gefühlte Gedanken

fühlend selbst-bewusst verstehen wollen


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Westliches Selbstbewusstsein – weiter so!?

Selbstbewusstsein ist ein evolutionärer Vorteil des Menschen. Das kann man bei dem Neurologen Antonio Damasio in „Selbst ist der Mensch“ lesen. Man schaue nur, in welchen Gegenden Mensch überleben kann. Dabei ist Mensch noch nicht einmal mehr auf jahrhundertealtes Wissen von Eskimos und Beduinen angewiesen. Dank moderner Technik können wir Schwimmbäder und Obstplantagen in Wüsten bauen und Forschungsstationen auf dem Mond und der Antarktis unterhalten.

Um das umzusetzen, braucht es eine gehörige Prise Selbstbewusstsein.

Doch wenn wir uns nur für europäische Ziele interessieren, dann kommen die Probleme aus Afrika und dem Nahen Osten eben zu uns. Wenn wir uns nur um unsere Bedürfnisse kümmern und die von Tieren und Pflanzen ignorieren, dann entziehen wir uns selbst langsam aber sicher die Lebensgrundlage.

Ach, so schlimm ist es nun auch wieder nicht! – Wirklich nicht?

Neulich bei einem Spaziergang in der alten Heimat. Mit Freude lausche ich im Wald den zahlreichen Vögeln. Auch komme ich durch Waldflächen, die erfreulich unaufgeräumt und wild aussehen. Bäume in Reih und Glied, die man leicht mit einem Maisfeld verwechseln könnte, gibt es natürlich auch, aber ich werde bescheide, was meine Ansprüche an die deutsche Natur angeht. Die Sonne scheint durch die noch kahlen Zweige und ich wähle einen Weg über die Felder zurück. Mit jedem Schritt, mit dem ich mich vom Waldrand entferne, wird es stiller. Rechts breitet sich ein noch braunes Rapsfeld aus, links säumt Buschwerk den Wegrand. Wo sind die Vögel? Ich suche das Gestrüpp ab, kann aber keine finden. Es ist unheimlich still. Ich frage einen alten befreundeten Bauern? Der zuckt resigniert mit den Schultern. Neue Pestizide: „Die sind so effektiv, die machen alles kaputt!“ Tausendfüßler, Spinnen oder Fliegen, kein Insekt entkommt der chemischen Keule. Und die Vögel müssen sich woanders ihre Nahrung suchen. Ich bin fassungslos! Da haben wir Menschen wieder mal selbstbewusst unserem Feind, den Schädlingen von Weizen und Mais, den Kampf angesagt, und ohne mit der Wimper zu zucken, zahlreichen anderen Arten den Lebensraum entzogen. Die totale Vernichtung ist erlaubt.

Aber mal ehrlich! Müssten wir mit unserem Bewusstsein, mit unserem Wissen über ökologische Zusammenhänge nicht weiter sein? Anscheinend nicht, wie traurig!

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Selbstvertrauen und die Fehler anderer

Brauchen wir als Jugendliche die perfekte Förderung? Ich glaube nicht. Weil man aus den Fehlern anderer genausoviel lernen kann wie aus den eigenen Fehlern. Genaugenommen braucht es Erfolg und Misserfolg, es braucht die eigenen und die Fehler von anderen, um ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Beispiele gefälltig?

Als Jugendliche trainierte ich Leichtathletik. Wir waren in der Vorbereitung auf einen großen Wettkampf und 14 Tage vor dem Sportereignis war ich topfit. Ich lief super, ich spürte meine Kraft, die Bahn flog unter meinen Füßen. Mein Trainer erhöhte die Wiederholungen. Weitere Sprints folgten, bis die Muskeln nichts mehr hergaben. Am Abend vor dem Wettkampf trafen sich alle Sportler. Im Flutlicht der Hotelanlage zogen wir einen Sprint nach dem anderen. Erschöpft fiel ich ins Bett. Der große Tag kam, ich stand am Startblock, der Schuss fiel. Puh! Die Muskeln wollten nicht. Es war, als würde ich mit einem alten Fiat einen LKW am Berg überholen. Die Zeit war eine Katastrophe, und wehmütig dachte ich an meine gute Form. Ich hatte es gespürt: lockeres Laufen und Schonen wäre besser gewesen.

Zwei Jahre später im Kunstunterricht. Wir hatte die Aufgabe ein Foto abzuzeichen. Es sollte ein großes Bild werden, A0. Meine Vorlage war ein Schwarz-weiß-Foto. Es zeigte das Gesicht eines Mannes, der im Halbdunkeln in die Kamera blickte. Mit weichen Bleistiften drückte ich förmlich dem Papier die dunkle Stimmung auf. Alles war fertig bis auf die Augen. Aber ich hatte solche Angst, den wichtigsten Teil zu verpatzen, dass ich meinen Lehrer um Rat bat. Der nahm mir kurzerhand den Bleistift aus der Hand und zeichnete die Augen. Dabei passierte ihm ein grober Fehler. Er vergaß die schmalen Augenlider, sodass die Augen zu groß wurden. Ich hatte die Augenlider gesehen. Ich hatte die Augen so oft angeschaut, dass ich jedes Detail kannte. Ich hätte jede Schattierung gezeichnet. Ich hätte es besser gekonnt‼

Das Bild hing jahrelang in meinem Zimmer, und ein Blick auf die Augen versetzte mir immer wieder einen Stich. Warum hatte ich nicht selbst gezeichnet?

Aus Angst zu versagen. Ich hatte den Sprung ins kalte Wasser, die Probe aufs Exempel, die Auseinandersetzung mit meinem Trainer und die Prüfung meines Könnens gescheut. Zu glauben, dass andere es besser wissen, ist manchmal das eigentliche Problem. Und ich bin froh, diesen Punkt wirklich gelernt zu haben. Das macht den Umgang mit Ärzten, Trainern und spirituellen Lehrern nicht immer leichter. Das Wissen, dass mein Gefühl oft besser ist als das eines „Fachmanns“, hat mir Selbstvertrauen gegeben. Ich bin mutiger geworden. Meine Fehler sind mir lieber. Ich will keine „fremden“  Augen mehr auf meinem Bild.

Danke für die Lehre! Auch wenn‘s hart war.


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In den Zellen gespeichert

Was liegt uns? Was verabscheuen wir? Du magst das, ich mag jenes! Der eine liebt den Anfang, das erste Verliebtsein, den Frühling. Die andere tut sich schwer mit dem Ende. Die zerrüttete Beziehung findet kein Ende. Die Welt geht unter, wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Ich für meinen Teil tue mich schwer mit Lebensübergängen. Egal ob große (wie eine Beziehung anfangen) oder kleine (wie Schlafen gehen). Wenn ich drin bin, ist alles gut. Aber dahinkommen ist echt schwer. Ich helfe mir mit Übergangsritualen, doch manchmal reichen selbst die nicht. Dann springe ich immer noch aus dem Bett, obwohl ich mein Standardprogramm mit Rückenübungen, Meditation und Zähneputzen hinter mir habe. Dann mache ich noch das Fenster auf, muss noch eine Decke holen, die Temperatur der Bettflasche stimmt nicht etc. – Nicht immer hat man das Glück herauszufinden, woher solche Vorlieben und Abneigungen kommen. Die Hintergründe zu meinem Übergangsthema fand ich zufällig.

Wo? In den Körperzellen.

Meine Körperzellen sprechen zu mir während der Massage, das wusste ich nicht immer. Zunächst einmal ging es mir ums Wohlfühlen, und so gönnte ich mir regelmäßige monatliche Termine. Das Schöne daran war, von Mal zu Mal wurde es noch schöner. Ich lernte immer tiefer loslassen.

Nach einigen Monaten stellte sich eine Phantasie ein. Als Andromedanebel triftete ich glücklich im Weltall. Entspannt betrachtete ich die schönen Himmelsformationen. Die Welt war gut, und ich war gut und außerdem mitten drin. Als ich einmal Bilder von Föten in der Gebärmutter sah, fiel mir auf, dass mein „Weltall“ eine gewisse Ähnlichkeit mit der optischen Umwelt eines Embryos hatte. Doch es blieb nicht bei diesem Fingerzeig auf ein vorgeburtliches Erleben. Nach weiteren Massagen packte mich nach der sehr angenehmen „Weltraumphantasie“ die Panik. Ich bekam überraschend keine Luft mehr. Es fühlte sich an, als würde ich erdrosselt. Ich konnte keine Erklärung dafür finden. Sehr zögerlich liebäugelte ich mit der Idee von „Erinnerungen“ aus einem vorherigen Leben. Menschen, die eine Rückführung gemacht haben, berichten von früheren Leben und mitunter von ihrer Todesursache. Nur, ich glaube nicht so recht daran.

Als mich meine Osteopathin bei einer Rückenbehandlung fragte, wie denn meine Geburt verlaufen sei, ich hätte den Geburtsreflex noch im Körper, wurde ich stutzig. Der Geburtsreflex ist eine Bewegung, die ein Kind zum Einleiten der Geburt ausführt. Es überstreckt den Rücken und legt den Kopf in den Nacken. Dadurch reißt die Fruchtblase. Auf meine Frage hin erzählte meine Mutter, du hattest die Nabelschnur um den Hals und warst nach der Geburt ganz blau angelaufen. Kein Wunder, dass der Geburtsreflex stecken blieb! Mit jeder Streckung meines Rückens zog sich die Nabelschnur weiter zu. Mein erster Übergang in diese Welt war also ziemlich bedrohlich.

Doch wo kommt die Erinnerung her? Wer Bücher zur kindlichen Entwicklung liest, erfährt dort, dass wir die Zeit vor dem 2. Lebensjahr so schlecht erinnern, weil das Ich noch nicht ausgebildet ist und das autobiographische Gedächtnis seine Arbeit noch nicht aufgenommen hat. Das autobiografische Gedächtnis strukturiert bedeutsame Lebenserinnerungen und ordnet sie bestimmten Lebensphasen zu. Auch braucht es scheinbar die Sprache mit ihrer grammatikalischen Struktur, um ein Gefühl für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu entwickeln.

Doch was ist mit der Zeit davor?

Erfahrungen werden im Limbischen System und – in den Zellen gespeichert. Tiere, die schlechte Erfahrungen gemacht haben, lernen auch, gefährliche Situationen zu fürchten. Dazu braucht es keine Worte. Es braucht nur ein ähnliches Setting und schon läuft die Vermeidungsstrategie. Willst du wirklich da durch? – Da sagen meine Zellen doch glatt:

-NEIN! Auf gar keine Fall‼

Und dann, irgendwann:

-Na gut, ich habe es das letzte Mal auch überlebt.


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Eine Lösung, die keine ist

Dissoziation – ein klobiges Wort. Sigmund Freud benutzte es, Ken Wilber auch. Ein Wort, das sich nach „falsch machen“ anhört. Was passiert, wenn die Seele dissoziiert? Wenn sie feststellt, dass sie einem Teil von sich nicht gewachsen ist? Einem ungewollten Teil. Keiner mag ihn. Man selbst auch nicht.

Dissoziation ist die scheinbare Lösung. Eine Eigenschaft, ein Gefühl ist für einen selbst und für andere nicht mehr tragbar. Es ist zu schwer, zu scharfkantig, zu unschön. Es liegt im eigenen Boot – der Psyche – und ist nicht mehr zu ertragen, also kommt es raus. Wie einen Anker hievst du es über Bord. So, jetzt bist du dieses widerwärtige Ding (namens Wut, Verträumtheit oder Größenphantasien) los. Aufatmen. Erfolgreich dissoziiert. Das Boot nimmt an Fahrt auf, der Anker gleitet ins Wasser. Die Leine rollt sich unbemerkt ab. Rollt ab, rollt ab. Der Anker verhakt sich. Ein kleiner Ruck, die Leine geht auf Spannung, die Fahrt bremst. Manchmal erst nach Jahren. Scheinbar frei von persönlichen Problemen verlangsamt sich die Lebensfahrt. Boot und Strömung zerren an der Leine, sie dehnt sich, überdehnt sich, sie schmerzt. Die Entwicklung stoppt. Angst vor den Schmerzen kommt dazu. Bloß nicht weiterfahren, das tut zu sehr weh! Das Boot steht in der Strömung. Glücklich der, dem bewusst wird, dass das nicht das Ziel des Lebens ist. Doch je stärker der Wunsch weiterzukommen, umso mehr zerrt das Boot an der Leine. Unter Schmerzen versucht die Leine nachzugeben, bis sie fast zu reißen droht. Doch was am anderen Ende hängt, gehört zu dir.

So geht es nicht weiter.

Doch wie weiterkommen? Der Weg geht zurück. Erst mal hart gegen die Strömung rudern. Die Spannung der Leine lösen. Reicht das nicht, um den Anker einzuholen, muss man tauchen gehen. Luftschnappen, tauchen, Anker ausgraben. Wenn man ihn findet. Manch einer hat sich tief in den Sand gegraben, ist nicht mehr zu sehen. Die Leine weist den Weg. Sie sagt, folge dem Schmerz, dann findest du den Anker, den Haken in deinem Leben, das Gewicht, das du meintest, nicht mitnehmen zu können.

Hol es raus, es gehört zu dir.

 


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Schamlos reich – ist das richtig?

Was bedeutet Reichsein? Es bedeutet, mehr als genug von etwas zu haben. Das kann Geld sein, muss es aber nicht. Man kann reich an Zeit, reich an Freunden, reich an Familie oder reich an Talent sein. Reichsein ist etwas sehr Erfreuliches. Reichtum verschafft Möglichkeiten. Er kann frei machen und gute Eigenschaften wie Großzügigkeit hervorbringen. Er kann sich aber auch mit Geiz und Ausnutzung paaren, doch heute möchte ich die positiven Aspekte in den Blick nehmen.

Eine Kollegin erzählte mir diese Woche: „Früher hab ich habe sehr gut verdient. Ein Spontanurlaub in der Karibik war genauso drin wie der Luxus, die Putzfrau zweimal die Woche kommen zu lassen. Heute bedauere ich vor allem zwei Dinge: 1. dass ich alles ausgegeben und nichts zurücklegt habe und 2. dass mir jegliches Bewusstsein darum fehlte, was für ein Geschenk all das Geld war. Ich habe nur meine Probleme gesehen, meinen Reichtum aber nicht.“ Auffallend ist, dass sie die vertane Freude mehr bedauert als das verflossene Geld.

Ich möchte das als Hinweis nehmen. Bei mir schleicht sich die gleiche Tendenz ein, eher den „Mangel“ als den eigenen „Reichtum“ zu sehen. Ich bin nicht reich an Geld, aber an Zeit. Und diese „Zeit“ ist für mich unglaublich wertvoll. So wertvoll, dass ich auch schon „mehr Geld“ im Tausch dagegen abgelehnt habe.

Hast du dich schon mal gefragt, worin dein Reichtum steckt? Bist du reich an Freunden, reich an Familie, reich an Zeit, Geld oder Liebe? Wie beschenkt das Leben dich? Was hältst du für selbstverständlich? Oft versteckt sich darin unser persönlicher Schatz? Und wenn du ihn kennst, schätzt du deinen „Reichtum“? Pflegst du ihn? Teilst du ihn? Feierst du ihn?

Nur zu oft tun wir das nicht. Deshalb erinnern uns Lieder und Gedichte daran. „You don’t know, what you got, until it’s gone“. Der Verlust von  etwas, was Wert besaß, den wir nicht erkannten, ist besonders schmerzhaft. Jeder Wert, ich nenne ihn hier Reichtum, will gefeiert werden. Von Königen können wir lernen unsere Reichtum zu feiern. Sie taten es in Form von Schlössern, schönen Kleidern und Sinfonien. Auch wenn mein sozial eingestellter Onkel sagt, sie hätten das Geld des Volkes verprasst. Genau dieses Volk zieht heute mit Stolz durch diese Schlösser und bewundert den Reichtum. Niemand hat etwas davon, wenn du dich deines Reichtums schämst. Bevor du dich schämst, teile ihn lieber. Doch auch das ist nicht zwingend notwendig. Kein Kirschbaum schämt sich seiner Blütenpracht. Er verausgabt sich darin. Er feiert seine Schönheit, seine Fruchtbarkeit und seinen Reichtum. Geld zu haben und sich selbst nichts zu gönnen, ist Hohn für alle, die nichts haben. Zeit zu haben und sich keine Zeit zu lassen, wird niemand verstehen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal in Ruhe Mittag zu essen. Viele Freunde zu haben und sich nicht der Gemeinschaft zu erfreuen, ist nicht nur Verrat an den eigenen Freunden, sondern auch an denen, die alleine sind.

Der Verweis auf die Menschen, die noch schöner, noch reicher, noch talentierter sind, zählt nicht.

Feiere deinen Reichtum! Warte nicht darauf, dass das Leben dich lehrt, dass es genau darauf ankommt.


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Selbstständig – wieviel bist du?

Selbstständig bin ich schon lange. Und wenn ich mir recht überlege, was mir am Anfang am meisten Schwierigkeiten bereitet hat, war es der Umgang mit der Arbeitszeit. Zuvor als Angestellte war ich gewohnt, einen großen Arbeitsumfang effektiv abzuarbeiten. In der Selbstständigkeit war das anders. Für mein Business arbeitete ich wenig, Gedanken darüber machte ich mir viel. Gleich nach dem Aufwachen fing ich damit an, während der Mittagspause machte ich mir Notizen, die besprach ich nach Feierabend mit Freunden und versuchte vor dem Einschlafen festzulegen, was ich am nächsten Tag eigentlich anfangen wollte. Da ich nachts nicht zu einer Entscheidung kam, begann ich am nächsten Morgen wieder von vorne. Tat ich das nicht, haderte ich mit mir. Ich war total erschöpft. Zum Glück sprach ich mit einer Freundin, die mein Problem auf den Punkt brachte:

„Du bist in einer Doppelrolle! Du bist jetzt Chefin und Angestellte in einem.“

Das brachte die Erkenntnis. Als Chefin war ich für die Unternehmensausrichtung verantwortlich, und das war mir neu. Ich musste Ziele definieren, Projekte entwickeln, Prioritäten setzen und vor allem der Angestellten erklären, was sie tun sollte. Und außerdem hatte ich die finanzielle Verantwortung, die ungewohnt auf mir lastete.

Andererseits war ich Angestellte. Ich musste Flyer erstellen, drucken und verteilen, Akquisetelefonate führen, den Seminarraum vorbereiten, einkaufen, putzen, die Unterlagen rausschicken und vieles, vieles mehr. Und wie jede Angestellte, wollte ich von meiner Arbeitgeberin nach der Arbeit in Ruhe gelassen werden, was leider nicht der Fall war. Ich wollte Feierabend und Urlaub haben, was auch nicht selbstverständlich war. Optimale Arbeitsbedingungen waren das nicht, vor allem wenn man die Bezahlung berücksichtigte.

Ich steckte also in zwei Rollen fest, ich war zur multiplen Persönlichkeit geworden. Hinzu kam, dass die Chefin noch jung und unerfahren war. Sie konnte sich schwer gegenüber der Angestellten behaupten. Oft wusste sie sich nicht anders zu helfen, als Urlaubssperren zu verhängen sowie Überstunden und Wochenendarbeit zu fordern.

Ich hatte also eine handfeste betriebliche Auseinandersetzung am Laufen. Alle paar Tage trat die Angestellte in den Streik. Dadurch geriet die Chefin noch mehr unter Druck und schraubte die Erwartungen hoch.

Als ich dies erkannte, führte ich ein paar Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Regelungen ein. Erstens Angestellte haben einen gesetzlichen Anspruch auf Urlaub und Freizeit. Im Gegenzug versuchte ich die Angestellte dazu zu bewegen, früher anzufangen, was nicht gelang. Also legte ich die planerische Arbeit der Chefin auf den Vormittag. Das bedeutet, dass ich mir Zeit nehme, in Ruhe nachzudenken, und dann Entscheidungen treffe, am Schreibtisch, nicht im Bett. Da waren Gedanken zur Unternehmensstrategie ab sofort tabu.

Das interne Gesprächsklima hat sich verbessert. Chefin und Angestellte werfen sich jetzt nicht mehr gegenseitig vor, sich auf Kosten der anderen auf die faule Haut zu legen. Alle wissen, dass zwei Rollen nicht 2x 40 Stunden bedeuten, sondern 2×20 Stunden.

Nicht alle Spannungen haben sich damit gelösten, aber heute erlebe ich mich wieder als effektiv. Arbeit und Freizeit stehen im richtigen Verhältnis zueinander. Ich bin für den Hinweis zu den beiden Rollen unglaublich dankbar, deshalb liest du heute davon. Er hat mir inneren Frieden ermöglicht.


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Der Traumjob und das liebe Geld

Kennst du den Film „Die Comedian Harmonists“? Die Szene, in der die frischgebackenen Sänger einen sehr geschäftigen Hintergrund simulieren, um neuen Kunden den Eindruck zu vermitteln, sie seien gefragt? Ich habe lange Zeit dasselbe versucht. Und hier möchte ich keine potentiellen Kunden durch einen ehrlichen Bericht verschrecken. Deshalb habe ich einen neuen Namen gewählt.

Ich heiße Sonja Frustenberg*. Vor sieben Jahren habe ich die GFK** kennengelernt und war schnell begeistert. Während meines ersten Jahrestrainings fand ich Gefallen an der Idee, GFK-Trainerin zu werden. Ich bewunderte meine Trainer und glaubte an mein Talent. Für die Selbstständigkeit entschied ich mich, weil ich keine anderen Alternativen mehr sah. In meinem damaligen Job zählten menschliche Werte nicht. Mitarbeiter wurden verraten und ausgenutzt, Abteilungsleiter hängengelassen, und als kaufmännisch galt allein der Vorteil der Firma. Hatte das den finanziellen Ruin eines Geschäftspartners zu Folge, wurde mit den Achseln gezuckt. Kurz gesagt, Menschlichkeit gab es nicht. Dagegen schien die Aussicht, als GFK-Trainerin meine Werte in die Welt zu tragen, als der berufliche Himmel auf Erden.

Gesagt, getan. Ich startete mit Homepage und Visitenkarten. Der erste Workshop im Freundeskreis war ein Erfolg, ich war geflasht. Nur die Sportkollegen schauten etwas skeptisch, als ich erklärte, wovon ich in Zukunft leben wollte. Die Tatsache, dass ich keine geschäftlichen Verbindungen und auch keine Berufserfahrung hatte, versuchte ich durch Motivation und Einsatz auszugleichen.

Der Gründungszuschuss sollte mir den Start erleichtern. Ich rechnete die Gehälter mir bekannter Trainer hoch und befand, dass das reichen würde. Dem Umstand, dass zu der Zeit die Teilnehmerzahlen meines Trainers stark rückläufig waren, schenkte ich keine Aufmerksamkeit. Für den Zuschuss musste ich dem Arbeitsamt belegen, dass man von GFK leben konnte. Dazu setzte ich einen Wochenend-Workshop pro Monat an. Das erschien mir zwar unrealistisch, da ich niemand kannte, der so häufig Einführungen gab, aber es war nötig, um auch nur in den unteren Gehaltsbereich zu kommen. Meine Sorgen, dass es in meiner Stadt bereits sechs aktive GFK-Trainer gäbe (heute sind es mindestens 15), zerstreute der Gutachter des Gründungszuschusses. Er meinte, viele Trainer würde bedeuten, dass es da etwas zu holen gäbe. „Wenn es keine Kunden gäbe, gäbe es auch keine Trainer!“ Weit gefehlt, er kannte die GFK-Szene nicht.

Den monatlichen Workshop-Turnus senkte ich sehr bald auf alle drei Monate. Kurze Zeit später waren es nur noch zwei pro Jahr und seit zwei Jahren schreibe ich GFK-Workshops nur aus, damit etwas auf der Homepage steht. Ich hatte in sechs Jahren Selbstständigkeit nie mehr als 3 Teilnehmer. Werbung machte ich über meine Homepage, Veranstaltungskalender, Trainer-Portale, Laternenpfahlwerbung und Flyern in Cafés und Bioläden. Ich schaltete bezahlte Werbung im Internet und in Esoterik-Blättchen. Doch jede bezahlte Werbung setze ich bald wieder ab, weil sie keine Kunden brachte. Versuche mal die GFK in einen Werbeslogan zu verpacken, ohne die GFK-Werte zu verraten!

Meine Trainererfahrung sammelte ich in erster Linie durch themenverwandte Workshops. Seit einiger Zeit fragen mich Teilnehmer, wie sie in meine Fußstapfen treten können. Das bringt mich in Gewissenskonflikte. Gerne würde ich sage, besuche viele Kurse (bei mir). Aber ich weiß, dass Kurse besuchen nicht ausreicht.

Die große Krise kam nach vier Jahren. Meine persönliche Umsatzstatistik verriet mir, dass sich nichts bewegte. Es gab noch nicht einmal eine leichte Tendenz nach oben. Und Umsatz konnte man die paar Euro auch nicht nennen, Taschengeld wäre wohl passender. In meiner Verzweiflung suchte ich Unterstützung in der GFK-Szene. Ich fand Kollegen, die bereitwillig Empathie gaben. Doch manch einer konnte es sich nicht verkneifen zu behaupten, wenn man etwas liebe, dann würde das in die Welt strahlen und die Teilnehmer anziehen. Das kränkte mich zu tiefst. Wollten die mir erzählen, dass ich meine Arbeit nicht genug lieben würde? Hatte ich eine Blockade, wie manche vermuteten? Ich entschied mich für eine systemische Aufstellung, um den Fehler im System zu finden. Dazu telefonierte ich mit dem Leiter eines bekannten Ausbildungsinstituts, das bis zu 90 Coaches und Berater im Jahr ausbildet. Der Mann war also im Geschäft. Ich erklärte ihm mein Problem. Daraufhin stellte er mir zwei Fragen.

  1. Wie viele Trainer kennst du, die davon leben können?

Da musste ich erstmal nachdenken und kam auf – zwei.

  1. Sind diese zwei Trainer dein Jahrgang (was den Berufsstart angeht) oder älter.

Sie waren schon über 10 Jahre im Geschäft. Ganz klar, nur „ältere“ Trainer bestritten ihren Lebensunterhalt davon. Die Erkenntnis traf mich mit Wucht.

Er meinte nur: „Du brauchst keine Aufstellung. Von Tagesworkshops kann man nicht leben. Der Werbeaufwand steht in keinem Verhältnis zum Verdienst. Wir machen das ausschließlich aus Marketinggründen. Unser Geld verdienen wir mit der Ausbildung. Das sind mindestens 20 Ausbildungstage pro Jahr und Person.“

Es hat lange gedauert, bis ich mich von meinem Wunschtraum habe trennen können. Es macht mich immer noch traurig, wenn ich darüber schreibe. Doch es erleichtert mich, dass ich nicht mehr erwarte, von der GFK oder einem anderen meiner Herzensprojekte leben zu wollen.

Und um auf die Behauptung des Gutachters zurückzukommen, dass vorhandene Konkurrenz auf Einnahmequellen verweisen: er hat schlicht übersehen, dass Geld nicht die einzige Motivation ist, einen Beruf zu ergreifen. Schauspieler, Sänger und Ballerinas. Alle wissen, nur wenigen winkt Ruhm und Geld. Glücklich der, der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet. Alle anderen bezahlen in erster Linie ihre Ausbildung. Ob der Wunschtraum den finanziellen Einsatz und die Unsicherheit wert ist, muss jeder selbst entscheiden.

Doch einen Tipp habe ich: Wenn du GFK-Trainer werden möchtest, empfehle ich dir vor allem eines, eine zuverlässige zweite Einnahmequelle.

 

*Ich veröffentliche hier den Artikel meiner lieben Kollegin Sonja. Sie möchte gerne eine Leserschaft erreichen, und es ist noch unsicher, ob der Artikel in der Zeitschrift „Empathische Zeit“ veröffentlich wird. Was sie schreibt, kann ich aus eigener Erfahrung gut nachvollziehen und glaube, dass die Berufsbezeichnung „Trainer“ genauso gut durch Coach, Systemische Berater, Personal Coach etc. ersetzt werden kann.          Tiefenkontakt

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