schreibend denken und fühlend verstehen wollen


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Braucht dein Selbstbild ein Up-Date?

Wann hast du das letzte Mal dein Selbstbild überholt? Bei größeren Veränderungen im Leben wird es meist notwendig. Denn oft kommen wir nicht weiter, ohne unser Selbstverständnis zu ändern. Zum Glück musst du für ein Up-Date deiner Seele nicht auf einen Misserfolg oder die nächste größere Veränderung warten. Du kannst gleich damit beginnen.

Ein kleiner Selbst-Quiz gefällig?

  1. Frage drei Menschen, die dich gut kennen (Kollegen, Freundinnen, Partner) „Wie wirke ich?“ (Aber zuerst beantworte dir selbst diese Frage.)

GFK Smileys

  1. Für die nächste Frage antworte schnell und spontan mit dem ersten, was dir in den Kopf kommt.

„Die Welt ist voller ___________!“

  1. Was sagst du dir als erstes, wenn du einen Fehler gemacht hast? __________

Und? Hast du den Mut, andere zu fragen? Vielleicht reicht dir die Vorstellung, um die Idee gleich wieder fallen zu lassen. Warum ist das so?

Den meisten von uns ist der Unterschied zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung irgendwo bewusst. Negative Urteile schmerzen und positive verpflichten. In der Hierarchie der wichtigsten Dinge, auf die unser Hirn ständig achtet, liegt die Frage: „Bin ich ok?“ (sozial und körperlich) gleich an zweiter Stelle. Den ersten Platz halten übrigens überlebenswichtige Funktionen unseres Körpers. Und damit da nichts schief läuft, wird Platz 1 vom vegetativen Nervensystem gesteuert. Unser Bewusstsein wäre mit Atmung, Zuckerspiegel und Schlafbedürfnis schnell überfordert. Dafür kümmert es sich um Platz 2, die existentielle Frage, „Bin ich ok?“. „Ok“ im Sinne von anerkannt, dazugehörig und sicher in der Gemeinschaft. Eine Verunsicherung hier bringt unseren Selbstwert ins Wanken und macht es fast unmöglich, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Dieser Bedeutung ist es geschuldet, dass unser Hirn uns für die richtige Einschätzung belohnt, selbst wenn die Einschätzung negativ ist. Sich selbst für schwach zu halten, bringt einen nicht um, wenn man sich entsprechend verhält. Sich für stark zu halten, es aber gar nicht zu sein, hingegen schon.

Wenn die richtige Selbsteinschätzung so wichtig ist, warum sind wir nicht dankbar für jedes Feedback, das uns hilft, uns selbst realistischer zu sehen? Weil das gleichzeitig heißt, dass wir die negativen Gefühle, mit denen unser Gehirn auf „falsche“ Selbsteinschätzung reagiert, aushalten müssen. Da relativieren wir doch lieber das Feedback: „Ach, die sagt das nur, um nett zu sein!“ oder „der kann das gar nicht beurteilen!“

Wir wechseln nun die Blickrichtung von innen nach außen. Wie siehst du die Welt? Schau einmal auf die Antwort der zweiten Frage. Wenn die Welt voller ___________  ist, wie lebt es sich darin? Fühlst du dich wohl? Weißt du die Gesellschaft zu schätzen oder bist du chronisch angenervt?

Diese Sichtweise ist dein persönlicher Filter. Der Filter funktioniert genauso wie das Phänomen, dass, sobald du ein Wohnmobil kaufen willst, von heute auf morgen die Straßen voll davon sind. Wo waren die nur vorher? – Nun, sie fanden den Weg durch deinen persönlichen Filter nicht. Bewusst oder unbewusst entscheiden wir uns, einem Teil der Welt besondere Beachtung zu schenken, das können „Idioten“ genauso wie „Probleme“ oder „schöne Menschen“ sein.

Damit hat unsere Wahrnehmung einen großen Einfluss darauf, wie es uns geht. Die gleiche Bedeutung haben Selbstgespräche. Schau‘ dir noch mal deine Antwort von Frage 3 an. Was würdest du deiner besten Freundin sagen, wenn sie so mit dir spräche? Wärt ihr noch Freunde? Bist du deine eigene Freundin. Glückwunsch, wenn ja! Aber woher hast du das?

Wenn du dich noch nie mit dieser Frage befasst hast, hast du diese Worte mit ziemlicher Sicherheit schon als Kind hundertmal gehört. Lange bevor wir uns bewusst mit unserer Identität auseinandersetzen, verinnerlichen wir die Sätze von unseren wichtigsten Bezugspersonen: „Das hättest du wissen müssen!“, „Wie kann man nur so blöd sein?“ oder „Wie ärgerlich, was machen wir jetzt?“.

Sich das bewusst zu machen, ist unangenehm, aber der erste Schritt deine Filter und Selbstgespräche selbst-bewusst zu gestalten.

Es ist Zeit für ein persönliches Up-Date!*

*Aber Vorsicht, das Up-Date startet mit unangenehmen Gefühlen! Der Benefit kommt später.  

 

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Die Perfektionisten-Falle

-Oh, Mist, das Layout sitzt nicht richtig. Und die Formulierung ist so ungeschliffen.

Aber schon 100x geprüft, 200x gegengelesen.

-200x nicht, aber…

-Genau, warum bist du noch nicht im Bett? Warum bist du noch nicht zu Hause?

Die Nachbarbüros sind dunkel. Der Bewegungsmelder im Flur reagiert schon lange nicht mehr. Fleißigste Mitarbeiterin, du! Du starrst auf dem Bildschirm. Die Zahlen verschwimmen. Aber die Vorstellung, dass du morgen, vor allen…

-Ok, ich gehe es nochmal durch.

Ein Fehler… unvorstellbar…

22:43 Uhr

-Soll ich das doch nochmal umschreiben? Es klingt so unprofessionell!

STOP!

Zu extrem das Beispiel? Nie eine ähnliche Erfahrung gemacht, nie gedacht: Hätte ich das bloß nicht geändert? Stunden mit einer Sache zugebracht, die eigentlich schon fertig war. Die, wenn man es einmal ohne Perfektionismus betrachtet, gut genug war?

Damit bist du nicht allein. Die Idee, dass uns Perfektion vor Kritik und anderen schmerzhaften Erfahrungen schützt, ist weit verbreitet. Nicht selten wird diese Annahme von Arbeitgebern und Eltern unterstützt. Sätze wie: „Was sollen nur die andern denken?“ sollen zu Höchstleistungen motivieren, aber in Wirklichkeit lähmen sie. Perfektion hilft nicht, sie frisst das Selbstbewusstsein, die Freizeit und den Schlaf.

Lass die Perfektion nicht der Feind des Getanen sein!

Brené Brown bringt Perfektionismus mit einem übermäßigen Schamgefühl in Verbindung. Perfektionismus ist der schwere Schild, der uns vor dem schlimmsten aller Gefühle, der Scham, schützen soll. Wenn sie zuschlägt, dann stecken wir im Loch der schwärzesten Überzeugung, dass wir jedes Recht verwirkt haben, dazuzugehören. Vor uns selbst und anderen haben wir jede Achtung verloren. Und als soziale Wesen, die wir nun einmal sind, lernen wir schnell, das um jeden Preis zu vermeiden. Perfektion scheint da eine gute Strategie. Wenn ich alles richtig mache, werde ich geliebt, vermeide Kritik, werde geschätzt. Aber wehe, wenn dem nicht so ist!

Perfektion ist eine Lüge, es gibt sie nicht. Es ist unmöglich perfekt zu sein, es ist unmöglich alles unter Kontrolle zu haben.

Stattdessen wendet sie sich früher oder später gegen uns selbst. Sie ruiniert unsere Gesundheit und ganz sicher den Schlaf. Eine Zeitlang hilft sie, die Leistung zu steigern, bis sie in das Gegenteil umschlägt. Wir verpatzen den Termin. Unausgeschlafen und mit einem zu Tode korrigierten Entwurf, da muss der Chef doch wirklich mal sagen:

-So nicht, Frau Landwehr!

Es ist Zeit, der Perfektion und nicht dir selbst den Kampf anzusagen. Es ist Zeit, die bewegliche Messlatte herunterzureißen, die immer, wenn du ihr nahe kommst, sich ein bisschen nach oben verschiebt. Es ist Zeit, dir selbst zu sagen, dass du so, wie du bist, gut genug bist.

Eine kleine Übung gefällig? (Die man natürlich perfekt ausführen könnte!)

Schreibe jeden Morgen fünf Dinge auf, die du gestern getan hast, die „gut genug“ waren.

Warum?

Weil du gut genug bist!


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Bin ich gut genug?

Eine Frage, auf die die meisten Menschen wohl kein freudiges „Ja“ haben. Schließlich denkt es in uns: Ich sollte mehr Sport treiben und Diät halten. Ich leiste nicht genug! Ich sollte belastbarer sein und außerdem durchsetzungsfähiger. Und damit nicht genug, ich sollte mehr Work-Live-Balance betreiben und damit fürsorglicher, glücklicher oder zumindest rundum zufrieden sein; vom Geld und glücklichen Sex haben wir hier noch gar nicht gesprochen.

Dieses ständige An-sich-herummäkeln tut dem Selbstwert nicht gut.

Lange Zeit dachte ich, Selbstwert bestünde aus Glaubenssätzen wie: Ich sehe gut aus! Ich fühle mich stark und erfolgreich! Aber nein, die Schamforscherin und Buchautorin* Brené Brown hat in ihren Forschungen etwas anderes entdeckt. Sie fand heraus, dass Menschen, „die aus vollem Herzen leben“ und damit viel Selbstbewusstsein zeigen, glauben, dass sie „gut genug“ sind. Das ist die Basis. Man muss nicht glauben, dass man Superman ist. Nein, es reicht aus zu glauben, dass man gut genug ist.

Das ist etwas komplett anderes als das, was Perfektionisten tun und denken. Perfektionisten sind Menschen, von denen andere denken, dass die nun wirklich mehr als gut genug sind. Aber wie sieht es in ihnen aus? Ganz anders. Der Grund, warum sie so viel Zeit auf Perfektion verwenden, liegt darin, dass niemand bemerken darf, wie es eigentlich in ihnen aussieht. Aber wenn man genau hinhört oder eine Perfektionistin persönlich kennt, dann scheinen die nagenden Selbstzweifel durch den schillernden Perfektionisten-Panzer.

Brené Brown zieht eine erstaunliche Verbindung zwischen „besonderen Leistungen“ und dem Gefühl „gut genug zu sein“. Diese ist nicht so offensichtlich und wird aber deutlich, wenn man sich bewusst macht: Niemand weiß, dass er etwas Besonderes leisten kann, bevor er es nicht getan und anderen Menschen vorgestellt hat. Dieser Schritt in die Öffentlichkeit (auch wenn es nur eine Person ist) braucht Mut, schließlich riskiert man kritisiert oder gar verlacht zu werden. Und diesen Mut finden wir, wenn wir glauben, gut genug zu sein. „Gut genug“ ist das Sprungbrett, das uns in die Luft katapultiert, und „gut genug“ ist das Sicherheitsnetz, das uns wieder auffängt, wenn es mal schiefläuft.

Und was, wenn man daran nicht glaubt? – Kein Grund sich zu verurteilen!

Die gute Nachricht ist, man kann es üben, zum Beispiel so:

Mach dir deine Selbstabwertungen bewusst. Oft ist man so gewohnt, sich selbst zu beschimpfen, dass es einem gar nicht mehr auffällt. Ein Blick in den Spiegel am Morgen und der Gedanke: „Oh, du siehst ganze schön alt aus!“ schießt einem in den Kopf. Aber, STOP! Nochmal zurück:  „Hey, tut mir leid! Du siehst gut genug aus!“ Ein Blick auf die to-do-Liste am Abend: „Wieder nichts geschafft!“ STOP! „Das, was ich geschafft habe, war gut genug!“ Ein Telefonat mit der besten Freundin: „Mensch, ich hätte echt mitfühlender sein sollen!“ STOP! „Das war das Beste, was ich zu geben in der Lage war! Es war gut genug!“

Nun bist du dran, mache dir drei Urteile bewusst, die du gegenüber dir selbst hast, und ersetze sie mit „Ich bin gut genug!“ Besonders wirkungsvoll ist das, wenn man es laut zu seinem Spiegelbild sagt: „Du bist gut genug!“

Wie fühlt sich dieser neue Kontakt mit dir selbst an?

*Buch: „Verletzlichkeit macht stark“ von Brené Brown


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Westliches Selbstbewusstsein – weiter so!?

Selbstbewusstsein ist ein evolutionärer Vorteil des Menschen. Das kann man bei dem Neurologen Antonio Damasio in „Selbst ist der Mensch“ lesen. Man schaue nur, in welchen Gegenden Mensch überleben kann. Dabei ist Mensch noch nicht einmal mehr auf jahrhundertealtes Wissen von Eskimos und Beduinen angewiesen. Dank moderner Technik können wir Schwimmbäder und Obstplantagen in Wüsten bauen und Forschungsstationen auf dem Mond und der Antarktis unterhalten.

Um das umzusetzen, braucht es eine gehörige Prise Selbstbewusstsein.

Doch wenn wir uns nur für europäische Ziele interessieren, dann kommen die Probleme aus Afrika und dem Nahen Osten eben zu uns. Wenn wir uns nur um unsere Bedürfnisse kümmern und die von Tieren und Pflanzen ignorieren, dann entziehen wir uns selbst langsam aber sicher die Lebensgrundlage.

Ach, so schlimm ist es nun auch wieder nicht! – Wirklich nicht?

Neulich bei einem Spaziergang in der alten Heimat. Mit Freude lausche ich im Wald den zahlreichen Vögeln. Auch komme ich durch Waldflächen, die erfreulich unaufgeräumt und wild aussehen. Bäume in Reih und Glied, die man leicht mit einem Maisfeld verwechseln könnte, gibt es natürlich auch, aber ich werde bescheide, was meine Ansprüche an die deutsche Natur angeht. Die Sonne scheint durch die noch kahlen Zweige und ich wähle einen Weg über die Felder zurück. Mit jedem Schritt, mit dem ich mich vom Waldrand entferne, wird es stiller. Rechts breitet sich ein noch braunes Rapsfeld aus, links säumt Buschwerk den Wegrand. Wo sind die Vögel? Ich suche das Gestrüpp ab, kann aber keine finden. Es ist unheimlich still. Ich frage einen alten befreundeten Bauern? Der zuckt resigniert mit den Schultern. Neue Pestizide: „Die sind so effektiv, die machen alles kaputt!“ Tausendfüßler, Spinnen oder Fliegen, kein Insekt entkommt der chemischen Keule. Und die Vögel müssen sich woanders ihre Nahrung suchen. Ich bin fassungslos! Da haben wir Menschen wieder mal selbstbewusst unserem Feind, den Schädlingen von Weizen und Mais, den Kampf angesagt, und ohne mit der Wimper zu zucken, zahlreichen anderen Arten den Lebensraum entzogen. Die totale Vernichtung ist erlaubt.

Aber mal ehrlich! Müssten wir mit unserem Bewusstsein, mit unserem Wissen über ökologische Zusammenhänge nicht weiter sein? Anscheinend nicht, wie traurig!


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Selbstvertrauen und die Fehler anderer

Brauchen wir als Jugendliche die perfekte Förderung? Ich glaube nicht. Weil man aus den Fehlern anderer genausoviel lernen kann wie aus den eigenen Fehlern. Genaugenommen braucht es Erfolg und Misserfolg, es braucht die eigenen und die Fehler von anderen, um ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Beispiele gefälltig?

Als Jugendliche trainierte ich Leichtathletik. Wir waren in der Vorbereitung auf einen großen Wettkampf und 14 Tage vor dem Sportereignis war ich topfit. Ich lief super, ich spürte meine Kraft, die Bahn flog unter meinen Füßen. Mein Trainer erhöhte die Wiederholungen. Weitere Sprints folgten, bis die Muskeln nichts mehr hergaben. Am Abend vor dem Wettkampf trafen sich alle Sportler. Im Flutlicht der Hotelanlage zogen wir einen Sprint nach dem anderen. Erschöpft fiel ich ins Bett. Der große Tag kam, ich stand am Startblock, der Schuss fiel. Puh! Die Muskeln wollten nicht. Es war, als würde ich mit einem alten Fiat einen LKW am Berg überholen. Die Zeit war eine Katastrophe, und wehmütig dachte ich an meine gute Form. Ich hatte es gespürt: lockeres Laufen und Schonen wäre besser gewesen.

Zwei Jahre später im Kunstunterricht. Wir hatte die Aufgabe ein Foto abzuzeichen. Es sollte ein großes Bild werden, A0. Meine Vorlage war ein Schwarz-weiß-Foto. Es zeigte das Gesicht eines Mannes, der im Halbdunkeln in die Kamera blickte. Mit weichen Bleistiften drückte ich förmlich dem Papier die dunkle Stimmung auf. Alles war fertig bis auf die Augen. Aber ich hatte solche Angst, den wichtigsten Teil zu verpatzen, dass ich meinen Lehrer um Rat bat. Der nahm mir kurzerhand den Bleistift aus der Hand und zeichnete die Augen. Dabei passierte ihm ein grober Fehler. Er vergaß die schmalen Augenlider, sodass die Augen zu groß wurden. Ich hatte die Augenlider gesehen. Ich hatte die Augen so oft angeschaut, dass ich jedes Detail kannte. Ich hätte jede Schattierung gezeichnet. Ich hätte es besser gekonnt‼

Das Bild hing jahrelang in meinem Zimmer, und ein Blick auf die Augen versetzte mir immer wieder einen Stich. Warum hatte ich nicht selbst gezeichnet?

Aus Angst zu versagen. Ich hatte den Sprung ins kalte Wasser, die Probe aufs Exempel, die Auseinandersetzung mit meinem Trainer und die Prüfung meines Könnens gescheut. Zu glauben, dass andere es besser wissen, ist manchmal das eigentliche Problem. Und ich bin froh, diesen Punkt wirklich gelernt zu haben. Das macht den Umgang mit Ärzten, Trainern und spirituellen Lehrern nicht immer leichter. Das Wissen, dass mein Gefühl oft besser ist als das eines „Fachmanns“, hat mir Selbstvertrauen gegeben. Ich bin mutiger geworden. Meine Fehler sind mir lieber. Ich will keine „fremden“  Augen mehr auf meinem Bild.

Danke für die Lehre! Auch wenn‘s hart war.


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Schamlos reich – ist das richtig?

Was bedeutet Reichsein? Es bedeutet, mehr als genug von etwas zu haben. Das kann Geld sein, muss es aber nicht. Man kann reich an Zeit, reich an Freunden, reich an Familie oder reich an Talent sein. Reichsein ist etwas sehr Erfreuliches. Reichtum verschafft Möglichkeiten. Er kann frei machen und gute Eigenschaften wie Großzügigkeit hervorbringen. Er kann sich aber auch mit Geiz und Ausnutzung paaren, doch heute möchte ich die positiven Aspekte in den Blick nehmen.

Eine Kollegin erzählte mir diese Woche: „Früher hab ich habe sehr gut verdient. Ein Spontanurlaub in der Karibik war genauso drin wie der Luxus, die Putzfrau zweimal die Woche kommen zu lassen. Heute bedauere ich vor allem zwei Dinge: 1. dass ich alles ausgegeben und nichts zurücklegt habe und 2. dass mir jegliches Bewusstsein darum fehlte, was für ein Geschenk all das Geld war. Ich habe nur meine Probleme gesehen, meinen Reichtum aber nicht.“ Auffallend ist, dass sie die vertane Freude mehr bedauert als das verflossene Geld.

Ich möchte das als Hinweis nehmen. Bei mir schleicht sich die gleiche Tendenz ein, eher den „Mangel“ als den eigenen „Reichtum“ zu sehen. Ich bin nicht reich an Geld, aber an Zeit. Und diese „Zeit“ ist für mich unglaublich wertvoll. So wertvoll, dass ich auch schon „mehr Geld“ im Tausch dagegen abgelehnt habe.

Hast du dich schon mal gefragt, worin dein Reichtum steckt? Bist du reich an Freunden, reich an Familie, reich an Zeit, Geld oder Liebe? Wie beschenkt das Leben dich? Was hältst du für selbstverständlich? Oft versteckt sich darin unser persönlicher Schatz? Und wenn du ihn kennst, schätzt du deinen „Reichtum“? Pflegst du ihn? Teilst du ihn? Feierst du ihn?

Nur zu oft tun wir das nicht. Deshalb erinnern uns Lieder und Gedichte daran. „You don’t know, what you got, until it’s gone“. Der Verlust von  etwas, was Wert besaß, den wir nicht erkannten, ist besonders schmerzhaft. Jeder Wert, ich nenne ihn hier Reichtum, will gefeiert werden. Von Königen können wir lernen unsere Reichtum zu feiern. Sie taten es in Form von Schlössern, schönen Kleidern und Sinfonien. Auch wenn mein sozial eingestellter Onkel sagt, sie hätten das Geld des Volkes verprasst. Genau dieses Volk zieht heute mit Stolz durch diese Schlösser und bewundert den Reichtum. Niemand hat etwas davon, wenn du dich deines Reichtums schämst. Bevor du dich schämst, teile ihn lieber. Doch auch das ist nicht zwingend notwendig. Kein Kirschbaum schämt sich seiner Blütenpracht. Er verausgabt sich darin. Er feiert seine Schönheit, seine Fruchtbarkeit und seinen Reichtum. Geld zu haben und sich selbst nichts zu gönnen, ist Hohn für alle, die nichts haben. Zeit zu haben und sich keine Zeit zu lassen, wird niemand verstehen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal in Ruhe Mittag zu essen. Viele Freunde zu haben und sich nicht der Gemeinschaft zu erfreuen, ist nicht nur Verrat an den eigenen Freunden, sondern auch an denen, die alleine sind.

Der Verweis auf die Menschen, die noch schöner, noch reicher, noch talentierter sind, zählt nicht.

Feiere deinen Reichtum! Warte nicht darauf, dass das Leben dich lehrt, dass es genau darauf ankommt.


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Große Ziele und das Scheitern

Um sich im Scheitern wertzuschätzen, dafür muss man schon genauer hinschauen. Dieser Text hat mir geholfen.

„Es ist nicht der Kritiker, der zählt, nicht derjenige, der aufzeigt, wie der Starke gestolpert ist oder wo der, der Taten gesetzt hat, sie hätte bessermachen können. Die Anerkennung gehört dem, der wirklich in der Arena ist; dessen Gesicht verschmiert ist von Staub und Schweiß und Blut; der sich tapfer bemüht; der irrt und wieder und wieder scheitert; der die große Begeisterung kennt, die große Hingabe, und sich an einer würdigen Sache verausgabt; der im besten Fall, am Ende den Triumph der großen Leistung erfährt; und der, im schlechtesten Fall des Scheiterns, zumindest dabei scheitert, dass er etwas Großes gewagt hat …“

Theodore Roosevelt, Rede „Der Mann in der Arena“, gehalten an der Sorbonne 1910

Zitiert aus „Verletzlichkeit macht stark“ von Brené Brown

Das Zitat berührt mich, weil es nicht nur den Erfolgreichen würdigt, sondern all die, die, „es“ versucht haben. Ich finde es so schwer, mein „Gewagt-haben“ zu würdigen, den Wert im Scheitern zu sehen, einfach weil es der Versuch wert war. Ich muss an meinen Vater denken, der hart mit sich ins Gericht ging, wenn er nicht erfolgreich war. Als Fotograf nicht, als Autor nicht. Lehrer zählte nicht. Seine Versuche waren für ihn nichts wert, weil der Erfolg ausblieb. Ich habe diese Haltung übernommen. Ich konnte lange nur dem Wert in meinem Leben geben, was nach „Erfolg“ aussah, und das war nicht viel. Und dieses Zitat verweist auf etwas, was ich übersehen habe. Den Mut „es zu wagen“. Ein Buch zu schreiben. Ein Bild zu veröffentlichen. Sich mit seinem Traumberuf selbstständig machen. Wie viele Menschen haben das NIE getan? Wie viele Menschen sind NIE gescheit, weil sie es gar nicht versucht haben? Warum beneide ich diese Menschen so? Weil sie die Scham nicht kennen, gescheitert zu sein? Sie kennen auch das Gefühl nicht, die eigenen Träume zu leben. Recht haben sie, denn das macht süchtig!

Danke Roosevelt, dass du an den Wert, Großes zu wagen, erinnerst!


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Negativ sticht positiv – eine biologische Programmierung

Beim Erinnern bevorzugt das Gehirn negative Erlebnisse. Je schlimmer und bedrohlicher sie sind, desto tiefer prägen sie sich ein. Und nicht nur das, taucht die Erinnerung wieder auf, reaktiviert unser Gehirn alle dazugehörenden Gefühle und schwämmt damit den Körper. Es stellt damit sicher, dass wir uns vor lebensbedrohlichen Dingen fernhalten und die Auslöser auf gar keinen Fall vergessen. Das funktioniert so gut, dass manche Eltern es als effektive Erziehungsmethode schätzen. Hat man einmal gelernt, sich für etwas zu schämen, taucht das Gefühl beim bloßen Gedanken daran wieder auf.

Der Nachteil liegt auf der Hand. Gehorsame Kinder, die durch Angst und Scham zu einem angepassten Verhalten gebracht wurden, haben keinen Selbstwert. Die Werte, nach denen sie leben, sind nicht ihre eigenen. Schließlich bedeutet Selbstwert, dass der Wert aus einem selbst kommt. Man könnte sagen, diese Kinder haben Fremdwert.

Marktforscher haben herausgefunden, dass es 7 positive Nachrichten zu einem Produkt braucht, bis ein Kunde nach einer Negativaussage seine Meinung wieder ändert. Daraus kann man ableiten, dass unser Gehirn negative Ereignisse um den Faktor 7 bevorzugt. Wer das überprüfen möchte, gehe zum nächsten Zeitungsstand und beobachte mal, welches Titelblatt seine Aufmerksamkeit als erstes auf sich zieht. Auch wenn man keine Bildleserin ist, wird es wahrscheinlich das Bild der IS-Kämpfer sein, die wütend die Gewehre schütteln, oder das Bild der ausgebrannten Wohnung mit weinenden Menschen im Vordergrund. Die hübsche Zimmerdeko von „Schöner Wohnen“ nimmt man in den ersten 5 Sekunden nicht wahr. Sollten die Marktforscher Recht haben, wird es 7-mal länger dauern, bis wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten. (Ich würde behaupten, es dauert länger.)

Was hat das für Folgen auf unser Selbstbild? Braucht man ein gutes Gedächtnis, damit man mit sich selbst zufrieden ist? Ist es nicht praktischer, vergesslich zu sein, um sich an all die Fauxpas und Fehler nicht zu erinnern? Nur, wenn einem das Vergessen des Negativen gelingt, dann gelingt das Vergessen des Positiven noch viel besser.

Hier eine kleine Übung: Versuch dich an etwas zu erinnern, was du gestern getan hast und das du gut findest. Es muss nichts Großes sein. Zum Beispiel so etwas wie: „Ich habe endlich die Küche geputzt, es sieht so schön aus.“ Es gibt zwei Bedingungen für diese Übung: a) du musst das, was du getan hast, positiv bewerten und b) du musst diese Wertung auch fühlen können (die gefühlte Freude ist der Beweis, dass du deine Werte erfüllt hast und nicht die deiner Mutter).

Wem das schwer fällt, dem empfehle ich, diese Übung jeden Morgen zu machen. Schreibe in ein Tagebuch fünf positive Taten des gestrigen Tages. Sollten es am Anfang nur 1 oder 2 sein, verliere nicht den Mut. Mache weiter und überprüfen einmal, ob du den Level von dem, was du als „gut“ bezeichnen würdest, hinunterschrauben kannst, sodass es fünf Stück werden. Wenn man will, dass es eine Wirkung auf das Gehirn hat, dann sind drei Monate ein guter Zeitraum, diesem eine neue Funktionsweise beizubringen. Weniger ist natürlich auch gut. Ich habe es ungefähr ein halbes Jahr lang gemacht. Nicht nur, dass es die Meinung von mir selbst verbessert hat, sondern auch, dass mein Gedächtnis allgemein, deutlich besser geworden ist. Zufrieden beendete ich die Übung, um nach zwei Wochen wieder anzufangen – ich vermisste die angenehmen Gefühle zu sehr.

Fazit: Wenn der Focus stimmt, dann ist ein gutes Gedächtnis dem Selbstwert sehr förderlich!


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Selbstwert mit und ohne Lottoschein

Ich habe mal gelesen, dass es bei der Entwicklung von Selbstwertgefühl keine Reihenfolge in dem Sinne gibt, dass man erst Selbstbewusstsein entwickelt und es dann nutzt. Genaugenommen entsteht Selbstwert in dem Moment, in dem man etwas tut. Das hat etwas Absurdes, ist aber so. Schauen wir uns ein Beispiel an. Wenn ich das 1. Mal vor einem großen Publikum spreche, dann kann ich alles Mögliche dazu vorbereiten, außer das „vor einem großen Publikum sprechen“. Das bleibt das Neue und ist auch nicht übbar. Doch genau da brauchen wir Selbstbewusstsein. Richtig sichtbar wird es dann erst hinterher: „Puh, das war aber aufregend! Aber es ist doch erstaunlich gut gelaufen!“ Man ist stolz, dass man es geschafft hat. Und als nächstes steigt das Selbstbewusstsein und damit die Bereitschaft, es das nächste Mal wieder zu versuchen. Ganz anders ist es, wenn man scheitert, dann ist das Weitermachen extrem schwer. Doch trotz eines Misserfolges weiterzumachen, auch das zeichnet Menschen mit einem guten Selbstbewusstsein aus. Statt ganz aufzugeben, verändern sie das, was sie verändern können. Zum Beispiel mehr üben, ein leichter erreichbares Ziel suchen, es einfach nochmal probieren etc. Mich selbst beruhigt das Prinzip: „Erst tun, dann Selbstbewusstsein!“ Jetzt muss ich nicht mehr warten, bis „es“ da ist. Ich kann einfach anfangen.

Doch die Sicherheitsfreaks unter uns werden jetzt vielleicht sagen: „Aber mein Selbstwert reicht einfach nicht aus, um es zu tun.“ Wenn wir sicher sein wollen, dass etwas genau so passiert, wie wir es wollen, dann ist mangelndes Selbstbewusstsein eine tolle Strategie. Das mangelnde Selbstwertgefühl sorgt dafür, dass nichts Unerwartetes eintritt. Man wird nie Vorträge vor 500 Leuten halte und folglich auch nie vor Aufregung kaum schlafen können und sich auch nie anhören müssen, dass man die Nervosität in der Stimme gehört habe oder nicht so professionell rüberkam. Jeder der Sicherheit groß schreibt, darf sich hier zur erfolgreichen Erfüllung seines Sicherheitsbedürfnisses beglückwünschen.

Die Menschen, die an die Kraft der Wünsche (z.B. ans Universum) glauben, werden sagen: „Wenn ich etwas wirklich will, dann wird es auch eintreten.“ Auffallender Weise sagen sie das lieber zu anderen und wollen anscheinend selbst noch nicht intensiv genug. Und falls sie doch den Mut gefunden haben, dann ist dieses Denken nur so lange ein Segen, wie alles gut läuft. Nach mehreren gescheiterten Versuchen wird diese Haltung zum Bumerang. Dann tauchen Fragen auf, wie: „Was stimmt denn mit meiner Haltung nicht? Will ich das wirklich erreichen oder wünsche ich mir nicht insgeheim den Misserfolg, der mir ja auch prompt geliefert wird?“ Das sind gute Fragen, um das bisschen Selbstwertgefühl, was man sich aufgebaut hat, wieder auszumerzen.

Es gibt etwas, was sicherheitsliebende Menschen zu viel und Universumsgäubige zu wenig beachten. Das ist die Außenwelt! Die einen überbewerten sie und wollen eindeutige Beweise, die es im Vorweg nie gibt. So ist zum Beispiel keine Geschäftsidee gut genug, um die Selbstständigkeit zu wagen. Die Universumsgläubigen hingegen ignorieren die Außenwelt lieber ganz. Alles was passiert, ist Ausdruck der inneren Haltung. Egal, wie viele Menschen zuvor mit der Idee gescheitert sind, es liegt an der inneren Haltung. Dinge wie „Angebot, Nachfrage und Markt“ gibt es nicht. Die Last und die Verantwortung, die man sich dabei aufbürdet, können einen in Burn-out und Verzweiflung treiben.

Ich bleibe bei meiner Meinung, man muss es tun, um rauszukriegen, ob es klappt. Und sollte es nicht klappen, geht es darum, dass man die Verantwortung für das übernimmt, worauf man Einfluss hat, und die Macht dessen anerkennt, auf das man keinen Einfluss hat.

Also, was hat jetzt das Selbstwertgefühl mit einem Lottoschein gemeinsam?

Moses und der Lottoschein

Moses betet jeden Abend zu Gott:

„Lieber Herr, bitte erfülle mir diesen einen Wunsch. Bitte lass mich einen 6er im Lotto gewinnen. Lieber Herr, das ist mein einziger Wunsch, bitte!“

Jeden Abend betet er so. Eines Abends reißt die Wolkendecke auf und der Herr tritt hervor. Wütend donnert seine Stimme vom Himmel:

„Moses, ich würde dir deinen Wunsch ja erfüllen, nur…

… kauf dir endlich einen Lottoschein!“

(Man beachte, dass Moses etwas tun und nicht seine innere Haltung ändern soll.)

So ist es mit dem Selbstwertgefühl. Man kann drum bitten, aber letztendlich muss man den Lottoschein kaufen und vor allem einlösen, um zu sehen, was man gewonnen hat.


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Was wir schätzen und warum?

Das Wertschätzen von Tugenden ist heute schon fast aus der Mode gekommen. Individualität dagegen wird ganz groß geschrieben. Individuell-sein heißt, sich aus der Masse der Menschen abheben. Daraus entsteht zwangsläufig eine Wettkampfsituation, da aus der Masse eben nur einer hervorstechen kann. Und der Gewinner bekommt zum Lohn Aufmerksamkeit, Ruhm und Anerkennung. Aber auch das „Einfügen in die Masse“ ist Grund für Wertschätzung, auch wenn dies nicht so offensichtlich ist. Im Tanz ist es zum Beispiel notwendig sich in die Gruppe und den Rhythmus einzufügen. Ein guter Tänzer gibt seine individuelle Art, sich zu bewegen, auf, um sich als Paar wie eins zu bewegen. Auch Teamwork ist nur erfolgreich, wenn sich Mitarbeiter in den Arbeitsabläufen und Zielen aufeinander abstimmen. Wir erleben ein gelungenes „sich einfügen“ als Harmonie. Nur Individuen ergeben eben keine Gemeinschaft. Für das Einfügen bekommt der einzelne selten Wertschätzung, obwohl wir es schätzen und uns beschweren, wenn es mal „nicht läuft“. Honoriert wird das Gesamtwerk oder die Gesamtleistung. Und das oft, ohne zu wissen, wer alles dazu beigetragen hat. So werden in einer Filmvorschau der Regisseur und die Hauptdarsteller erwähnt. Wer noch alles dazu beigetragen hat, sieht man erst im Nachspann. Bei Firmen und Familien hingegen wird es oft gar nicht erwähnt. Trotzdem erlebt der einzelne eine Aufwertung durch die Gruppe. Allein die Identifikation mit der Firma, der Familie oder dem Verein reicht, um stolz zu sein und Wertschätzung zu bekommen. Diese Aufwertung ist wechselseitig, schließlich kann die Gemeinschaft nur durch den Beitrag von vielen einzelnen existieren. Und dieser Beitrag ist nur nicht so offensichtlich, weil er eben aus dem „nicht auffallen“ besteht.

Wir schätzen also das harmonische, große Ganze oder den einzelnen, der sich abhebt. Spannend ist, dass es den meisten Menschen schwer fällt, Anerkennung für das „Sich einfügen“ entgegenzunehmen, obwohl das oft Können voraussetzt. Äußert man hingegen Wertschätzung für das Gesamte, dann glühen sie vor stolz. Wer nun glaubt, die individuelle Leistung sei doch der Königsweg, der irrt. Wir Menschen brauchen beides. Und für beides brauchen wir eine Bezugsgruppe, um uns selbst spüren und definieren zu können. Sowohl das Sich-abheben als auch das Sich-einfügen ist notwendig, um einen gesunden Selbstwert auszubilden. Dabei regulieren sich das Abheben oder Einfügen im Idealfall wechselseitig. Verlegt man sich auf einen Pol in der Annahme, dass das den Selbstwert steigert, vergrößert sich am anderen Ende die Unsicherheit. Versuche ich also meinen Selbstwert zu steigern, indem ich mich von allen Kollegen durch meine Leistung abhebe, dann werde ich feststellen, dass mir das Anerkennung bringt. In der Gruppenzugehörigkeit werde ich hingegen unsicherer. Wenn ich hingegen meinen Selbstwert steigern möchte, in dem ich Teil einer Glaubensgemeinschaft werde, dann gibt mir die Gemeinschaft Halt, aber ich werde große Unsicherheit erleben, wenn es darum geht, meine individuelle Meinung zu vertreten. Wer ganz oben ist, ist alleine. Wer ganz in der Gemeinschaft aufgeht, ist niemand.

Damit ist Selbstwert ein labiles Gleichgewicht, was immer wieder ausbalancieren werden muss. Und gesund ist nicht, wer starr an einer Seite festhält, sondern wer sich vom Gegenpol verunsichern und anziehen lässt und dem eine Neuausrichtung gelingt.

Und um mit diesen Zeiten der Unsicherheit klarzukommen, brauchen wir Menschen Liebe. Die Liebe ist an keine Leistung gekoppelt und meint den Menschen um seiner selbst willen. Dieses Prinzip lehrt uns auch der kleine Prinz im gleichnamigen Roman von SaintExupery, als er vor dem Feld mit lauter Rosen steht. Erst ist er entsetzt, weil sie seiner heiß geliebten Rose so ähneln, doch dann erkennt er: „Meine Rose ist ganz anders als ihr. Meine Rose ist einzigartig, weil ich sie gegossen und mich um sie gekümmert habe.“ Die Liebe hebt uns aus der Uniformität. Und das, ohne etwas anderes sein zu müssen, als man selbst. Auch Freunde sind nicht bessere oder schlechtere Menschen als andere, sie sind unsere Freunde, kraft unserer Liebe. Und so sind Liebe und Freundschaft der Mikrokosmos, indem wir für den anderen einzigartig sind und harmonisch miteinander schwingen.