schreibend denken und fühlend verstehen wollen


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Wut oder das Spiel mit dem Tiger

Die Lippen aufeinandergepresst, eine steile Falte zwischen den Brauen, fixiere ich dich.  Tunnelblick, ich sehe nichts anderes. Alles rot! ROT nicht rosa! Ein gezielter Schlag auf die Kinnlade wäre jetzt die richtige Antwort, aber ich bin ja GFK-Trainerin. „Komm du mir noch einmal!“

Marshall Rosenberg bezeichnet die Wut als Sekundärgefühl. Sie beruhe auf Gedanken und dahinter lägen andere Gefühle. Das mag stimmen, doch man stelle sich folgende Szene vor. Dein Freund steht aufgebracht vor dir und platzt förmlich vor Wut, und du erzählst ihm: „Bist du traurig, Schatz? Du weißt, Wut ist ein Sekundärgefühl.“ Mal ehrlich, selbst wenn das stimmt, zur Gewaltfreiheit des folgenden Konflikts trägt diese Aussage nicht bei. Echte Wut ist sofort da und man sollte sie sehr ernst nehmen. Es gibt auch eine Sekundärvariante, aber die meine ich gerade nicht. Ich meine die glasklare Primärwut. Es könnte eine gute Idee sein, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Die Autorin Vivian Dittmar stellt in „Gebrauchsanweisung für Gefühle“ die These auf, dass nicht nur die Wut, sondern alle Gefühle auf gedanklichen Bewertungen beruhen. Gefühle sind die emotionale Bewertung der Situation. Die Wut sagt: „Das ist falsch! So nicht!“ Wutenergie sei Handlungsenergie, so genutzt, kann sie konstruktiv sein. Regt man sich permanent auf, verkehrt man die Kraft der Wut in ihr Gegenteil. Sie wird zum Gift, das dauerhaft den Körper und das soziale Umfeld flutet. Geteilte Wut ist doppelte Wut, ganz anders als das Leid, das sich beim Teilen halbiert. Im Zorn, in der Primärwut macht man nicht viel Worte. Wie bei der Mutter, die vor mir an der Kasse steht und ihrem Sohn am Handy eine klare Ansage macht: „Sieh zu, dass du deinen Arsch sofort nach Hause bewegst!“ Wut, Handlung, fertig! Hier zeigt sie ihre Wirksamkeit, wenn andere etwas tun oder nicht tun sollen.

„Sich aufregen“ könnte da schon besser zum Wort „Sekundärgefühl“ passen. „Sich aufregen“ ist auch eine Art Wutenergie. Die einzige Handlung ist die Mundbewegung, und die Person, die sie trifft, ist nicht die, die was tun könnte oder tun sollte. Wer sich aufregt, will sich in erster Linie aufregen, nichts ändern. Diese Energie kann süchtig machen. Man fühlt sich so herrlich rechtschaffen, das Blut pocht in den Adern und die anderen springen auf den Zug auf und regen sich ebenfalls auf. Gerne übersehen wir, dass dauerhafte Wutenergie im eigenen System Gift ist. Eine hinduistische Weisheit zeigt das Dilemma: „Wer den Tiger reitet, sollte nicht absteigen.“ Dann frisst er nicht mehr die anderen, sondern einen selbst. Das heißt, sitzt man auf dem Tiger und regt sich auf, dann kann man nicht aufhören. Doch Absteigen ist durchaus eine konstruktiv Lösung, auch wenn sie im ersten Moment unangenehm ist.

Kurt, ein Tischlermeister und Teilnehmer eines meiner GFK-Workshops, steht auf dem Tanzparkett*. Auf die Frage „Was für Urteile hast du?“ erzählt er mir ausführlich, was an seinem Kollegen falsch ist. Er reitet den Tiger gut, er weiß sich aufzuregen. Also bitte ich ihn abzusteigen und frage: „und… was für Urteile hast du gegen dich selbst?“ Er überlegt, lange, aber dann fallen ihm einzelne Sätze ein. Man merkt, dass das ungewohnt ist. Ich hätte ihn informieren sollen! Ich habe ihn hängen lassen! Im Nachgespräch erwähnt er genau diesen Moment: „Plötzlich konnte ich Empathie für ihn empfinden. Ich sah meinen Anteil und bekam eine Idee, wie es ihm ging.“ Der Prozess mit der Wut kann auch andersherum verlaufen. Die Teilnehmerin Angela zerfleischt sich in Selbstvorwürfen und kommt gar nicht auf die Idee vom Rachen ihres Tigers einen Schritt zurückzutreten. Also hilft nur eins, aufsteigen. Auch sie ist es nicht gewohnt, Urteile über andere zu formulieren. Auch sie braucht lange, bis von der Aussage „Was bin ich für eine schlechte Mutter!“ zu „Was für ein ungehobeltes Verhalten!“ kommt. Aber dann ist die Wut da und mit ihr die Klarheit: „So Freundchen, du kommst sofort her und verabschiedest dich anständig von deiner Mutter!“

Was passiert also, wenn wir den Tiger reiten lernen? Einerseits stehen wir zu unserem Anteil, andererseits gestehen wir uns ein, dass wir nicht für alles verantwortlich sind. Und das gelingt uns in dem Moment, in dem wir ohne Urteil die eigenen Urteile annehmen. Solange wir anderen die Schuld geben, solange sind wir das Opfer, selbst wenn der Zeigefinger auf uns selbst zeigt. Der Shift kommt, wenn wir (wieder) für unser Tun die Verantwortung übernehmen. Und der GFK-Prozess bietet einen Weg, wie man an diesen Punkt kommen kann.

Jeder und jede von uns, braucht eine gute Beziehung zu ihrem Tiger, es nützt nichts, ihn als Sekundär-Tiger zu bezeichnen. Wir müssen ihn reiten lernen und dazu gehört das Absteigen. Und damit beides gelingen kann, muss eines klar sein, dass du der Boss bist! Du bist das Handlungszentrum! Du entscheidest, mit welchen Mitteln du in den Ring steigst. Und, du entscheidest, wo deine Grenzen sind!

Kurz, klar und jetzt.

*Das Tanzparkett sind Bodenanker, die durch die 4+1 Schritte der GFK führen (Wolfsshow, Beobachtung, Fühlen, Bedürfnisse, Bitte).


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Wut und Angst, zwei destruktive Verbündete

Als eher verstandesorientierter Mensch war für mich das Buch: Eine „Gebrauchsanweisung für Gefühle & Emotionen“ von Vivian Dittmar sehr erhellend. Ihre Theorie zu den fünf Gefühlen Wut, Traurigkeit, Angst, Freude und Scham habe ich bereits in meinem Blog „Die Aufgabe hinter den Gefühlen“ vorgestellt.

Heute will ich auf den Aspekt eingehen, dass wir nicht immer das richtige Gefühl zur richtigen Situation produzieren. Unpassende Gefühle verpulvern unsere Energie und tragen zu der Vorstellung bei, dass Gefühle irrational und im Konfliktfall zu nichts nutze sind. Das stimmt nur für unpassende Gefühle. Passende Gefühle geben uns Kraft. (Siehe oben genannten Blog).

Wie weiß man nun, ob eine emotionale Reaktion passt?

Das möchte ich am Beispiel der Wut veranschaulichen. Vivian Dittmar sagt, wenn ich eine Situation oder ein Verhalten als „falsch“ bewerte, dann erzeuge ich Wut. Passend ist sie, wenn ich mir dabei zwei Fragen, wie folgt, beantworte.

  1. Ist die Situation für mich akzeptabel? – nein (die erste Reaktion auf eine inakzeptable Situation ist für viele Menschen Wut)
  2. Kann ich die Situation ändern? – Ja

Nur, wenn ich die Situation für veränderbar halte, ist Wut das richtige Gefühl (akzeptieren – nein, verändern – ja). Beurteile ich zum Beispiel meine Vergangenheit als falsch und erzeuge damit Wut, schade ich mir damit selbst. Ich kann sie nicht mehr ändern. Die Wut wabert dann als Handlungsenergie in mir, doch einsetzen kann ich sie nicht. In diesem Zusammenhang ist sie nur eine Durchgangsstation. Das einzige Gefühl, was mich da weiterbringt, ist Trauer (akzeptieren – ja, verändern – nein). Trauerarbeit heißt, nach und nach das akzeptieren lernen, was nicht mehr zu ändern ist.

Häufig ist jedoch die Antwort auf die Frage „Kann ich etwas ändern?“ nicht ja, sondern nein. Die emotional passende Antwort ist dann Angst (akzeptieren – nein, verändern – nein). Angst ist schwer auszuhalten. Schließlich sehen wir zunächst keine Möglichkeiten. Viele Menschen werden deshalb lieber wütend. Doch sie produzieren eine unpassende Wut, da sie nichts ändern können. Sinnlos erscheinende Gewaltakte wie Brandstiftung an Flüchtlingsheimen oder Amokläufe in Schwulendiskos lassen sich mit einer fehlgeleiteten Wut erklären. Wenn ich nicht akzeptieren kann, dass Flüchtlingsheime in meiner Nachbarschaft gebaut werden und ich daran nichts ändern kann, macht das Angst. Damit könnte man umgehen, wenn man zu seiner Angst stehen würde. Doch es gibt Menschen, die nicht nur Flüchtlingsheime falsch finden, sondern auch, dass ihnen das Angst macht. Darf die Angst nicht sein, dann wird sie blockiert, sucht sich einen neuen Weg und findet ein Ventil in der zulässig erscheinenden Wut. Doch Wut aus Angst verliert ihre konstruktive Kraft. Sie ist aus Hilflosigkeit geboren. Mit Brutalität versucht manch ein Gewalttäter, seine Hilflosigkeit zu übertünchen. Die Tatsache, dass etwas da ist, inakzeptabel und unveränderbar, kann zu dem Wunsch führen, das unannehmbare Objekt (Flüchtlingsheim oder Schwule) einfach zerstören zu wollen.

Angst ist wie eine Tür, durch die man durch muss, bevor man einen unbekannten Raum mit neuen Möglichkeiten betritt. Sind wir in dem Raum hinter der Angst angekommen, dann passiert vielleicht das Unerwartete und wir schauen uns das Flüchtlingsheim mit seinen Bewohnern von Mensch zu Mensch an. Dann trauen wir uns vielleicht einen ehrlichen Blick auf unsere eigene Sexualität zu werfen, statt die von Homosexuellen zu verurteilen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten mit Angst umzugehen, wir müssen nur den Blick frei bekommen, doch Wut verengt ihn.

Wut ist nicht nur unpassend, wenn sie eigentlich ein Ausdruck von Angst ist. Wut ist auch unpassend, wenn sie mit der falschen Intensität ausgedrückt wird. Wenn zum Beispiel meine Nachbarin nachts um 12 Uhr laut Musik hört, dann besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dass ich etwas daran ändern kann. Allerdings hängt die passende Menge Wut an zwei Faktoren. Zum einen, wie überzeugt bin ich von meinen Einflussmöglichkeiten, und zum anderen, mit wieviel Widerstand rechne ich. Habe ich Zweifel an meiner Durchsetzungskraft, dann brauche ich viel Wut, um die Zweifel zu kompensieren und mit Wutenergie mir Mut zu machen. Unterschätze ich meine Einflussmöglichkeiten, besteht die Gefahr, dass ich mit meiner Wut weit über das Ziel hinausschieße. Das richtige Maß hingegen unterstützt mich, mein Bedürfnis nach Ruhe ernst zu nehmen und es angemessen durchzusetzen.

Auch das Gegenteil kann der Fall sein. Ein Freund erzählte mir, er habe seine Freundin zig Mal gebeten, ihm Bescheid zu sagen, wenn sie später als verabredet nach Hause kommen würde. Doch sie berücksichtigte seinen Wunsch nie. Eines Tages riss ihm der Geduldsfaden und er schrie sie an: „Weißt du eigentlich wie Scheiße es ist, hier rumzusitzen, ohne zu wissen, wie lange du im Büro hockst?“ Und sie schaut ihn erstaunte an und sagte: „Sag das doch! Ich wusste gar nicht, dass dir das so wichtig ist!“ Sein höflich formulierter Wunsch war nicht als persönlich wichtige Angelegenheit angekommen.

Nicht nur die Wut können wir „unpassend“ ausdrücken. Auch Angst, Trauer, Scham und selbst Freude können innerlich abgelehnt (d.h. verdrängt) werden, und sich danach auf Irrwegen wieder zeigen. Ob du die „Kraft der Gefühle“ konstruktiv einsetzt, kannst du mit den beiden Fragen testen.

Hier die Antwortmuster:

Ist die Situation für mich inakzeptabel, aber veränderbar, ist das passende Gefühl Wut.

Ist die Situation für mich inakzeptabel, aber ich weiß nicht, was ich tun soll, ist das passende Gefühl Angst.

Geht es darum etwas zu akzeptieren, was eben so ist (wie zum Beispiel die Vergangenheit), dann ist Trauer das richtige Gefühl.

Finde ich mich in meinem Verhalten inakzeptabel, ist das passende Gefühl Scham und es geht darum mich selbst zu reflektieren (Kann ich etwas ändern? Will ich etwas ändern? Oder geht es darum, mich in meinem So-Sein zu akzeptieren?).

Oder ich finde die Situation großartig und will überhaupt nichts ändern, dann ist das passende Gefühl Freude.

Für Details verweise ich nochmal auf den Blog Die Aufgabe hinter den Gefühlen.


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Ein Leben aus vollem Herzen

Die amerikanische Schamforscherin Brené Brown ging zu Beginn ihrer Forschungsreise davon aus, dass Menschen mit starken Schamgefühlen unsicher und fremdbestimmt sind. Doch dann stellte sie fest, dass das nicht immer zutraf. Es gab immer wieder Probanden, die trotz intensiv erlebter Schamgefühle ein sehr authentisches Leben führten.

Heute nennt sie diese Leute: „Menschen, die aus vollem Herzen leben“ und ist dankbar, dass das unangenehme Gefühl Scham sie zu dem Weg führte, wie man ein authentisches Leben lebt. Dabei schien die entscheidende Frage zu sein: Warum lassen sich diese Menschen von ihren Schamgefühlen nicht aus der Bahn werfen? Was macht sie „schamresistent“? Wie gelingt es ihnen, trotzdem authentisch zu bleiben und nicht den eigenen Wert zu opfern?

Die Antwort ist, sie kultivieren bestimmte Formen von Mut.

  1. Mut sich zu zeigen. Das, was wir erleben, und das, wie unsere Umwelt auf uns reagiert, kommt nur überein, wenn wir ehrlich sagen, was in uns ist. Und das ist nicht immer schön, nicht immer bequem und noch nicht einmal immer das, was wir wollen. Aber es ist unsers! Wir sind die Urheber unserer Gefühle, auch wenn es uns manchmal so vorkommt, als würden uns unsere Gefühle passieren oder andere sie verursachen.

Mut sich selbst treu zu sein: Auch Nicht-konform-gehen mit dem, was unsere Mitmenschen meinen oder wollen, erfordert Mut. Es ist übrigens eine Illusion, wenn wir glauben, dass ein authentisches Leben leicht gehen müsste. Das kann es, das tut es auch oft und dann gilt es, das zu genießen. Aber sehr oft ist es unbequem, weil wir ein Risiko eingehen. Das Risiko, nicht zu wissen, wie unsere Mitmenschen unser Verhalten finden.

„Menschen, die aus vollem Herzen leben“ stehen zu ihrer Verletzlichkeit. Sie versuchen sie nicht zu verstecken und auch nicht anders zu sein, als sie sind. Und damit löst sich ein verbreitetes Bild auf, das Stark-sein und Verletzlichkeit für unvereinbar hält. Es ist genau andersherum. „Verletzlichkeit macht stark“, wie Brené Brown eines ihrer Bücher nennt.

Wenn du authentisch sein willst, dann…

  1. lasse los, wer du glaubst, sein zu müssen, und umarme die, die du wirklich bist.
  2. kultiviere den Mut, unvollkommen zu sein, Grenzen zu setzen und verletzlich zu sein.
  3. übe Mitgefühl, indem du dir bewusst machst, dass jeder von uns Stärken und Schwächen hat. Mitgefühl ist auch deshalb so wichtig, weil es das Gegengift von Scham ist. Der Quantensprung, den es in der Scham zu machen gilt, ist, sich von dem Mitgefühl seiner Mitmenschen wieder berühren zu lassen. Die meisten Menschen blocken Mitgefühl ab, weil sie in der Scham davon überzeugt sind, es nicht wert zu sein.
  4. kultiviere Verbundenheit und Zugehörigkeit; nicht nur, indem du daran glaubst, dass andere genügen, sondern auch, indem du daran glaubst, dass du genügst. Zu jeder Verbindung gehören zwei. Du und ich. Wenn nur du mir wichtig bist, dann fehle ich. Wenn nur meine Ansicht wichtig ist, dann fehlst du.
  5. Widme dich Dingen, die dir wirklich wichtig sind. Nicht der Erfolg entscheidet darüber, ob etwas wichtig ist, sondern der Sinn, den du daraus ziehst. Hier hilft die Frage: Was ist es wert, getan zu werden, selbst wenn ich es mir nur unvollkommen gelingt oder ich mich plage?


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Selbstbewusstseins – ein Vorteil der Evolution?

Antonio Damasio schreibt in seinem Buch „Selbst ist der Mensch“, dass Bewusstsein nicht etwas ist, das erst mit der Menschheit aufgekommen ist. Unsere Einzigartigkeit beruht nicht auf Bewusstsein, sondern auf Selbst-Bewusstsein. Seine These ist, dass Selbstbewusstsein einen Überlebensvorteil darstellte, sonst hätten unsere Vorfahren nicht überlebt und das menschliche Gehirn wäre nie so groß geworden. Wenn ich mir anschaue, wie viele Menschen es mittlerweile auf der Erde gibt, dann würde ich sagen, er hat recht.

Wie kam es also dazu?

Auch für eine Pflanze ist es gut, wen sie sich selbst fühlen kann (Grundbedingung des Bewusstseins) und wenn sie damit auch spüren kann, was gut für sie ist (Bedürfnisse). Warum? Wie soll sie wissen, wohin sie wachsen soll, wenn sie nicht die Sonne auf ihren Blättern spüren könnte? Wie sollte sie sonst auf die Idee kommen, sich dorthin zu drehen? Doch alle Pflanzen wachsen in Richtung Sonne.

Sich selbst und seine Umwelt spüren zu können ist gut. Sie sehen, hören und vor allem sich darin bewegen können ist noch besser. So machen es die Tiere.

Ein Tier kann nicht nur die Außenwelt mit seinen Sinnen erkennen, es nimmt auch sein Innenleben deutlich differenzierter wahr als Pflanzen. So können Tiere Gefühle wie Aggression, Zuneigung oder Hunger unterscheiden und passend darauf eingehen. Diese Gefühle zeigen ihnen an, ob es jetzt angesagt ist, das Revier zu verteidigen, mit Artgenossen zu Schmusen oder Nahrung zu suchen. Tiere kennen ihre Umwelt und sich selbst deutlich besser als Pflanzen und sind damit bewusster. Deshalb haben sie mehr Möglichkeiten, wenn die Umweltbedingungen mal nicht so sind, wie sie sie brauchen.

Bei uns Menschen kommen erstmal alle vorherigen Komponenten des Bewusstseins zusammen.

  • Den eigenen Körper fühlen können
  • Eigene Gefühle erkennen und Aktionen daraus ableiten
  • Die Umwelt kennen und wissen, welchen Einfluss sie hat
  • Die eigenen Möglichkeiten kennen
  • Die besonders wichtigen Fähigkeiten an die Nachkommen weitergeben

Das sind alles Komponenten von Bewusstsein, doch bei uns Menschen kommt noch ein „Selbst“ dazu. Dieses Selbst, das wir auch „ich“ nennen, setzt alles, was passiert, mit sich selbst in Beziehung. Erkennt der sogenannte Selbstprozess keine Beziehung oder Bedeutung zwischen einem Ereignis und sich selbst, wird dieses sofort wieder vergessen. Dieses Selbst sagt: Meine Gefühle, meine Bedürfnisse, meine Umwelt, meine Möglichkeiten, meine Liebsten, meine Träume. Es stellt permanent zu allem einen Selbstbezug her, indem es fragt: „Was hat das mit mir und meinem Leben zu tun?“

Jetzt erlebt der eine oder die andere es nicht als Vorteil, alles auf sich selbst zu beziehen. Wenn alles, was mein Nachbar denkt, für mich Bedeutung hat, kann das anstrengend werden.

Um den Vorteil in Bezug auf das Selbst zu verdeutlichen, hier der Vergleich zu meiner Hündin Nita. Im Gegensatz zu Nita weiß ich heute noch, dass ich gestern beim Arzt war (sagen wir bei der Hautvorsorge) und dass der Arzt meine Leberflecken auffällig fand. Ich weiß, das kann Einfluss auf mein Leben haben. Ich kann mir verschiedene Zukunftsszenarien vorstellen, und eine relativ harmlos könnte sein, darauf zu achten, keinen Sonnenbrand mehr zu bekommen.

Meine Hündin weiß all das nicht. Was sich sicher auch positiv auf ihr Wohlbefinden auswirkt, aber eventuell nicht auf ihr Überleben. Im Bewusstsein eines Säugetieres gibt es nur die Gegenwart. Das heißt, Nita weiß nicht mehr, dass sie gestern beim Tierarzt war. Sie erkennt aber sofort, wenn wir jetzt zum Tierarzt gehen. Dann reagiert sie emotional und bekommt Angst. Sie hat aber überhaupt kein Bewusstsein darüber, was dieser Besuch für sie bedeutet (Selbstbezug). Sie bemerkt nur „unangenehm“ und folgert der inneren Programmierung „vermeiden!“ Beides läuft unter Umständen auch in mir ab, nur dass ich dem Ganzen zusätzlich eine Bedeutung gebe. Diese Bedeutung ist: „1. Ich mag Vorsorgetermine nicht. 2. Ich erkenne, dass sie für mich sinnvoll sind, da ich so viele Muttermale habe! 3. Es könnte sich positiv auf mein Überleben auswirken!“

Hier liegt der Vorteil des Selbst. Es schafft Bedeutung, noch bevor das Problem da ist. Das heißt, bevor ich mich krank fühle, tue ich etwas für meine Gesundheit. Ein wildes Tier wird erst dann etwas tun, wenn es krank ist. Dann könnte es anfangen, Heilkräuter zu fressen. Das setzt sich in allen Lebensbereichen fort. Zum Beispiel tue ich etwas für meine Ernährung, bevor ich Hunger habe (Geldverdienen, Einkaufen etc.).

Der Wunsch zu leben ist die mächtigste Motivation überhaupt. Sie übersteigt unseren Wunsch nach Wohlbefinden bei weitem. Das ist der Grund, warum sich die Biologie nicht für das Glücklichsein interessiert! Überleben ist wichtiger! Unter diesem Gesichtspunkt ist es extrem sinnvoll, über Probleme nachzudenken, bevor sie existieren. In Sachen Glücklichsein dagegen kann es sehr nachteilig sein, den größten Teil seiner Zeit über Probleme nachzudenken, die es nicht gibt. Das Ganze wird dadurch noch sinnloser, wenn man bedenkt, dass wir nur Zeit haben, über all die nicht-existierenden Probleme nachzudenken, weil unser Überleben gesichert ist! Hier beißt sich leider der menschliche Überlebensvorteil in den nicht-existenten Schwanz.

Für all die Menschen, die das Glück haben, keine Angst mehr vor dem Verhungern haben zu müssen, gilt, dass die eigentliche Herausforderung des Lebens darin besteht, über die biologische Programmierung des Selbstbezugs hinauszuwachsen.


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Fehler und die Selbstachtung

Für meinen Geschmack sind zu viele Menschen mit der folgenden Vorstellung aufgewachsen: Wer Fehler macht, verdient Strafe. Die Art der Strafe variiert und reicht von Missachtung und Anschreien bis zu Nachsitzen oder Kündigung. Dabei ist eines klar: die Wertschätzung ist dahin. Und was die Sache noch schlimmer macht, ist der Glaube, dass man an der Reaktion seiner Umwelt auch noch selbst schuld ist. Man braucht sich gar nicht zu beschweren, schließlich hätte man es besser wissen können und sich mehr anstrengen müssen.

Die negativen Konsequenzen von Fehlern sind uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir uns selbst bestrafen, wenn es kein anderer für uns tut. Und so beschimpfen wir uns selbst als Versager, Nichtsnutze und hoffnungsloser Fall. Und vor allem, wir schämen uns. Wer so denkt, hat als Kind eines gründlich gelernt: „Schäm dich! Du hast einen Fehler gemacht.“ Doch genau da liegt das Problem. Wenn wir uns schämen und Angst vor Strafe haben, ist es uns NICHT möglich, irgendetwas anderes zu lernen, als diese Situation in Zukunft zu vermeiden. Vermeidungsstrategien können sein: Die Schule schwänzen, lügen, nichts mehr sagen, die Diplomarbeit gar nicht erst anfangen. Neue Kompetenzen erwerben wir damit nicht. Und unser Selbstwertgefühl lässt sich damit auch nicht aufbauen.

Schade, weil Lernen, ohne Fehler zu machen, nicht möglich ist! Kein Kind lernt laufen, ohne hinzufallen. Kein Erwachsener lernt seinen Beruf, ohne Fehler zu machen. Und kein Senior lernt den Umgang mit dem PC, ohne dass alles plötzlich weg ist und er nicht weiß, warum. Auch soziale Beziehungen wollen gelernt sein. Eltern machen Fehler. Neue Freunde oder Kollegen machen Fehler. Und Eheleute machen Fehler. Doch ohne diese Fehler wüssten sie nicht, worauf es ankommt.

Um einen neuen Umgang mit Fehlern zu lernen, braucht es oft einen Heilungsprozess. Die Blockaden, die aus den gründlich gelernten Vermeidungsstrategien entstanden sind, sitzen tief. Erst wenn ich meine Scham und Angst ausdrücken kann, ist es mir möglich in Erwägung zu ziehen, dass Fehlermachen ungefährlich ist. Denn bei jedem Fehler, den ich unweigerlich irgendwann mache, stellt sich das Schamgefühl oder die Angst ein. Erst nach dem Ausdrücken der Gefühle kann man lernen, sich selbst Fehler zu verzeihen.

Heiße ich schließlich meine Fehler willkommen und feiere ich sie als die Gelegenheit, etwas Neues zu lernen, dann habe ich den entscheidenden Schritt gemacht. – Herzlichen Glückwunsch!

In diesem Sinne lasst uns unsere Fehler feiern:

„Yes!!! Ich habe einen Fehler gemacht! Jetzt kann ich mich weiterentwickeln!“


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Die Stellschrauben am Selbstvertrauen – Teil 1

Ich habe mir in meinem Leben viel Gedanken zum Thema Selbstvertrauen gemacht. Vermutlich weil ich von großem Lampenfieber geplagt bin und es gleichzeitig nicht lassen kann, mir immer wieder meine „Bühnen“ zu suchen. Aus dem Wunsch heraus, etwas entspannter mit diesen Situationen umzugehen, habe ich nach Stellschrauben gesucht, an denen ich drehen kann, um mein Selbstvertrauen zu steigern. Und folgende Schräubchen habe ich gefunden: Können, Erfahrung, Erwartung und Vertrauen.

Fangen wir bei dem an, was sich am leichtesten beeinflussen lässt: „Können“

Wichtig ist dabei zu wissen, dass wir nicht nur fachliche Kompetenzen erwerben können, sondern auch soziale. Nach jahrelangem Studium der Gewaltfreien Kommunikation weiß ich, Empathie lässt sich lernen und damit üben, Selbstwahrnehmung lässt sich lernen und üben und vieles mehr. Voraussetzung dazu ist, dass man den Weg dorthin in kleine Lernschritte aufteilt und diese wiederholt, bis sie selbstverständlich geworden sind. Denn genau das bedeutet üben. Doch was uns scheitern lässt, sind oft zu groß gewählte Ziele. Wenn man ein Instrument lernt, dann kann so ein zu großes Ziel ein Auftritt sein.

Meine Gesanglehrerin meinte einmal, bei einem Musikauftritt bringt man ungefähr 80% seiner Leistung. Das heißt, im Proberaum muss man 20% besser sein, als das, was man vor Zuschauern zeigen will. Die meisten Laien-Redner, -Musiker oder -Schauspieler begehen jedoch den Fehler, dass sie das Beste, was sie können, zeigen wollen. Und oft können sie das noch nicht lange. Die Unsicherheit bei ganz frisch erworbener Kompetenz (die Profis noch nicht als solche bezeichnen würden) wird durch mangelnde Erfahrung verstärkt. Kommt dann noch die übliche Nervosität dazu, ist das Scheitern vorprogrammiert. Wer also meint, sein Selbstvertrauen reiche für einen Auftritt nicht, kann sich entweder besser vorbereiten, ein leichteres Stück oder ein wohlwollendes Publikum wählen.

Das wird all die Menschen enttäuschen, die glauben, dass etwas, was mit viel Leichtigkeit auf der Bühne dargestellt wird, auch mit Leichtigkeit erworben wurde, was nicht stimmt. Ein Flamencogitarrist wurde nach einem Konzert von einer begeisterten Frau mit folgenden Worten angesprochen:

„Ich würde alles dafür geben, um so gut spielen zu können wie Sie!“

Da fragte er: „Was ist denn „alles“?“

„Sagen wir, mein halbes Leben!“

Darauf antwortete er nachdenklich: „Ja, das ist in ungefähr auch das, was ich dafür bezahlt habe. Warum haben Sie nicht so lange geübt?“

Nun, den meisten ist bewusst, dass mehr Können mehr Aufwand bedeutet. Und jeder kann entscheiden, wieviel Aufwand er betreiben möchte und ob es das wert ist. Nur wenn man an der eigenen „Erfolglosigkeit“ leidet, dann nutzt es nichts, es auf mangelndes Selbstwertgefühl zu schieben, wenn es am Einsatz liegt.

Doch es gibt auch die Menschen, die täglich viele Stunden lang Gitarre üben und nie vor Publikum spielen, oder die, die eine Weiterbildung nach der anderen besuchen und trotzdem den Schritt in die Selbstständigkeit nicht wagen. Die brauchen nicht mehr Kompetenz, sondern mehr Erfahrung.

Lese dazu mehr im nächsten Blog!


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Aggression – Ist unsere Definition Teil des Problems?

In den gängigen Nachschlagewerken (Duden, Wikipedia) wird Aggression als aggressiver Akt gegen jemanden definiert. Wenn man genau hinschaut, dann besteht ein aggressiver Akt aus zwei Komponenten: einem Gefühl wie z.B. Wut und einer konkreten Handlung wie Schlagen oder Truppen an der Landesgrenze stationieren. Diese Verbindung aus Gefühl und Handlung ist meines Erachtens Teil des Problems, welches wir mit eskalierenden Konflikten haben. Wie Marshall Rosenberg sehr fein beobachtet hat, erhöhen Urteile und Bewertungen die Aggressionsbereitschaft der bewerteten Person. Fühlen sich Menschen verurteilt und damit angegriffen, reicht ein Wort und das Pulverfass explodiert. Und dieses eine Wort kann „aggressiv“ sein. Dass die Mehrzahl der Menschheit die Bewertung teilt, ändert nichts am Effekt der Bewertung. Hier ein internationales Beispiel:

Im Kalten Krieg haben die USA gezielt aufgerüstet, in der Absicht ihre Bevölkerung vor der UdSSR zu schützen. Die UdSSR beurteilte das amerikanische Verhalten in der einheimischen Presse als aggressiv und kurbelte die eigne Rüstungsindustrie an, ebenfalls in der Absicht sich und ihre Bevölkerung zu schützen. (Der Beginn der Geschichte ist hier zufällig gewählt. Ich bin sicher, dass beide der Ansicht sind, der andere habe angefangen). Das Verhalten der UdSSR bestätigte in den USA das Bild des Russen als Aggressor und rechtfertigte damit weitere Rüstungsaufträge, was in der UDSSR genau die gleichen Bewertungen (aggressiv) und Handlungen (Waffenproduktion) zur Folge hatte. Man beachte, dass die Bewertung „aggressiv“ nur für das Verhalten des anderen genutzt wird. Das eigene Verhalten gilt als beschützend. Doch tatsächlich lässt sich beschützendes und aggressives Verhalten kaum unterscheiden. Ein bewaffneter Soldat wirkt auf die, die vor ihm stehen, aggressiv und auf die, die hinter ihm stehen, beschützend. Worte wie „Aggression“ und „Aggressor“ drücken damit die Perspektive einer Person aus, die sich bedroht fühlt. Doch diese Perspektive tarnt sich als Tatsache, was man erst bemerkt, wenn man sich in die Lage der anderen Partei versetzt. Das Verhalten anderer zu brandmarken und zu bewerten, ist deshalb so attraktiv und beliebt, weil es von den eigenen Gefühlen ablenkt. Die eigene Angst und Betroffenheit auszudrücken, macht verletzlich. Und das allgemeine Verständnis ist, wenn ich mich verletzlich mache, dann werde ich angegriffen. Nur meine Stärke hält den anderen davon ab, seine Drohungen in die Tat umzusetzen. Doch es ist ein Irrglaube, dass Drohgebärden vor Gewalt schützen. Sie heizen den Konflikt an. Da finde ich es fast schon beruhigend, dass den meisten Menschen so selten eine schlagfertige Antwort einfällt. Sitzt der Gegenangriff, ist die Eskalation kaum noch zu vermeiden.

Die GFK schlägt folgendes vor: Will man sich konstruktiv mit jemandem über sein Verhalten unterhalten, ist es wichtig die Bewertung (aggressiv) von der Tat (Waffenproduktion) zu trennen. Und wenn wir weiterforschen, dann trifft „aggressiv“ die eigentliche Motivation immer noch nicht. Sondern dahinter stehen wahrscheinlich Angst und der Wunsch nach Schutz. Die GFK unterscheidet diese Begriffe deshalb so genau, um zum einen Provokationen zu vermeiden und zum anderen Verbindung zwischen den Konfliktparteien zu schaffen. Beide haben Angst und beide wollen sich schützen.

Die Wirkung von Bewertungen bzw. wertfreien Beschreibungen kann man besonders gut an sich selbst erforschen. Sagt jemand zu uns: „Mensch, was bist denn du so aggressiv!“ dann spüren wir deutlich, dass wir bewertet werden. Sagen wir das zu jemand anderem, dann ist uns das in der Regel nicht gleich bewusst. Zum Glück lassen die meisten Menschen einen sofort wissen, wenn sie sich bewertet fühlen. Sie widersprechen. Um dies als wertvolles Feedback annehmen zu können, hilft es den Automatismus und die Bewertungen überhaupt erst zu erkennen.

Die Erfolge dieser Differenzierung zeigt die GFK sowohl bei internationalen als auch bei persönlichen Streitschlichtungen. Und was würde Marshall Rosenberg zu den Anschlägen in Paris sagen?

Vielleicht: „Ich bin bestürzt und es schmerzt zu sehen, wenn Menschen wie du und ich durch einen Sprengsatz sterben müssen. Ich wünsche mir von tiefsten Herzen, dass wir weltweit die Kraft entwickeln, Respekt für jedes (menschliche) Leben zu empfinden. Und dass wir Wege finden, die Konflikte unserer Erde gewaltfrei zu lösen.“

P.S Mich (Regine) bestürzt es, wie leicht es mir fiel, am Beispiel des Kalten Krieges deutlich zu machen, dass beide Parteien die gleichen Absichten (Selbstschutz) hatten. Auf die Schnelle ist mir das mit dem Islamischen Staat (IS) und Westeuropa nicht gelungen. Ich vermute, dass es an der zeitlichen Distanz liegt. Jedes Feindbild, das wir haben, stellt eine echte Herausforderung an unsere Bereitschaft dar, den Menschen im anders Denkenden zu sehen und zu glauben, dass die „aggressive“ Tat die beste Strategie war, die ihm einfiel, um seine Bedürfnisse zu erfüllen. Hätte er eine andere gesehen, hätte er eine andere gewählt. Also, was versucht uns der IS zu sagen, wenn er Hinrichtungen im Internet veröffentlicht, Weltkulturerbe sprengt und Menschen in Paris in die Luft jagt? Ich könnte mir vorstellen, dass ISler sich von der westlichen Kultur bedroht fühlt. Und dass sie keine anderen Mittel sehen die eigene Kultur zu verteidigen.


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Aggression – meine Definition (eine Abgrenzung)

Aggression stammt von dem lateinischen Wort aggredere, was so viel bedeutet wie voranschreiten, sich nähern. Die Bedeutung „angreifen“ ist später dazugekommen.

Ich benutze „Aggression“ in erster Linie als einen Oberbegriff für eine Energie, die den Wunsch des Vorankommens, Sich-annäherns oder Angreifens motiviert. Wut, Ärger und Zorn sind aggressive Gefühle und unterscheiden sich in der Intensität. Sie sind Teil meines Aggressionsbegriffs.

Das, was man aggressive Handlungen nennt, ist nicht Teil meiner Definition. Ich beziehe mich ausschließlich auf den emotionalen Anteil.

(Siehe auch Aggressionsdefinitionen im Duden)


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Definition „Empathie bekommen“ bzw. Anliegenarbeit

„Empathie bekommen“ ist in der GFK-Szene ein gängiges Setting, in der eine Person von ihrem Problem spricht und 1-7 Personen ihr von Herzen zuhören. Dabei äußern die „Empathie-Geber“ hin und wieder Gefühle und Bedürfnisse, die sie beim Sprechenden vermuten. Der Sprecher entscheidet, ob diese Angebote für ihn richtig sind.

Aktuelle Forschungen belegen, dass wir Menschen ungefähr mit 30% unserer empathischen Schätzungen richtig liegen. Das heißt für so ein Empathie-Setting, dass 70% der Vorschläge falsch sind. Es ist wichtig zu wissen, dass sie trotzdem beim Klärungsprozess helfen. Beispiel: „Nee, das ist es nicht. Es ist eher….“


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Wut in unserer Gesellschaft

Der Ausdruck von Wut ist in unserer Gesellschaft nicht gerne gesehen. Doch trotz ihres schlechten Rufes erfüllt sie eine lebenswichtige Aufgabe.

Mit Hilfe von Wut entwickeln wir die Kraft, unangenehme Konflikte und dringend benötigte Veränderungen anzugehen. Fehlt es an Klärungswut, dann schwelen Konflikte im Untergrund und untragbare Situationen bleiben bestehen.

Außerdem ist Aggression notwendig, um unsere Umwelt so zu gestalten, dass wir gut darin leben können. Siehst du die Aggressivität in Erde pflügen und Jagen (Nahrungsbeschaffung), im Zerkleinern von Lebensmitteln (Nahrungsaufnahme), in dem Satz: „Ich will diesen Mann oder keinen!“ (Partnerwahl) oder „Ich will dich!“ (sexuelle Liebe) oder „Ich will diesen Job!“ (Selbstbehauptung)? Für all das brauchen wir eine positive Grundaggression im Sinne von: „Ich will das!“ Und damit wir etwas damit anfangen können, muss es sich zuerst ändern. Das Tier kann nicht leben, wenn ich es essen will. Der Mann muss ja zu mir sagen, sonst können wir keine Beziehung führen. Du musst dich öffnen, damit ich dich nehmen kann. Die Firma muss sich für mich und gegen andere Bewerber entscheiden. Es ist eine pazifistische Illusion, dass ich leben könnte, ohne irgendetwas zu verändern. Und dazu braucht es Aggression.

Eine weitere Funktion der Aggression ist es, Kräfte für die Selbstverteidigung zu mobilisieren. Wir sind im Notfall bereit, um unser Leben, die Familie oder den Staat zu kämpfen. Oder wir verteidigen verbal Dinge, die uns wichtig sind, wie Werte, Möglichkeiten oder Ansichten.

Warum reglementiert dann unsere Gesellschaft den Ausdruck von Wut?

Frei ausgedrückte Wut führt oft zu Gewalt. Grenzen wir den Wutausdruck ein, dann wird der öffentliche Raum sicherer. Nach der deutschen Verfassung ist es nur der Polizei und der Bundeswehr erlaubt, Gewalt gegen Menschen einzusetzen und dies unterliegt Regeln. Die Folge ist, dass es in deutschen Großstädten möglich ist, nachts alleine unterwegs zu sein, was in Drittweltländer undenkbar ist.

Das von unserer Gesellschaft festgelegte Gewaltmonopol des Staates hat zur Folge, dass besonders aggressive Gefühle in jedem einzelnen eingedämmt werden müssen. Dies schlägt sich in der Kindererziehung nieder. Kleinkinder (und oft auch ausländische Mitbürger) müssen lernen, ihre Wut zu hemmen, statt sie auszuagieren. Wem dies nicht gelingt, der bekommt gesellschaftliche Probleme.

Um Verhalten zu reglementieren, nutzen wir Menschen ein anderes Gefühle: die Scham. Schämt sich einer, lernt der Betroffene sehr schnell das dazugehörige Verhalten zu vermeiden. Und so ist es hierzulande nicht unüblich, sich nach einem heftig Gefühlsausbruch genauso heftig zu schämen. Wer sich schämt, verurteilt sich selbst. Man stellt sich als Ganzes in Frage und unterliegt dem Eindruck, die Berechtigung verloren zu haben, dazuzugehören und liebenswert zu sein. (Bedürfnisse, die uns die menschliche Gemeinschaft erfüllt).

Die größere Sicherheit im öffentlichen Raum bezahlen wir somit mit Schamgefühlen und einer geringeren Lebendigkeit und Spontanität (d.h. heftige Gefühle werden nicht spontan ausgedrückt).

In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns und müssen eine Strategie finden, die uns ein Maximum an Sicherheit und Lebendigkeit bietet. Keine leichte Aufgabe! Mit Gewaltfreier Kommunikation gelingt mir das in Teilen. Sie hilft mir meinen Ärger und meine Wünsche so ehrlich wie möglich auszudrücken, und gleichzeitig bedeutet GFK-Sprechen für mich, meine ersten Impulse einzudämmen. Es bleibt also ein Spagat konstruktiv mit Aggressivität umzugehen.

Mehr über den Umgang der GFK damit findest du hier (im nächsten Beitrag).