Tiefenkontakt

fühlend verstehen wollen


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Die Perfektionisten-Falle

-Oh, Mist, das Layout sitzt nicht richtig. Und die Formulierung ist so ungeschliffen.

Aber schon 100x geprüft, 200x gegengelesen.

-200x nicht, aber…

-Genau, warum bist du noch nicht im Bett? Warum bist du noch nicht zu Hause?

Die Nachbarbüros sind dunkel. Der Bewegungsmelder im Flur reagiert schon lange nicht mehr. Fleißigste Mitarbeiterin, du! Du starrst auf dem Bildschirm. Die Zahlen verschwimmen. Aber die Vorstellung, dass du morgen, vor allen…

-Ok, ich gehe es nochmal durch.

Ein Fehler… unvorstellbar…

22:43 Uhr

-Soll ich das doch nochmal umschreiben? Es klingt so unprofessionell!

STOP!

Zu extrem das Beispiel? Nie eine ähnliche Erfahrung gemacht, nie gedacht: Hätte ich das bloß nicht geändert? Stunden mit einer Sache zugebracht, die eigentlich schon fertig war. Die, wenn man es einmal ohne Perfektionismus betrachtet, gut genug war?

Damit bist du nicht allein. Die Idee, dass uns Perfektion vor Kritik und anderen schmerzhaften Erfahrungen schützt, ist weit verbreitet. Nicht selten wird diese Annahme von Arbeitgebern und Eltern unterstützt. Sätze wie: „Was sollen nur die andern denken?“ sollen zu Höchstleistungen motivieren, aber in Wirklichkeit lähmen sie. Perfektion hilft nicht, sie frisst das Selbstbewusstsein, die Freizeit und den Schlaf.

Lass die Perfektion nicht der Feind des Getanen sein!

Brené Brown bringt Perfektionismus mit einem übermäßigen Schamgefühl in Verbindung. Perfektionismus ist der schwere Schild, der uns vor dem schlimmsten aller Gefühle, der Scham, schützen soll. Wenn sie zuschlägt, dann stecken wir im Loch der schwärzesten Überzeugung, dass wir jedes Recht verwirkt haben, dazuzugehören. Vor uns selbst und anderen haben wir jede Achtung verloren. Und als soziale Wesen, die wir nun einmal sind, lernen wir schnell, das um jeden Preis zu vermeiden. Perfektion scheint da eine gute Strategie. Wenn ich alles richtig mache, werde ich geliebt, vermeide Kritik, werde geschätzt. Aber wehe, wenn dem nicht so ist!

Perfektion ist eine Lüge, es gibt sie nicht. Es ist unmöglich perfekt zu sein, es ist unmöglich alles unter Kontrolle zu haben.

Stattdessen wendet sie sich früher oder später gegen uns selbst. Sie ruiniert unsere Gesundheit und ganz sicher den Schlaf. Eine Zeitlang hilft sie, die Leistung zu steigern, bis sie in das Gegenteil umschlägt. Wir verpatzen den Termin. Unausgeschlafen und mit einem zu Tode korrigierten Entwurf, da muss der Chef doch wirklich mal sagen:

-So nicht, Frau Landwehr!

Es ist Zeit, der Perfektion und nicht dir selbst den Kampf anzusagen. Es ist Zeit, die bewegliche Messlatte herunterzureißen, die immer, wenn du ihr nahe kommst, sich ein bisschen nach oben verschiebt. Es ist Zeit, dir selbst zu sagen, dass du so, wie du bist, gut genug bist.

Eine kleine Übung gefällig? (Die man natürlich perfekt ausführen könnte!)

Schreibe jeden Morgen fünf Dinge auf, die du gestern getan hast, die „gut genug“ waren.

Warum?

Weil du gut genug bist!


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Bin ich gut genug?

Eine Frage, auf die die meisten Menschen wohl kein freudiges „Ja“ haben. Schließlich denkt es in uns: Ich sollte mehr Sport treiben und Diät halten. Ich leiste nicht genug! Ich sollte belastbarer sein und außerdem durchsetzungsfähiger. Und damit nicht genug, ich sollte mehr Work-Live-Balance betreiben und damit fürsorglicher, glücklicher oder zumindest rundum zufrieden sein; vom Geld und glücklichen Sex haben wir hier noch gar nicht gesprochen.

Dieses ständige An-sich-herummäkeln tut dem Selbstwert nicht gut.

Lange Zeit dachte ich, Selbstwert bestünde aus Glaubenssätzen wie: Ich sehe gut aus! Ich fühle mich stark und erfolgreich! Aber nein, die Schamforscherin und Buchautorin* Brené Brown hat in ihren Forschungen etwas anderes entdeckt. Sie fand heraus, dass Menschen, „die aus vollem Herzen leben“ und damit viel Selbstbewusstsein zeigen, glauben, dass sie „gut genug“ sind. Das ist die Basis. Man muss nicht glauben, dass man Superman ist. Nein, es reicht aus zu glauben, dass man gut genug ist.

Das ist etwas komplett anderes als das, was Perfektionisten tun und denken. Perfektionisten sind Menschen, von denen andere denken, dass die nun wirklich mehr als gut genug sind. Aber wie sieht es in ihnen aus? Ganz anders. Der Grund, warum sie so viel Zeit auf Perfektion verwenden, liegt darin, dass niemand bemerken darf, wie es eigentlich in ihnen aussieht. Aber wenn man genau hinhört oder eine Perfektionistin persönlich kennt, dann scheinen die nagenden Selbstzweifel durch den schillernden Perfektionisten-Panzer.

Brené Brown zieht eine erstaunliche Verbindung zwischen „besonderen Leistungen“ und dem Gefühl „gut genug zu sein“. Diese ist nicht so offensichtlich und wird aber deutlich, wenn man sich bewusst macht: Niemand weiß, dass er etwas Besonderes leisten kann, bevor er es nicht getan und anderen Menschen vorgestellt hat. Dieser Schritt in die Öffentlichkeit (auch wenn es nur eine Person ist) braucht Mut, schließlich riskiert man kritisiert oder gar verlacht zu werden. Und diesen Mut finden wir, wenn wir glauben, gut genug zu sein. „Gut genug“ ist das Sprungbrett, das uns in die Luft katapultiert, und „gut genug“ ist das Sicherheitsnetz, das uns wieder auffängt, wenn es mal schiefläuft.

Und was, wenn man daran nicht glaubt? – Kein Grund sich zu verurteilen!

Die gute Nachricht ist, man kann es üben, zum Beispiel so:

Mach dir deine Selbstabwertungen bewusst. Oft ist man so gewohnt, sich selbst zu beschimpfen, dass es einem gar nicht mehr auffällt. Ein Blick in den Spiegel am Morgen und der Gedanke: „Oh, du siehst ganze schön alt aus!“ schießt einem in den Kopf. Aber, STOP! Nochmal zurück:  „Hey, tut mir leid! Du siehst gut genug aus!“ Ein Blick auf die to-do-Liste am Abend: „Wieder nichts geschafft!“ STOP! „Das, was ich geschafft habe, war gut genug!“ Ein Telefonat mit der besten Freundin: „Mensch, ich hätte echt mitfühlender sein sollen!“ STOP! „Das war das Beste, was ich zu geben in der Lage war! Es war gut genug!“

Nun bist du dran, mache dir drei Urteile bewusst, die du gegenüber dir selbst hast, und ersetze sie mit „Ich bin gut genug!“ Besonders wirkungsvoll ist das, wenn man es laut zu seinem Spiegelbild sagt: „Du bist gut genug!“

Wie fühlt sich dieser neue Kontakt mit dir selbst an?

*Buch: „Verletzlichkeit macht stark“ von Brené Brown

Veränderung leicht gemacht


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Flow – das Geheimnis des Glücks

Das Buch, das mein Leben veränderte (vom Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi)

Gerade mit dem Studium fertig, mit dem vagen Empfinden, dass ich vom Lernen endgültig genug habe, lass ich die Luft raus. Die Motivation ist durch und ich bin froh, das Diplom in der Tasche zu haben. Lernen gehört irgendwie nicht zum Erwachsenenleben. Und das sollte mit Anfang 30 so langsam losgehen.

Da lerne ich Mihaly kennen. Wir duzen uns. Das heißt, ich duze ihn, obwohl er älter ist als mein Vater. Es liegt mehr an seinem Nachnamen. Selbst Aussprachehilfen bringen mir diesen Namen nicht über die Lippen. Aber Mihaly hat mein Leben beeinflusst, mehr als andere Autoren. Da kommt einer daher, erforscht das Glück und sagt, es lässt sich erzeugen. Nee, wirklich! Bei mir ist das Zufall. Klar, ich habe Hobbys, die machen mich glücklich. Es gibt auch ein paar Menschen, mit denen bin ich glücklicher als mit anderen. Aber warum das so ist, weiß ich nicht. Aber wenn man das weiß, weiß man, was man tun muss, um glücklicher zu sein.

Was lässt mich die Zeit vergessen? Tiere beobachten. Wie verändert sich die Zeit? Sie bleibt stehen. Und der Geist? Ist leer. Da ist nur der Vogel, das Eichhorn, die Eidechse. Menschen, die mich dabei sehen, sind mir egal. Nicht dass ich sie gedanklich wegschiebe, sie verschwinden einfach aus meiner Wahrnehmung. Das ist Flow. Wie viele Jahre habe ich in der Stadt gelebt und geglaubt, wie schade, dass mir der Kontakt zur Natur abhanden gekommen ist. Und dann erzähle ich in einem Seminar, dass eines meiner schönsten Flow-Erlebnisse in Kindertage das Tierebeobachten war, und frage mich, warum habe ich damit aufgehört? Hier leben doch auch Tiere. In der Stadt gibt es unglaublich viele Tiere. Und das Schöne ist, dass sie vor Menschen keine Angst haben. Ich stand schon vis-à-vis mit einem Rotkehlchen auf dem Bürgersteig. Es sitzt vor mir auf dem Zaun, ich könnte es anfassen. Es braucht eine ganze Weile, um zu bemerken, dass ich es beobachte. Es dreht das Köpfchen links und schaut mich an, es dreht das Köpfchen nach rechts und schaut mich an. Es denkt, man kann es förmlich sehen: Was will die von mir? Und … fliegt!

Und das Lernen? Mihaly hat mir eindrucksvoll gezeigt, dass das keine Erfahrung ist, auf die ich verzichten will. Nichts befriedigt mich mehr als das, was ich mir selbst beigebracht habe. Ich bin die beste Lehrerin, die ich je hatte. Spiele ich zu lange die gleichen Gitarrenstücke, dann darf’s auch mal wieder eine richtige Herausforderung sein. Richtig schwer, kein Problem! Solange es mich nicht überfordert. Habe ich mich dann zu lange an meiner Leistungsgrenze abgearbeitet, dann ist es Zeit für ein Stück, das mich nicht langweilt, dafür wunderschön und leicht zu lernen ist. Mit dem Wissen um die Flowgrenzen nehme ich mir das Recht heraus, den Schwierigkeitsgrad zu drosseln oder anzuziehen. Ich spiele so lange damit, bis es passt. Das kommt in Sportgruppen nicht immer gut an. Gruppendruck und Flow sind nur schwer zu vereinbaren.

Im Sozialen kann man auch Flow erfahren. Was ist schöner als ein inspirierendes Gespräch? Aber kaum wird man unsicher, funken einem die Gedanken dazwischen. Bin ich interessant genug? Bin ich zu kopflastig, mag sie mich überhaupt? Und schon ist mein Organismus überfordert und der Flow hat keine Chance.

Und was macht man, wenn das Gespräch langweilt? Nachfragen hilft: Was begeistert dich? Warum ist dir das so wichtig? Es ist nicht leicht, die Leute aus ihrem Trott zu holen, dafür viel spannender als die Meinung, die sie schon 100x erzählt haben.

Und was für Flow-Erfahrungen kennst du? Was lässt dich die Zeit vergessen? Was fordert, aber überfordert dich nicht? Das, was Flow erzeugt, macht man gerne und oft macht man es gut. Die Suche und das Spielen mit den beiden Grenzen verändert das Leben.

Viel Flow!


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Überlasse den Humor nicht den Komikern

Wann hast du das letzte Mal über dich selbst gelacht? Vergiss nicht, neben Computerkenntnissen und technischem Know-How auch deinen Humor zu schulen.

Humor schafft Verbindung. Er ist die weise Antwort auf das Paradoxe im Leben. Er ist oft die einzige Antwort auf den unerträglichen Schicksalsschlag. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Über all das, was nicht sein darf, aber trotzdem ist. Schon mal versucht einen Witz zu erzeugen? Versuch es einmal! Man baut eine logische Kette auf und verschiebt das Ende ein klein wenig ins Absurde. Die Absurdität, das Unerwartete erzeugt eine Spannung, die sich im Gelächter auflöst.

Humor ist jederzeit möglich. Auch in der Trauer, wenn Mutter und Sohn um den Vater weinen und sie ihn fragt: Erinnerst du dich an Papa? und der Halbstarke antwortet: „Oh ja, er steht ganz lebendig vor meinem inneren Auge und schreit: Jetzt räum´ endlich deinen Scheiß weg, du Hurensohn!“

Mit Humor können wir Fehler sehen als das, was sie sind – menschlich! Nur ohne Humor kann man glauben, dass Perfektion möglich ist. Das Leben lehrt uns die Menschlichkeit, indem es uns daran scheitern lässt, die vollständige Kontrolle zu erlangen. Das lässt sich mit Humor viel leichter ertragen als ohne.

Humorvoll bin ich, wenn ich mich selbst nicht so wichtig nehme. Und humorvoll kann ich nur sein, wenn ich an meinen Wert glaube. Humor verändert den Blick. Er lässt einen aus der Situation treten und von außen schauen. Einmal vor Jahre, ich jobbe bei einer Reitveranstaltung und bewache eine überdachte Tribüne – ZUTRITT nur gegen AUFPREIS! Es regnet, der Ticketschalter ist Kilometer weit entfernt und eine Gruppe von jungen Leuten klettert kurzerhand über die Abgrenzung. Empört schreie ich auf und renne die hinter Reihe entlang. Doch die Tribüne besteht aus zwei Teilen, und am Stoß verläuft auf Knöchelhöhe eine Strebe. Die sehe ich natürlich nicht, da ich das Jungvolk wütend, zeternd und mit den Armen fuchtelnd im Blick habe. Mein Fuß trifft die Strebe und ich verschwinde der Länge nach zwischen den Bänken. Ich sehe mich selbst wie in Zeitlupe. Die Bretterbohlen vor der Nase, eingeklemmt zwischen zwei Sitzreihen muss ich so lachen, dass ich kaum hoch kommen. Lachend und um Ernst ringend bugsiere ich die Männer und Frauen hinaus. Sie taxieren mich mit unsicherem Blick und geben sich die größte Mühe, ihr Grinsen zu verbergen.

Humor braucht Mut und innere Selbstsicherheit. Der Blick von außen ist oft mit Angst besetzt. Er kann verletzen. Das Menschliche, unfreiwillig ans Licht gezerrt, ist beschämend. Der Spott als Humor getarnt, ist ein Ablenkungsmanöver nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung!“ Spott zeugt weder von Selbstbewusstsein noch von Menschlichkeit. Er verschleiert die Angst, selbst bloßgestellt zu werden. Während Humor über das Menschliche in uns allen lacht, stellt Spott den anderen alleine nackt auf die Bühne.

Der Unsichere ist humorlos. Bier-ernst und schein-heilig versucht er das Menschliche, das Paradoxe, das Schäbige zu leugnen. Er tut so, als wäre Perfektion möglich, als wäre Makellosigkeit erreichbar. Er tut so, als wäre das hier zu heilig, als dass es etwas zu lachen gäbe. Aber wir sind keine Götter. Und … warum fällt es Gott so viel leichter zu lachen? Wie macht er das? Er ist verbunden und distanziert. Er stellt nichts zwischen sich und die Menschen und sieht die Welt von außen – und  lacht!

siehe auch:

GFK und Humor – Workshop an den Hamburger GFK-Tagen am 23. März 19


Ein Kommentar

„Ein Leben in der Fülle“ – möglich oder nur dummes Geschwätz?

Wir sitzen auf Meditationskissen im Kreis und brain-stormen. Wie soll unser Baby heißen? Es wird ein 5-Tage Intensivseminar in Gewaltfreier Kommunikation. „Leben im Flow“? – nicht unser Thema; „Achtsames Sprechen“ – zu speziell; „Ein Leben in Fülle“? – Das passt. Meine Kolleginnen sind begeistert. Ich nicht: Fülle, was soll das? So wie im Supermarkt, wenn man sich fragt, warum man eigentlich zwei auf vier Meter Regalwand für 50 Variationen von Kartoffelchips braucht? „In die Fülle kommen“, ist das nicht so ein esoterisches Gerede von „es ist genug für alle da“? Schau dich doch um, es ist nicht genug! Im letzten Jahr hat jede von uns 180 Euro verdient, nennt man das Fülle? Ich lasse mich um des lieben Friedens willen auf den Namen ein.

Ende September, das Seminar beginnt, und ich bin nervös. Doch dazu gibt es keinen Grund. Die Teilnehmer sind begeistert, die Gruppe wächst zusammen, die Themen werden persönlicher. Mehr als einmal gelingt es uns, viele verschiedene scheinbar widersprüchliche Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Auch mit dem Geld ist es dieses Jahr besser. Wir haben mehr Anmeldungen. Wir wollen etwas Neues ausprobieren. Fülle nicht nur für die Teilnehmer, Fülle auch für uns Trainerinnen. Dazu gehört eine ungewöhnliche Aktion. Inken Gritto, eine Kollegin, bittet die Workshopteilnehmer um Geld. „Hier ist eine rosa Box, die wird hier bis zum Ende des Seminars stehen. Wer uns bei der Erfüllung unseres Bedürfnisses, uns selbst und unsere Familien zu versorgen, unterstützen will, kann hier Geld hineinlegen. Die Summe soll für euch stimmen, es besteht kein Zwang zu geben. Nur die Bitte, es von Herzen zu tun.“

Ich bin schwer beeindruckt von ihrem Mut. Und ich glaube nicht daran. Mehr als 25 Euro kann ich mir nicht vorstellen. Die haben schließlich alle eine Teilnahmegebühr bezahlt!

Wir finden 1.470 Euro und zahlreiche Liebes- und Dankesbriefe, die die Geldspenden noch schöner machen. Ich kann es kaum glauben.

Das Seminar ist vorbei. Der Herbst hat Hamburg eingeholt und der Termin der Geldverteilung rückt näher. Ich bin mal wieder nervös und im Widerstand. Das Geld soll nach dem Prinzip des „Geldstapels“ (Money-Pile nach Dominic Barter) verteilt werden. D.h. wer Geld braucht, soll Geld bekommen. Klingt revolutionär. Klingt wie „Leben in Fülle“ live. Aber es liegt wieder außerhalb meiner Vorstellung. Im Geiste schimpfe ich vor mich hin: Bedürfnisorientiert?!?  Wer am besten jammert, bekommt am meisten Geld. Was ist mit Wertschätzung für gute Arbeit?

Der Verteilungsprozess

Man legt das Geld (am besten in bar) in die Mitte und alle, die davon etwas abhaben wollen, sitzen darum herum. (Schon einmal mehrere 1000 Euro auf einem Haufen gesehen?)

In der ersten Runde muss jeder einen Zug machen. D.h. entweder sich selbst Geld geben und erklären, welches Bedürfnis er sich damit erfüllt oder anderen Geld geben und wiederum erklären, welches Bedürfnis er sich damit erfüllt. Nichts ist festgeschrieben, Geld kann gegeben und genommen werden. Danach werden nur noch die aktiv, die mit der bisherigen Geldverteilung (noch) nicht zufrieden sind.

Das Ganze geht so lange, bis keiner mehr einen Änderungsimpuls hat.

Wir sitzen um das Bargeld, und Inken zerstreut meine Zweifel. Jedes Bedürfnis ist willkommen, natürlich auch Wertschätzung, aber auch Unterstützung, Empathie, egal. Es geht los. Unsere Kollegin für die Organisation nimmt sich das Geld, gibt sich einen kleinen Teil und verteilt den Rest zu gleichen Teilen an uns Trainerinnen. Puh, das fühlt sich erst einmal sicher an. Keine wird benachteiligt. Außer vielleicht sie selbst? Doch dabei bleibt es nicht. Schon die nächste Trainerin gibt ihr deutlich mehr und verteilt um. Jetzt ist es nicht mehr gleich.

Ich habe diesen Prozess schon einmal im GFK-Verein mitgemacht. Und ich war erstaunt, wie viel Freude mir das Geben bereitet. „Schatz, komm her, ich weiß, du brauchst Geld! Hier hast du 300 Euro.“ Ich selbst knapse seit Jahren mit dem Geld und damals konnte ich schenken. Ein grandioses Gefühl!

Aber in der ersten Runde der Geldverteilung sitze ich vor meinem gerechten Anteil und die Geberfreude will sich nicht einstellen. Misstrauisch beäuge ich jede Bewegungen. Greift jemand nach meinem Stapel, möchte ich protestieren. Doch mit der Zeit wird er größer. Irgendwann ist er so groß, dass ich geben könnte. Es fühlt sich aber noch zu grenzig an. Noch ein Zug und vor mir liegt viel Geld. Ich komme in Geberlaune. Ich greife mir ein paar Scheine, da wird mir bewusst, dass ich nicht so viel habe, wie ich geben möchte. Ok, dann kleine Brötchen backen. Mann, ist das aufregend! Welche Bedürfnisse erfülle ich mir damit? Wertschätzung ganz klar. Zeigen, dass sie mir wichtig ist, genau. Irgendwann kommt der Prozess zur Ruhe. Ok, das ist es. Jede hat einen komplett anderen Betrag vor sich liegen und alle sind zufrieden. Ich brauche wohl nicht erwähnen, dass ich das kaum glauben kann.

Ich habe viel Geld bekommen. Und es bedeutet mir viel. Es ist die materialisierte Wertschätzung und Unterstützung von Kollegen und Teilnehmern. Und ich habe an meiner eigenen Haut erfahren, was es bedeutet, nicht geben zu können, weil es für einen selbst nicht reicht. Und genau wegen dieser Erfahrung bin ich nicht nur den Teilnehmern dankbar, die mir mit ihrem Geld ein Gefühl von Reichtum ermöglicht haben, ich bin auch denen dankbar, die nichts gegeben haben und damit ihre eigenen Grenzen gewahrt haben.

Das war es von mir.

Und du? Kommst du in den Genuss, mit Freude zu geben? Hast du, was du brauchst? Sagst du, wenn du was brauchst? Beides wichtig, beides wertvoll!

Ein Leben in Fülle heißt nicht, nichts zu brauchen. Ein Leben in Fülle heißt, das zu teilen, was wir gemeinsam haben. Das Teilen macht uns reich!


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Die Seele verhakt

Das Ding da in dir, ist nicht mehr tragbar- eine Eigenschaft, ein Gefühl. Es ist zu schwer, zu scharfkantig, zu unschön. Es liegt im Boot – der Psyche – und ist ist äußerst hässlich, es muss raus! Wie einen Anker hievst du diesen Teil von dir über Bord. So, jetzt bist du dieses widerwärtige Ding (namens Wut, Verträumtheit oder Größenphantasien) los. Aufatmen. Erfolgreich dissoziiert. Das Boot nimmt an Fahrt auf, der Anker gleitet ins Wasser. Die Leine rollt sich unbemerkt ab. Rollt ab, rollt ab. Der Anker verhakt sich. Ein kleiner Ruck, die Leine geht auf Spannung, die Fahrt bremst. Manchmal erst nach Jahren. Scheinbar frei von persönlichen Problemen verlangsamt sich die Lebensfahrt. Boot und Strömung zerren an der Leine, sie dehnt sich, überdehnt sich, sie schmerzt. Die Entwicklung stoppt. Angst vor den Schmerzen kommt dazu. Bloß nicht weiterfahren, das tut zu sehr weh! Das Boot steht in der Strömung. Glücklich der, dem bewusst wird, dass das nicht das Ziel des Lebens ist. Doch je stärker der Wunsch weiterzukommen, umso mehr zerrt das Boot an der Leine. Unter Schmerzen versucht die Leine nachzugeben, bis sie fast zu reißen droht. Doch was am anderen Ende hängt, gehört zu dir.

So geht es nicht weiter.

Doch wie weiterkommen? Der Weg geht zurück. Erst mal hart gegen die Strömung rudern. Die Spannung der Leine lösen. Reicht das nicht, um den Anker einzuholen, muss man tauchen gehen. Luftschnappen, tauchen, Anker ausgraben. Wenn man ihn findet. Manch einer hat sich tief in den Sand gegraben, ist nicht mehr zu sehen. Die Leine weist den Weg. Sie sagt, folge dem Schmerz, dann findest du den Anker, den Haken in deiner Seele, das Gewicht, das du meintest, nicht mitnehmen zu können.

Hol es raus, es gehört zu dir.


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Westliches Selbstbewusstsein – weiter so!?

Selbstbewusstsein ist ein evolutionärer Vorteil des Menschen. Das kann man bei dem Neurologen Antonio Damasio in „Selbst ist der Mensch“ lesen. Man schaue nur, in welchen Gegenden Mensch überleben kann. Dabei ist Mensch noch nicht einmal mehr auf jahrhundertealtes Wissen von Eskimos und Beduinen angewiesen. Dank moderner Technik können wir Schwimmbäder und Obstplantagen in Wüsten bauen und Forschungsstationen auf dem Mond und der Antarktis unterhalten.

Um das umzusetzen, braucht es eine gehörige Prise Selbstbewusstsein.

Doch wenn wir uns nur für europäische Ziele interessieren, dann kommen die Probleme aus Afrika und dem Nahen Osten eben zu uns. Wenn wir uns nur um unsere Bedürfnisse kümmern und die von Tieren und Pflanzen ignorieren, dann entziehen wir uns selbst langsam aber sicher die Lebensgrundlage.

Ach, so schlimm ist es nun auch wieder nicht! – Wirklich nicht?

Neulich bei einem Spaziergang in der alten Heimat. Mit Freude lausche ich im Wald den zahlreichen Vögeln. Auch komme ich durch Waldflächen, die erfreulich unaufgeräumt und wild aussehen. Bäume in Reih und Glied, die man leicht mit einem Maisfeld verwechseln könnte, gibt es natürlich auch, aber ich werde bescheide, was meine Ansprüche an die deutsche Natur angeht. Die Sonne scheint durch die noch kahlen Zweige und ich wähle einen Weg über die Felder zurück. Mit jedem Schritt, mit dem ich mich vom Waldrand entferne, wird es stiller. Rechts breitet sich ein noch braunes Rapsfeld aus, links säumt Buschwerk den Wegrand. Wo sind die Vögel? Ich suche das Gestrüpp ab, kann aber keine finden. Es ist unheimlich still. Ich frage einen alten befreundeten Bauern? Der zuckt resigniert mit den Schultern. Neue Pestizide: „Die sind so effektiv, die machen alles kaputt!“ Tausendfüßler, Spinnen oder Fliegen, kein Insekt entkommt der chemischen Keule. Und die Vögel müssen sich woanders ihre Nahrung suchen. Ich bin fassungslos! Da haben wir Menschen wieder mal selbstbewusst unserem Feind, den Schädlingen von Weizen und Mais, den Kampf angesagt, und ohne mit der Wimper zu zucken, zahlreichen anderen Arten den Lebensraum entzogen. Die totale Vernichtung ist erlaubt.

Aber mal ehrlich! Müssten wir mit unserem Bewusstsein, mit unserem Wissen über ökologische Zusammenhänge nicht weiter sein? Anscheinend nicht, wie traurig!