Tiefenkontakt

fühlend selbst-bewusst verstehen wollen


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Westliches Selbstbewusstsein – weiter so!?

Selbstbewusstsein ist ein evolutionärer Vorteil des Menschen. Das kann man bei dem Neurologen Antonio Damasio in „Selbst ist der Mensch“ lesen. Man schaue nur, in welchen Gegenden Mensch überleben kann. Dabei ist Mensch noch nicht einmal mehr auf jahrhundertealtes Wissen von Eskimos und Beduinen angewiesen. Dank moderner Technik können wir Schwimmbäder und Obstplantagen in Wüsten bauen und Forschungsstationen auf dem Mond und der Antarktis unterhalten.

Um das umzusetzen, braucht es eine gehörige Prise Selbstbewusstsein.

Doch wenn wir uns nur für europäische Ziele interessieren, dann kommen die Probleme aus Afrika und dem Nahen Osten eben zu uns. Wenn wir uns nur um unsere Bedürfnisse kümmern und die von Tieren und Pflanzen ignorieren, dann entziehen wir uns selbst langsam aber sicher die Lebensgrundlage.

Ach, so schlimm ist es nun auch wieder nicht! – Wirklich nicht?

Neulich bei einem Spaziergang in der alten Heimat. Mit Freude lausche ich im Wald den zahlreichen Vögeln. Auch komme ich durch Waldflächen, die erfreulich unaufgeräumt und wild aussehen. Bäume in Reih und Glied, die man leicht mit einem Maisfeld verwechseln könnte, gibt es natürlich auch, aber ich werde bescheide, was meine Ansprüche an die deutsche Natur angeht. Die Sonne scheint durch die noch kahlen Zweige und ich wähle einen Weg über die Felder zurück. Mit jedem Schritt, mit dem ich mich vom Waldrand entferne, wird es stiller. Rechts breitet sich ein noch braunes Rapsfeld aus, links säumt Buschwerk den Wegrand. Wo sind die Vögel? Ich suche das Gestrüpp ab, kann aber keine finden. Es ist unheimlich still. Ich frage einen alten befreundeten Bauern? Der zuckt resigniert mit den Schultern. Neue Pestizide: „Die sind so effektiv, die machen alles kaputt!“ Tausendfüßler, Spinnen oder Fliegen, kein Insekt entkommt der chemischen Keule. Und die Vögel müssen sich woanders ihre Nahrung suchen. Ich bin fassungslos! Da haben wir Menschen wieder mal selbstbewusst unserem Feind, den Schädlingen von Weizen und Mais, den Kampf angesagt, und ohne mit der Wimper zu zucken, zahlreichen anderen Arten den Lebensraum entzogen. Die totale Vernichtung ist erlaubt.

Aber mal ehrlich! Müssten wir mit unserem Bewusstsein, mit unserem Wissen über ökologische Zusammenhänge nicht weiter sein? Anscheinend nicht, wie traurig!

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Selbstvertrauen und die Fehler anderer

Brauchen wir als Jugendliche die perfekte Förderung? Ich glaube nicht. Weil man aus den Fehlern anderer genausoviel lernen kann wie aus den eigenen Fehlern. Genaugenommen braucht es Erfolg und Misserfolg, es braucht die eigenen und die Fehler von anderen, um ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Beispiele gefälltig?

Als Jugendliche trainierte ich Leichtathletik. Wir waren in der Vorbereitung auf einen großen Wettkampf und 14 Tage vor dem Sportereignis war ich topfit. Ich lief super, ich spürte meine Kraft, die Bahn flog unter meinen Füßen. Mein Trainer erhöhte die Wiederholungen. Weitere Sprints folgten, bis die Muskeln nichts mehr hergaben. Am Abend vor dem Wettkampf trafen sich alle Sportler. Im Flutlicht der Hotelanlage zogen wir einen Sprint nach dem anderen. Erschöpft fiel ich ins Bett. Der große Tag kam, ich stand am Startblock, der Schuss fiel. Puh! Die Muskeln wollten nicht. Es war, als würde ich mit einem alten Fiat einen LKW am Berg überholen. Die Zeit war eine Katastrophe, und wehmütig dachte ich an meine gute Form. Ich hatte es gespürt: lockeres Laufen und Schonen wäre besser gewesen.

Zwei Jahre später im Kunstunterricht. Wir hatte die Aufgabe ein Foto abzuzeichen. Es sollte ein großes Bild werden, A0. Meine Vorlage war ein Schwarz-weiß-Foto. Es zeigte das Gesicht eines Mannes, der im Halbdunkeln in die Kamera blickte. Mit weichen Bleistiften drückte ich förmlich dem Papier die dunkle Stimmung auf. Alles war fertig bis auf die Augen. Aber ich hatte solche Angst, den wichtigsten Teil zu verpatzen, dass ich meinen Lehrer um Rat bat. Der nahm mir kurzerhand den Bleistift aus der Hand und zeichnete die Augen. Dabei passierte ihm ein grober Fehler. Er vergaß die schmalen Augenlider, sodass die Augen zu groß wurden. Ich hatte die Augenlider gesehen. Ich hatte die Augen so oft angeschaut, dass ich jedes Detail kannte. Ich hätte jede Schattierung gezeichnet. Ich hätte es besser gekonnt‼

Das Bild hing jahrelang in meinem Zimmer, und ein Blick auf die Augen versetzte mir immer wieder einen Stich. Warum hatte ich nicht selbst gezeichnet?

Aus Angst zu versagen. Ich hatte den Sprung ins kalte Wasser, die Probe aufs Exempel, die Auseinandersetzung mit meinem Trainer und die Prüfung meines Könnens gescheut. Zu glauben, dass andere es besser wissen, ist manchmal das eigentliche Problem. Und ich bin froh, diesen Punkt wirklich gelernt zu haben. Das macht den Umgang mit Ärzten, Trainern und spirituellen Lehrern nicht immer leichter. Das Wissen, dass mein Gefühl oft besser ist als das eines „Fachmanns“, hat mir Selbstvertrauen gegeben. Ich bin mutiger geworden. Meine Fehler sind mir lieber. Ich will keine „fremden“  Augen mehr auf meinem Bild.

Danke für die Lehre! Auch wenn‘s hart war.


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Schamlos reich – ist das richtig?

Was bedeutet Reichsein? Es bedeutet, mehr als genug von etwas zu haben. Das kann Geld sein, muss es aber nicht. Man kann reich an Zeit, reich an Freunden, reich an Familie oder reich an Talent sein. Reichsein ist etwas sehr Erfreuliches. Reichtum verschafft Möglichkeiten. Er kann frei machen und gute Eigenschaften wie Großzügigkeit hervorbringen. Er kann sich aber auch mit Geiz und Ausnutzung paaren, doch heute möchte ich die positiven Aspekte in den Blick nehmen.

Eine Kollegin erzählte mir diese Woche: „Früher hab ich habe sehr gut verdient. Ein Spontanurlaub in der Karibik war genauso drin wie der Luxus, die Putzfrau zweimal die Woche kommen zu lassen. Heute bedauere ich vor allem zwei Dinge: 1. dass ich alles ausgegeben und nichts zurücklegt habe und 2. dass mir jegliches Bewusstsein darum fehlte, was für ein Geschenk all das Geld war. Ich habe nur meine Probleme gesehen, meinen Reichtum aber nicht.“ Auffallend ist, dass sie die vertane Freude mehr bedauert als das verflossene Geld.

Ich möchte das als Hinweis nehmen. Bei mir schleicht sich die gleiche Tendenz ein, eher den „Mangel“ als den eigenen „Reichtum“ zu sehen. Ich bin nicht reich an Geld, aber an Zeit. Und diese „Zeit“ ist für mich unglaublich wertvoll. So wertvoll, dass ich auch schon „mehr Geld“ im Tausch dagegen abgelehnt habe.

Hast du dich schon mal gefragt, worin dein Reichtum steckt? Bist du reich an Freunden, reich an Familie, reich an Zeit, Geld oder Liebe? Wie beschenkt das Leben dich? Was hältst du für selbstverständlich? Oft versteckt sich darin unser persönlicher Schatz? Und wenn du ihn kennst, schätzt du deinen „Reichtum“? Pflegst du ihn? Teilst du ihn? Feierst du ihn?

Nur zu oft tun wir das nicht. Deshalb erinnern uns Lieder und Gedichte daran. „You don’t know, what you got, until it’s gone“. Der Verlust von  etwas, was Wert besaß, den wir nicht erkannten, ist besonders schmerzhaft. Jeder Wert, ich nenne ihn hier Reichtum, will gefeiert werden. Von Königen können wir lernen unsere Reichtum zu feiern. Sie taten es in Form von Schlössern, schönen Kleidern und Sinfonien. Auch wenn mein sozial eingestellter Onkel sagt, sie hätten das Geld des Volkes verprasst. Genau dieses Volk zieht heute mit Stolz durch diese Schlösser und bewundert den Reichtum. Niemand hat etwas davon, wenn du dich deines Reichtums schämst. Bevor du dich schämst, teile ihn lieber. Doch auch das ist nicht zwingend notwendig. Kein Kirschbaum schämt sich seiner Blütenpracht. Er verausgabt sich darin. Er feiert seine Schönheit, seine Fruchtbarkeit und seinen Reichtum. Geld zu haben und sich selbst nichts zu gönnen, ist Hohn für alle, die nichts haben. Zeit zu haben und sich keine Zeit zu lassen, wird niemand verstehen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal in Ruhe Mittag zu essen. Viele Freunde zu haben und sich nicht der Gemeinschaft zu erfreuen, ist nicht nur Verrat an den eigenen Freunden, sondern auch an denen, die alleine sind.

Der Verweis auf die Menschen, die noch schöner, noch reicher, noch talentierter sind, zählt nicht.

Feiere deinen Reichtum! Warte nicht darauf, dass das Leben dich lehrt, dass es genau darauf ankommt.


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Große Ziele und das Scheitern

Um sich im Scheitern wertzuschätzen, dafür muss man schon genauer hinschauen. Dieser Text hat mir geholfen.

„Es ist nicht der Kritiker, der zählt, nicht derjenige, der aufzeigt, wie der Starke gestolpert ist oder wo der, der Taten gesetzt hat, sie hätte bessermachen können. Die Anerkennung gehört dem, der wirklich in der Arena ist; dessen Gesicht verschmiert ist von Staub und Schweiß und Blut; der sich tapfer bemüht; der irrt und wieder und wieder scheitert; der die große Begeisterung kennt, die große Hingabe, und sich an einer würdigen Sache verausgabt; der im besten Fall, am Ende den Triumph der großen Leistung erfährt; und der, im schlechtesten Fall des Scheiterns, zumindest dabei scheitert, dass er etwas Großes gewagt hat …“

Theodore Roosevelt, Rede „Der Mann in der Arena“, gehalten an der Sorbonne 1910

Zitiert aus „Verletzlichkeit macht stark“ von Brené Brown

Das Zitat berührt mich, weil es nicht nur den Erfolgreichen würdigt, sondern all die, die, „es“ versucht haben. Ich finde es so schwer, mein „Gewagt-haben“ zu würdigen, den Wert im Scheitern zu sehen, einfach weil es der Versuch wert war. Ich muss an meinen Vater denken, der hart mit sich ins Gericht ging, wenn er nicht erfolgreich war. Als Fotograf nicht, als Autor nicht. Lehrer zählte nicht. Seine Versuche waren für ihn nichts wert, weil der Erfolg ausblieb. Ich habe diese Haltung übernommen. Ich konnte lange nur dem Wert in meinem Leben geben, was nach „Erfolg“ aussah, und das war nicht viel. Und dieses Zitat verweist auf etwas, was ich übersehen habe. Den Mut „es zu wagen“. Ein Buch zu schreiben. Ein Bild zu veröffentlichen. Sich mit seinem Traumberuf selbstständig machen. Wie viele Menschen haben das NIE getan? Wie viele Menschen sind NIE gescheit, weil sie es gar nicht versucht haben? Warum beneide ich diese Menschen so? Weil sie die Scham nicht kennen, gescheitert zu sein? Sie kennen auch das Gefühl nicht, die eigenen Träume zu leben. Recht haben sie, denn das macht süchtig!

Danke Roosevelt, dass du an den Wert, Großes zu wagen, erinnerst!


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Negativ sticht positiv – eine biologische Programmierung

Beim Erinnern bevorzugt das Gehirn negative Erlebnisse. Je schlimmer und bedrohlicher sie sind, desto tiefer prägen sie sich ein. Und nicht nur das, taucht die Erinnerung wieder auf, reaktiviert unser Gehirn alle dazugehörenden Gefühle und schwämmt damit den Körper. Es stellt damit sicher, dass wir uns vor lebensbedrohlichen Dingen fernhalten und die Auslöser auf gar keinen Fall vergessen. Das funktioniert so gut, dass manche Eltern es als effektive Erziehungsmethode schätzen. Hat man einmal gelernt, sich für etwas zu schämen, taucht das Gefühl beim bloßen Gedanken daran wieder auf.

Der Nachteil liegt auf der Hand. Gehorsame Kinder, die durch Angst und Scham zu einem angepassten Verhalten gebracht wurden, haben keinen Selbstwert. Die Werte, nach denen sie leben, sind nicht ihre eigenen. Schließlich bedeutet Selbstwert, dass der Wert aus einem selbst kommt. Man könnte sagen, diese Kinder haben Fremdwert.

Marktforscher haben herausgefunden, dass es 7 positive Nachrichten zu einem Produkt braucht, bis ein Kunde nach einer Negativaussage seine Meinung wieder ändert. Daraus kann man ableiten, dass unser Gehirn negative Ereignisse um den Faktor 7 bevorzugt. Wer das überprüfen möchte, gehe zum nächsten Zeitungsstand und beobachte mal, welches Titelblatt seine Aufmerksamkeit als erstes auf sich zieht. Auch wenn man keine Bildleserin ist, wird es wahrscheinlich das Bild der IS-Kämpfer sein, die wütend die Gewehre schütteln, oder das Bild der ausgebrannten Wohnung mit weinenden Menschen im Vordergrund. Die hübsche Zimmerdeko von „Schöner Wohnen“ nimmt man in den ersten 5 Sekunden nicht wahr. Sollten die Marktforscher Recht haben, wird es 7-mal länger dauern, bis wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten. (Ich würde behaupten, es dauert länger.)

Was hat das für Folgen auf unser Selbstbild? Braucht man ein gutes Gedächtnis, damit man mit sich selbst zufrieden ist? Ist es nicht praktischer, vergesslich zu sein, um sich an all die Fauxpas und Fehler nicht zu erinnern? Nur, wenn einem das Vergessen des Negativen gelingt, dann gelingt das Vergessen des Positiven noch viel besser.

Hier eine kleine Übung: Versuch dich an etwas zu erinnern, was du gestern getan hast und das du gut findest. Es muss nichts Großes sein. Zum Beispiel so etwas wie: „Ich habe endlich die Küche geputzt, es sieht so schön aus.“ Es gibt zwei Bedingungen für diese Übung: a) du musst das, was du getan hast, positiv bewerten und b) du musst diese Wertung auch fühlen können (die gefühlte Freude ist der Beweis, dass du deine Werte erfüllt hast und nicht die deiner Mutter).

Wem das schwer fällt, dem empfehle ich, diese Übung jeden Morgen zu machen. Schreibe in ein Tagebuch fünf positive Taten des gestrigen Tages. Sollten es am Anfang nur 1 oder 2 sein, verliere nicht den Mut. Mache weiter und überprüfen einmal, ob du den Level von dem, was du als „gut“ bezeichnen würdest, hinunterschrauben kannst, sodass es fünf Stück werden. Wenn man will, dass es eine Wirkung auf das Gehirn hat, dann sind drei Monate ein guter Zeitraum, diesem eine neue Funktionsweise beizubringen. Weniger ist natürlich auch gut. Ich habe es ungefähr ein halbes Jahr lang gemacht. Nicht nur, dass es die Meinung von mir selbst verbessert hat, sondern auch, dass mein Gedächtnis allgemein, deutlich besser geworden ist. Zufrieden beendete ich die Übung, um nach zwei Wochen wieder anzufangen – ich vermisste die angenehmen Gefühle zu sehr.

Fazit: Wenn der Focus stimmt, dann ist ein gutes Gedächtnis dem Selbstwert sehr förderlich!


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Selbstwert mit und ohne Lottoschein

Ich habe mal gelesen, dass es bei der Entwicklung von Selbstwertgefühl keine Reihenfolge in dem Sinne gibt, dass man erst Selbstbewusstsein entwickelt und es dann nutzt. Genaugenommen entsteht Selbstwert in dem Moment, in dem man etwas tut. Das hat etwas Absurdes, ist aber so. Schauen wir uns ein Beispiel an. Wenn ich das 1. Mal vor einem großen Publikum spreche, dann kann ich alles Mögliche dazu vorbereiten, außer das „vor einem großen Publikum sprechen“. Das bleibt das Neue und ist auch nicht übbar. Doch genau da brauchen wir Selbstbewusstsein. Richtig sichtbar wird es dann erst hinterher: „Puh, das war aber aufregend! Aber es ist doch erstaunlich gut gelaufen!“ Man ist stolz, dass man es geschafft hat. Und als nächstes steigt das Selbstbewusstsein und damit die Bereitschaft, es das nächste Mal wieder zu versuchen. Ganz anders ist es, wenn man scheitert, dann ist das Weitermachen extrem schwer. Doch trotz eines Misserfolges weiterzumachen, auch das zeichnet Menschen mit einem guten Selbstbewusstsein aus. Statt ganz aufzugeben, verändern sie das, was sie verändern können. Zum Beispiel mehr üben, ein leichter erreichbares Ziel suchen, es einfach nochmal probieren etc. Mich selbst beruhigt das Prinzip: „Erst tun, dann Selbstbewusstsein!“ Jetzt muss ich nicht mehr warten, bis „es“ da ist. Ich kann einfach anfangen.

Doch die Sicherheitsfreaks unter uns werden jetzt vielleicht sagen: „Aber mein Selbstwert reicht einfach nicht aus, um es zu tun.“ Wenn wir sicher sein wollen, dass etwas genau so passiert, wie wir es wollen, dann ist mangelndes Selbstbewusstsein eine tolle Strategie. Das mangelnde Selbstwertgefühl sorgt dafür, dass nichts Unerwartetes eintritt. Man wird nie Vorträge vor 500 Leuten halte und folglich auch nie vor Aufregung kaum schlafen können und sich auch nie anhören müssen, dass man die Nervosität in der Stimme gehört habe oder nicht so professionell rüberkam. Jeder der Sicherheit groß schreibt, darf sich hier zur erfolgreichen Erfüllung seines Sicherheitsbedürfnisses beglückwünschen.

Die Menschen, die an die Kraft der Wünsche (z.B. ans Universum) glauben, werden sagen: „Wenn ich etwas wirklich will, dann wird es auch eintreten.“ Auffallender Weise sagen sie das lieber zu anderen und wollen anscheinend selbst noch nicht intensiv genug. Und falls sie doch den Mut gefunden haben, dann ist dieses Denken nur so lange ein Segen, wie alles gut läuft. Nach mehreren gescheiterten Versuchen wird diese Haltung zum Bumerang. Dann tauchen Fragen auf, wie: „Was stimmt denn mit meiner Haltung nicht? Will ich das wirklich erreichen oder wünsche ich mir nicht insgeheim den Misserfolg, der mir ja auch prompt geliefert wird?“ Das sind gute Fragen, um das bisschen Selbstwertgefühl, was man sich aufgebaut hat, wieder auszumerzen.

Es gibt etwas, was sicherheitsliebende Menschen zu viel und Universumsgäubige zu wenig beachten. Das ist die Außenwelt! Die einen überbewerten sie und wollen eindeutige Beweise, die es im Vorweg nie gibt. So ist zum Beispiel keine Geschäftsidee gut genug, um die Selbstständigkeit zu wagen. Die Universumsgläubigen hingegen ignorieren die Außenwelt lieber ganz. Alles was passiert, ist Ausdruck der inneren Haltung. Egal, wie viele Menschen zuvor mit der Idee gescheitert sind, es liegt an der inneren Haltung. Dinge wie „Angebot, Nachfrage und Markt“ gibt es nicht. Die Last und die Verantwortung, die man sich dabei aufbürdet, können einen in Burn-out und Verzweiflung treiben.

Ich bleibe bei meiner Meinung, man muss es tun, um rauszukriegen, ob es klappt. Und sollte es nicht klappen, geht es darum, dass man die Verantwortung für das übernimmt, worauf man Einfluss hat, und die Macht dessen anerkennt, auf das man keinen Einfluss hat.

Also, was hat jetzt das Selbstwertgefühl mit einem Lottoschein gemeinsam?

Moses und der Lottoschein

Moses betet jeden Abend zu Gott:

„Lieber Herr, bitte erfülle mir diesen einen Wunsch. Bitte lass mich einen 6er im Lotto gewinnen. Lieber Herr, das ist mein einziger Wunsch, bitte!“

Jeden Abend betet er so. Eines Abends reißt die Wolkendecke auf und der Herr tritt hervor. Wütend donnert seine Stimme vom Himmel:

„Moses, ich würde dir deinen Wunsch ja erfüllen, nur…

… kauf dir endlich einen Lottoschein!“

(Man beachte, dass Moses etwas tun und nicht seine innere Haltung ändern soll.)

So ist es mit dem Selbstwertgefühl. Man kann drum bitten, aber letztendlich muss man den Lottoschein kaufen und vor allem einlösen, um zu sehen, was man gewonnen hat.


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Was wir schätzen und warum?

Das Wertschätzen von Tugenden ist heute schon fast aus der Mode gekommen. Individualität dagegen wird ganz groß geschrieben. Individuell-sein heißt, sich aus der Masse der Menschen abheben. Daraus entsteht zwangsläufig eine Wettkampfsituation, da aus der Masse eben nur einer hervorstechen kann. Und der Gewinner bekommt zum Lohn Aufmerksamkeit, Ruhm und Anerkennung. Aber auch das „Einfügen in die Masse“ ist Grund für Wertschätzung, auch wenn dies nicht so offensichtlich ist. Im Tanz ist es zum Beispiel notwendig sich in die Gruppe und den Rhythmus einzufügen. Ein guter Tänzer gibt seine individuelle Art, sich zu bewegen, auf, um sich als Paar wie eins zu bewegen. Auch Teamwork ist nur erfolgreich, wenn sich Mitarbeiter in den Arbeitsabläufen und Zielen aufeinander abstimmen. Wir erleben ein gelungenes „sich einfügen“ als Harmonie. Nur Individuen ergeben eben keine Gemeinschaft. Für das Einfügen bekommt der einzelne selten Wertschätzung, obwohl wir es schätzen und uns beschweren, wenn es mal „nicht läuft“. Honoriert wird das Gesamtwerk oder die Gesamtleistung. Und das oft, ohne zu wissen, wer alles dazu beigetragen hat. So werden in einer Filmvorschau der Regisseur und die Hauptdarsteller erwähnt. Wer noch alles dazu beigetragen hat, sieht man erst im Nachspann. Bei Firmen und Familien hingegen wird es oft gar nicht erwähnt. Trotzdem erlebt der einzelne eine Aufwertung durch die Gruppe. Allein die Identifikation mit der Firma, der Familie oder dem Verein reicht, um stolz zu sein und Wertschätzung zu bekommen. Diese Aufwertung ist wechselseitig, schließlich kann die Gemeinschaft nur durch den Beitrag von vielen einzelnen existieren. Und dieser Beitrag ist nur nicht so offensichtlich, weil er eben aus dem „nicht auffallen“ besteht.

Wir schätzen also das harmonische, große Ganze oder den einzelnen, der sich abhebt. Spannend ist, dass es den meisten Menschen schwer fällt, Anerkennung für das „Sich einfügen“ entgegenzunehmen, obwohl das oft Können voraussetzt. Äußert man hingegen Wertschätzung für das Gesamte, dann glühen sie vor stolz. Wer nun glaubt, die individuelle Leistung sei doch der Königsweg, der irrt. Wir Menschen brauchen beides. Und für beides brauchen wir eine Bezugsgruppe, um uns selbst spüren und definieren zu können. Sowohl das Sich-abheben als auch das Sich-einfügen ist notwendig, um einen gesunden Selbstwert auszubilden. Dabei regulieren sich das Abheben oder Einfügen im Idealfall wechselseitig. Verlegt man sich auf einen Pol in der Annahme, dass das den Selbstwert steigert, vergrößert sich am anderen Ende die Unsicherheit. Versuche ich also meinen Selbstwert zu steigern, indem ich mich von allen Kollegen durch meine Leistung abhebe, dann werde ich feststellen, dass mir das Anerkennung bringt. In der Gruppenzugehörigkeit werde ich hingegen unsicherer. Wenn ich hingegen meinen Selbstwert steigern möchte, in dem ich Teil einer Glaubensgemeinschaft werde, dann gibt mir die Gemeinschaft Halt, aber ich werde große Unsicherheit erleben, wenn es darum geht, meine individuelle Meinung zu vertreten. Wer ganz oben ist, ist alleine. Wer ganz in der Gemeinschaft aufgeht, ist niemand.

Damit ist Selbstwert ein labiles Gleichgewicht, was immer wieder ausbalancieren werden muss. Und gesund ist nicht, wer starr an einer Seite festhält, sondern wer sich vom Gegenpol verunsichern und anziehen lässt und dem eine Neuausrichtung gelingt.

Und um mit diesen Zeiten der Unsicherheit klarzukommen, brauchen wir Menschen Liebe. Die Liebe ist an keine Leistung gekoppelt und meint den Menschen um seiner selbst willen. Dieses Prinzip lehrt uns auch der kleine Prinz im gleichnamigen Roman von SaintExupery, als er vor dem Feld mit lauter Rosen steht. Erst ist er entsetzt, weil sie seiner heiß geliebten Rose so ähneln, doch dann erkennt er: „Meine Rose ist ganz anders als ihr. Meine Rose ist einzigartig, weil ich sie gegossen und mich um sie gekümmert habe.“ Die Liebe hebt uns aus der Uniformität. Und das, ohne etwas anderes sein zu müssen, als man selbst. Auch Freunde sind nicht bessere oder schlechtere Menschen als andere, sie sind unsere Freunde, kraft unserer Liebe. Und so sind Liebe und Freundschaft der Mikrokosmos, indem wir für den anderen einzigartig sind und harmonisch miteinander schwingen.