Tiefenkontakt

fühlend selbst-bewusst verstehen wollen


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„Ein Leben in der Fülle“ – möglich oder nur dummes Geschwätz?

Wir sitzen auf Meditationskissen im Kreis und brain-stormen. Wie soll unser Baby heißen? Es wird ein 5-Tage Intensivseminar in Gewaltfreier Kommunikation. „Leben im Flow“? – nicht unser Thema; „Achtsames Sprechen“ – zu speziell; „Ein Leben in Fülle“? – Das passt. Meine Kolleginnen sind begeistert. Ich nicht: Fülle, was soll das? So wie im Supermarkt, wenn man sich fragt, warum man eigentlich zwei auf vier Meter Regalwand für 50 Variationen von Kartoffelchips braucht? „In die Fülle kommen“, ist das nicht so ein esoterisches Gerede von „es ist genug für alle da“? Schau dich doch um, es ist nicht genug! Im letzten Jahr hat jede von uns 180 Euro verdient, nennt man das Fülle? Ich lasse mich um des lieben Friedens willen auf den Namen ein.

Ende September, das Seminar beginnt, und ich bin nervös. Doch dazu gibt es keinen Grund. Die Teilnehmer sind begeistert, die Gruppe wächst zusammen, die Themen werden persönlicher. Mehr als einmal gelingt es uns, viele verschiedene scheinbar widersprüchliche Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Auch mit dem Geld ist es dieses Jahr besser. Wir haben mehr Anmeldungen. Wir wollen etwas Neues ausprobieren. Fülle nicht nur für die Teilnehmer, Fülle auch für uns Trainerinnen. Dazu gehört eine ungewöhnliche Aktion. Inken Gritto, eine Kollegin, bittet die Workshopteilnehmer um Geld. „Hier ist eine rosa Box, die wird hier bis zum Ende des Seminars stehen. Wer uns bei der Erfüllung unseres Bedürfnisses, uns selbst und unsere Familien zu versorgen, unterstützen will, kann hier Geld hineinlegen. Die Summe soll für euch stimmen, es besteht kein Zwang zu geben. Nur die Bitte, es von Herzen zu tun.“

Ich bin schwer beeindruckt von ihrem Mut. Und ich glaube nicht daran. Mehr als 25 Euro kann ich mir nicht vorstellen. Die haben schließlich alle eine Teilnahmegebühr bezahlt!

Wir finden 1.470 Euro und zahlreiche Liebes- und Dankesbriefe, die die Geldspenden noch schöner machen. Ich kann es kaum glauben.

Das Seminar ist vorbei. Der Herbst hat Hamburg eingeholt und der Termin der Geldverteilung rückt näher. Ich bin mal wieder nervös und im Widerstand. Das Geld soll nach dem Prinzip des „Geldstapels“ (Money-Pile nach Dominic Barter) verteilt werden. D.h. wer Geld braucht, soll Geld bekommen. Klingt revolutionär. Klingt wie „Leben in Fülle“ live. Aber es liegt wieder außerhalb meiner Vorstellung. Im Geiste schimpfe ich vor mich hin: Bedürfnisorientiert?!?  Wer am besten jammert, bekommt am meisten Geld. Was ist mit Wertschätzung für gute Arbeit?

Der Verteilungsprozess

Man legt das Geld (am besten in bar) in die Mitte und alle, die davon etwas abhaben wollen, sitzen darum herum. (Schon einmal mehrere 1000 Euro auf einem Haufen gesehen?)

In der ersten Runde muss jeder einen Zug machen. D.h. entweder sich selbst Geld geben und erklären, welches Bedürfnis er sich damit erfüllt oder anderen Geld geben und wiederum erklären, welches Bedürfnis er sich damit erfüllt. Nichts ist festgeschrieben, Geld kann gegeben und genommen werden. Danach werden nur noch die aktiv, die mit der bisherigen Geldverteilung (noch) nicht zufrieden sind.

Das Ganze geht so lange, bis keiner mehr einen Änderungsimpuls hat.

Wir sitzen um das Bargeld, und Inken zerstreut meine Zweifel. Jedes Bedürfnis ist willkommen, natürlich auch Wertschätzung, aber auch Unterstützung, Empathie, egal. Es geht los. Unsere Kollegin für die Organisation nimmt sich das Geld, gibt sich einen kleinen Teil und verteilt den Rest zu gleichen Teilen an uns Trainerinnen. Puh, das fühlt sich erst einmal sicher an. Keine wird benachteiligt. Außer vielleicht sie selbst? Doch dabei bleibt es nicht. Schon die nächste Trainerin gibt ihr deutlich mehr und verteilt um. Jetzt ist es nicht mehr gleich.

Ich habe diesen Prozess schon einmal im GFK-Verein mitgemacht. Und ich war erstaunt, wie viel Freude mir das Geben bereitet. „Schatz, komm her, ich weiß, du brauchst Geld! Hier hast du 300 Euro.“ Ich selbst knapse seit Jahren mit dem Geld und damals konnte ich schenken. Ein grandioses Gefühl!

Aber in der ersten Runde der Geldverteilung sitze ich vor meinem gerechten Anteil und die Geberfreude will sich nicht einstellen. Misstrauisch beäuge ich jede Bewegungen. Greift jemand nach meinem Stapel, möchte ich protestieren. Doch mit der Zeit wird er größer. Irgendwann ist er so groß, dass ich geben könnte. Es fühlt sich aber noch zu grenzig an. Noch ein Zug und vor mir liegt viel Geld. Ich komme in Geberlaune. Ich greife mir ein paar Scheine, da wird mir bewusst, dass ich nicht so viel habe, wie ich geben möchte. Ok, dann kleine Brötchen backen. Mann, ist das aufregend! Welche Bedürfnisse erfülle ich mir damit? Wertschätzung ganz klar. Zeigen, dass sie mir wichtig ist, genau. Irgendwann kommt der Prozess zur Ruhe. Ok, das ist es. Jede hat einen komplett anderen Betrag vor sich liegen und alle sind zufrieden. Ich brauche wohl nicht erwähnen, dass ich das kaum glauben kann.

Ich habe viel Geld bekommen. Und es bedeutet mir viel. Es ist die materialisierte Wertschätzung und Unterstützung von Kollegen und Teilnehmern. Und ich habe an meiner eigenen Haut erfahren, was es bedeutet, nicht geben zu können, weil es für einen selbst nicht reicht. Und genau wegen dieser Erfahrung bin ich nicht nur den Teilnehmern dankbar, die mir mit ihrem Geld ein Gefühl von Reichtum ermöglicht haben, ich bin auch denen dankbar, die nichts gegeben haben und damit ihre eigenen Grenzen gewahrt haben.

Das war es von mir.

Und du? Kommst du in den Genuss, mit Freude zu geben? Hast du, was du brauchst? Sagst du, wenn du was brauchst? Beides wichtig, beides wertvoll!

Ein Leben in Fülle heißt nicht, nichts zu brauchen. Ein Leben in Fülle heißt, das zu teilen, was wir gemeinsam haben. Das Teilen macht uns reich!

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Die Seele verhakt

Das Ding da in dir, ist nicht mehr tragbar- eine Eigenschaft, ein Gefühl. Es ist zu schwer, zu scharfkantig, zu unschön. Es liegt im Boot – der Psyche – und ist ist äußerst hässlich, es muss raus! Wie einen Anker hievst du diesen Teil von dir über Bord. So, jetzt bist du dieses widerwärtige Ding (namens Wut, Verträumtheit oder Größenphantasien) los. Aufatmen. Erfolgreich dissoziiert. Das Boot nimmt an Fahrt auf, der Anker gleitet ins Wasser. Die Leine rollt sich unbemerkt ab. Rollt ab, rollt ab. Der Anker verhakt sich. Ein kleiner Ruck, die Leine geht auf Spannung, die Fahrt bremst. Manchmal erst nach Jahren. Scheinbar frei von persönlichen Problemen verlangsamt sich die Lebensfahrt. Boot und Strömung zerren an der Leine, sie dehnt sich, überdehnt sich, sie schmerzt. Die Entwicklung stoppt. Angst vor den Schmerzen kommt dazu. Bloß nicht weiterfahren, das tut zu sehr weh! Das Boot steht in der Strömung. Glücklich der, dem bewusst wird, dass das nicht das Ziel des Lebens ist. Doch je stärker der Wunsch weiterzukommen, umso mehr zerrt das Boot an der Leine. Unter Schmerzen versucht die Leine nachzugeben, bis sie fast zu reißen droht. Doch was am anderen Ende hängt, gehört zu dir.

So geht es nicht weiter.

Doch wie weiterkommen? Der Weg geht zurück. Erst mal hart gegen die Strömung rudern. Die Spannung der Leine lösen. Reicht das nicht, um den Anker einzuholen, muss man tauchen gehen. Luftschnappen, tauchen, Anker ausgraben. Wenn man ihn findet. Manch einer hat sich tief in den Sand gegraben, ist nicht mehr zu sehen. Die Leine weist den Weg. Sie sagt, folge dem Schmerz, dann findest du den Anker, den Haken in deiner Seele, das Gewicht, das du meintest, nicht mitnehmen zu können.

Hol es raus, es gehört zu dir.


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Westliches Selbstbewusstsein – weiter so!?

Selbstbewusstsein ist ein evolutionärer Vorteil des Menschen. Das kann man bei dem Neurologen Antonio Damasio in „Selbst ist der Mensch“ lesen. Man schaue nur, in welchen Gegenden Mensch überleben kann. Dabei ist Mensch noch nicht einmal mehr auf jahrhundertealtes Wissen von Eskimos und Beduinen angewiesen. Dank moderner Technik können wir Schwimmbäder und Obstplantagen in Wüsten bauen und Forschungsstationen auf dem Mond und der Antarktis unterhalten.

Um das umzusetzen, braucht es eine gehörige Prise Selbstbewusstsein.

Doch wenn wir uns nur für europäische Ziele interessieren, dann kommen die Probleme aus Afrika und dem Nahen Osten eben zu uns. Wenn wir uns nur um unsere Bedürfnisse kümmern und die von Tieren und Pflanzen ignorieren, dann entziehen wir uns selbst langsam aber sicher die Lebensgrundlage.

Ach, so schlimm ist es nun auch wieder nicht! – Wirklich nicht?

Neulich bei einem Spaziergang in der alten Heimat. Mit Freude lausche ich im Wald den zahlreichen Vögeln. Auch komme ich durch Waldflächen, die erfreulich unaufgeräumt und wild aussehen. Bäume in Reih und Glied, die man leicht mit einem Maisfeld verwechseln könnte, gibt es natürlich auch, aber ich werde bescheide, was meine Ansprüche an die deutsche Natur angeht. Die Sonne scheint durch die noch kahlen Zweige und ich wähle einen Weg über die Felder zurück. Mit jedem Schritt, mit dem ich mich vom Waldrand entferne, wird es stiller. Rechts breitet sich ein noch braunes Rapsfeld aus, links säumt Buschwerk den Wegrand. Wo sind die Vögel? Ich suche das Gestrüpp ab, kann aber keine finden. Es ist unheimlich still. Ich frage einen alten befreundeten Bauern? Der zuckt resigniert mit den Schultern. Neue Pestizide: „Die sind so effektiv, die machen alles kaputt!“ Tausendfüßler, Spinnen oder Fliegen, kein Insekt entkommt der chemischen Keule. Und die Vögel müssen sich woanders ihre Nahrung suchen. Ich bin fassungslos! Da haben wir Menschen wieder mal selbstbewusst unserem Feind, den Schädlingen von Weizen und Mais, den Kampf angesagt, und ohne mit der Wimper zu zucken, zahlreichen anderen Arten den Lebensraum entzogen. Die totale Vernichtung ist erlaubt.

Aber mal ehrlich! Müssten wir mit unserem Bewusstsein, mit unserem Wissen über ökologische Zusammenhänge nicht weiter sein? Anscheinend nicht, wie traurig!


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Selbstvertrauen und die Fehler anderer

Brauchen wir als Jugendliche die perfekte Förderung? Ich glaube nicht. Weil man aus den Fehlern anderer genausoviel lernen kann wie aus den eigenen Fehlern. Genaugenommen braucht es Erfolg und Misserfolg, es braucht die eigenen und die Fehler von anderen, um ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Beispiele gefälltig?

Als Jugendliche trainierte ich Leichtathletik. Wir waren in der Vorbereitung auf einen großen Wettkampf und 14 Tage vor dem Sportereignis war ich topfit. Ich lief super, ich spürte meine Kraft, die Bahn flog unter meinen Füßen. Mein Trainer erhöhte die Wiederholungen. Weitere Sprints folgten, bis die Muskeln nichts mehr hergaben. Am Abend vor dem Wettkampf trafen sich alle Sportler. Im Flutlicht der Hotelanlage zogen wir einen Sprint nach dem anderen. Erschöpft fiel ich ins Bett. Der große Tag kam, ich stand am Startblock, der Schuss fiel. Puh! Die Muskeln wollten nicht. Es war, als würde ich mit einem alten Fiat einen LKW am Berg überholen. Die Zeit war eine Katastrophe, und wehmütig dachte ich an meine gute Form. Ich hatte es gespürt: lockeres Laufen und Schonen wäre besser gewesen.

Zwei Jahre später im Kunstunterricht. Wir hatte die Aufgabe ein Foto abzuzeichen. Es sollte ein großes Bild werden, A0. Meine Vorlage war ein Schwarz-weiß-Foto. Es zeigte das Gesicht eines Mannes, der im Halbdunkeln in die Kamera blickte. Mit weichen Bleistiften drückte ich förmlich dem Papier die dunkle Stimmung auf. Alles war fertig bis auf die Augen. Aber ich hatte solche Angst, den wichtigsten Teil zu verpatzen, dass ich meinen Lehrer um Rat bat. Der nahm mir kurzerhand den Bleistift aus der Hand und zeichnete die Augen. Dabei passierte ihm ein grober Fehler. Er vergaß die schmalen Augenlider, sodass die Augen zu groß wurden. Ich hatte die Augenlider gesehen. Ich hatte die Augen so oft angeschaut, dass ich jedes Detail kannte. Ich hätte jede Schattierung gezeichnet. Ich hätte es besser gekonnt‼

Das Bild hing jahrelang in meinem Zimmer, und ein Blick auf die Augen versetzte mir immer wieder einen Stich. Warum hatte ich nicht selbst gezeichnet?

Aus Angst zu versagen. Ich hatte den Sprung ins kalte Wasser, die Probe aufs Exempel, die Auseinandersetzung mit meinem Trainer und die Prüfung meines Könnens gescheut. Zu glauben, dass andere es besser wissen, ist manchmal das eigentliche Problem. Und ich bin froh, diesen Punkt wirklich gelernt zu haben. Das macht den Umgang mit Ärzten, Trainern und spirituellen Lehrern nicht immer leichter. Das Wissen, dass mein Gefühl oft besser ist als das eines „Fachmanns“, hat mir Selbstvertrauen gegeben. Ich bin mutiger geworden. Meine Fehler sind mir lieber. Ich will keine „fremden“  Augen mehr auf meinem Bild.

Danke für die Lehre! Auch wenn‘s hart war.


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In den Zellen gespeichert

Was liegt uns? Was verabscheuen wir? Du magst das, ich mag jenes! Der eine liebt den Anfang, das erste Verliebtsein, den Frühling. Die andere tut sich schwer mit dem Ende. Die zerrüttete Beziehung findet kein Ende. Die Welt geht unter, wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Ich für meinen Teil tue mich schwer mit Lebensübergängen. Egal ob große (wie eine Beziehung anfangen) oder kleine (wie Schlafen gehen). Wenn ich drin bin, ist alles gut. Aber dahinkommen ist echt schwer. Ich helfe mir mit Übergangsritualen, doch manchmal reichen selbst die nicht. Dann springe ich immer noch aus dem Bett, obwohl ich mein Standardprogramm mit Rückenübungen, Meditation und Zähneputzen hinter mir habe. Dann mache ich noch das Fenster auf, muss noch eine Decke holen, die Temperatur der Bettflasche stimmt nicht etc. – Nicht immer hat man das Glück herauszufinden, woher solche Vorlieben und Abneigungen kommen. Die Hintergründe zu meinem Übergangsthema fand ich zufällig.

Wo? In den Körperzellen.

Meine Körperzellen sprechen zu mir während der Massage, das wusste ich nicht immer. Zunächst einmal ging es mir ums Wohlfühlen, und so gönnte ich mir regelmäßige monatliche Termine. Das Schöne daran war, von Mal zu Mal wurde es noch schöner. Ich lernte immer tiefer loslassen.

Nach einigen Monaten stellte sich eine Phantasie ein. Als Andromedanebel triftete ich glücklich im Weltall. Entspannt betrachtete ich die schönen Himmelsformationen. Die Welt war gut, und ich war gut und außerdem mitten drin. Als ich einmal Bilder von Föten in der Gebärmutter sah, fiel mir auf, dass mein „Weltall“ eine gewisse Ähnlichkeit mit der optischen Umwelt eines Embryos hatte. Doch es blieb nicht bei diesem Fingerzeig auf ein vorgeburtliches Erleben. Nach weiteren Massagen packte mich nach der sehr angenehmen „Weltraumphantasie“ die Panik. Ich bekam überraschend keine Luft mehr. Es fühlte sich an, als würde ich erdrosselt. Ich konnte keine Erklärung dafür finden. Sehr zögerlich liebäugelte ich mit der Idee von „Erinnerungen“ aus einem vorherigen Leben. Menschen, die eine Rückführung gemacht haben, berichten von früheren Leben und mitunter von ihrer Todesursache. Nur, ich glaube nicht so recht daran.

Als mich meine Osteopathin bei einer Rückenbehandlung fragte, wie denn meine Geburt verlaufen sei, ich hätte den Geburtsreflex noch im Körper, wurde ich stutzig. Der Geburtsreflex ist eine Bewegung, die ein Kind zum Einleiten der Geburt ausführt. Es überstreckt den Rücken und legt den Kopf in den Nacken. Dadurch reißt die Fruchtblase. Auf meine Frage hin erzählte meine Mutter, du hattest die Nabelschnur um den Hals und warst nach der Geburt ganz blau angelaufen. Kein Wunder, dass der Geburtsreflex stecken blieb! Mit jeder Streckung meines Rückens zog sich die Nabelschnur weiter zu. Mein erster Übergang in diese Welt war also ziemlich bedrohlich.

Doch wo kommt die Erinnerung her? Wer Bücher zur kindlichen Entwicklung liest, erfährt dort, dass wir die Zeit vor dem 2. Lebensjahr so schlecht erinnern, weil das Ich noch nicht ausgebildet ist und das autobiographische Gedächtnis seine Arbeit noch nicht aufgenommen hat. Das autobiografische Gedächtnis strukturiert bedeutsame Lebenserinnerungen und ordnet sie bestimmten Lebensphasen zu. Auch braucht es scheinbar die Sprache mit ihrer grammatikalischen Struktur, um ein Gefühl für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu entwickeln.

Doch was ist mit der Zeit davor?

Erfahrungen werden im Limbischen System und – in den Zellen gespeichert. Tiere, die schlechte Erfahrungen gemacht haben, lernen auch, gefährliche Situationen zu fürchten. Dazu braucht es keine Worte. Es braucht nur ein ähnliches Setting und schon läuft die Vermeidungsstrategie. Willst du wirklich da durch? – Da sagen meine Zellen doch glatt:

-NEIN! Auf gar keine Fall‼

Und dann, irgendwann:

-Na gut, ich habe es das letzte Mal auch überlebt.


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Die Seele verhakt

Das Ding da in dir, ist nicht mehr tragbar- eine Eigenschaft, ein Gefühl. Es ist zu schwer, zu scharfkantig, zu unschön. Es liegt im Boot – der Psyche – und ist ist äußerst hässlich, es muss raus! Wie einen Anker hievst du diesen Teil von dir über Bord. So, jetzt bist du dieses widerwärtige Ding (namens Wut, Verträumtheit oder Größenphantasien) los. Aufatmen. Erfolgreich dissoziiert. Das Boot nimmt an Fahrt auf, der Anker gleitet ins Wasser. Die Leine rollt sich unbemerkt ab. Rollt ab, rollt ab. Der Anker verhakt sich. Ein kleiner Ruck, die Leine geht auf Spannung, die Fahrt bremst. Manchmal erst nach Jahren. Scheinbar frei von persönlichen Problemen verlangsamt sich die Lebensfahrt. Boot und Strömung zerren an der Leine, sie dehnt sich, überdehnt sich, sie schmerzt. Die Entwicklung stoppt. Angst vor den Schmerzen kommt dazu. Bloß nicht weiterfahren, das tut zu sehr weh! Das Boot steht in der Strömung. Glücklich der, dem bewusst wird, dass das nicht das Ziel des Lebens ist. Doch je stärker der Wunsch weiterzukommen, umso mehr zerrt das Boot an der Leine. Unter Schmerzen versucht die Leine nachzugeben, bis sie fast zu reißen droht. Doch was am anderen Ende hängt, gehört zu dir.

So geht es nicht weiter.

Doch wie weiterkommen? Der Weg geht zurück. Erst mal hart gegen die Strömung rudern. Die Spannung der Leine lösen. Reicht das nicht, um den Anker einzuholen, muss man tauchen gehen. Luftschnappen, tauchen, Anker ausgraben. Wenn man ihn findet. Manch einer hat sich tief in den Sand gegraben, ist nicht mehr zu sehen. Die Leine weist den Weg. Sie sagt, folge dem Schmerz, dann findest du den Anker, den Haken in deiner Seele, das Gewicht, das du meintest, nicht mitnehmen zu können.

Hol es raus, es gehört zu dir.

 


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Schamlos reich – ist das richtig?

Was bedeutet Reichsein? Es bedeutet, mehr als genug von etwas zu haben. Das kann Geld sein, muss es aber nicht. Man kann reich an Zeit, reich an Freunden, reich an Familie oder reich an Talent sein. Reichsein ist etwas sehr Erfreuliches. Reichtum verschafft Möglichkeiten. Er kann frei machen und gute Eigenschaften wie Großzügigkeit hervorbringen. Er kann sich aber auch mit Geiz und Ausnutzung paaren, doch heute möchte ich die positiven Aspekte in den Blick nehmen.

Eine Kollegin erzählte mir diese Woche: „Früher hab ich habe sehr gut verdient. Ein Spontanurlaub in der Karibik war genauso drin wie der Luxus, die Putzfrau zweimal die Woche kommen zu lassen. Heute bedauere ich vor allem zwei Dinge: 1. dass ich alles ausgegeben und nichts zurücklegt habe und 2. dass mir jegliches Bewusstsein darum fehlte, was für ein Geschenk all das Geld war. Ich habe nur meine Probleme gesehen, meinen Reichtum aber nicht.“ Auffallend ist, dass sie die vertane Freude mehr bedauert als das verflossene Geld.

Ich möchte das als Hinweis nehmen. Bei mir schleicht sich die gleiche Tendenz ein, eher den „Mangel“ als den eigenen „Reichtum“ zu sehen. Ich bin nicht reich an Geld, aber an Zeit. Und diese „Zeit“ ist für mich unglaublich wertvoll. So wertvoll, dass ich auch schon „mehr Geld“ im Tausch dagegen abgelehnt habe.

Hast du dich schon mal gefragt, worin dein Reichtum steckt? Bist du reich an Freunden, reich an Familie, reich an Zeit, Geld oder Liebe? Wie beschenkt das Leben dich? Was hältst du für selbstverständlich? Oft versteckt sich darin unser persönlicher Schatz? Und wenn du ihn kennst, schätzt du deinen „Reichtum“? Pflegst du ihn? Teilst du ihn? Feierst du ihn?

Nur zu oft tun wir das nicht. Deshalb erinnern uns Lieder und Gedichte daran. „You don’t know, what you got, until it’s gone“. Der Verlust von  etwas, was Wert besaß, den wir nicht erkannten, ist besonders schmerzhaft. Jeder Wert, ich nenne ihn hier Reichtum, will gefeiert werden. Von Königen können wir lernen unsere Reichtum zu feiern. Sie taten es in Form von Schlössern, schönen Kleidern und Sinfonien. Auch wenn mein sozial eingestellter Onkel sagt, sie hätten das Geld des Volkes verprasst. Genau dieses Volk zieht heute mit Stolz durch diese Schlösser und bewundert den Reichtum. Niemand hat etwas davon, wenn du dich deines Reichtums schämst. Bevor du dich schämst, teile ihn lieber. Doch auch das ist nicht zwingend notwendig. Kein Kirschbaum schämt sich seiner Blütenpracht. Er verausgabt sich darin. Er feiert seine Schönheit, seine Fruchtbarkeit und seinen Reichtum. Geld zu haben und sich selbst nichts zu gönnen, ist Hohn für alle, die nichts haben. Zeit zu haben und sich keine Zeit zu lassen, wird niemand verstehen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal in Ruhe Mittag zu essen. Viele Freunde zu haben und sich nicht der Gemeinschaft zu erfreuen, ist nicht nur Verrat an den eigenen Freunden, sondern auch an denen, die alleine sind.

Der Verweis auf die Menschen, die noch schöner, noch reicher, noch talentierter sind, zählt nicht.

Feiere deinen Reichtum! Warte nicht darauf, dass das Leben dich lehrt, dass es genau darauf ankommt.