan zu werden, ist es auch wert, mittelmäßig getan zu werden“ (Marshall Rosenberg). Und das gilt auch für den Versuch, allen Menschen die gleichen Rechten zuzugestehen und den gleichen Respekt entgegenbringen zu wollen.


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Wertschätzen ohne zu bewerten, ist das möglich?

„Man soll nicht werten!“ Sagt man, aber geht das? Die Gewaltfreie Kommunikation sagt: „Ja, das geht!“, doch ich bin mir nicht so sicher. Unser Gehirn und unsere Sinnesorgane sind so aufgebaut, dass sie einen Kontrast brauchen. Ich kann Licht nicht ohne Dunkelheit sehen. Ich kann Geräusche nicht ohne Stille hören. Also die Frage ist, könnten wir wirklich einen Wert wahrnehmen, wenn wir sein Fehlen nicht kennen? Auch unsere Sprache ist so aufgebaut. Es gibt Werte und Un-Werte, sicher – unsicher / fair – unfair. Was würde mit unserer Welt passieren, wenn wir das „un“- und alles Schlechte streichen würden? Wäre sie wirklich gut? Macht nicht die Ungerechtigkeit es lohnend, sich für die Gerechtigkeit einzusetzen? Ich glaube, wir brauchen das Schlechte genauso wie das Gute, sozusagen als Kontrastmittel.

Der Vorschlag, nicht zu werten, hat durchaus seine Berechtigung, schließlich ist es nicht leicht, mit Bewertungen umzugehen. Das liegt unter anderem daran, dass Wertungen so tun, als wären sie allgemein gültige Wahrheiten und jeder andere würde zu dem gleichen Schluss kommen. Das stimmt nur nicht. Da können wir noch so viele Freunde anführen, die genauso denken, Wertungen bleiben subjektiv und beruhen in aller Regel auf einem Vergleich.

Ein weiteres Problem, welches aus Wertungen und ihren Gegenteilen entsteht, ist, dass die meisten Menschen zwei Aussagen statt eines Lobes hören. Sag ich zu jemandem im Gespräch: „Ich mag Menschen, die auch schweigen können!“ ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass er nicht nur diese Aussage hört, sondern auch: „Sie findet es doof, wenn ich viel rede!“ Es ist also sehr schwer, etwas wertzuschätzen, ohne dass irgendjemand das Gegenteil mitdenkt. Will man diese Schlussfolgerung bewusst umgehen, dann kann man beides erwähnen: „Ich mag es, wenn ich mit Menschen schweigen kann, und lebhafte Gespräche genieße ich ebenfalls.“ Dass wir Lob oft verwenden, um indirekt unsere Änderungswünsche mitzuteilen, verstärkt dieses Phänomen und ist deshalb nicht zu empfehlen.

Wie gesagt, meistens loben wir aus einem Vergleich heraus. Dabei sind wir selbst (oder unsere Bekannten) der Bezugspunkt. Lerne ich jemand kennen, der etwas kann, was ich nicht kann, kann mich das zu wertschätzenden Worten motivieren.  Tatsächlich sagt diese Form der Wertschätzung mehr über mich aus als über den Adressaten. Und mein Nicht-Können wirkt als Kontrastmittel, damit eine Kompetenz überhaupt erkennbar wird. Hätte ich diese Kompetenz, dann würde es mir nicht auffallen, bzw. es wäre für mich nicht erwähnenswert. Es gibt allerdings Werte, die sind uns so wichtig, dass wir sie immer schätzen. Zum Beispiel ist mir Klarheit in der Kommunikation sehr wichtig. Und so bekomme ich oft zu hören, dass Menschen meine Klarheit schätzen. Das wundert mich nicht, schließlich investiere ich viel Zeit dafür. Und ich schätze Klarheit sowohl an mir als auch an anderen. Wenn ich dann Menschen begegne, die in Andeutungen sprechen, und mir jede Form der Klarheit fehlt, was sie sagen wollen, habe ich die Gelegenheit zu fühlen, warum mir Klarheit so wichtig ist. Ich reagiere hochgradig verunsichert. Ich kann es kaum aushalten, nicht zu wissen, was jemand wirklich meint. Werte, für die wir zeitlebens stehen, sind meistens Werte, die wir in der Kindheit vermisst haben. Als Reaktion darauf haben wir die Kompetenz aufgebaut, dieses Fehlen auszugleichen. Das war einmal extrem wichtig für uns, weswegen wir um diesen Wert kämpfen. Doch heute, Jahre später, ich frage mich, ob es nicht an der Zeit ist, das Kämpfen zu lassen und stattdessen Vertrauen zu entwickeln. Das Vertrauen darin, dass ich auch mit dem Fehlen des Wertes umgehen kann, und das Vertrauen in die gute Absicht meiner Mitmenschen, die eben so gut kommunizieren, wie sie eben können.


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Aggression – Ist unsere Definition Teil des Problems?

In den gängigen Nachschlagewerken (Duden, Wikipedia) wird Aggression als aggressiver Akt gegen jemanden definiert. Wenn man genau hinschaut, dann besteht ein aggressiver Akt aus zwei Komponenten: einem Gefühl wie z.B. Wut und einer konkreten Handlung wie Schlagen oder Truppen an der Landesgrenze stationieren. Diese Verbindung aus Gefühl und Handlung ist meines Erachtens Teil des Problems, welches wir mit eskalierenden Konflikten haben. Wie Marshall Rosenberg sehr fein beobachtet hat, erhöhen Urteile und Bewertungen die Aggressionsbereitschaft der bewerteten Person. Fühlen sich Menschen verurteilt und damit angegriffen, reicht ein Wort und das Pulverfass explodiert. Und dieses eine Wort kann „aggressiv“ sein. Dass die Mehrzahl der Menschheit die Bewertung teilt, ändert nichts am Effekt der Bewertung. Hier ein internationales Beispiel:

Im Kalten Krieg haben die USA gezielt aufgerüstet, in der Absicht ihre Bevölkerung vor der UdSSR zu schützen. Die UdSSR beurteilte das amerikanische Verhalten in der einheimischen Presse als aggressiv und kurbelte die eigne Rüstungsindustrie an, ebenfalls in der Absicht sich und ihre Bevölkerung zu schützen. (Der Beginn der Geschichte ist hier zufällig gewählt. Ich bin sicher, dass beide der Ansicht sind, der andere habe angefangen). Das Verhalten der UdSSR bestätigte in den USA das Bild des Russen als Aggressor und rechtfertigte damit weitere Rüstungsaufträge, was in der UDSSR genau die gleichen Bewertungen (aggressiv) und Handlungen (Waffenproduktion) zur Folge hatte. Man beachte, dass die Bewertung „aggressiv“ nur für das Verhalten des anderen genutzt wird. Das eigene Verhalten gilt als beschützend. Doch tatsächlich lässt sich beschützendes und aggressives Verhalten kaum unterscheiden. Ein bewaffneter Soldat wirkt auf die, die vor ihm stehen, aggressiv und auf die, die hinter ihm stehen, beschützend. Worte wie „Aggression“ und „Aggressor“ drücken damit die Perspektive einer Person aus, die sich bedroht fühlt. Doch diese Perspektive tarnt sich als Tatsache, was man erst bemerkt, wenn man sich in die Lage der anderen Partei versetzt. Das Verhalten anderer zu brandmarken und zu bewerten, ist deshalb so attraktiv und beliebt, weil es von den eigenen Gefühlen ablenkt. Die eigene Angst und Betroffenheit auszudrücken, macht verletzlich. Und das allgemeine Verständnis ist, wenn ich mich verletzlich mache, dann werde ich angegriffen. Nur meine Stärke hält den anderen davon ab, seine Drohungen in die Tat umzusetzen. Doch es ist ein Irrglaube, dass Drohgebärden vor Gewalt schützen. Sie heizen den Konflikt an. Da finde ich es fast schon beruhigend, dass den meisten Menschen so selten eine schlagfertige Antwort einfällt. Sitzt der Gegenangriff, ist die Eskalation kaum noch zu vermeiden.

Die GFK schlägt folgendes vor: Will man sich konstruktiv mit jemandem über sein Verhalten unterhalten, ist es wichtig die Bewertung (aggressiv) von der Tat (Waffenproduktion) zu trennen. Und wenn wir weiterforschen, dann trifft „aggressiv“ die eigentliche Motivation immer noch nicht. Sondern dahinter stehen wahrscheinlich Angst und der Wunsch nach Schutz. Die GFK unterscheidet diese Begriffe deshalb so genau, um zum einen Provokationen zu vermeiden und zum anderen Verbindung zwischen den Konfliktparteien zu schaffen. Beide haben Angst und beide wollen sich schützen.

Die Wirkung von Bewertungen bzw. wertfreien Beschreibungen kann man besonders gut an sich selbst erforschen. Sagt jemand zu uns: „Mensch, was bist denn du so aggressiv!“ dann spüren wir deutlich, dass wir bewertet werden. Sagen wir das zu jemand anderem, dann ist uns das in der Regel nicht gleich bewusst. Zum Glück lassen die meisten Menschen einen sofort wissen, wenn sie sich bewertet fühlen. Sie widersprechen. Um dies als wertvolles Feedback annehmen zu können, hilft es den Automatismus und die Bewertungen überhaupt erst zu erkennen.

Die Erfolge dieser Differenzierung zeigt die GFK sowohl bei internationalen als auch bei persönlichen Streitschlichtungen. Und was würde Marshall Rosenberg zu den Anschlägen in Paris sagen?

Vielleicht: „Ich bin bestürzt und es schmerzt zu sehen, wenn Menschen wie du und ich durch einen Sprengsatz sterben müssen. Ich wünsche mir von tiefsten Herzen, dass wir weltweit die Kraft entwickeln, Respekt für jedes (menschliche) Leben zu empfinden. Und dass wir Wege finden, die Konflikte unserer Erde gewaltfrei zu lösen.“

P.S Mich (Regine) bestürzt es, wie leicht es mir fiel, am Beispiel des Kalten Krieges deutlich zu machen, dass beide Parteien die gleichen Absichten (Selbstschutz) hatten. Auf die Schnelle ist mir das mit dem Islamischen Staat (IS) und Westeuropa nicht gelungen. Ich vermute, dass es an der zeitlichen Distanz liegt. Jedes Feindbild, das wir haben, stellt eine echte Herausforderung an unsere Bereitschaft dar, den Menschen im anders Denkenden zu sehen und zu glauben, dass die „aggressive“ Tat die beste Strategie war, die ihm einfiel, um seine Bedürfnisse zu erfüllen. Hätte er eine andere gesehen, hätte er eine andere gewählt. Also, was versucht uns der IS zu sagen, wenn er Hinrichtungen im Internet veröffentlicht, Weltkulturerbe sprengt und Menschen in Paris in die Luft jagt? Ich könnte mir vorstellen, dass ISler sich von der westlichen Kultur bedroht fühlt. Und dass sie keine anderen Mittel sehen die eigene Kultur zu verteidigen.


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Das Urteil im menschlichen Gehirn

Die wichtigste Unterscheidung, die wir in der Evolutionsgeschichte treffen mussten, war: Freund oder Feind, gut oder böse. Wenn unsere Vorfahren diese Unterscheidung nicht treffsicher durchführen konnten, dann waren sie nicht unsere Vorfahren. Ein gutes Urteilsvermögen ist bis heute überlebensnotwendig.

Deshalb bewertet unser Gehirn ständig. Wir tun das mit unseren Gedanken („So ein Idiot!“) und Gefühle (z.B. Angst oder Freude). Und in Form von Gefühlen können wir unsere Beurteilung der Situation äußern, ohne andere in Schubladen zu packen (siehe auch Schritt 2 der GFK). Beim Äußern von Gedanken klappt das seltener.

Doch leider schießen wir beim Beurteilen meistens über unser Ziel hinaus. Es reicht zum Überleben, wenn unser Urteil ungefähr richtig ist (im Zweifel für die Gefahr oder gegen den Angeklagten). Doch auch eine Bemerkung, wie: „Was hast du da denn für einen Scheiß abgeliefert?“ (ein Urteil, keine Beobachtung) aktiviert unser Alarmsystem (Flight-and-Fight-System oder Kampf- und Fluchtsystem). Die Chefin direkt anzugreifen, wäre keine adäquate Reaktion, und so ist es für uns wichtig (heute mehr als früher), die Impulse unseres Kampf- oder Flucht-Systems zu überprüfen und zu kontrollieren. Es braucht einfach Zeit, um eine angemessene Antwort zu finden. Besonders wenn eine Antwort unsere Bedürfnisse (z.B. Wertschätzung, Fairness) und die der Chefin (z.B. Zuverlässigkeit, Unterstützung) gleichermaßen berücksichtigen will.

Die Zuständigkeit im Gehirn sieht wie folgt aus: Für die erste Bewertung („So redest du nicht mit mir!!!) und die körperliche Reaktion darauf (Schweißausbrüche, Herzbeschleunigung, trockener Mund etc.) sind im Gehirn die Mandelkerne (Amygdala) zuständig, für das Stoppen und Überdenken der ersten Impulse der Präfrontale Cortex (hinter der Stirn beheimatet). Dieser ist der neuste Teil der Großhirnrinde und greift bei seinen Entscheidungen sowohl auf rationale Fakten als auch Emotionen zurück. Welcher Teil des Gehirns antwortet, lässt sich auch an der Reaktionszeit festmachen. Bei reflexartiger Antwort waren es die Mandelkerne. Braucht es länger, dann war mit großer Wahrscheinlichkeit der Präfrontalen Cortex involviert. Doch das gilt nicht immer. Erstarren ist ebenfalls eine Reaktion des Kampf- und Fluchtsystems. Und bis die sich wieder löst, vergeht einiges an Zeit. Die ersten Reaktionen danach kommen nicht vom Präfrontalen Cortex. Dieser verabschiedet sich beim Erstarren völlig und ist danach nur schwer wieder zu aktivieren.


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Über den Sinn der Wolfsshow – (in der GFK)

Rumwolfen – Teil 1

Der sprichwörtliche Wolf (in uns) hat seinen Auftritt im GFK-Prozess in der Wolfsshow. Beim Rumwolfen geht es darum sich seine Gedanken und Urteile (wieder) bewusst zu machen. Und das in dem Bewusstsein, dass diese Wolfshow nicht die Wahrheit ist.

Rumwolfen heißt, mal so richtig vom Leder zu ziehen. Beispiel: „Der Idiot, weiß der sich nicht zu benehmen. Kein Respekt. Der müsste mal einen GFK-Kurs besuchen.“ Rumwolfen dauert meistens viel länger und kann sich auch gegen sich selbst richten: „Ich lass‘ mir auch alles gefallen. Dem hätte ich mal richtig die Meinung sagen sollen. Immer bin ich die Dumme!“

Manche Menschen sind so gut erzogen, dass sie laut keine Verurteilungen über andere (oder sich) äußern können oder wollen. Die Gefahr ist, dass die Urteile ins Unbewusste abrutschen. Dann nimmt man die Urteile bestenfalls noch körperlich war, z.B. als Bauchschmerz oder dumpfes Unwohlsein. Analysieren ist da salonfähiger, es erscheint so verständnisvoll. „Das ist einfach ein Scheidungskind. Man sieht ja, was dabei rauskommt, wenn jemand den ganzen Tag alleine ist. Man muss halt Nachsicht haben mit den Jugendlichen (Ausländern, Alleinerziehenden etc.).“

Analysieren gehört zum Rumwolfen, da es eine Form des Urteilens ist. Das Urteil „Scheidungskind“ wird in eine Theorie gepackt und mit mehr oder minder offensichtlichen Beweisen belegt. Der Effekt auf die Menschen, die analysiert werden, ist dem des Verurteilens sehr ähnlich. Wie unangenehm das ist, merkt man selten, wenn man es macht, und ganz schnell, wenn es einem passiert.

Warum ist Rumwolfen gut? Es bringt uns in Kontakt mit dem, was verändert werden muss, und liefert gleich die notwendige Energie mit. Wut ist damit eine treibende Kraft für Veränderungen, denen viele Menschen ängstlich begegnen. Auf das Rumwolfen zu verzichten, kann heißen, das, was mich antreibt, nicht zu erkennen. Dabei bleibt nicht nur verborgen, was mir wichtig ist, sondern auch, wie wichtig mir es ist. Das werde ich erst spüren, wenn die Wut im Bauch Platz bekommt.

Die destruktiven Effekte der Wut und des Rumwolfens sollen damit nicht unter den Tisch gekehrt werden. Hier ein paar Tipps zum Rumwolfen. Mache das nie vor der Person, die der Auslöser deiner Wut war/ist. Rumwolfen kann man gut auf dem Klo, im Wald, im Auto (und bitte auf Radfahrer achten)  oder vor unbeteiligten Freunden. Um destruktives Verhalten zu vermeiden, empfehle ich anschließend die vier Schritte der GFK als Vorbereitung auf den Konflikt.