gefühlte Gedanken

fühlend selbst-bewusst verstehen wollen


Hinterlasse einen Kommentar

Schamlos reich – ist das richtig?

Was bedeutet Reichsein? Es bedeutet, mehr als genug von etwas zu haben. Das kann Geld sein, muss es aber nicht. Man kann reich an Zeit, reich an Freunden, reich an Familie oder reich an Talent sein. Reichsein ist etwas sehr Erfreuliches. Reichtum verschafft Möglichkeiten. Er kann frei machen und gute Eigenschaften wie Großzügigkeit hervorbringen. Er kann sich aber auch mit Geiz und Ausnutzung paaren, doch heute möchte ich die positiven Aspekte in den Blick nehmen.

Eine Kollegin erzählte mir diese Woche: „Früher hab ich habe sehr gut verdient. Ein Spontanurlaub in der Karibik war genauso drin wie der Luxus, die Putzfrau zweimal die Woche kommen zu lassen. Heute bedauere ich vor allem zwei Dinge: 1. dass ich alles ausgegeben und nichts zurücklegt habe und 2. dass mir jegliches Bewusstsein darum fehlte, was für ein Geschenk all das Geld war. Ich habe nur meine Probleme gesehen, meinen Reichtum aber nicht.“ Auffallend ist, dass sie die vertane Freude mehr bedauert als das verflossene Geld.

Ich möchte das als Hinweis nehmen. Bei mir schleicht sich die gleiche Tendenz ein, eher den „Mangel“ als den eigenen „Reichtum“ zu sehen. Ich bin nicht reich an Geld, aber an Zeit. Und diese „Zeit“ ist für mich unglaublich wertvoll. So wertvoll, dass ich auch schon „mehr Geld“ im Tausch dagegen abgelehnt habe.

Hast du dich schon mal gefragt, worin dein Reichtum steckt? Bist du reich an Freunden, reich an Familie, reich an Zeit, Geld oder Liebe? Wie beschenkt das Leben dich? Was hältst du für selbstverständlich? Oft versteckt sich darin unser persönlicher Schatz? Und wenn du ihn kennst, schätzt du deinen „Reichtum“? Pflegst du ihn? Teilst du ihn? Feierst du ihn?

Nur zu oft tun wir das nicht. Deshalb erinnern uns Lieder und Gedichte daran. „You don’t know, what you got, until it’s gone“. Der Verlust von  etwas, was Wert besaß, den wir nicht erkannten, ist besonders schmerzhaft. Jeder Wert, ich nenne ihn hier Reichtum, will gefeiert werden. Von Königen können wir lernen unsere Reichtum zu feiern. Sie taten es in Form von Schlössern, schönen Kleidern und Sinfonien. Auch wenn mein sozial eingestellter Onkel sagt, sie hätten das Geld des Volkes verprasst. Genau dieses Volk zieht heute mit Stolz durch diese Schlösser und bewundert den Reichtum. Niemand hat etwas davon, wenn du dich deines Reichtums schämst. Bevor du dich schämst, teile ihn lieber. Doch auch das ist nicht zwingend notwendig. Kein Kirschbaum schämt sich seiner Blütenpracht. Er verausgabt sich darin. Er feiert seine Schönheit, seine Fruchtbarkeit und seinen Reichtum. Geld zu haben und sich selbst nichts zu gönnen, ist Hohn für alle, die nichts haben. Zeit zu haben und sich keine Zeit zu lassen, wird niemand verstehen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal in Ruhe Mittag zu essen. Viele Freunde zu haben und sich nicht der Gemeinschaft zu erfreuen, ist nicht nur Verrat an den eigenen Freunden, sondern auch an denen, die alleine sind.

Der Verweis auf die Menschen, die noch schöner, noch reicher, noch talentierter sind, zählt nicht.

Feiere deinen Reichtum! Warte nicht darauf, dass das Leben dich lehrt, dass es genau darauf ankommt.

Advertisements


Hinterlasse einen Kommentar

Große Ziele und das Scheitern

Um sich im Scheitern wertzuschätzen, dafür muss man schon genauer hinschauen. Dieser Text hat mir geholfen.

„Es ist nicht der Kritiker, der zählt, nicht derjenige, der aufzeigt, wie der Starke gestolpert ist oder wo der, der Taten gesetzt hat, sie hätte bessermachen können. Die Anerkennung gehört dem, der wirklich in der Arena ist; dessen Gesicht verschmiert ist von Staub und Schweiß und Blut; der sich tapfer bemüht; der irrt und wieder und wieder scheitert; der die große Begeisterung kennt, die große Hingabe, und sich an einer würdigen Sache verausgabt; der im besten Fall, am Ende den Triumph der großen Leistung erfährt; und der, im schlechtesten Fall des Scheiterns, zumindest dabei scheitert, dass er etwas Großes gewagt hat …“

Theodore Roosevelt, Rede „Der Mann in der Arena“, gehalten an der Sorbonne 1910

Zitiert aus „Verletzlichkeit macht stark“ von Brené Brown

Das Zitat berührt mich, weil es nicht nur den Erfolgreichen würdigt, sondern all die, die, „es“ versucht haben. Ich finde es so schwer, mein „Gewagt-haben“ zu würdigen, den Wert im Scheitern zu sehen, einfach weil es der Versuch wert war. Ich muss an meinen Vater denken, der hart mit sich ins Gericht ging, wenn er nicht erfolgreich war. Als Fotograf nicht, als Autor nicht. Lehrer zählte nicht. Seine Versuche waren für ihn nichts wert, weil der Erfolg ausblieb. Ich habe diese Haltung übernommen. Ich konnte lange nur dem Wert in meinem Leben geben, was nach „Erfolg“ aussah, und das war nicht viel. Und dieses Zitat verweist auf etwas, was ich übersehen habe. Den Mut „es zu wagen“. Ein Buch zu schreiben. Ein Bild zu veröffentlichen. Sich mit seinem Traumberuf selbstständig machen. Wie viele Menschen haben das NIE getan? Wie viele Menschen sind NIE gescheit, weil sie es gar nicht versucht haben? Warum beneide ich diese Menschen so? Weil sie die Scham nicht kennen, gescheitert zu sein? Sie kennen auch das Gefühl nicht, die eigenen Träume zu leben. Recht haben sie, denn das macht süchtig!

Danke Roosevelt, dass du an den Wert, Großes zu wagen, erinnerst!


Hinterlasse einen Kommentar

Negativ sticht positiv – eine biologische Programmierung

Beim Erinnern bevorzugt das Gehirn negative Erlebnisse. Je schlimmer und bedrohlicher sie sind, desto tiefer prägen sie sich ein. Und nicht nur das, taucht die Erinnerung wieder auf, reaktiviert unser Gehirn alle dazugehörenden Gefühle und schwämmt damit den Körper. Es stellt damit sicher, dass wir uns vor lebensbedrohlichen Dingen fernhalten und die Auslöser auf gar keinen Fall vergessen. Das funktioniert so gut, dass manche Eltern es als effektive Erziehungsmethode schätzen. Hat man einmal gelernt, sich für etwas zu schämen, taucht das Gefühl beim bloßen Gedanken daran wieder auf.

Der Nachteil liegt auf der Hand. Gehorsame Kinder, die durch Angst und Scham zu einem angepassten Verhalten gebracht wurden, haben keinen Selbstwert. Die Werte, nach denen sie leben, sind nicht ihre eigenen. Schließlich bedeutet Selbstwert, dass der Wert aus einem selbst kommt. Man könnte sagen, diese Kinder haben Fremdwert.

Marktforscher haben herausgefunden, dass es 7 positive Nachrichten zu einem Produkt braucht, bis ein Kunde nach einer Negativaussage seine Meinung wieder ändert. Daraus kann man ableiten, dass unser Gehirn negative Ereignisse um den Faktor 7 bevorzugt. Wer das überprüfen möchte, gehe zum nächsten Zeitungsstand und beobachte mal, welches Titelblatt seine Aufmerksamkeit als erstes auf sich zieht. Auch wenn man keine Bildleserin ist, wird es wahrscheinlich das Bild der IS-Kämpfer sein, die wütend die Gewehre schütteln, oder das Bild der ausgebrannten Wohnung mit weinenden Menschen im Vordergrund. Die hübsche Zimmerdeko von „Schöner Wohnen“ nimmt man in den ersten 5 Sekunden nicht wahr. Sollten die Marktforscher Recht haben, wird es 7-mal länger dauern, bis wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten. (Ich würde behaupten, es dauert länger.)

Was hat das für Folgen auf unser Selbstbild? Braucht man ein gutes Gedächtnis, damit man mit sich selbst zufrieden ist? Ist es nicht praktischer, vergesslich zu sein, um sich an all die Fauxpas und Fehler nicht zu erinnern? Nur, wenn einem das Vergessen des Negativen gelingt, dann gelingt das Vergessen des Positiven noch viel besser.

Hier eine kleine Übung: Versuch dich an etwas zu erinnern, was du gestern getan hast und das du gut findest. Es muss nichts Großes sein. Zum Beispiel so etwas wie: „Ich habe endlich die Küche geputzt, es sieht so schön aus.“ Es gibt zwei Bedingungen für diese Übung: a) du musst das, was du getan hast, positiv bewerten und b) du musst diese Wertung auch fühlen können (die gefühlte Freude ist der Beweis, dass du deine Werte erfüllt hast und nicht die deiner Mutter).

Wem das schwer fällt, dem empfehle ich, diese Übung jeden Morgen zu machen. Schreibe in ein Tagebuch fünf positive Taten des gestrigen Tages. Sollten es am Anfang nur 1 oder 2 sein, verliere nicht den Mut. Mache weiter und überprüfen einmal, ob du den Level von dem, was du als „gut“ bezeichnen würdest, hinunterschrauben kannst, sodass es fünf Stück werden. Wenn man will, dass es eine Wirkung auf das Gehirn hat, dann sind drei Monate ein guter Zeitraum, diesem eine neue Funktionsweise beizubringen. Weniger ist natürlich auch gut. Ich habe es ungefähr ein halbes Jahr lang gemacht. Nicht nur, dass es die Meinung von mir selbst verbessert hat, sondern auch, dass mein Gedächtnis allgemein, deutlich besser geworden ist. Zufrieden beendete ich die Übung, um nach zwei Wochen wieder anzufangen – ich vermisste die angenehmen Gefühle zu sehr.

Fazit: Wenn der Focus stimmt, dann ist ein gutes Gedächtnis dem Selbstwert sehr förderlich!


Hinterlasse einen Kommentar

Selbstwert mit und ohne Lottoschein

Ich habe mal gelesen, dass es bei der Entwicklung von Selbstwertgefühl keine Reihenfolge in dem Sinne gibt, dass man erst Selbstbewusstsein entwickelt und es dann nutzt. Genaugenommen entsteht Selbstwert in dem Moment, in dem man etwas tut. Das hat etwas Absurdes, ist aber so. Schauen wir uns ein Beispiel an. Wenn ich das 1. Mal vor einem großen Publikum spreche, dann kann ich alles Mögliche dazu vorbereiten, außer das „vor einem großen Publikum sprechen“. Das bleibt das Neue und ist auch nicht übbar. Doch genau da brauchen wir Selbstbewusstsein. Richtig sichtbar wird es dann erst hinterher: „Puh, das war aber aufregend! Aber es ist doch erstaunlich gut gelaufen!“ Man ist stolz, dass man es geschafft hat. Und als nächstes steigt das Selbstbewusstsein und damit die Bereitschaft, es das nächste Mal wieder zu versuchen. Ganz anders ist es, wenn man scheitert, dann ist das Weitermachen extrem schwer. Doch trotz eines Misserfolges weiterzumachen, auch das zeichnet Menschen mit einem guten Selbstbewusstsein aus. Statt ganz aufzugeben, verändern sie das, was sie verändern können. Zum Beispiel mehr üben, ein leichter erreichbares Ziel suchen, es einfach nochmal probieren etc. Mich selbst beruhigt das Prinzip: „Erst tun, dann Selbstbewusstsein!“ Jetzt muss ich nicht mehr warten, bis „es“ da ist. Ich kann einfach anfangen.

Doch die Sicherheitsfreaks unter uns werden jetzt vielleicht sagen: „Aber mein Selbstwert reicht einfach nicht aus, um es zu tun.“ Wenn wir sicher sein wollen, dass etwas genau so passiert, wie wir es wollen, dann ist mangelndes Selbstbewusstsein eine tolle Strategie. Das mangelnde Selbstwertgefühl sorgt dafür, dass nichts Unerwartetes eintritt. Man wird nie Vorträge vor 500 Leuten halte und folglich auch nie vor Aufregung kaum schlafen können und sich auch nie anhören müssen, dass man die Nervosität in der Stimme gehört habe oder nicht so professionell rüberkam. Jeder der Sicherheit groß schreibt, darf sich hier zur erfolgreichen Erfüllung seines Sicherheitsbedürfnisses beglückwünschen.

Die Menschen, die an die Kraft der Wünsche (z.B. ans Universum) glauben, werden sagen: „Wenn ich etwas wirklich will, dann wird es auch eintreten.“ Auffallender Weise sagen sie das lieber zu anderen und wollen anscheinend selbst noch nicht intensiv genug. Und falls sie doch den Mut gefunden haben, dann ist dieses Denken nur so lange ein Segen, wie alles gut läuft. Nach mehreren gescheiterten Versuchen wird diese Haltung zum Bumerang. Dann tauchen Fragen auf, wie: „Was stimmt denn mit meiner Haltung nicht? Will ich das wirklich erreichen oder wünsche ich mir nicht insgeheim den Misserfolg, der mir ja auch prompt geliefert wird?“ Das sind gute Fragen, um das bisschen Selbstwertgefühl, was man sich aufgebaut hat, wieder auszumerzen.

Es gibt etwas, was sicherheitsliebende Menschen zu viel und Universumsgäubige zu wenig beachten. Das ist die Außenwelt! Die einen überbewerten sie und wollen eindeutige Beweise, die es im Vorweg nie gibt. So ist zum Beispiel keine Geschäftsidee gut genug, um die Selbstständigkeit zu wagen. Die Universumsgläubigen hingegen ignorieren die Außenwelt lieber ganz. Alles was passiert, ist Ausdruck der inneren Haltung. Egal, wie viele Menschen zuvor mit der Idee gescheitert sind, es liegt an der inneren Haltung. Dinge wie „Angebot, Nachfrage und Markt“ gibt es nicht. Die Last und die Verantwortung, die man sich dabei aufbürdet, können einen in Burn-out und Verzweiflung treiben.

Ich bleibe bei meiner Meinung, man muss es tun, um rauszukriegen, ob es klappt. Und sollte es nicht klappen, geht es darum, dass man die Verantwortung für das übernimmt, worauf man Einfluss hat, und die Macht dessen anerkennt, auf das man keinen Einfluss hat.

Also, was hat jetzt das Selbstwertgefühl mit einem Lottoschein gemeinsam?

Moses und der Lottoschein

Moses betet jeden Abend zu Gott:

„Lieber Herr, bitte erfülle mir diesen einen Wunsch. Bitte lass mich einen 6er im Lotto gewinnen. Lieber Herr, das ist mein einziger Wunsch, bitte!“

Jeden Abend betet er so. Eines Abends reißt die Wolkendecke auf und der Herr tritt hervor. Wütend donnert seine Stimme vom Himmel:

„Moses, ich würde dir deinen Wunsch ja erfüllen, nur…

… kauf dir endlich einen Lottoschein!“

(Man beachte, dass Moses etwas tun und nicht seine innere Haltung ändern soll.)

So ist es mit dem Selbstwertgefühl. Man kann drum bitten, aber letztendlich muss man den Lottoschein kaufen und vor allem einlösen, um zu sehen, was man gewonnen hat.


Hinterlasse einen Kommentar

Was wir schätzen und warum?

Das Wertschätzen von Tugenden ist heute schon fast aus der Mode gekommen. Individualität dagegen wird ganz groß geschrieben. Individuell-sein heißt, sich aus der Masse der Menschen abheben. Daraus entsteht zwangsläufig eine Wettkampfsituation, da aus der Masse eben nur einer hervorstechen kann. Und der Gewinner bekommt zum Lohn Aufmerksamkeit, Ruhm und Anerkennung. Aber auch das „Einfügen in die Masse“ ist Grund für Wertschätzung, auch wenn dies nicht so offensichtlich ist. Im Tanz ist es zum Beispiel notwendig sich in die Gruppe und den Rhythmus einzufügen. Ein guter Tänzer gibt seine individuelle Art, sich zu bewegen, auf, um sich als Paar wie eins zu bewegen. Auch Teamwork ist nur erfolgreich, wenn sich Mitarbeiter in den Arbeitsabläufen und Zielen aufeinander abstimmen. Wir erleben ein gelungenes „sich einfügen“ als Harmonie. Nur Individuen ergeben eben keine Gemeinschaft. Für das Einfügen bekommt der einzelne selten Wertschätzung, obwohl wir es schätzen und uns beschweren, wenn es mal „nicht läuft“. Honoriert wird das Gesamtwerk oder die Gesamtleistung. Und das oft, ohne zu wissen, wer alles dazu beigetragen hat. So werden in einer Filmvorschau der Regisseur und die Hauptdarsteller erwähnt. Wer noch alles dazu beigetragen hat, sieht man erst im Nachspann. Bei Firmen und Familien hingegen wird es oft gar nicht erwähnt. Trotzdem erlebt der einzelne eine Aufwertung durch die Gruppe. Allein die Identifikation mit der Firma, der Familie oder dem Verein reicht, um stolz zu sein und Wertschätzung zu bekommen. Diese Aufwertung ist wechselseitig, schließlich kann die Gemeinschaft nur durch den Beitrag von vielen einzelnen existieren. Und dieser Beitrag ist nur nicht so offensichtlich, weil er eben aus dem „nicht auffallen“ besteht.

Wir schätzen also das harmonische, große Ganze oder den einzelnen, der sich abhebt. Spannend ist, dass es den meisten Menschen schwer fällt, Anerkennung für das „Sich einfügen“ entgegenzunehmen, obwohl das oft Können voraussetzt. Äußert man hingegen Wertschätzung für das Gesamte, dann glühen sie vor stolz. Wer nun glaubt, die individuelle Leistung sei doch der Königsweg, der irrt. Wir Menschen brauchen beides. Und für beides brauchen wir eine Bezugsgruppe, um uns selbst spüren und definieren zu können. Sowohl das Sich-abheben als auch das Sich-einfügen ist notwendig, um einen gesunden Selbstwert auszubilden. Dabei regulieren sich das Abheben oder Einfügen im Idealfall wechselseitig. Verlegt man sich auf einen Pol in der Annahme, dass das den Selbstwert steigert, vergrößert sich am anderen Ende die Unsicherheit. Versuche ich also meinen Selbstwert zu steigern, indem ich mich von allen Kollegen durch meine Leistung abhebe, dann werde ich feststellen, dass mir das Anerkennung bringt. In der Gruppenzugehörigkeit werde ich hingegen unsicherer. Wenn ich hingegen meinen Selbstwert steigern möchte, in dem ich Teil einer Glaubensgemeinschaft werde, dann gibt mir die Gemeinschaft Halt, aber ich werde große Unsicherheit erleben, wenn es darum geht, meine individuelle Meinung zu vertreten. Wer ganz oben ist, ist alleine. Wer ganz in der Gemeinschaft aufgeht, ist niemand.

Damit ist Selbstwert ein labiles Gleichgewicht, was immer wieder ausbalancieren werden muss. Und gesund ist nicht, wer starr an einer Seite festhält, sondern wer sich vom Gegenpol verunsichern und anziehen lässt und dem eine Neuausrichtung gelingt.

Und um mit diesen Zeiten der Unsicherheit klarzukommen, brauchen wir Menschen Liebe. Die Liebe ist an keine Leistung gekoppelt und meint den Menschen um seiner selbst willen. Dieses Prinzip lehrt uns auch der kleine Prinz im gleichnamigen Roman von SaintExupery, als er vor dem Feld mit lauter Rosen steht. Erst ist er entsetzt, weil sie seiner heiß geliebten Rose so ähneln, doch dann erkennt er: „Meine Rose ist ganz anders als ihr. Meine Rose ist einzigartig, weil ich sie gegossen und mich um sie gekümmert habe.“ Die Liebe hebt uns aus der Uniformität. Und das, ohne etwas anderes sein zu müssen, als man selbst. Auch Freunde sind nicht bessere oder schlechtere Menschen als andere, sie sind unsere Freunde, kraft unserer Liebe. Und so sind Liebe und Freundschaft der Mikrokosmos, indem wir für den anderen einzigartig sind und harmonisch miteinander schwingen.


Hinterlasse einen Kommentar

Fehler und die Selbstachtung

Für meinen Geschmack sind zu viele Menschen mit der folgenden Vorstellung aufgewachsen: Wer Fehler macht, verdient Strafe. Die Art der Strafe variiert und reicht von Missachtung und Anschreien bis zu Nachsitzen oder Kündigung. Dabei ist eines klar: die Wertschätzung ist dahin. Und was die Sache noch schlimmer macht, ist der Glaube, dass man an der Reaktion seiner Umwelt auch noch selbst schuld ist. Man braucht sich gar nicht zu beschweren, schließlich hätte man es besser wissen können und sich mehr anstrengen müssen.

Die negativen Konsequenzen von Fehlern sind uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir uns selbst bestrafen, wenn es kein anderer für uns tut. Und so beschimpfen wir uns selbst als Versager, Nichtsnutze und hoffnungsloser Fall. Und vor allem, wir schämen uns. Wer so denkt, hat als Kind eines gründlich gelernt: „Schäm dich! Du hast einen Fehler gemacht.“ Doch genau da liegt das Problem. Wenn wir uns schämen und Angst vor Strafe haben, ist es uns NICHT möglich, irgendetwas anderes zu lernen, als diese Situation in Zukunft zu vermeiden. Vermeidungsstrategien können sein: Die Schule schwänzen, lügen, nichts mehr sagen, die Diplomarbeit gar nicht erst anfangen. Neue Kompetenzen erwerben wir damit nicht. Und unser Selbstwertgefühl lässt sich damit auch nicht aufbauen.

Schade, weil Lernen, ohne Fehler zu machen, nicht möglich ist! Kein Kind lernt laufen, ohne hinzufallen. Kein Erwachsener lernt seinen Beruf, ohne Fehler zu machen. Und kein Senior lernt den Umgang mit dem PC, ohne dass alles plötzlich weg ist und er nicht weiß, warum. Auch soziale Beziehungen wollen gelernt sein. Eltern machen Fehler. Neue Freunde oder Kollegen machen Fehler. Und Eheleute machen Fehler. Doch ohne diese Fehler wüssten sie nicht, worauf es ankommt.

Um einen neuen Umgang mit Fehlern zu lernen, braucht es oft einen Heilungsprozess. Die Blockaden, die aus den gründlich gelernten Vermeidungsstrategien entstanden sind, sitzen tief. Erst wenn ich meine Scham und Angst ausdrücken kann, ist es mir möglich in Erwägung zu ziehen, dass Fehlermachen ungefährlich ist. Denn bei jedem Fehler, den ich unweigerlich irgendwann mache, stellt sich das Schamgefühl oder die Angst ein. Erst nach dem Ausdrücken der Gefühle kann man lernen, sich selbst Fehler zu verzeihen.

Heiße ich schließlich meine Fehler willkommen und feiere ich sie als die Gelegenheit, etwas Neues zu lernen, dann habe ich den entscheidenden Schritt gemacht. – Herzlichen Glückwunsch!

In diesem Sinne lasst uns unsere Fehler feiern:

„Yes!!! Ich habe einen Fehler gemacht! Jetzt kann ich mich weiterentwickeln!“


Ein Kommentar

Die Stellschrauben am Selbstvertrauen – Teil 4

(Können, Erfahrung, Erwartung und Vertrauen.)

Vertrauen hat etwas Warmes, Wertschätzendes. Ganz im Gegensatz zur Erwartung (siehe Teil 3) ist Vertrauen offen für das, was kommen mag. Während die Erwartung so tut, als gäbe es nur eine Möglichkeit gibt Vertrauen Raum für den individuellen Weg. Es bildet die Grundlage, mit sich und dem Leben in Frieden zu sein.

Doch was ist Vertrauen? Es ist der Glaube, dass etwas grundsätzlich „Positives“ eintreten wird, ohne die Sicherheit dafür zu haben (wobei „positiv“ sehr allgemein zu verstehen ist). Anderen Menschen vertrauen bedeutet, an ihre gute Absicht und ihr Potential zu glauben und dass sie mich als Mensch in ihre Überlegungen miteinbeziehen. Das Gleiche gilt für mich selbst. Im Selbstvertrauen glaube ich an meine guten Absichten und mein Potential. Das heißt, ich glaube daran, dass ich etwas (erfolgreich) tun kann. Doch auch in der negativen Erfahrung wie Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Tod kann ich Vertrauen haben. Ich kann darauf vertrauen, dass die Erfahrung für etwas gut ist. Der Grund muss sich mir nicht erschließen. Vertrauen ist der Glaube, dass meine Fehler für etwas gut sind, dass meine Erfahrungen für etwas gut sind und dass ich für etwas gut bin. Es heißt nicht zu wissen wofür, sondern nur, dass… Wenn man die Wertung, die in „gut“ steckt, beiseitelassen möchte, dann könnte man sagen: Vertrauen heißt „ja“ zum Leben sagen, so wie es ist.

Und nachdem ich so oft das Wort „Glauben“ verwendet habe, wird mir klarer, warum Vertrauen den Menschen leichter fällt, die einem religiösen Glauben anhängen oder in der Esoterik zu Hause sind. Wenn da eine höhere Instanz ist, von der man glauben kann, dass zumindest sie weiß, wozu etwas gut ist, dann fällt Vertrauen leichter. Doch es gäbe keine Glaubenskrisen, wenn das immer so einfach wäre.

Rationalen Menschen scheint der Glaube, dass alles schon seinen Sinn hat, oft naiv. Wenn mein Vertrauen gerade wieder einen Wachstumsschub hatte, dann beschleicht mich manchmal die Angst, dass mit steigendem Vertrauen meine Motivation schwindet, das Leben zu verändern. Was ist, wenn ich glaube, dass ich in Ordnung bin, wie ich bin? Höre ich dann auf mich weiterentwickeln zu wollen? Was, wenn ich glaube, dass ich schon meinen Weg gehen werde? Höre ich dann auf mich zu bemühen? Habe ich dann noch Ziele? Mit sich selbst unzufrieden zu sein, ist ein riesen Antriebsmotor. Er hält uns auf Trab. Kann es sein, dass es in unserer Gesellschaft eine sehr große Angst gibt „zur Ruhe zu kommen“? Wer unglaublich viel will, tut oder ständig an sich selbst arbeitet, der muss wichtig sein. Das ist auch eine Frage des Dazugehörens. Und wer zur Ruhe kommt, ist irgendwie – draußen. Er ist nicht mehr im Hamsterrad – wie alle anderen. Er sitzt vor seinem Hamsterrad und schaut den anderen erstaunt bei ihrem Run (auf was?) zu. Der Kampf mit den Widrigkeiten des Lebens ist hierzulande sehr geschätzt. Doch zufrieden macht er nicht. Schließlich legen wir die Messlatte mit jedem Entwicklungsschritt höher.

Das ist ein typisches Zeichen von Perfektionismus. Perfektionismus ist der Versuch alles bis ins letzte Detail kontrollieren zu wollen. Das ist das Gegenteil von Vertrauen. Vertrauen weiß, dass man nicht alles kontrollieren kann, und lässt es. Brené Brown schreibt in ihrem Buch „Verletzlichkeit macht stark“, dass wir den Perfektionismus nicht mit dem Wunsch, Gutes leisten zu wollen, verwechseln dürfen. Der Perfektionismus ist nach außen orientiert. Was denken die anderen? Was wollen die von mir? Bin ich gut genug? Wenn ich so denke, bin ich nicht im Vertrauen an mich und meinen Wert. Der Wunsch, Gutes leisten zu wollen, ist etwas anderes. Er ist von innen motiviert. Seine Sache so gut wie möglich machen zu wollen, ist an sich befriedigend. Tatsächlich finde ich die Unterscheidung, ob ich intrinsisch oder extrinsisch motiviert bin, nicht immer einfach. Am besten kann ich ihn fühlen. Fühle ich mich getrieben, dann jage ich einem Wunsch im Außen nach. Fällt es mir hingegen leicht, eine Aufgabe konzentriert zu erledigen, dann bin ich von innen motiviert.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass mich Vertrauen unabhängiger von der Meinung anderer Menschen macht. Und die Angst, dass die Motivation sich verändert, ist berechtigt. Zwar habe ich noch Ziele. Doch die Ziele haben sich verändert. Den größten Stellenwert nimmt jetzt mein Wunsch ein, in Frieden mit mir und meinen Werten zu leben. Das wirkt sich auf andere Ziele aus. Den Komfort von einem regelmäßigen Einkommen sehe ich noch immer, aber ich will ihn nicht mehr um jeden Preis. Ich wünsche mir immer noch Anerkennung für meine Workshops in Form von Teilnehmerzahlen und Honorar, aber nicht mehr um jeden Preis. Und ich verfolge noch berufliche und private Ziele, aber eilig habe ich es nicht mehr.

Es ist ruhig geworden.

Das heißt nicht, dass die persönlichen Krisen verschwunden sind. Sie erfassen mich schnell und heftig, wie eine Welle, die über mir zusammenschlägt, und dann werde ich genauso schnell wieder ausgespukt – wie Jonas aus dem Wal. Dann schüttele ich mich, schau mich um und denke: „Was war das?“

Das Leben ist spannend!

Im Vertrauen, dass es so richtig ist, wünsche ich dir in deinem Lebensstrom viel Spaß in den Stromschnellen.